Die letzten Stunden des Comte de Saint-Exupéry

Antoine de Saint-Exupéry: Runter kommen sie immer
() Antoine de Saint-Exupéry: Runter kommen sie immer
Im Jahr 2000 wurde vor der Küste Marseilles in 80 Meter Tiefe das Wrack des seit dem 31.Juli 1944 verschwundenen Schriftstellers und Piloten Antoine de Saint-Exupéry von Luc Vanrell gefunden und im Jahr 2003 zweifelsfrei identifiziert. In dem Trümmerfeld fand sich auch ein Flugzeugmotor, der nicht zu der Maschine des französischen Nationalhelden gehörte. Der deutsche Unterwasserarchäologe Lino von Gartzen untersuchte im Jahr 2005 gemeinsam mit Vanrell und französischen Kollegen die Absturzstelle und den Flugzeugmotor. Im Rahmen der Recherchen kontaktierte er zahlreiche damals in Südfrankreich stationierte Piloten und stieß so auf den ehemaligen Jagdflieger Horst Rippert. Bereits beim ersten Telefonat äußerte dieser seine Vermutung, am 31.Juli 1944 das Flugzeug seines Fliegeridols Saint-Exupéry abgeschossen zu haben. Alle gefundenen Indizien bestätigen die Richtigkeit der Angaben Ripperts, und so setzt sich das Bild der letzten Stunden Antoine de Saint-Exupérys wie ein Puzzle zusammen: Um 8:45 Uhr startet er vom korsischen Flughafen Bastia-Borgo zu einem Aufklärungsflug nach Grenoble. Sein Flugzeug, eine P-38 Lightning, ist den deutschen Messerschmitt 109-Maschinen in der geplanten Flughöhe von 10000 Metern himmelhoch überlegen. Der Flug soll ihn über die Gegend von Saint-Tropez führen, wo er einen Teil seiner Kindheit auf dem Familienschloss La Môle verbracht hatte. Der Pilot und Schriftsteller hat mit 44 Jahren das zugelassene Höchstalter für Piloten um fast 15 Jahre überschritten, er leidet unter Leber-, Nieren-, Rücken- und Schulterbeschwerden, es sind vor allem die Spätfolgen zahlreicher Abstürze. Seine Vorgesetzten haben beschlossen, dass dies sein letzter Einsatz sein wird. Einen Tag später soll er über die bevorstehende Offensive der Alliierten in Südfrankreich informiert werden, und als Geheimnisträger wird es ihm verboten sein, Feindesland zu überfliegen. 10 Uhr. Die Maschine Saint-Exupérys wird von der deutschen Radarstation Falter in der Nähe seines Zielgebiets Grenoble geortet. Die deutschen Jagdflieger werden alarmiert, danach verlieren die Radarstationen den Kontakt. Er hat seine Flughöhe von 10000 Metern verlassen. Luftbeobachter verfolgen seine Spur bis in den Raum östlich von Toulon. 10:30 Uhr. Horst Rippert startet mit seinem Jagdflugzeug, um eine gemeldete feindliche Maschine im Raum Toulon-Marseille nach Möglichkeit abzufangen. 11 Uhr. Rippert überfliegt Toulon in Richtung Marseille. Als er unter sich eine P-38 Lightning sichtet, die ungewöhnliche Kurven fliegt, folgt er ihr – und ist verwundert, dass der Pilot der P-38 keinerlei ernsthafte Ausweichmanöver unternimmt. Es gelingt Rippert schließlich, das Aufklärungsflugzeug durch Schüsse auf die Tragflächen abzuschießen. Die Maschine stürzt senkrecht ins Meer, Horst Rippert meldet den Abschuss über Funk. Der Pilot stieg nicht aus, bemerkte Rippert später. Da Antoine de Saint-Exupéry seine Arme nach einem Unfall nicht mehr über die Höhe seiner Schulter heben konnte, war ihm das Öffnen des Cockpits und somit ein Absprung mit dem Fallschirm unmöglich. Um 14:30 Uhr werden die Kameraden am Flughafen in Borgo unruhig – der Treibstoffvorrat Saint-Exupérys müsste spätestens jetzt aufgebraucht sein, und bald kommt man zu dem Schluss, dass es keine Hoffnung mehr auf eine Rückkehr gibt. Ein abgefangener deutscher Funkspruch legt den Verdacht auf einen Abschuss nahe. Um Mitternacht erhält der deutsche Offizier Hermann Korth die Nachricht über den Abschuss eines Aufklärers und hält sie in seinem Tagebuch fest. Einen endgültigen Beweis dafür, dass Horst Rippert Antoine de Saint-Exupéry abgeschossen hat, wird es möglicherweise niemals geben. Im Popper’schen Sinne besteht Wissenschaft jedoch nicht aus dem Suchen nach Beweisen, sondern nach Falsifikationen. Und es spricht nichts gegen die Behauptung des ehemaligen Jagdfliegers. Claas Triebel, Jahrgang 1974, ist Autor und Publizist. Er arbeitet als Psychologe an der Universität der Bundeswehr und hat mehrere psychologische Fachbücher veröffentlicht. 2008 erscheint sein erster Roman „Der Übergang“. Lino von Gartzen, Jahrgang 1973, arbeitet als Fachmann für Patent- und Dokumentenrecherche. Als Unterwasserarchäologe war er seit 2005 an der Erforschung der Fundstelle von Saint-Exupérys Wrack beteiligt und hat 2006 den deutschen Piloten identifiziert, der Saint-Exupéry 1944 abgeschossen hat Die Dokumentation „Der Prinz, der Pilot und Antoine de Saint-Exupéry“ der beiden Autoren erscheint im Oktober 2008 im Herbig Verlag (Foto: Picture Alliance)

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns über jeden Kommentar und wünschen uns eine konstruktive Debatte. Beleidigende, unsachliche oder obszöne Beiträge werden deshalb gelöscht. Auch anonyme Kommentare werden bei uns nicht veröffentlicht. Wir bitten deshalb um Angabe des vollen Namens. Darüber hinaus behalten wir uns eine Auswahl der Kommentare auf unserer Seite vor. Um die Freischaltung kümmert sich die kleine Onlineredaktion von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Am Wochenende werden Forumsbeiträge nur eingeschränkt veröffentlicht. Nach zwei Tagen wird die Debatte geschlossen. Wir danken für Ihr Verständnis.