Die letzten 24 Stunden von Jutta Kleinschmidt - Auf den Mond ins Mondmobil zur allerletzten Rallye

Die Rallye-Raid-Fahrerin und studierte Physikerin Jutta Kleinschmidt über ihre idealen letzten Lebensstunden mit einer letzten Rallye auf dem Mond, einem atemberaubenden Blick auf die Erde und agnostischen Grübeleien

Erschienen in Ausgabe
„Meinen letzten Tag möchte ich auf dem Mond verbringen, um die Erde einmal von weit draußen als Kugel zu betrachten“ / Oliver Dietze

Autoreninfo

Björn Eenboom ist Filmkritiker, Journalist und Autor und lebt im Rhein-Main-Gebiet.

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Die Ziellinie meines Lebens ist in Sicht. Das erschreckt mich nicht. Ich habe im Motorsport schon einige lebensgefährliche Situationen durchlebt. Ich würde mich mit der Situation schnell abfinden und versuchen, meine letzten 24 Stunden zu genießen. In mir war schon immer diese große Abenteuerlust. Dieser unbändige Wille, im Wettkampf neue Herausforderungen zu suchen und zu gewinnen. Dazu gehört natürlich auch zu verlieren. Das hat mich stets motiviert, das Beste aus mir herauszuholen. Ich habe in meinem Leben ziemlich viel erreicht und viele außergewöhnliche Orte auf diesem Planeten gesehen. Das hilft mir dabei, loslassen zu können und nach vorne zu blicken.

Meinen letzten Tag möchte ich am liebsten auf dem Mond verbringen, um die Erde einmal von weit draußen als Kugel zu betrachten. Technisch kostet dieses Unterfangen bestimmt ein Vermögen, aber theoretisch wäre es möglich. Der Blick zu den Sternen hatte mich anfangs motiviert, Physik zu studieren. Meine Diplomarbeit wollte ich an einem Institut für Raumfahrttechnik schreiben, doch die Forschungsabteilung bei BMW und der Motorsport waren schneller. Nach meinen Erfolgen im Rallyesport habe ich mich als Astronautin beworben, doch leider hatte ich die Altersgrenze überschritten.

Letzte Rallye in der Wüste

Der Mond wäre ein wunderbarer Ort, um mein letztes Abenteuer zu bestreiten: mit dem Mondmobil durch die staubige Landschaft unseres Erdtrabanten zu düsen. Natürlich würde ich dafür sorgen, den Lunar Rover mit einem besseren Fahrwerk und dem neuesten Elektroantrieb auszustatten, um ordentlich Gas geben zu können. Aufgrund der geringeren Anziehungskraft müssten bei entsprechenden Geschwindigkeiten extrem weite Sprünge möglich sein. Das wäre ein unglaubliches Erlebnis. Da ich die Wüste mag, genieße ich die karge Landschaft sehr. Meine letzte Rallye.

Erzählen, dass mein Tod naht, würde ich keinem. Der Ansturm wäre zu groß, und Verabschiedungszeremonien bringen nichts. Stattdessen sende ich per Video eine kurze Grußbotschaft an meine engsten Freunde und Familie, dass es mir gut geht und sie nicht traurig sein sollen.

In die Weiten des Alls geschossen

Ich bin zwar im katholischen Glauben aufgewachsen, doch zu sehr Naturwissenschaftlerin, um an die kindlichen Vorstellungen der Kirche vom Paradies mit Adam und Eva zu glauben. Ich bin Agnostikerin. Unsere Erde haben wir wissenschaftlich recht gut erschlossen, aber wenn wir hinaus ins Weltall zu fernen Galaxien blicken, begreifen wir noch relativ wenig. Ich kann mir vorstellen, dass es irgendwas gibt, das wir überhaupt noch nicht begreifen, was andere vielleicht als Gott bezeichnen.

Nun brechen meine letzten Stunden an. Ich steige zurück in meine Raumsonde und lasse mich mit Blick auf meinen Heimatplaneten in die unendlichen Weiten des Alls schießen. Auch wenn ich keine Angst vor dem Tod habe, steigt die Nervosität. Ich habe keine Vorstellung davon, ob mich nach dem Tod etwas erwartet. Aber an dem Punkt zu sein, es gleich zu erfahren oder einfach zu verpuffen, ist unglaublich spannend. Die letzten Sekunden ticken. Ich genieße die Stille, diesen atemberaubenden Blick und bin ganz bei mir.

Jutta Kleinschmidt: Die 1962 in Köln geborene Physikerin wurde mit ihrem Sieg der Rallye Dakar 2001 zur erfolgreichsten Frau im Marathon-Rallyesport. Sie ist Botschafterin der ADAC Rallye Deutschland, die Mitte August
im Saarland stattfinden wird

Dieser Text stammt aus der August-Ausgabe des Cicero, die Sie am Kiosk oder in unserem Onlineshop erhalten.












 

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