Mandy Fredrich - Die Königin des Salzburger Opernsommers

Für wenige war der Weg auf die Bühne steiniger als für Mandy Fredrich. Geboren in der DDR, began ihre Musikkarriere in der Kapelle einer Rehaklinik in Belzig. An der Berliner Musikhochschule musste sie sich gleich drei Mal bewerben, bevor Robert Gambill ihr Professor wurde, ihr in die Auge sah und wusste: „Du gehörst auf die Bühne...“

Mandy Friedrich, Amadeus Mozart, Zauberflöte, Opernsommer
(Götz Schleser) Mandy Fredrich glaubt an Yoga und Selbstsuggestion

Naturliebende wissen, wo der Fläming liegt, dieser verschlafen-schöne Landschaftszug in der Mark Brandenburg. Mozartliebende aus aller Welt werden es auch bald wissen wollen. Denn von dort stammt Mandy Fredrich. Und die singt Ende Juli bei den Salzburger Festspielen jene Partie, die als die größte Herausforderung der Opernliteratur gilt: die Königin der Nacht in Mozarts „Zauberflöte“.

„Da heißt es alles oder nichts“, sagt die Sopranistin. Wenn sie die dreigestrichenen Fs nicht trifft, kann sie das Übrige himmlisch singen, und keiner wird sich daran erinnern. Diese kaum singbaren Spitzentöne machen aus der Partie einen Hochleistungssport, reine Nervensache.

Mandy Fredrich glaubt an Yoga und Selbstsuggestion. Sie sagt nicht: Ich will das schaffen. Sie sagt: „Ich werde in der Felsenreitschule stehen und losfliegen.“ So wie sie sich jahrelang sagte: „Ich muss mein Geld nicht mit Singen verdienen, aber ich werde es.“ Diese Zuversicht hat sie bereits über viele Abgründe hinweggetragen.

Als ihre Eltern in der damaligen DDR ihrer ältesten Tochter 1974 den Vornamen Mandy gaben, hatte Barry Manilow seinen gleichnamigen Welthit schon millionenmal verkauft. „I sent you away“, bedauert darin ein Liebhaber und erkennt zu spät: „But I need you today.“ Mandys Vater hatte das Lied im Programm.

Der gelernte Agraringenieur war so gut wie jedes Wochenende mit seiner Band unterwegs, spielte Tanzmusik auf Hochzeiten und Schützenfesten. Mit 16 stieg seine Tochter, die Klavier und Orgel gelernt hatte, ein: als Keyboarderin, umzingelt von älteren Männern. „Von Oper wusste ich gar nichts“, sagt sie. „Und vom Singen auch nicht.“

Das änderte sich, als an der städtischen Musikschule von Belzig eine Gesangspädagogin eingestellt wurde. In der Kapelle einer Rehaklinik in Belzig gab Mandy ihren ersten Auftritt als Solistin. Nicht mit Mozart, sondern mit Lloyd Webbers Song „Memory“ aus dem Musical „Cats“. „Ich bin schier gestorben vor Angst. Danach wusste ich aber, Singen ist meins.“

Doch während Mandy, wie auch heute noch, im Garten ihrer Eltern Unkraut jätete oder den neuesten Rosenstock einpflanzte, lag die Hoffnung, jemals auf einer Opernbühne zu stehen, in weiter Ferne. So weit entfernt wie die Raumsonde Voyager, bestückt mit einer goldenen Platte, die anderen Planetensystemen mitteilen soll, welche Klänge die Menschheit geschaffen hat. Dort findet sich neben aserbaidschanischen Sackpfeifern und einem Blues von Louis Armstrong die zweite Arie der Königin der Nacht.

Seite 2: Die Hoffnung rückte näher, als Mandy bei „Jugend musiziert“ gewann...

Die Hoffnung rückte näher, als Mandy beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ 2002 zuerst regional in Potsdam, dann in Frankfurt an der Oder und schließlich beim Bundesausscheid in Nürnberg gewann. In der Frankfurter Jury saß Jutta Schlegel, Professorin an der Berliner Musikhochschule.

Die fragte: „Wollen Sie nicht Sängerin werden?“ Mandy hatte vor, zuerst einmal die Ausbildung als Mediengestalterin zu beenden. Ihr Ziel: „Mit Musik zu tun haben, aber auch Chancen auf einen Job.“ Während sie bei der Deutschen Welle ihr Geld verdiente, bereitete sie sich auf die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule vor.

Erster Versuch: Berlin, Frühjahr 2003. Urteil der Kommission: Sie sind etwas zu alt und ihr Italienisch ist zu schlecht. Zweiter Versuch: Berlin, Sommer 2003. Urteil der Kommission: Sie sind viel zu alt, Sie werden es nicht mehr schaffen.

Doch in Gesangspädagogik schaffte sie die Prüfung. Und noch viel mehr. Sie packte ihre Kurse so zusammen, dass sie in der Nachtschicht arbeiten konnte. „Ich bin durch mein Leben gerannt.“ Was sie verdiente, gab sie fürs Singen aus. Für Meisterkurse.

„Die habe ich gebraucht.“ Musikalisch wie seelisch, denn die Hochschule erprobte an ihr die hohe Schule der Entmutigung. Ohne Erfolg. Mandy meldete sich ein drittes Mal an zur Aufnahmeprüfung für Gesang. Und bestand, trotz einer Halsentzündung. Es hieß jedoch: Sie werden bestenfalls Soubrette.

Dann kam Robert Gambill als Professor an die Hochschule. „Der sagte: Du gehörst auf die Bühne, ich seh’s an deinen Augen.“ 2008 hat Gambill „die Königin aus dem Schrank geholt“, erinnert sie sich. „Ich wusste gar nicht, dass ich so hohe Töne hatte.“ Ihr gefeiertes Königinnen-Debüt gab sie in Hof.

Mal nachts, mal tags schuftete sie neben dem Engagement weiter, sang im selben Jahr an der Detmolder Oper vor und wurde aufgenommen. Ihr Geld steckte sie weiterhin in sündhaft teure Meisterklassen. „Renata Scotto hat alles gelobt, was ich angeblich nicht konnte und hatte. Mein Piano und mein Timbre für Belcanto.“ Doch sie musste weiterrennen, auch auf Gesangswettbewerbe. „Nur der erste Preis zählt“, erklärte ihr die legendäre italienische Sopranistin.

In der Semperoper in Dresden holte Mandy Fredrich sich 2010 einen besonders begehrten Preis in der „Competizione dell’Opera“. Mit Mozart und Belcanto. Spätestens seit diesem Zeitpunkt dürften viele gesagt haben „I sent you away. But I need you today.“ Mandy lacht darüber.

„Ich habe mich nie beklagt. Ich habe immer an meine Großmutter gedacht. Wenn ich mit vier Freunden statt alleine bei ihr eingefallen bin, hat sie eben für fünf Gäste gekocht. Zur Not für einen Rotkohl, für einen Weißkohl und für einen Grünkohl.“ Alles geht, zeigte die Großmutter. Die Enkelin auch. „Du darfst dir nur die Lebensfreude nicht abwürgen lassen.“

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