Feuchtgebiete-Darstellerin - „Die heutige Hygiene ist übertrieben“

Carla Juri sieht das Streben nach Perfektion und Jugendwahn kritisch. Die Hauptdarstellerin im Film „Feuchtgebiete“, der am Donnerstag in die Kinos kommt, spricht über die Hygiene zu Großmutters Zeiten und ihre eigenen Ängste

Hauptdarstellerin Carla Juri
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Oettingen, Antonia

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Eine Suite im Regent-Hotel in Berlin: Carla Juri spricht mit Cicero Online über ihre Rolle in „Feuchtgebiete“. Richtig, das ist die Verfilmung von Charlotte Roches Bestseller, in dem mit diversen Körperflüssigkeiten, Sex und Hämorrhoiden kokettiert wird. Aber Vorsicht mit Vorurteilen, denn hinter der ganzen Provokation verbirgt sich eine mit viel Feingefühl erzählte Geschichte über Einsamkeit, Vertrauen, gesellschaftliche Tabus und den Tod

 

Frau Juri, Ihre Filmfigur, Helen, ist sexuell ja sehr aufgeschlossen. Wie würden Sie generell unsere Gesellschaft diesbezüglich einstufen? Sind wir zu verklemmt?
Bei Helen ist die Hemmung nicht so ausgeprägt, weil sie nichts zu verlieren hat. Und sie braucht diese Provokation, um Menschen zu testen, weil sie nie gelernt hat zu vertrauen. Ob sie wirklich so offen ist, weiß ich gar nicht. Das ist ja ihre Public Persona. Ich glaube, sie hat auch Zwänge. Es ist, wie Charlotte Roche sagt: Wir sind alle von der Gesellschaft und deren Vorstellung von ‚richtig‘ und ‚falsch‘ beeinflusst. Als Kind sind wir noch unvoreingenommen und frei: Wir spielen im Sandkasten, riechen an allem, fassen alles an und haben keine Vorurteile. Bis ein Mensch kommt und sagt ‚das darfst du nicht‘ und dann fangen die ersten Schamgefühle an. Man spielt plötzlich nach fremden Regeln.

Können wir als Gesellschaft etwas über den Umgang mit Körper und Sexualität von Helen lernen?
Ja. Vielleicht, dass die heutzutage herrschende Hygiene übertrieben ist. Man muss nur zurückdenken an meine Großmutter. Man hat einmal in der Woche gebadet und nicht jeden Tag geduscht. Das Bad hat man sich mit zwei, wenn nicht drei anderen Geschwistern geteilt. Ich habe das Gefühl, dass der Überfluss an Seife und Wasser, den wir heutzutage haben, ein Phänomen der Luxusgesellschaft ist. Ich glaube auch, dass wir mehr gehemmt sind durch diesen Jugendwahn. Es wäre sicher einfacher, wenn die Perfektion, nach der wir streben, nicht aus der Werbung stammen würde.

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Haben Sie das Buch von Charlotte Roche vorher gelesen?
Ich kannte es nicht. In der Zeit, in der es herauskam, war ich nicht in Europa und habe deswegen erst später davon erfahren. Vor dem ersten Casting habe ich auch absichtlich den Medienhype um das Buch ignoriert, weil ich fand, dass es ein bisschen eindimensional besprochen wurde. Ich habe das Buch zunächst nicht gelesen. Ich habe nur die Szenen bekommen, weil ich mich auf den Stoff konzentrieren wollte und darauf, das Menschliche darin zu sehen.

Steckt hinter der ganzen Provokation, die der Film transportiert, vielleicht auch ein ganz menschliches Drama?
Ja. Helen wird quasi von ihren Eltern verstoßen. Es wird mit ihr wie mit einem Bakterium umgegangen. Deswegen identifiziert sie sich auch mit den Bakterien und dem Ekligen, weil sie sich darin wiedererkennt. Sie hat nie gelernt zu vertrauen. Deswegen konfrontiert sie ihr Gegenüber auch mit den krassesten Dingen, um zu überprüfen: ‚Kann ich dieser Person wirklich vertrauen, übersteht sie meinen Test?‘ Der Zwang, ständig zu provozieren, ist dann die logische Folge. Niemand sagt ihr, dass sie etwas wert ist – sie fühlt sich wertlos. Deswegen finde ich ihre Rebellion gar nicht so kalkuliert, sondern eine Rebellion aus existenzieller Not heraus.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?
Ich bin zwei Wochen als ‚Helen‘ in eine Abiturklasse gegangen. Weder Lehrer noch Schüler wussten, dass ich eine Schauspielerin bin. Nur der Rektor wusste davon. Ich hab ein bisschen rumexperimentiert an meiner Figur. Der Maskenbildner, die Kostümfrau und ich haben ausgetestet, was mir die 18-Jährigen abkaufen und was nicht, was wirkt verkleidet.

Wie versucht man, sich einem komplexen Charakter wie dem der Helen zu nähern?
Ich glaube, Helens Ängste schlummern in jedem von uns. Das sind universelle Ängste. Einsamkeit ist für jeden von uns ein Thema. Vor allen Dingen in einer Gesellschaft, in der man lieber vor einem Computer sitzt als mit einem Nachbarn zu sprechen. Wir alle überspielen unsere Einsamkeit und Helen ist darin ein Profi.

Sie mussten für den Film wahrscheinlich auch Hemmungen abbauen, oder?
Das hat gar nicht so viel mit mir zu tun. Natürlich habe ich auch Hemmungen, aber nicht in meinem Beruf, denn da geht es ja nicht um mich. Wenn ich Hemmungen hätte, Helen zu spielen, hätte ich Helen nicht verstanden. Unter diesen Umständen hätte ich es nicht gewagt, bei diesem Projekt zuzusagen, denn ich muss eine Bedeutung finden, in der Nacktheit und in dem, was sie tut. Und ich habe sie für mich gefunden. Das nur plakativ zu spielen, wäre uninteressant. Nacktheit muss eine Bedeutung haben. Hat sie keinen Sinn, ist sie unberechtigt und unspielbar. Die Nacktheit hat hier eine emotionale Dimension, sie entspricht dem seelischen Zustand Helens. Wenn man eine Figur versteht, ist sie größer als man selber. Und deswegen kann man einer Figur eine Stimme, ein Gesicht und einen Körper geben, weil es nichts mehr mit einem selbst zu tun hat.

 

Wie wurden Sie auf den Hype vorbereitet, der jetzt kommt?
Darauf kann man sich nicht vorbereiten. Das ist so als würden Sie sich auf den ersten Kuss vorbereiten. Das geht nicht.

Fühlen Sie sich komplett wohl dabei oder haben Sie das Gefühl, sich schützen zu müssen?
Ich bin sicher nicht Schauspielerin geworden, damit ich Interviews geben kann (lacht). Ich bin Schauspielerin geworden, weil mich Film interessiert und weil ich das für eine Verbindung von ganz vielen Kunstarten halte und weil mich der Mensch und seine Geschichten interessieren.

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Suchen sie Sie deshalb auch eher schwierige Rollen aus?
Ich finde Komödien auch schwierig. Es ist auch eine Art, mit Schmerzen umzugehen. Man kann darüber lachen, aber als es passierte, war es auch schmerzhaft. Aber mich reizt weniger, die hübsche Frau an der Seite des Helden zu spielen. Frauen sind zu sehr auf Schönheit und Jugend reduziert. Ich freue mich auch, mit achtzig noch zu spielen.

Wie haben Sie sich mit Charlotte Roche verstanden?
Sehr gut. Wir haben uns nach den Dreharbeiten getroffen, als der Film schon abgedreht war. Ihr hat der Film gefallen. Das war für mich wichtig, denn ich glaube, das Buch ist für sie wichtig.

Ist daraus eine Freundschaft entstanden?
Das könnte man so sagen, ja.

 

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