Wer bestimmt, was wir lesen? - Die Buchkaufhaus-Chefin

Am Anfang war die Notlösung. Als Peter Dussmann den Hauptsitz seiner Firma nach Berlin verlegte, wollte er in den unteren Stockwerken seines repräsentativen Neubaus an der Friedrichstraße ein Einkaufs­zentrum eröffnen. Mit Putzkolonnen, Wachdiensten, Cater­ing-Teams und Altenheimen gehört Dussmann zu Deutschlands erfolgreichsten Unternehmern, aber diesmal hatte er sich verrechnet. Wie so viele Geschäftsräume in Berlin-Mitte ließen sich auch jene in seinem Gebäude nicht vermieten.

(Foto: romanix / Dussmann. Montage: Hanno Depner) Die Buchkaufhaus-Chefin

Am Anfang war die Notlösung. Als Peter Dussmann den Hauptsitz seiner Firma nach Berlin verlegte, wollte er in den unteren Stockwerken seines repräsentativen Neubaus an der Friedrichstraße ein Einkaufs­zentrum eröffnen. Mit Putzkolonnen, Wachdiensten, Cater­ing-Teams und Altenheimen gehört Dussmann zu Deutschlands erfolgreichsten Unternehmern, aber diesmal hatte er sich verrechnet. Wie so viele Geschäftsräume in Berlin-Mitte ließen sich auch jene in seinem Gebäude nicht vermieten.

1997 füllte er die leeren 2500 Quadratmeter einfach mit Büchern, CDs und Videos: Dussmann – das KulturKaufhaus war gegründet. Und um es der Konkurrenz besonders schwer zu machen, umging Dussmann das Ladenschlussgesetz und hielt an sechs Tagen die Woche von zehn Uhr morgens bis zehn Uhr abends geöffnet. Im ersten Jahr wurden allein mit Büchern 15 Millionen Mark umgesetzt, zwei Jahre später waren es bereits mehr als 21 Millionen.

Als Martina Tittel im Sommer 2000 die Leitung des KulturKaufhauses übernahm, trat sie mit dem Ziel an, in Berlin solle es bald niemanden mehr geben, der Dussmann nicht kennt. Das klingt wie aus einem Ratgeber für corporate identity. Doch im Gespräch wirkt die 42-Jährige eher zurückhaltend. Sie hat eine kaufmännische Lehre absolviert und Germanistik studiert. Dann arbeitete sie im Buchhandel und später bei der HYPO Service-Bank und für Mannesmann Mobilfunk. Marktschreierei liegt ihr fern.

Den Erfolg des KulturKaufhauses erklärt sie vor allem mit der Breite des Sortiments: «Ein Klassik-CD-Kunde ist ein potenzieller Buchkunde. Von daher haben wir ein hohes Potenzial an Synergieeffekten. Hinzu kommen natürlich die Öffnungszeiten.» Mit Sitzecken, eigenem Café und ausleihbaren Lesebrillen versteht sich Dussmann als Service-Oase für Feierabendkäufer. Doch was nützt das alles, wenn man – genau wie in vergleichbaren Filialen der Marktführer Hugendubel und Thalia – von ahnungslosen Hilfskräften bedient wird? Wird durch die Verdrängung kleiner Buchhandlungen die Branche nicht tatsächlich an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen: weil es an professioneller Kundenberatung fehlt, ohne die eigensinnige Bücher ihre Leser nicht finden können?

Martina Tittel glaubt nicht an den viel beschworenen Gegensatz zwischen kleinen Buchhändlern und großen Discountern: «Die Beratung wird hier wie in jeder kleinen Buchhandlung gesucht. Sie ist nicht das Problem. Die wirkliche Schwierigkeit besteht in der Gratwanderung zwischen Kompetenz und Wirtschaftlichkeit. Und da­rin, dass die Verlage zu viele Bücher produzieren.» Eröffnet nicht gerade diese Vielfalt Buchhandlungen die Chance, sich individuell zu profilieren? «Sicher, aber wenn die Buchpreisbindung fällt, sehe ich für die kleinen Buchhandlungen schwarz. Natürlich verschlankt sich durch die Buchhandelsketten, um es nett auszudrücken, das Sortiment schon sehr. Aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Bestimmte Bereiche kommen gar nicht mehr vor.»

Also doch gnadenloses Mainstreaming. Und so findet man in den Stockwerken unter Martina Tittels Büro nicht einmal all jene Titel, die in den Buchbeilagen der Tageszeitungen besprochen werden. Historische Romane, Thriller und Selbsterfahrungsliteratur gibt es hingegen stapelweise. Wer bestimmt das Sortiment? Wie wird ein Buch bei Dussmann zum Erfolg? «Einen Bestseller kann man nicht machen. Schon gar nicht als Buchhändler. Wir können nur entscheiden, was wir weglassen. Im Namen KulturKaufhaus steckt natürlich beides: Kultur und Kaufhaus, und wir fahren gerne auf beiden Schienen, aber die eine Schiene ernährt die andere. In der Regel gehen bei uns die üblichen großen Namen am besten. Oder Bücher mit bestimmten Themen. Wir können nur versuchen, den Nerv unserer Kunden möglichst gut zu treffen.»

Und welche schwierigen Bücher würde sie persönlich am liebsten zu Bestsellern machen? «Die Grundlagen, die Klassiker. Doch wenn das Interesse an ihnen nicht von der Schule angestoßen wird, haben Sie als Buchhändler schlechte Karten. Und als Eltern auch. Das kann ich ja sagen: Ich kann meinen Sohn auch nicht zum Lesen bekommen.»

Info

Martina Tittel leitete «Dussmann - das KulturKaufhaus» in Berlin, als Jan Bürger sie 2002 für «Literaturen» besuchte. Seit 2007 ist sie selbständig. Mit ihrer Consulting-Agentur berät sie Kunden vor allem im Bereich Handels- und Kulturmarketing.

Welche Texte schaffen es in die Druckereien und bis vor die Augen eines Lesepublikums? Welche sollen es schaffen? Und wer entscheidet darüber? Die Frage nach der Qualität verbindet sich mit der nach dem Buchmarkt, der uns die Neuerscheinungen vor Augen bringt - oder eben nicht.

In der Serie «Wie Bücher Bücher werden» präsentiert kultiversum ausgewählte Artikel aus «Literaturen». In Porträts werden Buchmarkt-Akteure vorgestellt. Sie geben Auskunft über Strategien, Kriterien und Funktionsweisen, die  den Literaturbetrieb steuern, sowie über Bestseller und den Kanon...

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