Viola Roggenkamp - Deutsche Jüdin ohne Heimat

Ein Portrait der deutsch-jüdischen Schriftstellerin Viola Roggenkamp, die über 25 Jahre für die Zeit schrieb und zum Gründungsteam der Emma gehörte. Obwohl sie vor über 60 Jahren in Hamburg geboren wurde, ist sie nach langen Reisen immer wieder über die deutschen Verhältnisse schockiert.

(picture alliance) In Hamburg geboren, aber ohne Heimat: Viola Roggenkamp

Die Herbstsonne taucht die Hamburger Alster in ein weiches Postkartenlicht, als Viola Roggenkamp mit raschen Schritten das Café betritt. Sie scheint fast ein bisschen erstaunt, eingetroffen zu sein. Denn obwohl sie vor über 60 Jahren in Hamburg geboren wurde und schon in vielen verschiedenen Vierteln gewohnt hat, findet sie sich manchmal gar nicht zurecht. „Plötzlich kenne ich keine einzige Straße mehr!“ Dieses Gefühl abrupter Fremdheit führt mitten in den Kern der Existenz der Schriftstellerin. Die Existenz als Tochter einer deutsch-jüdischen Familie, deren Umgebung in der Nachkriegszeit äußerst feindselig war.

Im aufblühenden Wirtschaftswunder störten die Überlebenden der Schoah eher; man wollte vergessen und nicht erinnern. Nachbarn hatten ihren deutschen Vater und ihre jüdische Mutter Ende der dreißiger Jahre angezeigt – wegen „Rassenschande“. „Zu Hause fühle ich mich in Hamburg nicht. Aber es ist ein Rückzugsort“, meint Roggenkamp, die 2004 mit ihrem autobiografisch inspirierten Roman „Familienleben“ einen großen Erfolg feierte. Dass sie zuvor viel im Ausland arbeitete, während des Wiedervereinigungstaumels für ein Jahr nach Israel ging und bis heute häufig umzieht, mag auch eine Reaktion auf die Entwurzelung der Eltern sein.

Dabei ist ihr Tonfall unverkennbar hamburgisch. Sie erzählt von ihren Anfängen als Reporterin, und manchmal steigt ein tiefes Lachen in ihr auf. Man spürt ihre Denklust, ihre Bereitschaft, sich auf Unbekanntes einzulassen, und kann sich sofort vorstellen, warum sie Ende der siebziger Jahre kurzerhand nach Indien reiste, unter einfachsten Bedingungen auf dem Land lebte und Geschichten über das schrieb, was sie umgab. Sie blieb sieben, acht Monate, kehrte zurück, brach zu neuen Reisen auf, oft nach Asien. „Die Ankunft in Deutschland war jedes Mal ein Schock“, sagt sie. „Diese wenigen Menschen. Die Supermärkte mit ihrem Überangebot kamen mir wie Suchbilder vor.“

Über 25 Jahre arbeitete Viola Roggenkamp für die Zeit. Sie gehörte auch zum Gründungsteam der Emma. Die Eroberung der Sprache als Ausdrucksmittel war ein Emanzipationsprozess. „Meine Familie hatte mir eigentlich den Beruf einer Innenarchitektin zugedacht“, erinnert sie sich, und wieder lacht sie glucksend. „Ich war gut in Mathematik und litt unter einer Rechtschreibschwäche.“ Das Unvermögen, Wörter in Schrift zu übersetzen, überwand das Kind durch das Lesen der „Buddenbrooks“. Die Eltern verboten ihr 1959, sich die Verfilmung von ­Alfred Weidenmann im Kino anzuschauen. Umso begieriger las die Elfjährige den Roman – unter der Bettdecke mit einer Taschenlampe. Dass es eine Ausgabe in Frakturschrift war und sie sich die Buchstaben regelrecht einverleiben musste, schien zu der verblüffenden Heilung beizutragen. Es sei die enge Bindung an die Mutter gewesen, eine veritable jüdische Mamme, die ein selbstständiges Sprechen so schwer machte, meint Roggenkamp. „Im Beschützerinstinkt der Mamme lagert sich das jahrhundertealte Wissen um Pogrome ab“, erklärt sie. „Gleichzeitig gibt es die Pflicht, etwas aus seinem Leben zu machen.“

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Viola Roggenkamp spricht vom „Nachhall“ der Elternschicksale, der in jedem von uns fortwirkt und viele Entscheidungen untergründig prägt. Es ist eine Chiffre für die atmosphärische Allgegenwart erlittener Schmerzen, die auch ihren neuen Roman „Tochter und Vater“ durchzieht. Dessen namenlose Heldin ist 40 Jahre alt, als der Vater Paul stirbt. Getrieben von dem Wunsch, auf seiner Beerdigung eine Rede zu halten, beginnt sie mit einer Recherche. Sie spürt einen Impuls, die Umgebung endlich mit ihren Versäumnissen zu konfrontieren – schließlich hätte jeder Juden retten können. Dieses Knäuel von Schuldgefühlen und Ängsten entwirrt die Protagonistin in Krakau, wo der Vater bei einer Import-Export-Firma arbeitete und der Verbindungsmann zu den NS-Behörden war. Dort fälschte er nicht nur sämtliche Papiere, sondern stieg auch mit abgezweigten Wertmarken, die eingezogene Besitztümer der Deportierten bezifferten, in den Schleichhandel ein. „Diese Marken sind eine Art Beleg für den bürokratischen Wahnsinn des Vernichtungsapparats“, meint Roggenkamp. Paul konnte seine Frau und Schwiegermutter ernähren – und unterstützte gleichzeitig den polnischen Widerstand. „Er trickste die Nazis aus … aber im Grunde war es das Eigentum der Lagerinsassen“, sagt die Schriftstellerin.

Paul ist Viola Roggenkamps Vater. „Indirekt hat er profitiert, und das muss furchtbare Scham bei ihm und meiner Mutter ausgelöst haben. Er kannte die KZs.“ Inmitten des Unrechts war es unmöglich, recht zu handeln und schuldlos zu bleiben. Diese Erkenntnis mussten ihre Eltern ein Leben lang aushalten. Und etwas davon ragt bis in das Leben der Nachgeborenen hinein. Aber vielleicht hat genau dies Roggenkamp zur Schriftstellerin werden lassen. Schließlich sind die diffusen Räume jenseits der Klarheiten das ureigene Gebiet der Literatur. Vor einem halben Jahr ist die Schriftstellerin wieder einmal umgezogen. Ohne die Ortswechsel wäre es sicher schwieriger, die Ohren zu spitzen und den Nachhall wahrzunehmen. Am Ende findet Frau Roggenkamp immer ihren Weg.

Gerd Weghorn | Fr, 23. September 2016 - 11:13

Sie referieren die Meinung von Frau Roggenkamp, "Es sei die enge Bindung an die Mutter gewesen, eine veritable jüdische Mamme, die ein selbstständiges Sprechen so schwer machte, meint Roggenkamp.

Interessant ist ja die Tatsache, dass Frau Roggenkamp ihre Biographie in der Lebensgeschichte von "Erika Mann - eine jüdische Tochter" (Buchtitel) spiegelt /reflektiert, die "ihre jüdische Herkunft mütterlicherseits konsequent verleugnet" habe, was man von Frau Roggenkamp allerdings nicht sagen kann.

Und interessant finde ich - um auf die Mamme zurückzukommen - die von Roggenkamp geteilte Ansicht vom "überraschenden Spannungs- beziehungsweise Verwandtschaftsverhältnis zwischen Judesein und Homosexualität" (H. Detering)

Ich habe in meinem dialogbuch.de im 12. Gespräch den Fokus konzentriert auf den potentiellen Zusammenhang von nationalsozialistischer Frauen- und Judenverachtung, die etwas zu tun haben könnte mit der Homosexualität der SS-Ordensritter - und deren familiärer Ursache?!

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