Teilnehmer des „Falling Walls Science Summit“
Teilnehmer des „Falling Walls Science Summit“ / Falling Walls

60 Jahre deutsch-israelische Wissenschaftszusammenarbeit - „Deutschland ist unser erster Ansprechpartner“

Zahlreiche israelische Wissenschaftler nahmen in diesem Jahr am „Falling Walls Science Summit“ in Berlin teil. Darunter auch Menachem Ben-Sasson. Im Interview spricht er über seine Eindrücke und über deutsch-israelische Forschungsprojekte in Zeiten internationaler Boykotte.

Ingo Way

Autoreninfo

Ingo Way ist Chef vom Dienst bei Cicero Online.

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Menachem Ben-Sasson ist israelischer Historiker und Politiker. Von 2006 bis 2009 war er Knesset-Abgeordneter für die Partei Kadima. Von 1997 bis 2001 war er Rektor und von 2009 bis 2017 Präsident der Hebräischen Universität Jerusalem. Heute ist er deren Kanzler. 

Herr Ben-Sasson, Sie haben vor einigen Tagen am „Falling Walls Science Summit“ teilgenommen, einer Zusammenkunft von internationalen Wissenschaftlern, die jährlich in Berlin vom 6. bis zum 9. November stattfindet ...

Ja, ich war Teil einer Delegation von etwa 50 Israelis. Ich kenne „Falling Walls“ seit seinen Anfängen. Es war dieses Jahr die größte israelische Beteiligung, die wir je dort hatten.

Ich war positiv überrascht, dass in der aktuellen politischen Lage so viele israelische Sprecher eingeladen waren. War das umstritten? Gab es Versuche, Israelis auszuladen?

Nein, gar nicht. Vielleicht haben die zahlreichen akademischen Boykotte sogar dazu geführt, dass man erst recht israelische Wissenschaftler eingeladen hat. Und für uns war das eine gute Gelegenheit, internationale Kollegen zu treffen. Die Veranstaltung war insgesamt sehr produktiv.

Die Organisatoren haben Sie eingeladen, und es gab keine Boykottversuche oder Ähnliches?

Ganz im Gegenteil. Unsere israelische Delegation wurde sehr herzlich empfangen, und die Veranstalter betonten ausdrücklich, wie willkommen wir sind. Auch Bundeskanzler Merz hat das in seiner Eröffnungsrede ausdrücklich betont, ebenso wie Bundesforschungsministerin Dorothee Bär.

Gab es denn unter den Teilnehmern irgendwelche feindseligen Untertöne?

Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil – selbst bei den Themen, in denen Israel eine Rolle spielte, war der Ton sehr konstruktiv. In den Pausen kamen viele Teilnehmer aus aller Welt auf mich zu, um Kontakte zu knüpfen und mehr über unsere Arbeit zu erfahren. Die Atmosphäre war durchweg positiv. Mehrere der israelischen Teilnehmer trugen Kippa; daran hat sich niemand gestört.

An welchen Veranstaltungen haben Sie persönlich teilgenommen?

An zweien habe ich aktiv als Redner teilgenommen, andere habe ich besucht. In der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gab es zum Beispiel einen ganztägigen Workshop zum Thema Künstliche Intelligenz. Der war offen für die breite Öffentlichkeit, und deutsche und israelische Wissenschaftler haben dort miteinander diskutiert – vor allem junge Leute, Doktoranden. Es waren ungefähr 300 Teilnehmer, es gab im Leibniz-Saal keine freien Plätze mehr. Auch im Publikum saßen überwiegend junge Leute.

In einigen Sessions wurden wir auch gefragt, ob wir uns abgeschnitten fühlen, ob wir Problemen begegnen. Auf einer der beiden Podiumsdiskussionen, an denen ich teilgenommen habe, ging es um die internationale Mobilität von Studenten und Wissenschaftlern. Die andere drehte sich um 60 Jahre deutsch-israelischer Wissenschaftszusammenarbeit. Und der Konsens war: Diese Zusammenarbeit ist ein Vorbild dafür, wie internationale Wissenschaftskooperation aussehen sollte. Ich habe viel gelernt – und neue Freunde gewonnen.

Noch einmal zum Thema Künstliche Intelligenz: Gibt es in diesem Bereich bedeutende Kooperationen zwischen Deutschland und Israel?

Menachem Ben-Sasson / 
American Friends of the Hebrew University

Im Bereich der Industrie weiß ich es nicht im Detail, aber ich vermute, dass es da zahlreiche gibt. Wenn man sich die Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Israel ansieht, dann sind sie in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren enorm gewachsen. Israel importiert viele Produkte aus Deutschland, aber der Export nach Deutschland besteht weniger aus physischen Produkten als aus Know-how – Software, Patente, technologische Entwicklungen, auch im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Deutsche Firmen wie SAP oder Telekom bauen Forschungs- und Entwicklungsstandorte in Israel. Und israelische Unternehmen bauen Anlagen in Deutschland.

Und dieses Know-how beruht natürlich auf universitärer Forschung. Die Fraunhofer-Gesellschaft, die größte Organisation in Europa, die Forschungsergebnisse für die Industrie nutzbar macht, betreibt an der Hebräischen Universität zwei Projektzentren – eines für Cybersicherheit und eines für Medikamentenentwicklung. Bei uns an der Hebräischen Universität wird Wissen in den Bereichen Chemie und Pharmazie entwickelt, das dann in Kooperation mit deutschen Unternehmen, wie zum Beispiel Merck, weiterverarbeitet und vermarktet wird. 

Ein weiteres bekanntes Beispiel ist Mobileye: autonome Fahrtechnologien, entwickelt an der Hebräischen Universität, und deutsche Firmen haben in diese Technologie investiert. Wir haben in Israel keine Autoindustrie, aber wir haben Firmen und zahlreiche Patente für autonomes Fahren, Navigationssysteme usw. Vieles von dem wird von deutschen Automobilfirmen vermarktet. Produkte von Mobileye wurden von deutschen Firmen aufgekauft und werden in deren Fahrzeugen verbaut.

Die Faustregel ist also: Das Know-how kommt aus Israel, und die technische Umsetzung und Vermarktung erfolgt in Deutschland?

Genau. Das war über Jahre hinweg die Grundlage unserer Beziehungen. Wir haben uns immer auf die deutschen und europäischen Märkte gestützt.

Gibt es auch Kooperationen in den Geisteswissenschaften?

Ja, sehr viele. Persönlich bin ich am Einstein-Zentrum Chronoi beteiligt. Dabei geht es um die Wahrnehmung von Zeit im Altertum, wie sie sich in Schriftquellen darstellt. Ich beschäftige mich in diesem Rahmen mit Apokalypse-Vorstellungen des Früh- und Hochmittelalters. Andere Kollegen befassen sich mit Zeitvorstellungen im alten Ägypten oder in Sumer. Etwa ein Drittel der an Chronoi beteiligten Wissenschaftler stammt aus Israel.

Ein anderes Beispiel: Die deutsche Bundesregierung hat gemeinsam mit der Hebräischen Universität die Martin-Buber-Gesellschaft gegründet, die seit 2010 jährlich zehn Postdoktoranden in Jerusalem fördert. Und gerade in diesen Tagen wurde das erste Max-Planck-Zentrum für Demokratie und Gesellschaft in Israel gegründet, das gemeinsam von der Hebräischen Universität und der Universität Freiburg betrieben wird. Dort arbeiten auch palästinensische Doktoranden und Postdocs. Es gibt hunderte solcher Kooperationen – entweder zwischen individuellen Wissenschaftlern oder zwischen Institutionen. Solche Partnerschaften bestehen schon seit Jahrzehnten – teils sogar noch vor der offiziellen Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Sie haben diesen sozusagen den Weg bereitet.

Welche Institutionen waren denn vor 60 Jahren federführend bei der Aufnahme der wissenschaftlichen Beziehungen?

Die Volkswagen-Stiftung war von Anfang an beteiligt. Auch das Land Niedersachsen war stark involviert. Heute sind zusätzlich die Hertie-Stiftung, die Einstein-Stiftung Berlin und die Helmholtz-Gemeinschaft beteiligt. Wir haben enge Kooperationen in Mathematik, Informatik und weiteren Fachbereichen.

Haben sich diese Beziehungen in den letzten zwei Jahren – seit dem Gaza-Krieg – verändert?

Eigentlich nicht, im Gegenteil. Ich bin derzeit in Deutschland und fühle mich hier sehr willkommen. Deutschland ist nach wie vor unser erster Ansprechpartner, wenn es um wissenschaftliche Zusammenarbeit geht. Deutsche Studenten und Doktoranden kommen weiterhin nach Israel – und wenn hier ein Krieg ausbricht, sind sie die letzten, die das Land verlassen; sie sind die mutigsten. Wir haben das Gefühl, dass wir uns auf Deutschland verlassen können, wenn es darum geht, unser Verhältnis zu anderen Orten zu reparieren, die es für nötig hielten, uns zu boykottieren. Der wissenschaftliche Austausch läuft weiter. Natürlich gibt es einzelne Stimmen oder Petitionen, die gegen Kooperationen mit Israel sind, aber keine deutsche Hochschule oder Behörde hat die Zusammenarbeit beendet. Die Institutionen hier stehen fest zu den gemeinsamen Projekten.

Ist Deutschland da eine Ausnahme in Europa? Wie sieht es in anderen Ländern aus – Frankreich, Spanien, den Niederlanden?

Ja, in anderen Ländern ist die Situation schwieriger. In Spanien oder Irland etwa gibt es ein Klima der Distanzierung. Manche Universitäten meiden Kooperationen mit israelischen Einrichtungen, einige laden israelische Wissenschaftler zwar ein, verlangen aber, dass ihre institutionelle Zugehörigkeit nicht genannt wird. Etwa 50 europäische Universitäten verhalten sich so – das schadet beiden Seiten.

Hat das auch wirtschaftliche Folgen für Israel?

Noch nicht direkt für die Wirtschaft, eher für die Universitäten und was die Arbeitsmöglichkeiten für unsere Wissenschaftler betrifft. Israelische Hochschulen nehmen regelmäßig an EU-Förderprogrammen wie „Horizon“ teil – und wir gewinnen normalerweise rund 40 Prozent der Stipendien. Dennoch wird inzwischen manchmal eher nach politischen als nach wissenschaftlichen Kriterien entschieden, was bedauerlich ist. Denn wir sind ja nicht auf einmal schlechtere Wissenschaftler geworden.

Aber die deutsch-israelische Kooperation bleibt stabil?

Ja, sie beruht auf großem gegenseitigen Vertrauen und Verständnis – und ich bin zuversichtlich, dass sie weiter gedeiht.

Das Gespräch führte Ingo Way.

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Ernst-Günther Konrad | Mo., 17. November 2025 - 16:13

Schön zu lesen, dass wenigstens bei dieser Veranstaltung politische Befindlichkeiten und Instrumentalisierungen draußen blieb. So muss es auch sei. Wissenschaftstreffen haben der Wissenschaft, dem persönlichen Austausch, der Diskussion, der Bekanntgabe von Neuheit und neuen Ansätzen zu dienen. Und das wünsche ich mir für alle diese Treffen, egal ob und wie viel Israelis dabei sind. Egal, wo diese Wissenschaftler herkommen. Respektvoller Umgang und Achtung vor dem Anderen ist das Gebot der Stunde.