Suhrkamp vor Gericht - Des Wahnsinns fette Beute

Der Suhkamp-Verlag steht vor Gericht - und vielleicht vor seinem Ende. Ein bizarres Spiel zwischen dem Branchenriesen und einem kleinen Nebenbuhler

Suhrkamp
(picture alliance) Was geht in diesem Verlag wohl sonst noch vor sich?

Nur die allerwenigsten Menschen kaufen ihre Bücher nach dem Verlagsnamen: Piper, Rowohlt, Kiepenheuer & Witsch, Suhrkamp? Egal. Was zählt, ist der Name des Autors, der Titel des Buchs, dessen Geschichte, soweit sie sich aus dem Klappentext entnehmen lässt.

Die meisten Leute dürften es also für eine wieder mal hochdrehende Feuilleton-Hysterie halten, wenn die Zeitungen jetzt den Untergang des Abendlandes heraufziehen sehen: Das Landgericht Berlin hat entschieden, dass die Geschäftsführerin des Suhrkamp Verlags, Ulla Berkéwicz, wegen Unregelmäßigkeiten in der Geschäftsführung ihres Amtes enthoben werden muss. Was im Einzelnen Gegenstand des Verfahrens war, können wir Außenstehenden nicht wissen.

Klar ist nur, dass dies Urteil die Existenz des Verlages in seiner bisherigen Form, die sich auf drei Geschäftsführer mit unterschiedlichen Zuständigkeiten stützt, bedroht. Natürlich wird Suhrkamp Berufung einlegen, zwei Instanzen lang kann das Verfahren noch dauern. Besser wird die Lage aber auch dadurch nicht, dass neben diesem noch ein zweites Verfahren anhängig ist, über das im Februar 2013 entschieden wird. Hier wird darüber verhandelt, ob nicht vielleicht der gesamte Suhrkamp Verlag aufgelöst werden muss. Kein Suhrkamp Verlag mehr in der deutschen Verlagslandschaft? Das scheint schlichtweg unvorstellbar.

Verursacher beider Prozesse ist Hans Barlach, Enkel des Bildhauers, Schriftstellers und Malers aus Güstrow, und worum es ihm eigentlich geht, ist mit bloßem Auge nicht zu erkennen: Der Mann hat eine Mission – aber welche? Das Haus Suhrkamp zu vernichten? Und sich selbst, der sich als Verleger bislang nur mit zwei boulevardesken Hamburger Blättchen hervorgetan hat, womöglich als aus der Asche aufsteigenden Phönix zu inszenieren? Und dann?

Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode, die juristische nämlich. Hier soll nicht mehr gesprochen werden, hier wird geurteilt. Zwar lässt sich an Barlachs Einfällen dazu, wer den Suhrkamp Verlag denn nach dem Abgang der jetzigen Führungsmannschaft womöglich leiten könnte, klar ablesen, dass hier Jungsträume explodieren (die sich naturgemäß um reale Verhältnisse und Bedingungen nicht scheren). Marcel Hartges von Piper, Joachim Fest, Chef des Rowohlt Verlags, oder Helge Malchow von Kiepenheuer & Witsch nennt Hans Barlach als mögliche Nachfolge-Kandidaten für Ulla Berkéwicz und zeigt damit, dass er von der realen Verlagslandschaft wirklich keine Ahnung hat.

Alle drei Genannten sind Kapitäne großer Verlags-Tanker, und alle drei Tanker gehören Konzern-Verlagen. Sich von der Brücke eines finanziell trotz aller Turbulenzen auf dem Buchmarkt einigermaßen gesicherten Großschiffs an Bord einer (wenn auch im Moment gerade besonders munter tuckernden) Barkasse zu begeben, das setzte schon einige heitere Verrücktheit seitens der Herren voraus. Zuvor aber war Hans Barlach auch schon mit dem Vorschlag hervorgetreten, man könne den Verlag doch ganz zusperren und nur noch von der Backlist leben – ein Fall kompletter Ahnungslosigkeit, wie gesagt. Was also will der Mann? Ganz dickes Geld verdienen? Und das mit einem, wenngleich schmucken, mittelgroßen Schiff?

Nächste Seite: Zweifelhafte Vermietungen und ein vielseitiges Programm

Tragischerweise aber sieht es auf der anderen, der Suhrkamp’schen Seite auch nicht so ganz wirklichkeitsangepasst aus. Oder wie konnte es zu einer juristisch zwar möglichen, in der Sache trotzdem vertrackten Verkoppelung zwischen Besitz- und Vermietungsverhältnissen in Bezug auf die Villa der Verlagsleiterin kommen: Ulla Berkéwicz' Familie gehört das Anwesen, das sie selbst bewohnt, der Verlag aber zahlt per Mietvertrag einen nicht unerheblichen Teil der monatlichen Kosten? Und dies in einer Situation, da die Verlegerin unter besonderer Beobachtung der Öffentlichkeit steht – nach dem etwas gewaltsamen Berlin-Umzug von Suhrkamp (bei dem etliche Mitarbeiter auf der Strecke blieben), nach den quälend langwierigen, teils öffentlich ausgetragenen Auseinandersetzungen zwischen Berkéwicz und Joachim Unseld, dem Sohn des großen Verlagsmagiers Siegfried Unseld, nach dem Verlust auch einiger namhafter Autoren?

Trickserei sieht nirgends gut aus, ganz besonders schlecht aber wirkt sie, wenn der Tricksende selbst angekränkelt ist. Was, fragt man sich da natürlich sofort, geht auf der Geschäftsführer-Ebene in diesem Verlag wohl sonst noch vor sich, wenn Winkeladvokatenzüge schon ein so banales Terrain wie die Vermietung einer Villa betreffen?

Die Sache ist verfahren und ganz besonders dramatisch deshalb, weil der Suhrkamp Verlag in diesem Jahr ohne Zweifel das beste: das jüngste, vielseitigste und intelligenteste Programm aller deutschen Verlage hatte.

Handke, Enzensberger, Habermas, Goetz, sie alle sind mit neuen Büchern nach wie vor gedankensprühend dabei. Aber da gibt es jetzt eben auch einen Clemens Setz, einen Stephan Thome, einen John Jeremiah Sullivan, einen David Van Reybrouck, einen Teju Cole – die Liste würde zu lang, würde man die herausragenden jungen Suhrkamp-Autoren allein dieses Jahres hier alle aufführen wollen. Im Berliner Haus Suhrkamp wird also eine große Verlagsgeschichte auf hohem literarischen und intellektuellen Niveau weitererzählt, und das geht uns als Leser dann schon etwas an: Wir möchten, dass diese Erzählung weitergeht – mit der erfolgreichen Mannschaft, die daran arbeitet.

Einigt euch also, und zwar pronto! Denn eins ist klar: Je länger der Prozess-Krieg läuft, desto schlimmer für den Verlag. Eine außergerichtliche Einigung mit einem Schlichter muss her, den beide Seiten respektieren. Dominique Strauss-Kahn und das New Yorker Zimmermädchen haben es schließlich auch geschafft.

 

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