Deutsche & Polen - Der politische Herr Klose

Deutsche und Polen verbindet eine lange und schwierige Geschichte, noch heute herrscht teilweise Skepsis zwischen den Völkern. Da kommt die Fußball-EM  in Polen als Ort der Begegnung gerade recht und ein Fußballspieler als Symbol deutsch-polnischer Völkerverständigung

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(picture alliance) Auf Augenhöhe?

Ist Miroslav Klose nun ein deutscher Pole oder ein polnischer Deutscher? Der Nationalstürmer – der inzwischen für Lazio Rom kickt – hat auf diese Frage soeben erwidert: Er wisse, die Debatte werde wieder aufflammen, egal ob er bei der Europameisterschaft Tore schießt oder nicht.

Geboren ist er im polnischen Oppeln, 1978, seine Kindheit verbrachte er in Deutschland, aber, fügte er in einem Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ hinzu, er fahre immer sehr gerne nach Polen zurück, da lebe ein Teil seiner Familie, er spreche die Sprache und es sei immer wieder schön, in Polen zu sein. Polen habe „gewaltig aufgeholt“, gemessen an der Zeit, als er mit seiner Familie in den 80er Jahren nach Deutschland kam. Vor allem aber: Bemerkenswert liebevoll warb er für das Land seiner Herkunft, und versuchte zugleich, Klischees aus der Welt zu schaffen. So beispielsweise jenes, dass sein Vater sich einen „Schlesier und Europäer“ genannt habe. Was ja wohl heißen sollte: Zur Herkunft aus Polen wollte er sich nicht bekennen.

Irgendwann sei das über den Vater und ihn so geschrieben worden und von Nachrichtenagenturen verbreitet, bis Geschichten daraus wurden, die „absolut nicht stimmen“. Sogar die polnische Hymne ist ihm vertraut, wie man erfuhr, und auch, dass sich der Familienname, entgegen einem Ondit, tatsächlich nie mit „z“ schrieb – nie „Kloze“, immer Klose. Ihn habe es getroffen, dass er beim Testspiel im vergangenen Herbst in Danzig – anders als Lukas Podolski – ausgepfiffen wurde, weil die Zuschauer der Ansicht waren, er fühle sich nur noch als Deutscher und wolle mit Polen nichts zu tun haben.
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Nein, dies ist keine Sportkolumne. Und ich schreibe sie auch nicht aus Danzig, wo die deutsche Nationalmannschaft seit Montag ihr Quartier bezogen hat. Es ist eine Kolumne über unser Verhältnis zum Nachbarn – und ein Plädoyer, die Gelegenheit dieser Meisterschaft in den Nachbarländern Polen und Ukraine zu nutzen, um diese ewige Asymmetrie doch endlich hinter uns zu lassen.

Es geht mir, kurz gesagt, um den „politischen Herrn Klose“. Warum haben die Danziger beim Test im vergangenen Herbst Klose denn ausgepfiffen? Weil sie argwöhnten, selbst einer, der im eigenen Land geboren ist, verleugne die Herkunft und zeige Polen die kalte Schulter. Die Empfindsamkeiten der Polen sind kein Zufall. Ganz so, wie der große Polen-Kenner und – Verehrer, der Journalist Peter Bender, das einmal geschrieben hat: Die Polen schauten in den Westen, das heißt nach Deutschland, aber die Deutschen ihrerseits auch, also nach Frankreich, und so sähen die Polen von den Deutschen halt nur den Rücken . . .

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Oberflächlich betrachtet, hat sich daran eine Menge verbessert. Aber was, wenn man die Sache unter die Lupe nimmt? Erst vor ein paar Tagen beispielsweise hat Angela Merkel die Laudatio für den polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk gehalten, dem in Berlin der Walther-Rathenau-Preis verliehen wurde.

Das Ignorieren beginnt schon damit, dass kaum eines der deutschen Medien das Ereignis überhaupt registriert – hätte die Kanzlerin hingegen in Warschau einen, sagen wir mal, Bronislaw-Geremek-Preis erhalten, hätten mit Sicherheit die Schlagzeilen in den Gazetten darüber alles andere dominiert. Frau Merkel hielt dann eine der Reden, wie sie es halt so liebt – sie duzte freundlich Tusk und rühmte ihn wegen seiner Aktivitäten bei der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc, sie bekannte ihre Bewunderung für den Mut der damaligen Opposition, der ein „Weckruf für Europa“ war, und sie bekundete Tusk Respekt, weil der Name des deutschen Außenministers Rathenau (1922 ermordet) in Polen nicht so sehr mit Ausgleich und Diplomatie, sondern vor allem mit dem Vertrag von Rapallo verbunden werde.

Damals, 1922, kurz nach der polnischen Unabhängigkeit, schlossen die alten Teilungsmächte - Deutschland und Russland – einen Vertrag, von dem in Warschau gefürchtet wurde, er ziele erneut auf eine Aufteilung Polens. Korrekt erwähnte die Kanzlerin das, aber mit jener folgenlosen Herzlichkeit, mit der vieles abgewickelt wird im politischen Alltag.

Historisch doch eher eine Analphabetin, nutzte sie weder die Gelegenheit, um über deutsche Irrtümer in der Politik gegenüber Moskau nachzudenken, vom „Sonderweg“ Rapallo angefangen, noch vielleicht auch zu klären, wann und weshalb (Beispiel: Ostpolitik) die Politik doch notgedrungen den „Schlüssel in Moskau“ vermutete und scheinbar über die Köpfe der Polen hinweg verhandelte. Auch zur heiklen Gratwanderung hat sie nichts verraten, wie sie mit Präsident Putin derzeit umzugehen gedenkt, den der Westen einerseits – Stichwort Syrien – dringend auf seiner Seite braucht, mit dem er sich andererseits wegen des neuen Raketenabwehrsystems auch kühl überwirft.

Schon gar nicht ging sie ein auf jene bemerkenswert kühne These des polnischen Außenministers Sikorski, die Polen hätten derzeit mehr Sorge vor einer deutschen Unwilligkeit, Führung zu übernehmen, als vor einer solchen leadership-Rolle Berlins, nur dürfe man das nicht als Ruf nach deutscher Dominanz missverstehen; Berlin müsse vielmehr wie in einem guten Unternehmen Gesamtverantwortung übernehmen, solle eine Katastrophe in der EU verhindert werden.

Grundvertrauen in die deutsche Politik, aber doch auch eine selbstbewusste Vorstellung, wohin die Reise in Europa gehen solle und wie man sich dabei eine wirklich europäische Rolle der deutschen Politik wünscht – von diesem Duktus also war auch Tusks Rede bei der Preisverleihung getragen. Geradezu beispielhaft exerzierte der polnische Gast vor, wie man die wechselseitige deutsch-polnische Geschichte eben auch betrachten und nutzen kann: Von Walther Rathenau, der das Bündnis mit Frankreich suchte, aber Polen nicht „dachte“ oder sich als unabhängigen Staat nicht vorstellen mochte, bis zu einer ganz anderen Vision vom Nachkriegseuropa und der EU-Krise heute. Dieser historische Bogen machte deutlich, weshalb wir, so Tusk, „nicht Geiseln der Geschichte sind“. Und das war eben keine Floskel.

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Viel Selbstbewusstsein strahlte der polnische Premier aus, aber ohne Überheblichkeit: Er begründete – ohne es ausdrücklich sagen zu müssen – weshalb Polen sich seit Rapallo jenen Platz in Europa erobert hat, der es rechtfertigt, dass es als Land in der EU auf Augenhöhe betrachtet werde, auch wenn es nicht zum Euro-Klub in Europa gehört.

Für Polen sei die Frage, ob es die erste Geige in der zweiten Liga in der Europäischen Union spielen oder einen Platz in der ersten Liga beanspruchen wolle, hat der Warschauer Journalist und Deutschland-Kenner Adam Krzeminski kürzlich in einem Essay für die „FAZ“ formuliert. Offensiv beantwortete er sie damit, natürlich könne und müsse Polen bereit sein, Verantwortung für das Ganze mitzutragen. Nur so könne es aus dem Schatten des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts heraustreten, „als die Westeuropäer sich daran gewöhnt hatten, Polen als bloßen geographischen Begriff und politisch nur als ein Pfand im Gleichgewicht der Großmächte zu sehen.“ Also: erste Liga natürlich!

Fußball, das ist schon klar, kann natürlich nicht einrenken, was die Politik in Jahrzehnten nicht geradezurücken vermag. Aber warum sollte er nicht doch helfen können, wenigstens die Augen zu öffnen? Über eine ganze Seite hat die „Financial Times“ am Montag geschildert, wie der ukrainische Oligarch Rinat Achmetow mit seinen Millionen den Fußball großmachte, die EM ins Land holte, die Politik auf dunklen Kanälen in Kiew beherrscht – man lernt unvermittelt, etwas zu verstehen, wofür man sich im Alltag kaum je interessiert. Gewollt oder nicht, setzt Fußball auch Politik auf die Tagesordnung, und das ist gut so.

Schließlich: Es hat ja auch nicht geschadet, dass Vertreter der Nationalmannschaft vor ein paar Tage Auschwitz besucht haben, sie sollen ruhig ihre Namen und ihr Prestige als Stars in die Waagschale werfen, um auf das aufmerksam zu machen, was Aufmerksamkeit verdient: Was die Deutschen anrichteten in Polen, gar so lang ist es ja noch nicht her, und ein Grund wäre es allemal, dass sie uns den Rücken kehren und nicht umgekehrt.

Und ist Fußball nicht auch eine wunderbare Gelegenheit, mit eigenen Komplexen abzurechnen? Ein polnischer Karikaturist hat kürzlich im Katalog für eine Wanderausstellung mit französischen, polnischen und deutschen Karikaturen folgendes geschrieben: „Würde Polen auch nur einmal gegen Deutschland gewinnen (bei der EM 2012 in Warschau vielleicht?), würden wir ja sofort alles vergessen; die Deutschritter und Hitler, Erika Steinbach und die Vertriebenen, die käuflichen Polinnen und diese deutschen Wirtschaftsunternehmen überall. Ach, wenn nur dieser Podolski nicht für Deutschland kicken würde!“

Vielleicht trägt also die Meisterschaft in Polen und der Ukraine ja doch ein wenig dazu bei, das ewige Ungleichgewicht zu überwinden? Wenn das ein Nebeneffekt der EM wäre, auf die Nachbarn neugieriger und anteilnehmender zu blicken, auch mit mehr historischem Respekt als Partner in der Liga – so offen wie der deutsche Pole oder der polnische Deutsche Miroslav Klose – wäre das schon ein schöner Erfolg, egal, wer gegen wen am Ende gewinnt.

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