Schwerpunkt: Die Weltfahrer - Der lag so mühelos am Rand des Weges

Stell dir vor es ist Krieg, und du gehst hin! Ein Schriftsteller als Beobachter auf den Schlachtfeldern und Berichterstatter von den Krisenherden der Welt

Stellen Sie sich vor, Sie seien soeben in Dili gelandet, der Hauptstadt von Ost-Timor, und stünden vor einem zerbeulten Pickup-Truck, auf dessen Ladefläche zehn aneinandergekettete Personen, Männer, Frauen und Kinder, mit Benzin übergossen und lebendig verbrannt worden sind: eine Laokoon-Gruppe, die nicht aus Marmor, sondern aus verkohltem Menschenfleisch besteht. Ich erspare Ihnen den Anblick der aus dem verschmorten Fleisch ragenden Knochen und spreche lieber von den Blumen, die Anwohner auf die Asche streuen, um die Geister der Ermordeten zu besänftigen. Das ist tröstlicher. Sie sagen, Sie könnten sich das nicht vorstellen, Ost-Timor sei viel zu weit weg? Diese Ausrede gilt nicht, denn Dili liegt nur zwei oder drei Flugstunden von Ihrem bevorzugten Urlaubsziel auf Bali oder den Seychellen entfernt. Im Zeichen der Globalisierung gibt es keine entlegenen Inseln mehr, und virtuell sind alle Punkte des Globus Ihrem Wohnort gleich nahegerückt. Sie haben weder Zeit noch Geld, sagen Sie, nach Darwin in Nordaustralien zu fliegen, um sich dort bei der UNAMET oder INTERFET zu akkreditieren – so heißt die nach Ost-Timor entsandte Blauhelmtruppe – und mit einer Militärmaschine nach Dili zu fliegen, was Sie nichts kosten würde, falls Sie einen Presseausweis besitzen oder für eine Hilfsorganisation tätig sind. Aber vorher müssten Sie ein indonesisches Visum beantragen, was ziemlich lange dauern kann, da Ost-Timor nur noch de jure, aber nicht mehr de facto zu Indonesien gehört. Und ich will Ihnen nicht verschweigen, dass die Kommunikation dort schwierig ist, weil man keine europäische Sprache mehr spricht – nur ältere Timorer verstehen Portugiesisch, die Jugend, also die Mehrheit der Bevölkerung, spricht Bahasa Indonesia oder Tetum, ein lokales Idiom. Dazu gibt es in Dili weder Hotels noch Restaurants, kein Wasser und keinen Strom, dafür aber umso mehr Moskitos und Salzwasserkrokodile, die das Baden im Meer unmöglich machen. Trotzdem ist die Chance, von einem Krokodil gefressen, sehr viel geringer als das Risiko, von der Kugel eines pro-indonesischen Rebellen getroffen zu werden; und auch das ist weniger wahrscheinlich als die Gefahr, an Typhus oder Malaria zu erkranken.

Wie wäre es statt dessen mit dem Kosovo? Wenn Sie wollen, können Sie sogar mit dem Auto nach Pristina fahren. Einheitswährung ist die deutsche Mark, deren Kaufkraft größer ist als in der Bundesrepublik, und zur Einreise genügt ein Personalausweis. Stellen Sie sich also vor, Sie seien soeben in Gjakovë eingetroffen, das auf serbisch Djakovica heißt, und stünden vor einem Massengrab, das in Ihrer Gegenwart geöffnet wird. Auf der locker gehäuften Erde liegt ein lehmverschmierter Anorak, aus dessen leerem Ärmel ein Wurm kriecht, und der neben Ihnen stehende Einheimische sagt eher beiläufig, dass dieser Anorak seinem Bruder gehört hat, der von serbischen Polizisten erschossen wurde und den er mit anderen Getöteten heimlich in seinem Obstgarten begraben hat, bevor die Behörden die Leichen verschwinden lassen konnten.

Sie bieten ihm eine Zigarette an, aber der einheimische Führer lehnt dankend ab, obwohl er, wie er sagt, seit drei Monaten keine Marlboro mehr geraucht hat. Dann führt er Sie zum ehemaligen Polizeihauptquartier, einem mehrstöckigen Betonklotz, in dessen Fassade eine ferngelenkte Nato-Rakete ein klaffendes Loch gerissen hat. Das Treppenhaus ist noch intakt, und Sie klettern über Schutthaufen und zerborstene Stahlträger hinweg zu einem Büro im oberen Stock, auf dessen Schreibtisch sich Karteikarten mit Fahndungsfotos und Fingerabdrücken häufen, daneben, wie in einem schlechten Film, eine halbleere Sliwowitzflasche und ein zerfleddertes Pornoheft. «Das», sagt Ihr Führer und wischt die Asche von einer verstaubten Karteikarte, «war ein Vetter von mir, der im Keller des Polizeireviers zu Tode gefoltert wurde. Dabei hatte er nichts mit der UCK zu tun.»

Oder Sie laufen über glühendheißen Asphalt auf einen von serbischer Sonderpolizei bewachten Checkpoint zu. Die Straße ist menschenleer. Ein Söldner in schwarzer Uniform, der eine dunkle Brille trägt und, wie Sie später erfahren, Milan Petrovic heißt, lädt, als Sie näherkommen, seine Waffe durch – keine Kalaschnikow, sondern ein belgisches Sturmgewehr –, und schreit auf Gastarbeiterdeutsch: «HIER NIX NATO, HIER SRBIJA!» – «Ich nix Nato, ich Maradona», antwortet der argentinische Journalist, der Sie begleitet. Aber der Söldner hat keinen Sinn für Humor und reißt dem Argentinier ein an einer Goldkette hängendes Kruzifix von der Brust, während er ihn mit vorgehaltenem Gewehr bedroht.

An diesem Punkt protestieren Sie und wollen wissen, warum ich alles Elend der Welt vor Ihnen ausbreite, an dem Sie, selbst wenn Sie wollten, nichts ändern könnten? Wie sollen Sie als Zuhörer darauf reagieren außer mit ohnmächtiger Wut oder hilfloser Betroffenheit? Meine rhetorische Frage, ob Sie denn nicht neugierig sind auf den Zustand der Welt, in der Sie leben, beantworten Sie mit dem Hinweis, Ihre Aufnahmefähigkeit für fremdes Leid sei begrenzt. Doch es gibt einen Einwand, der Sie nachdenklich stimmt: die Frage, ob das, was anderswo möglich ist, nicht morgen auch vor Ihrer eigenen Haustür passieren kann? Die Stadt Prizren, deren stellvertretender Polizeichef Milan Petrovic nach Angaben von UN-Ermittlern kosovo-albanische Zivilisten zu Tode gefoltert hat, liegt nur anderthalb Flugstunden von München entfernt.

Es ist der erste Tag des Nato-Einsatzes, und das Menschenrechtstribunal in Den Haag hat noch keine Beobachter in den Kosovo entsandt. Erst vor zwei Stunden haben Panzerspitzen der Bundeswehr bei Kukes die albanische Grenze überquert und nähern sich langsam den Außenbezirken von Prizren, wo der stellvertretende Polizeichef seine Wut diesmal nicht an Einheimischen auslässt, sondern an zwei vor dem Checkpoint wartenden Reportern, die ins Stadtzentrum zu gelangen versuchen. Er reißt mir den Presseausweis aus der Hand und trampelt mit dem Stiefelabsatz darauf herum, und als der Argentinier protestiert und ihn als Hurensohn beschimpft, tobt der Polizeichef, fuchtelt mit geladenem Gewehr vor unseren Gesichtern herum und setzt meinem Begleiter die Waffe an den Hals. Ich bange um sein Leben und rede beruhigend auf meinen Kollegen ein, der mit spitzen Fingern, als handle es sich um etwas Unappetitliches, den Lauf des Gewehrs zur Seite schiebt. Der Zorn des Polizeichefs wird dadurch nicht gedämpft.

Zum Autor

Hans Christoph Buch, Jahrgang 1944, bereist seit Jahren die Krisenherde und Kriegsschauplätze vor allem der Dritten Welt. Er beobachtete und beschrieb die Bürgerkriege zwischen Ruanda (Bild, 1996) und Ost-Timor, der Karibik und dem Kosovo. Als Schriftsteller wurde er bekannt mit Romanen, Essays und Reportagen wie «Die Hochzeit von Port-au-Prince» (1984), «Haiti Chérie» (1990), «Die Nähe und die
Ferne – Bausteine zu einer
Poetik des kolonialen Blicks»
(1991).

In diesem Augenblick braust eine Fahrzeugkolonne der Bundeswehr an uns vorbei: Leopardpanzer mit lachenden, verschwitzten Soldaten, die uns fröhlich zuwinken, als glaubten sie an ein Missverständnis oder einen Scherz. Ohrenbetäubender Lärm, eine Wolke von Abgasen hüllt uns ein, und als der Staub sich verzieht, haben wir im Windschatten zweier LKWs die Straßenkreuzung überquert und unseren Bewacher ausgetrickst, der sich hustend und fluchend den Dreck von der Uniform klopft.

Auf der abendlichen Pressekonferenz spricht der kommandierende General von einem vollen Erfolg: Der Einmarsch des deutschen Nato-Kontingents sei planmäßig vonstatten gegangen. Meine Frage nach Milan Petrovic, dem als Kriegsverbrecher gesuchten stellvertretenden Polizeichef, der noch Stunden nach Ankunft der Nato-Truppen Journalisten drangsaliert und mit der Waffe bedroht hat, beantwortet der General ausweichend: Der Schutz ausländischer Reporter gehöre nicht zu den Aufgaben der Nato. «Sonst noch Fragen?» Nein. Dass zur gleichen Stunde ein «Stern»-Journalist, sein Fahrer und Dolmetscher nördlich von Prizren von Heckenschützen erschossen worden sind, weiß ich um diese Zeit noch nicht.

«Warum begeben Sie sich freiwillig in Gefahr, Herr Buch?» Auf diese, mir immer wieder gestellte Frage habe ich außer einem verlegenen Lächeln keine Antwort parat: Das Motiv meines Handelns ist mir selbst nicht klar. Patriotische Begeisterung scheidet ebenso aus wie politische Überzeugung, jener moralische Impetus, der einst Intellektuelle bewog, sich am Spanischen Bürgerkrieg oder am Feldzug der Alliierten gegen Hitler zu beteiligen. Ich bin kein Frontsoldat wie Ernst Jünger und kein Haudegen wie Hemingway, sondern ein passiver Beobachter, der, ohne in das Geschehen einzugreifen, leidenschaftlich Partei ergreift. Abenteuerlust gehört sicher dazu, aber Neugier ist das bessere Wort dafür: Neugier auf die condition humaine nach dem Ende des Kalten Krieges – ich will wissen, wie die Menschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts leben und woran sie sterben –, aber Neugier auch auf mich selbst. Indem ich mich in Extremsituationen begebe, will ich etwas über mich selbst erfahren. Tolstojs Frage «Was ist Mut?» habe ich mir oft gestellt.

Was mich nicht interessiert, steht in den Zeitungen und schwappt aus allen Fernsehkanälen. Auch die Frage, ob und wie die Medien unsere Wahrnehmung manipulieren, interessiert mich nur am Rande. Die Wirklichkeit des Krieges ist barbarischer, als das Fernsehen sie zeigt, und zugleich weniger schlimm, weil nicht überall getötet und gestorben wird – aber es gibt Verletzungen, die schlimmer sind als der Tod. Materialschlachten wie im Ersten oder Zweiten Weltkrieg habe ich ohnehin nicht erlebt, nur den sogenannten low intensity war, der Märkte zerstört an Stelle von Fabriken und Hütten an Stelle von Palästen. Ausnahme: die tschetschenische Hauptstadt Grosny, deren Auslöschung in den Medien kaum Empörung hervorgerufen hat. Zensur und Manipulation finden nicht erst auf der Meinungsebene statt, sondern schon im Vorfeld, bei der Frage, über welchen Teil der Welt wo und wie ausführlich berichtet werden darf.

Noch Mitte der achtziger Jahre waren Live-Berichte von den Roten Khmer in Kambodscha oder den Bojewiki in Tschetschenien, damals noch integraler Teil der Sowjetunion, technisch und politisch ein Ding der Unmöglichkeit. Heute übermitteln Computer, Fax und Satellitentelefone in Sekundenbruchteilen Texte und Bilder von einem Punkt der Erde zum anderen und unterlaufen spielend jede staatliche Kontrolle und Zensur. Die Kehrseite des technischen Fortschritts sind Reporter, die ihre Gehirne in rechteckigen Koffern mit sich herumtragen. Sie wissen nichts über die Geschichte und Kultur des Landes, in dem sie unterwegs sind, ganz zu schweigen von dessen Sprache. Das ist auch nicht nötig, weil sämtliche Daten und Fakten im Computer gespeichert und der von ihnen verfasste Text selten länger als eine Bildunterschrift ist. Der Wortproduzent wird zum Zuarbeiter des Fotografen, der höher bezahlt und daher unersetzlich ist: Gute Fotografen sind selten, aber Textlieferanten gibt es wie Sand am Meer.

Das Gegenstück zum Reporter ist der Experte, der nur ungern sein Büro im Institut verlässt. Anstatt an die Front, geht er in die Bibliothek oder ins Archiv. Er glänzt auf internationalen Kongressen mit Fachwissen, das er von Studenten sammeln und von seinen Assistenten aufbereiten lässt, bevor er es an die Regierung weitergibt. Hier ist ein neuer Typus zu konstatieren, der mir an vielen Kriegsfronten begegnet ist: der Rucksackreporter, das journalistische Äquivalent zum Rucksacktouristen, zumeist ein Student aus Kanada oder den USA, der mit Laptop und Videokamera im Krisengebiet herumirrt, um Material für seine Magisterarbeit zu sammeln, was ihm niemand so recht glaubt – er ist ständig in Gefahr, als Spion verhaftet und erschossen zu werden. Wer, wie ich, nur mit Bleistift und Notizblock bewaffnet ist, hat es besser:

Die Kämpfer der Kriegsparteien halten ihn für einen Priester oder einen Arzt, der ihre Gebrechen kurieren kann, während er von Fernsehreportern als Relikt aus dem Gutenberg-Zeitalter mitleidig belächelt wird.

Aber ich bin kein Journalist, sondern Schriftsteller, und ich bin nicht der erste Autor, der freiwillig in einen Krieg gegangen ist. Seit Mitte der neunziger Jahre habe ich im Auftrag von Medien zahlreiche Krisen- und Kriegsgebiete besucht: Liberia und Sierra Leone, Burundi und Ruanda, Zaïre und Sudan, Bosnien und Tschetschenien, Algerien und Kosovo, Kambodscha und Ost-Timor – nicht als professioneller Reporter, sondern als Schriftsteller. Hier liegt zugleich die Antwort auf die zuvor gestellte Frage: Es gibt existenzielle Herausforderungen, denen ein Autor sich stellen muss, wenn er etwas über sich selbst und die ihn umgebende Welt herausfinden will, was er nicht schon vorher gewusst hat. Ich rede von Grenzsituationen wie Geburt und Tod, Gefängnis und Exil, Folter und Krieg, die man, weil die Einfühlung versagt, nicht zu Hause am Schreibtisch nachvollziehen kann, sondern nur, indem man sich in Gefahr begibt. Die Literatur hat das zu allen Zeiten getan.
Im Sommer 1851 reist Lew Nikolajewitsch Tolstoj in den Kaukasus. Am Vorabend seines 23. Geburtstags am 28. August (alter Zeitrechnung) schreibt er folgenden Stoßseufzer in sein Tagebuch: «Habe Frauen gehabt, habe mich schwach gezeigt in vielen Fällen, im einfachen Umgang mit Menschen, in der Gefahr, im Kartenspiel, und stecke noch immer voll falscher Scham. Habe viel gelogen. Bin, Gott weiß wozu, nach Grosnaja gekommen.»

Das nach Iwan dem Schrecklichen benannte Grosnaja, heute Grosny, ist die Hauptstadt Tschetscheniens, schon damals Schauplatz eines seit Jahrzehnten andauernden, immer wieder aufflammenden Krieges. Tolstoj hat die beschwerliche und gefährliche Reise zusammen mit seinem älteren Bruder auf eigene Kosten unternommen, um als Beobachter an einem Feldzug des russischen Heeres gegen aufständische Tschetschenen teilzunehmen. Obwohl er nicht in der Armee gedient hat und von militärischen Fragen nichts versteht, träumt er von einer Karriere als adliger Offizier; gleichzeitig will er Schriftsteller werden und Material sammeln für eine Erzählung oder einen Roman über den Krieg im Kaukasus. Auf Tolstojs Frage, ob er sich dem Regiment anschließen dürfe, antwortet der diensthabende Offizier, Hauptmann Chlopow: «An sich dürfen Sie schon. Bloß, mein Rat wäre, lassen Sie’s lieber. Wozu das Risiko eingehen?» Und er empfiehlt ihm die Lektüre eines Standardwerks über den Krieg. Genau das, sagt Tolstoj, interessiere ihn nicht. Vielmehr will er wissen, was Mut ist, warum Soldaten in den Kampf ziehen und sterben. «Mut zeigt», sagt Hauptmann Chlopow, «wer sich benimmt, wie es sich gehört» – ein Ausspruch, den Tolstoj in sein Tagebuch notiert, weil er ihn überzeugender findet als Platons Definition, Mut sei «Wissen um das, was zu fürchten ist und was nicht», die ihm allzu theoretisch erscheint. Tolstoj begleitet das russische Heer bei einer Strafexpedition, in deren Verlauf ein tschetschenischer Aul geplündert wird. Die Dorfbewohner werden von Soldaten massakriert. Zwei Dinge irritieren Tolstoj: Obwohl er dem Generalstab zugeteilt ist, gewinnt er keinen Überblick über die Operation; und den Befehl zur Vernichtung des Dorfes erteilt Fürst Barjatinski, der Kommandeur, eher beiläufig: «‹Je nun, Oberst, mögen die Leute nur brennen und plündern, ich sehe ja, dass sie schreckliche Lust dazu haben›, sagte er
lächelnd.»

Tolstojs unter dem unmittelbaren Eindruck des Geschehens entstandene Erzählung «Der Überfall» ist literarisch unausgereift. Sie liest sich wie der Bericht eines Kriegskorrespondenten. Erst siebzehn Jahre später, in seinem Hauptwerk «Krieg und Frieden», hat der Autor seine im Kaukasus gesammelten Erfahrungen literarisch verfremdet und verdichtet: Pierre, der Held des Romans, ist ein Zivilist, der wie der junge Tolstoj nichts von militärischer Strategie versteht und orientierungslos zwischen Toten und Sterbenden auf dem Schlachtfeld von Borodino umherirrt – mit fremdem Blick, der besser als jedes sogenannte Fachwissen die Grausamkeit des Gefechts sichtbar macht. Tolstoj benötigte noch einmal dreißig Jahre, um das traumatische Kriegserlebnis seiner Jugend im Alterswerk «Hadschi Murat» ungefiltert darzustellen. Aus solchen, ein Leben umgreifenden Zusammenhängen entsteht große Literatur.

Auswegloses Leiden erregt kein Mitleid, sondern Abscheu – so lautet der Grundgedanke von Lessings «Laokoon»: «Denn man reiße dem Laokoon in Gedanken nur den Mund auf und urteile! Man lasse ihn schreien und sehe! Es war eine Bildung, die Mitleid einflößte, weil sie Schönheit und Schmerz zugleich zeigte; nun ist es eine hässliche, eine abscheuliche Bildung geworden, von der man gern sein Gesicht verwendet, weil der Anblick des Schmerzes Unlust erregt, ohne dass die Schönheit des leidenden Gegenstandes diese Unlust in das süße Gefühl des Mitleids verwandeln kann.» Lessings «Laokoon» ist weder eine klassizistische Betrachtung über edle Einfalt und stille Größe antiker Kunst noch eine akademische Abhandlung über die Grenzen von Malerei und Poesie, wie der Untertitel verheißt: vielmehr ein Essay über die Darstellbarkeit von Leiden und körperlichem Schmerz, Grausamkeit und Gewalt, der ins Zentrum der hier skizzierten Problematik führt, und dies umso mehr, als der Autor den Leser nicht mit seinen fertigen Gedanken konfrontiert, sondern in den Denkprozess einbezieht und so an der Entstehung des Textes teilhaben lässt.

Lessing unterscheidet zwischen unmittelbaren Augenzeugen eines Geschehens, die er Umstehende nennt, und den Zuschauern, also der Öffentlichkeit; zwischen beiden steht der Erzähler oder Chronist, dessen Rolle heutzutage der Reporter spielt. Alle zusammen sind unfähig zur Empathie, nicht aus Mangel an gutem Willen, sondern aus Mangel an Einbildungskraft: ein psychologischer Mechanismus, der nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln ist, da er vor allem dem Selbstschutz dient. Lessings Beobachtung habe ich nach der Rückkehr aus Kriegs- oder Krisengebieten öfter bestätigt gefunden. Die Stirn meines Gegenübers legte sich in Falten, sobald meine Antwort auf die Frage «Wie war’s in Ruanda? Wie war’s in Kambodscha?» länger als zehn Sekunden dauerte und mehr besagte als furchtbar oder schlimm. Aber sie waren neugierig darauf, wie das Wetter in Ruanda und Kambodscha gewesen war und was es dort zu essen gab, das heißt: Sie legten, um das Inkommensurable kommensurabler zu machen, ihre Urlaubserlebnisse als Maßstab an. Dagegen war nichts einzuwenden. Was mich mehr erstaunt hat, war die Tatsache, dass auch die Opfer von Kriegen nichts wissen wollten von den Leiden der Menschen in anderen Teilen der Welt,  im Gegenteil: Je näher ich einem Kriegsgebiet kam, desto geringer wurde die Bereitschaft, sich auf fremdes Elend einzulassen, da die Überlebenden vollauf damit beschäftigt waren, ihr eigenes Leid zu verarbeiten.

Es war nicht der erste Tote, den ich in Haiti zu Gesicht bekam, aber er hat sich tiefer als andere meinem Gedächtnis eingeprägt. Er schien nicht zu schlafen, wie ein gnädiges Klischee es will: Seine weitaufgerissenen Augen hatten das Grauen fixiert, das ihm widerfuhr. Wahrscheinlich war er auf dem Heimweg von einer Diskothek einer Armeepatrouille in die Arme gelaufen, die nachts Jagd machte auf echte und eingebildete Gegner des Militärregimes. Die Paramilitärs – es können auch Killer der FRAPH gewesen sein – warfen die Leiche auf einen Müllhaufen am Straßenrand, wo sie zur Abschreckung liegenblieb. Die Anwohner wagten nicht, den Toten zu begraben, aus Angst vor Repressalien der Polizei. Als ich den Ermordeten 24 Stunden später wiedersah, lag er nicht mehr auf dem Rücken, sondern auf dem Bauch. Diebe hatten ihm die Schuhe ausgezogen, und streunende Hunde oder Schweine, die in den Armenvierteln Haitis frei herumlaufen, hatten den Leichnam auf die andere Straßenseite gezerrt und seinen Brustkorb ausgeweidet. Vielleicht hat der mich begleitende Fotograf deshalb nur seine nackten Füße aufgenommen.

Wie der junge Mann hieß, welchem Beruf er nachging, wie und warum er ermordet worden war – die Fragen stellte ich mir nicht. Statt dessen fiel mir ein Vers meines Lehrers Walter Höllerer ein, der, so schien es mir, den existentiellen Ernst der Situation besser zum Ausdruck brachte als jeder Medienreport: «Der lag so mühelos am Rand / Des Weges.» Und obwohl Höllerers Gedicht nicht unter der Tropensonne Haitis, sondern in Eis und Schnee entstanden war, beim Rückzug der deutschen Wehrmacht über einen italienischen Alpenpass, wurde es dem Geschehen eher gerecht als jeder um Objektivität bemühte Kommentar, weil sein Autor in dem anonymen Toten nicht bloß einen gefallenen Soldaten, sondern einen Bruder sah. Das schwer zu beschreibende Gefühl der Authentizität entsprang dem Bewusstsein des Dichters, dass es ihn genauso hätte treffen können, und wo dieses Bewusstsein fehlt, wird der Text frivol, oder, was auf das gleiche hinausläuft, trivial.

Die Gleichzeitigkeit von Terror und Normalität ist älter als die moderne Literatur: Was Walter Benjamin als surrealistischen choc oder Brecht als Verfremdungseffekt bezeichnete, war geläufige Praxis in der Kunst des Spätmittelalters und der Frührenaissance. Vergleichbare Szenen habe ich in Kriegs- und Krisengebieten des öfteren erlebt: Während auf dem Marktplatz von Sarajevo eine Bombe explodiert, die nach Wasser anstehende Frauen und Kinder in Stücke reißt, wird im Café Europa Capuccino serviert; während Ruandas Tutsi-Armee im Flüchtlingslager Kibeho Tausende von Hutus massakriert, ruft am Swimming Pool des Hotels Mille Collines ein Lautsprecher die Gäste zum Lunch.
Die Simultaneïtät dieser Vorgänge ist erschreckender als die täglichen Toten in den Nachrichtensendungen des Fernsehens. «Ich fühle mich wie in einem Kriegsfilm», sagte mir ein junger Bundeswehrsoldat, als er in Prizren aus dem Panzer stieg. «Das hier ist
absolut unwirklich!» Dabei war er, wie die meisten Soldaten, dem Hurra-Patriotismus der Medien abhold: Er traute dem Frieden nicht. Auch ich traue dem Frieden nicht. Der Krieg bringt eine hässliche Wahrheit ans Licht, die hinter der glänzenden Fassade unserer Kultur verborgen liegt: dass der Rückfall in die Barbarei überall und jederzeit möglich ist.

Von der ästhetischen Faszination des Krieges habe ich nie etwas gespürt, wohl aber vom Sog der Gewalt und von der Anziehungskraft des Bösen, das ich lange Zeit für eine fromme Lüge zweifelhafter Moralapostel hielt. Heute weiß ich, dass das Böse existiert, und habe an mir selbst erfahren, wie ansteckend es wirkt. Dabei haben die Gräuel, die ich auf Reisen in Krisengebiete sah, mich zunehmend abgestumpft und für die Leiden der Opfer unempfindlicher gemacht – ja, schlimmer noch, ich ertappte mich dabei, wie ich das obszöne Schauspiel der Folterung eines Menschen genoss.

«JÄGERMEISTER – EUROPE’S MOST POPULAR LIQUOR» steht auf dem T-Shirt des Bürgermeisters, der vor dem Rebellenangriff als Wachmann bei der südafrikanischen Rutile Mining Company angestellt war und jetzt die Selbstverteidigung der örtlichen Bevölkerung organisiert. Sein Name ist Alfred Bangali, er ist 43 Jahre alt und hat zwölf Kinder, von denen vier während des Bürgerkriegs in Sierra Leone ums Leben gekommen sind. Ringsum verfallene Hütten mit abgebrannten Strohdächern; nicht nur die Häuser, auch die Baumstämme sind von Einschüssen durchsiebt, aber ein Granatsplitter, den eine Palme leicht verkraftet, kann für Menschen tödlich sein. Am Rand einer von Unkraut überwucherten Ananasplantage sind die Opfer der Kämpfe in einem Massengrab beigesetzt. Die Erde ringsum ist mit toten Tausendfüßlern übersät, deren Chitinpanzer unter meinen Schuhsohlen knacken.

«Nyandehun Village, Imperi Chiefdom, Bonthe District, Mende People» – mit diesen Worten stellt uns der Bürgermeister seine Krieger vor, mit Buschmessern, Speeren und Bajonetten bewaffnete junge Männer, deren nackte Oberkörper mit weißer Farbe bemalt und mit Fetischen aus Tierknochen und Kaurimuscheln behängt sind, die sie unverwundbar machen sollen. Einer der Kämpfer schwenkt eine Kalaschnikow und trägt, zur Abschreckung des Feindes, Patronen im Mund. Die Kamajoors – so heißen die in Jagd- und Kriegszauber initiierten Mitglieder des Männerbunds – sehen aus wie Eingeborene aus einem Tarzan-Film. Aber das Spiel ist ernst: Sie sind nassgeschwitzt vom Laufen und zerren einen mit Stricken gefesselten Gefangenen hinter sich her, angeblich ein Spion der Rebellenarmee, den sie in einem angrenzenden Maisfeld überrumpelt haben. Der Gefangene ist vierzehn, höchstens sechzehn Jahre alt; er blutet aus einer Armwunde und schlottert vor Angst, während seine Bewacher ihm Buschmesser und Bajonette an die Kehle setzen und den Lauf der Kalaschnikow gegen den Bauch drücken. Er soll sich zu Unrecht als Kamajoor ausgegeben und aus einer Hütte Geld gestohlen haben – tausend Leones, sagt Alfred Bangali, was etwa einem Dollar entspricht.

Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken, ob die Geschichte wahr oder erfunden ist, um die fremden Besucher zu beeindrucken, denn als der Bürgermeister die Umstehenden fragt, was mit dem Spion geschehen soll, stimmen alle für dessen Hinrichtung und ritzen wie zur Probe mit den Spitzen ihrer Buschmesser und Bajonette seine Brust, aus der dunkle Blutstropfen quellen. Ich bitte den Bürgermeister, das Leben des Gefangenen zu schonen und ihn der regulären Armee oder den südafrikanischen Söldnern zu überstellen, aber meine Begleiterin, Mitarbeiterin einer karitativen Organisation, ist anderer Meinung als ich: Die Strafjustiz sei Angelegenheit der örtlichen Behörden, und ich hätte kein Recht, mich in die inneren Angelegenheiten eines afrikanischen Dorfes einzumischen.

«Der Dieb hat Glück», sagt Alfred Bangali, «ohne Ihre Intervention wäre er jetzt schon ein toter Mann.» Und er sperrt den Spion in eine winzige Lehmhütte, aus deren dunklem Inneren monotoner Sprechgesang dringt. Nach Auskunft des Bürgermeisters stimmt der Gefangene seine Totenklage an. Ich reiche ihm eine Flasche Wasser und eine Tüte Biskuits – die Umstehenden schütteln missbilligend die Köpfe, denn auch sie haben Hunger und Durst – und nehme Alfred Bangali das Versprechen ab, den Delinquenten der Polizei zu übergeben, bevor wir ins Auto steigen und nach Mobimbi Hills zurückfahren, wo Colonel Nick uns zum Lunch erwartet. Was mich am meisten erschreckt hat, war nicht die Brutalität der Kamajoors, sondern meine eigene Reaktion: Ich geriet in eine rauschhafte Erregung, die sich zu sadistischer Lust steigerte, als das Blut des jungen Mannes zu fließen begann. Am liebsten hätte ich mich an seiner Folterung beteiligt, während ich um das Leben des Gefangenen stritt. In einem unkontrollierten Augenblick brach die Barbarei hervor unter dem dünnen Firnis der Zivilisation.  

«Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen.» Diese rituelle Beschwörungsformel galt jahrzehntelang als einzig richtige Konsequenz aus dem Zweiten Weltkrieg. Wie aber, wenn der Krieg nicht von deutschem, sondern, sagen wir, von jugoslawischem Boden ausgeht? Für diesen Fall hielt dieser Satz keine Handlungsanweisung bereit, denn er war schlicht nicht vorgesehen: In der von
George Bush nach Ende des Kalten Krieges vollmundig angekündigten «Neuen Weltordnung» war für bewaffnete Konflikte kein Platz, schon gar nicht in Europa, das die richtigen Lehren aus seiner Geschichte gezogen zu haben glaubte. Der Krieg war das schlechthin andere, das unvorstellbar geworden war: ein Ausbruch atavistischer Gewalt, der den in Festreden ausgemalten Traum von ziviler Gesellschaft und Multikulturalität in blutige Scherben zerschlug.

Ich will die Debatte um Pro und Contra des Nato-Einsatzes in Bosnien und später im Kosovo hier nicht noch einmal aufrollen. Mehr als der ritualisierte Schlagabtausch, bei dem die Argumente beider Seiten genau vorhersagbar waren, ärgerte mich die Position jener Neunmalklugen, die ein komplexes Gemenge aus historischen Traditionen und politisch-sozialen Konflikten auf eine einzige, meist wirtschaftliche Ursache zurückführten.
Aufschlussreicher als vulgärmarxistische Verschwörungstheorien ist der von der «Frankfurter Schule» propagierte Gedanke eines übergreifenden Manipulations- und Verblendungszusammenhangs, der wie ein Mangrovendickicht nur in mühsamer Kleinarbeit zu lichten ist. So erklärte mir ein später Adept der Kritischen Theorie kürzlich die Kriege im Balkan und im Kaukasus als Verteilungskämpfe unter Globalisierungsverlierern, die in den Ruinen des Staatssozialismus wie die Schiffbrüchigen auf dem Floß der «Medusa» mit Enterhaken und Äxten aufeinander einschlügen. Ich selbst, setzte er hinzu, sei ein Vertreter der «falschen Unmittelbarkeit», weil ich alles, was ich in Kriegsgebieten sehe, höre und rieche, für bare Münze nehme, anstatt die dahinter verborgenen Gesetzmäßigkeiten aufzudecken. Dieser Neo-Hegelianismus ist die derzeit avancierteste Form einer postmarxistischen Weltverschwörungs- und Welterlösungstheorie, die auf der fixen Idee beruht, dass hinter allem und jedem immer etwas ganz anderes steckt, und zwar etwas Negatives und Peinliches. «Gerade die Tatsache, dass eine Erklärung extrem abstoßend ist, kann es sein, die dich dazu bringt, sie anzunehmen», heißt es in Ludwig Wittgensteins «Vorlesungen über Ästhetik», hinter denen sich eine Polemik gegen Sigmund Freud verbirgt: «Zu gewissen Zeiten ist die Anziehungskraft einer bestimmten Art von Erklärung größer, als man sich vorstellen kann. Besonders eine Erklärung der Art ‹Das ist in Wirklichkeit nur dies.›» Und zur Begründung setzt Wittgenstein hinzu: «Viele dieser Erklärungen werden akzeptiert, weil sie einen eigenartigen Reiz haben. Das Bild von Menschen mit unbewussten Gedanken ist reizvoll. Die Vorstellung einer Unterwelt, eines Geheimkellers. Etwas Verstecktes, Unheimliches. Vgl. die beiden Kinder bei Keller, die eine lebende Fliege in den Kopf einer Puppe stecken, die Puppe beerdigen und dann fortlaufen. (Warum tun wir so etwas? Wir tun so etwas.)»

Was Wittgenstein hier an Gottfried Kellers Novelle «Romeo und Julia auf dem Dorfe» exemplifiziert, deckt sich auf überraschende Weise mit dem, was ich in Kriegsgebieten gesehen und erlebt habe, wobei der beiläufig in Klammern hinzugefügte Satz den deprimierenden Befund auf die Spitze treibt: Nicht die anderen – «wir tun so etwas», ohne zu wissen, warum. Wenn das stimmt, wenn es keine geheime Agenda mehr gibt und die meisten Dinge einfach nur das bedeuten, was sie sind, die Wahrheit also buchstäblich auf der Straße liegt, trägt dies nichts zu unser aller Entlastung bei, im Gegenteil: Ohne moralisch erhobenen Zeigefinger und ohne den Trost einer wie auch immer gearteten Transzendenz wird der Zustand der Welt nicht leichter, sondern noch schwerer erträglich, als er es so schon ist.

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