Judith Butler - Der Antisemitismus-Vorwurf ist absurd

Die US-Philosophin Judith Butler hat den Adorno-Preis erhalten. Dem Zentralrat der Juden gefällt das nicht: Er warf der Autorin Israelhass vor. Butler, selbst Jüdin, ist aber keine Antisemitin. Ihre Äußerungen zum Nahostkonflikt sind zwar nicht unproblematisch, die Vorwürfe gegen sie allerdings nehmen sich geradezu grotesk aus

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(gezett/The European Graduate School) Keine Antisemitin: Die Gender-Theoretikerin Judith Butler

Eine Synagoge in Cleveland, im US-Bundesstaat Ohio, circa 1970. Der Civil Rights Act ist erst seit sechs Jahren in Kraft, der Vietnamkrieg ermüdet das Land, und die Ausläufer der linken Kulturrevolution dringen zunehmend auch ins heartland Amerikas vor. Die 14-jährige Judith Butler sitzt im Religionsunterricht, ist aufmüpfig und kann nicht aufhören zu reden. Den Rabbi ärgert das und verdonnert sie zu Nachhilfestunden. Das Mädchen freut sich. „Ich erklärte ihm“, erinnert sich Butler, „dass ich existentialistische Theologie lesen wollte, Martin Buber. Ich wollte über die Frage reden, ob es eine Verbindung zwischen der Philosophie des deutschen Idealismus und dem Nationalsozialismus gibt. Ich wollte wissen, warum Spinoza exkommuniziert wurde, was da genau passiert war, und ob seine Synagoge nicht im Unrecht war.“

Die Kindheitsgeschichte könnte das Denken der Philosophin, die heute an der Universität im kalifornischen Berkeley lehrt, kaum besser umreißen. Ein Großteil der russisch-ungarischen Familie Butlers war während des Holocausts ermordet worden. Der belesene Teenager lernte Hebräisch und ging nach der Schule freiwillig zu Seminaren über jüdische Ethik. Es waren die großen Fragen, die die junge Butler interessierten, und schon damals glaubte sie fest daran, dass man mithilfe des Diskurses auch die ideologischen Grundlagen dieses Diskurses durchbrechen kann.

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Die beiden Bücher, mit denen Judith Butler später schließlich berühmt wurde und die die akademische Disziplin der „Gender Studies“ begründeten – „Das Unbehagen der Geschlechter“ (1990) und „Körper von Gewicht“ (1997) – setzten genau an diesem so neuralgischen Punkt an. Mit den philosophischen Werkzeugen der französischen Dekonstruktion und der Psychoanalyse legte sie dar, dass die Identifikation mit einem Geschlecht, also die Vorstellung, ein Mann oder eine Frau zu sein, eine elaborierte, von der Gesellschaft oktruierte Fantasie ist – ein Konstrukt aus internalisierten Bildern und Diskursen also und keine von den Merkmalen des eigenen Körpers vorgegebene Kategorie.

Geschlecht, so Butler, sei vielmehr als eine Abfolge von Performances zu verstehen, als etwas, das man durch eine Reihe von Handlungen immer wieder darstellt. Besonders in Deutschland, Israel und den Vereinigten Staaten traf dieses visionäre Konzept auf eine Gruppe junger, begeisterter Menschen, die des alten feministischen Modells der Unterdrückung überdrüssig waren, und die in Butlers Denken eine neue Möglichkeit erkannten, das Verhältnis zwischen den Geschlechtern – und damit auch die Gesellschaft – zu unterlaufen und mitzugestalten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Kritiker Butlers kompromisslose Ideen verkennen

Die heutigen Intellektuellen lassen sich im Wesentlichen in zwei Gruppen teilen. Die eine, dazu gehören etwa die Amerikanerin Martha Nussbaum und die Französin Elisabeth Badinter, glaubt, dass Philosophie auch mit konkreter Politik vereinbar sein muss. Die andere bleibt weitestgehend dem Bereich der Theorie verhaftet. Butler ist eine Art inoffizielle Anführerin der zweiten Gruppe. Am besten lässt sich ihr Verständnis der eigenen Aufgabe mit Ludwig Wittgenstein beschreiben, der einmal meinte, dass der Philosoph eigentlich ein Müllmann sei, der die verqueren Konzepte aus den Köpfen seiner Leser fege.

Butlers Ideen sind auf einer so radikalen Ebene angesiedelt, dass sie von Kritikern – unter ihnen Nussbaum und Badinter – gerne als realitätsfern beschrieben werden. Aber diese Kritiker verkennen, dass kompromisslose Ideen, auch wenn sie politisch zunächst wenig sinnvoll erscheinen, starre Denkstrukturen aufbrechen und zum Umdenken anregen können. 

Behält man das im Hinterkopf, versteht man vielleicht auch besser, warum die berühmte Gendertheoretikerin und Anwärterin auf den diesjährigen Adorno-Preis 2010 den Berliner Zivilcourage-Preis der Schwulen und Lesben des Christopher Street Day ablehnte. Sie fand, dass die Veranstaltung zu kommerziell und latent rassistisch sei. Und man versteht auch besser, warum die stolze jüdische Mutter – die Besuchern gerne Fotos von der Bar Mitzwa ihres Sohnes zeigt, den sie gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin aufzieht – in ihrem letzten Buch „Raster des Krieges“ (2010) rigoros mit der Kriegspolitik Israels ins Gericht ging. Diese, schrieb sie dort, stilisiere die Opfer auf der palästinensischen Seite des Konflikts zum Kollateralschaden und beraube sie so ihrer Menschlichkeit. Weder Menschen noch Staaten könnten ihr Überleben absichern, indem sie den Anderen zerstören.

Auch wenn ein solches Denken jenseits des grassierenden Identitätszwangs für die Mühlen der Realpolitik von geringer Bedeutung ist, ja in manchen Fällen sogar hinderlich sein kann – um den philosophischen Versuch, es abzuwägen und ihm nachzugehen, kommen wir nicht herum. So problematisch und falsch ihre Überlegungen für manche Ohren klingen, die Vorwürfe, sie sei eine Antisemitin, sind geradezu grotesk. Allzu oft vergessen wir, dass die Welt veränderbar ist, dass wir sie alle durch unsere Worte und unsere Handlungen mitgestalten. Judith Butler hat es sich zur Aufgabe gemacht, uns immer wieder daran zu erinnern.

Hinweis: Am 15. September ist Butler zu Gast im Jüdischen Museum Berlin. Die Diskussionsrunde trägt den Titel "Gehört der Zionismus zum Judentum?" Los geht es um 19.30 Uhr im Glashof.

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