- Der alte Mann und das Mädchen
Bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises hat Wim Wenders eine Diskussion um einen frühen Film mit Nastassja Kinski losgetreten. Es geht um den Umgang mit moralischen Eskapaden im eigenen Werk. Vor allem aber geht es um die Kollektivierung von Eigenverantwortung.
Es gibt Filme, die funktionieren nicht übers Auge, die gehen ins Ohr: „Als das Kind Kind war,/ hatte es von nichts eine Meinung,/ hatte keine Gewohnheit,/ saß oft im Schneidersitz,/ lief aus dem Stand“. Erinnern Sie sich noch? Mit diesen Worten fängt es an, das Gedicht, mit dem Peter Handke im Jahr 1987 einen heute längst zum Klassiker gereiften Beitrag des Neuen Deutschen Films poetisiert hat. In Wim Wenders „Der Himmel über Berlin“ reflektiert eine Stimme aus dem Off über die feinen Unterschiede zwischen kindlicher und erwachsener Weltwahrnehmung.
Das „Lied vom Kindsein“, wie Handke sein cineastisches Poem damals genannt hat, lieferte den Grundsound zu Wenders unvergessenem Film. Und es ist gewiss keine Frage: Allein schon mit dieser kleinen Szene und dieser winzigen Sentenz hat er damals „unseren Blick auf die Welt und auf das Leben verändert“, wie es Florian Gallenberger, Präsident der Deutschen Filmakademie, am vergangenen Freitag in seiner Laudatio auf die Verleihung der Ehren-Lola zum 76. Deutschen Filmpreis für Wenders formuliert hat.
Seither macht Wim Wenders mit einem weiteren Filmstoff aus der Feder von ihm und Handke von sich reden. Doch es ist weder ein Spätwerk noch eine Neuverfilmung. Vielmehr brachte uns der mittlerweile 80-jährige Regisseur bei seiner Dankesrede vor einer Woche noch einmal eine cineastische Kreation aus dem Jahr 1975 ins Gedächtnis. Die wäre heute vermutlich nahezu vergessen, hätte Wenders sie nicht einst in eine Trilogie eingewoben, deren erster Teil, „Alice in den Städten“ (1974), seit langem im kollektiven Gedächtnis des deutschen Autorenfilms angekommen ist.
Der Titel dieses besagten Frühwerks also: „Falsche Bewegung“. Eine Auseinandersetzung mit Goethes Romanklassiker „Wilhelm Meister“, für die Wenders vor fünfzig Jahren zwar in sieben Kategorien den Deutschen Filmpreis – der hieß damals übrigens noch Filmband in Gold und Silber – gewinnen konnte, die aus heutiger Sicht aber weit zurückbleibt hinter späteren Meisterwerken wie „Paris Texas“, „Bis ans Ende der Welt“ oder eben „Der Himmel über Berlin“.
Bedauern aus Weisheit
Doch das unscheinbare, mit 103 Minuten für Wenders-Verhältnisse eher kleinformatige Werk drückt dem Filmemacher mittlerweile schwer auf der Seele. So sehr übrigens, dass die Wim Wenders Foundation gestern bekannt gab, sie habe Streaming-, TV- und Vertriebspartner angewiesen, den Film nicht mehr öffentlich zugänglich zu machen. Es gibt da nämlich eine Szene, in der die damals erst 13-jährige Nastassja Kinski, die ein Jahr zuvor von Wenders damaliger Lebensgefährtin Elisabeth Kreuzer in einer Münchner Disco entdeckt worden sein soll, ohne Oberteil vor der Kamera steht und von einem älteren Mann geohrfeigt wird.
„Das würde ich heute nicht mehr so machen“, gesteht der Regisseur am vergangenen Freitag reumütig und steht für einen Moment tatsächlich auf der großen Bühne des Berliner Funkturm-Palais wie der sprichwörtlich begossene Pudel. Er könne zwar seinem damaligen Ich keinen Vorwurf aus der Szene machen – es war eben ein Film aus einer anderen Zeit –, heute aber frage er sich, wie er damit umgehen solle.
Es scheint ein Bedauern zu sein, das aus später Weisheit erwachsen ist. Zumindest auf den ersten Blick. Er wisse heute eben mehr als damals, so Wenders über seinen früheren Fehler: „Nun, da der Mann Mann geworden ist/ hat er von allem eine Meinung/ sitzt gerade/ folgt dem aufrechten Gang“, möchte man da dem reumütigen Büßer in Abwandlung der Worte seines einstigen Co-Autors Peter Handke zurufen und in Anbetracht der nachgereiften Erkenntnis „Bravo!“ jubeln. Denn es ehrt den gealterten Filmemacher natürlich, dass er auch nach Jahrzehnten noch kritisch auf das eigene Schaffen zu blicken versteht. Immerhin hatte sich Natassja Kinski, die später auch in Wenders Film „Paris Texas“ zu sehen war, mehrmals äußerst distanziert über ihr zweifelhaftes Debüt in „Falsche Bewegung“ geäußert. Und nachdem sie als Teenager auch noch in Filmen von Wolfgang Petersen („Reifezeugnis“) und Alberto Lattuada („Bleib, wie du bist“) in mehr als frühreifen Posen auftreten musste, bekannte sie rückblickend einmal auf die Frage, ob sie sich damals nicht missbraucht gefühlt habe: „Sagen wir mal so: Wenn das meine Tochter wäre, würde ich das nicht zulassen. Ich würde bestimmten Leuten nicht erlauben, bestimmte Dinge zu sagen oder bestimmte Dinge auszuprobieren.“
Die Verantwortung tragen
Wim Wenders also plagen Schuldgefühle. Zumal Kinski ihre Haltung zu „Falsche Bewegung“ später in mehreren Interviews wiederholt hat. Vermutlich wäre es also erwachsen, das gewiss drückende Kreuz auf sich zu nehmen und die eigene Schuld und Verantwortung zu tragen. Ein Urteil über das eigene Tun muss dann jeder hernach für sich selbst fällen. Und ebenso die daraus folgende Strafe. Soll der Film im Nachhinein noch vom Markt genommen werden? Darf man eine Szene noch nach Jahrzehnten schneiden? Oder sollte man die ganze Sache vielleicht schlicht vergessen? Da das Kind leider nicht mehr Kind ist, muss es eine eigene Meinung und eine eigene Haltung zu den vermeintlichen Fehlern der Vergangenheit finden. Abnehmen kann ihm das niemand.
Doch Wenders wählte am vergangenen Freitag zunächst eine andere Lösung. Die wirkte auf den ersten Blick zwar professionell und brachte dem Regisseur stürmischen Beifall ein, bei genauer Betrachtung jedoch war sie feige und äußerst bequem. Ganz dem Geist unserer oftmals puerilen Gegenwart folgend, drängt es Wenders nämlich dazu, sein Schuldgefühl zu kollektivieren. Der 80-Jährige zog sich selbst vor das Tribunal der Öffentlichkeit: Er sei ratlos, gestand er während der Lola-Verleihung vor der gesamten Filmgemeinde: „Die Frage, die mich bewegt: Darf man …, kann man …, soll man vielleicht [im Nachhinein] eine Szene schneiden, wenn diese einer Schauspielerin wehtut?“
Es war eine Demutspose im Angesicht der Richterbank der breiten Masse. Eine Nivellierung von Verantwortung. Die nämlich schob Wenders kurzerhand der Deutschen Filmakademie zu: Solle doch die bitte darüber entscheiden, wie mit der Sache weiter zu verfahren sei. Und dann entfuhr es der Film-Legende fast flehentlich wie Faust in Goethes „Kerkerszene“: „Ich möchte das nicht allein tragen.“
Liebe zu dritt
Und natürlich: Goethe ist an dieser Stelle das passende Stichwort: Der nämlich pflegte einst einen entschlosseneren, ja einen weit zupackenderen Umgang mit den moralischen Eskapaden der eigenen Frühzeit: Es war im Jahr 1776, der spätere Weimaraner war noch ganz Stürmer und Dränger, da brachte er in Hamburg „Stella“, ein Schauspiel für Liebende, auf die Bühne. Es war eine lustige Ménage à trois. Die polyamoröse Phantasie ging mit dem jungen Dichter geradezu durch. In einer heiligen Trinität der Begierde lebten da drei Menschen glücklich zusammen bis zum Moment, wo beschämt der Vorhang fällt.
30 Jahre später, Goethe war längst der angesehene Minister am Hofe Carl Augusts, da schien ihn der erotische Schabernack von ehedem jedoch zu quälen. Und das so sehr, dass er den heiteren Stoff kurzerhand zur Tragödie umschrieb. Als sich da der Vorhang nach dem fünften Akt senkte, waren alle Liebenden suizidiert – und das ganz ohne Publikumsjoker, ohne Akademie und ohne Stuhlkreis.
Eigenverantwortung lautet eben das Wort des Genius. Zumindest in den früheren Tagen In unserer post-heroischen Gegenwart jedoch scheint dieses Wort geradezu ausgestorben zu sein. Heute wollen wir es jedem recht machen. Wir wollen nivellieren, anpassen, vergesellschaften – vor allem natürlich unsere Gefühle und Schuldgefühle. Die Beichte von Wim Wenders jedenfalls war von der breiten Medienöffentlichkeit noch nicht zur Gänze abgenommen, da machte aus Wien eine ähnliche Meldung die Runde: Für die gerade gestarteten Wiener Festwochen hatte da der Schweizer Theatermacher Milo Rau eigentlich ein Podium mit dem deutsch-amerikanischen Tech-Milliardär Peter Thiel anberaumt. Der hatte bereits zugesagt. Am 7. Juni sollte die Sache über die Bühne gehen.
Doch dann machte sich im Publikum sowie in Teilen der Presse Unbehagen breit: Darf man …, kann man …, soll man überhaupt …? Statt beherzt zu den eigenen Plänen zu stehen, befragte Milo Rau lieber mal noch die heimliche Herrschaft des „Mans“. Ein Rat wurde also einberufen, Zuschauer wurden zur Abstimmung angehalten. Am vergangenen Samstag dann das Ergebnis: Nein, man darf nicht! Das war das Ende der Debatte.
Als das Kind Kind war, hatte es von nichts eine Meinung. Nun, da das Kind alt geworden ist, hat es vielleicht von allem eine Meinung – traut sich aber nicht mehr, für diese Meinung auch nur ein einziges Mal noch einzustehen.
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Diesen Film "Hammett" leitete Wim Wenders als Regisseur. Er gehört zu meinen absoluten Lieblingsfilmen, er ist stimmig bis ins letzte Detail. Dafür verzeihe ich Wim Wenders alle anderen Sünden und Fehlgriffe. Nochmals meinen Dank, Wim. Du bist oder besser Du gehörst zu den ganz Großen. Und ach so, die Nastasja. Na ja, die will wohl bloß wieder mal genannt werden. Für eine Frau, noch dazu eine Kinsky, ist das Älterwerden nicht so einfach.
Die Szenen waren sicher zu der damaligen Zeit möglich, aber heute bin ich jedesmal froh zu lesen, alle Szenen mit Kindern oder Tieren wurden begleitet und überwacht.
Vielleicht rausschneiden oder pixeln?
Verhalten. Ist ein 'Künstler ein Chamäeleon, das sich kontinuierlich anzupassen hat, weil es geliebt werden will?
... wo eine angebliche "All-Gemeinheit" den Ton angibt, der leider in Wirk-lichkeit nur die von den Medien gierig aufgeschnappte und kolportierte Meinung einer eloquenten Minderheit ist!
Dass andere Zeiten andere Voraussetzungen hatten, hat doch der Herr Wenders selbst gesagt - sollte also Woodstock ausradiert werden, weil "das" so heute nicht mehr denkbar wäre? "Die ham doch alle einen Vogel!", wie´s dazu in Bayern gerne lapidar heißt.
Ein Sonderlob allerdings wieder mal an Herrn Hanselle: seine die nachfolgenden Artikel anreissenden "Introiti" ähneln vom Charakter her eher schriftstellerischen Essays als einem journalistischen Vorspann - da haben´s manche Artikel dann gar nicht so leicht, da mitzuhalten. Ist aber auch nicht nötig, denn dafür gibt´s ja die verschiedenen Genres.
Dem Herrn
Nun ist Wim Wenders also doch vor dem woken Zeitgeist eingeknickt. Vor Leuten also, die die Bücher von Astrid Lindgren politisch korrekt überarbeiten, die gegen Mohrenstraßen und -apotheken kämpfen, und die bei Udo Lindenbergs "Sonderzug nach Pankow" statt "Oberindianer" nur hm hm hm summen. Vor Leuten, die die Vergangenheit, ob Geschichte, Kunst oder Literatur, nur durch die Brille ihrer bornierten Spießigkeit sehen.
Schade, Wim Wenders hätte es nicht nötig gehabt, sich von einem frühen Film zu distanzieren, der damals sehr gelobt wurde, bloß weil einige Leute jetzt prüder sein wollen als vor fünfzig Jahren.
Du meine Güte, was für ein Bohei! Die Siebziger Jahre! Kaum eine Illustrierte ohne nackte Frau auf dem Titel, es artete schon in Belästigung aus! Und dann will eine Schauspielerin, heute Mitte sechzig, erreichen, dass ihre damals 13-jährigen Brüstchen aus einem Film von Wim Wenders geschnitten werden? Mama und Papa waren übrigens bei den Dreharbeiten zu „Falsche Bewegung“ anwesend, erinnert sich laut „bild.de“ Heidi Lüdi, die damalige Szenenbildnerin, sie habe Klaus und Brigitte Kinski am Set kennengelernt, „sie kamen nicht so häufig, doch sie kamen“, sagt sie. Im Übrigen sei der Dreh ohne Probleme verlaufen, „Nastassja Kinski war jung, hat das aber sehr gut gemacht“. Was wohl Papa Klaus zu diesem Theater heute sagen würde?
möchte ich das nicht wissen.
Goethe hat an seinem Werk nachgearbeitet, laut Film der Maler William Turner auch, es wird also Herrn Wenders ganz sicher ganz alleine etwas einfallen, wie er sich selbst kommentiert mit einer Korrektur.
Auch Genies machen Fehler und ich auch.
Das "darf man?" ist ein religiöses Spiel, das abseits gesellschaftlicher Normen, die die bestehenden Gesetze - also die Freiheit - delegitimiert. Weder Wenders, noch die 13-jährige Kinski hatten damals die Verantwortung, sondern Kinskis Eltern.
Die minderjährigen Mädchen, die in Afghanistan und jetzt auch in Gaza als Kinderbräute verhökert werden, werden sicher befreit aufatmen, wenn Nastassja Kinski endlich Recht widerfährt.
und ich habe den Eindruck, dass Frau Kinski nicht bei sich selbst aufhören wird.
Wow, sie war mit Qincy Jones zusammen.
Ich "beurteile" Menschen auch nach ihren Lebenszusammenhängen.
Demnach spricht da jetzt kein "kleines Mädchen".
Ich höre zu...
Nastassja Kinski wird im Artikel zitiert, wäre es ihre eigene Tochter, würde sie es nicht zulassen. Nastassja Kinski will wegen Wenders Regiearbeiten gar nichts.
