Deniz Yücel
Ein Émile Zola ist er nicht: Ex-PEN-Präsident Deniz Yücel / dpa

Deniz Yücel und der PEN - Signale müder Geister

Der Streit um Deniz Yücel hat die Aufmerksamkeit noch einmal auf das PEN-Zentrum gelenkt. Doch inhaltlich ist von der Schriftstellervereinigung nichts mehr zu erwarten. Obwohl der PEN laut Statut für Meinungsfreiheit einsteht, war von ihm in den vergangenen Jahren nichts zu hören, wenn diese bedroht war - etwa durch Cancel Culture oder die Diffamierung Andersdenkender.

Ralf Hanselle / Antje Berghäuser

Autoreninfo

Ralf Hanselle ist stellvertretender Chefredakteur von Cicero.

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Marx hatte recht: Die Geschichte ereignet sich zweimal – einmal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Und als wäre das der ewigen Wiederkehr von Ödnis und Langenweile nicht genug, kommt sie neuerdings auch gerne ein drittes Mal vorbei. In dieser letzten Gestalt steht das billige, weil einzig noch um mediale Aufmerksamkeit buhlende Sample. Man nehme nur einmal die aktuelle „Debatte“ um Deniz Yücel und den deutschen PEN; dieses unerträgliche Gezeter um die angebliche Verantwortung des Intellektuellen in Zeiten von Krieg, Flucht und Vertreibung. Was da in den zurückliegenden Tagen so scheinbar hochmodern und mit steil nach oben gerecktem Gouvernantenfinger in den deutschen Feuilletons diskutiert wurde, das ist bei Lichte betrachtet nur der wirklich allerletzte Aufguss einer längst ungenießbar gewordenen Kontroverse.

Begonnen hatte diese gegen Ende des 19. Jahrhunderts, an jenem Tag, an dem in der französischen Tageszeitung L’Aurore Emile Zolas berühmter Brief „J’Accuse!“ erschienen war. Es war die Geburtsstunde des politischen Intellektuellen. Seine schlaksige, stark kopfbetonte Erscheinung sollte nahezu das gesamte 20. Jahrhundert mitprägen.

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Günter Johannsen | Do, 19. Mai 2022 - 16:49

Ich kenne diesen verein wenig und kann mir kein Urteil erlauben - will ich auch nicht! Dennoch ein Kommentar?
Ja, zwei Zitate von einem, der mit Kritik zuerst bei sich selbst anfangen sollte: Denniz Yücel.
1. „Der baldige Abgang der Deutschen ist Völkersterben von seiner schönsten Seite. Mit den Deutschen gehen nur Dinge verloren, die keiner vermissen wird.“
Ja natürlich noch die menschenverachtende Hass-Aussage gegenüber T. Sarazzin:
""Buchautor Thilo S., den man, und das nur in Klammern, auch dann eine lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur nennen darf, wenn man weiß, dass dieser infolge eines Schlaganfalls derart verunstaltet wurde und dem man nur wünschen kann, der nächste Schlaganfall möge sein Werk gründlicher verrichten".
Einfach nur widerlich unterirdisch!

Wie man einen von solch abgründigem Hass zerfressenen Menschen(?), der derartige Äußerungen von sich gibt, zum Vorsitzenden einer Schriftstellervereinigung wählen konnte, ist unverständlich. Ein dem eigenen Austritt zuvorgekommener Hinauswurf wäre dem Ansehen der PEN Vereinigung zuträglicher gewesen.

Der US-amerikanische Psychiater Eric Berne beschrieb in seinem Buch “Spiele der Erwachsenen” ein ungesundes Verhaltensmuster zwischen Menschen. Und der Psychiater Thomas A. Harris wird konkret: Das Ur-Spiel ist das Kinderspiel „Meins ist besser als deins“, das man oft bei Gruppen von Vorschulkindern registrieren kann. Harris versteht die zugrundeliegende Verhaltensweise als „eine Form der „defensiven Vorwärtsverteidigung“. Das Kind, welches sich als unterlegen und hilflos erlebt, versucht sich Abhilfe zu schaffen. Kompensation der Minderwertigkeitsgefühle kann dann im Erwachsenenalter ein schneller Sportwagen, oder ein größeres Haus – also ein Statussymbol sein. Einige Menschen spielen dieses infantile Spiel im Erwachsenenalter auf politischer Ebene weiter: Meine Ideologie ist besser als deine. Deshalb müssen sie Andersdenkender entwürdigen und in den (eigentlich ihren!) Schmutz ziehen!

....insbesondere zum letzten Satz, werter Herr Johannsen.
Hier ein Auszug aus dem Spiegel von 1975!.
„Die Tagungen des PEN, sprach der Kritiker Marcel Reich-Ranicki, seien »weitgehend langweilig«, das Präsidium sei »unfähig oder faul«. »Dieser PEN«, schimpfte der Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) Horst Bingel, »verrottet still vor sich hin.« Und vom Katheder herab höhnte der Romancier Gerhard Zwerenz, »unser Zentrum mit Thilo Koch als Generalsekretär« gleiche in seiner »mediokren Bürgerlichkeit« und »wohlorganisierten Nutzlosigkeit«, seiner Sucht nach »immer größerer Repräsentanz« und seinem Hang nach »immer mehr Geheimdiplomatie« einem »Verein leicht verkalkter Herrenreiter, deren Pferde lahmen«.“
Hat sich irgendwie nix getan bei den PENern. Nach über 45 Jahren.
Das sollen Intellektuelle sein?

Ist eine schwer erträgliche Krawallschachtel und ein Selbstdarsteller vor dem Herrn, aber die Ehre, den zweiten Ausspruch getan zu haben, gebührt nicht ihm, sondern seiner (nicht minder unsympathischen) Kollegin Mely Kyak. So viel Zeit muss sein.

habe noch selten solch abscheulich respektlose Aussagen gehört.

Geht es Ihnen dadurch besser...?

Danke Herr Johannsen für die angefügten, erinnernden Zitate. Äußerst hilfreich zur Einordnung.
Und siehe da:
Wenn auch der beredten Art -
sind`s ja doch auch nur Menschen.
Womöglich gilt dies gar auch für Jene die, im großen Saal, mit mutig erhobener Hand Gott als Zeuge für Ihre geschulderte Last der Verantwortung für Alles und Jeden dieses Landes anrufen und "...ihn um Hilfe bitten."
" Mutig insofern weil sie wissen dass Gott natürlich weiß wer ihn da ruft bzw. missbraucht
So wird auch nicht Jedem und Jeder geholfen.
Nicht ohne Grund steht`s schon in den 10 Geboten:
Du sollst nicht heucheln.
Ist schwer durchzuhalten und völlig ohne geht`s auch bei den Bessensten und bestem Vorsatz nicht.
Der Kreis der Freunde wird und ist überschaubar.
Der Zorn der Edlen mitunter tödlich.
Und dann ist da nix mehr mit Bratwurst

Markus Michaelis | Do, 19. Mai 2022 - 18:41

Wieviel von der Erschütterung ist "nur" über die Umgangsformen und wieviel ist eine Erschütterung darüber, dass es zu Werten und Ansichten, die man als unverhandelbar ansieht, andere Werte und Ansichten gibt?

Karl-Heinz Weiß | Do, 19. Mai 2022 - 19:11

Als gewählter Vorsitzender einer Vereinigung sich derart abfällig über die eigene Organisation zu äußern-Kommentar überflüssig.
Aber auch eine Ex-Kanzlerin hatte sich sehr distanziert über die "ihr nahestehende Partei" geäußert, dabei aber das Wort "Bratwurstbude" vermieden.

Jens Böhme | Fr, 20. Mai 2022 - 07:04

Das Endes des westlichen Systems schreitet unaufhaltsam voran. Die Ideologiesierung gewinnt mehr und mehr Raum. Da bleibt man ratlos zurück: Bratwurst oder vegetarische Bratwurst?

Alexander Brand | Fr, 20. Mai 2022 - 07:25

Warum ist dieser Deutschenhasser überhaupt auf Druck der von ihm so verhaßten Deutschen aus dem Gefängnis seiner türkischen Heimat befreit worden?

Warum nimmt man diesen Hasser des deutschen Volks und dessen Traditionen in Deutschland überhaupt noch ernst? Warum wird er hofiert? Warum bekommt er Preise?

Warum macht man ihm wegen seiner Haßreden/-publikationen nicht den Prozeß? Wäre er ansatzweise rechts, wäre das längst geschehen!

Warum bekommt jemand mit solch asozialen Ansichten eine (öffentlich wahrnehmbare) Stelle angeboten?

Warum ist der Deutschenhasser Yücel überhaupt noch in Deutschland, es gibt auf der Welt viele schöne Länder in denen er uns Deutsche nicht mehr ertragen müßte?

Die fütternde Hand zu beißen ist nicht nur schlechter Stil, sondern auch ziemlich dumm!

Vermutlich liegt vieles darin begründet, daß die Deutschen das einzig mir bekannte Volk sind, das sich selbst am meisten verachtet!

...volle Zustimmung. Jetzt noch Rätsel ohne z und dann ist alles gut. ;-)

Was seinen Todeswunsch gegenüber Sarrazin betrifft, so hat Yüksel bereits eine saftige Strafe abbekommen. Wenn ich mich recht erinnere waren es um die 24 000 Euro. Ob er sich vor Gericht für seine grausliche Aussage in Richtung Sarrazin entschuldigt hat, entzieht sich leider meiner Kenntnis. Bekanntlich hat er ein Jahr lang in einem türkischen Gefängnis verbracht und dieses Mal war es wegen einer mutigen Recherche bezüglich der verbrecherischen Zusammenarbeit der türkischen Regierung mit dem IS. Ich denke, damit sollte es aber auch genug des Gegengrolls sein. Und dass sich Yüksel vehement für die Ukraine einsetzt, gebührt ihm zur Ehre, auch wenn ein Luftraum-Verbot über der Ukraine ein äußerst risikoreiches Unterfangen wäre. Eine solche Garantie hätte man den Russen besser vor dem Überfall auf die Ukraine machen sollen. Dann wäre es höchstwahrscheinlich gar nicht zu diesem erbärmlichen Krieg gekommen. Den Russen hätte man auch nicht die Reaktion der Nato verraten dürfen.

Dorothee Sehrt-Irrek | Fr, 20. Mai 2022 - 10:38

während der Merkeljahre, in vielerlei Hinsicht, aber das entschuldigt nicht Yücels evtl. "vülgäres Sprachniveau" und evtl. "ein-fältiges" politisches Denken.
Wer kämpft da in der Ukraine für wen?
Wie schön, dass Herr Yücel einfach antworten kann.
Aber ich sage ihm gleich, als Intellektueller hat man auch als Linker unter Linken manchmal GANZ SCHLECHTE KARTEN.
Wie geht es da Göttern?
Man trägt Raute oder wird nicht vielleicht doch eher zagend, poetisch oder verzweifelt?
War die knappe Mehrheit Yücel zu wenig?
Ist er gefälligst unantastbar?
Okay, er saß in der Türkei im Knast, das mag ihn verändert haben.
Diese Chance nicht noch einmal zu ergreifen, unfassbar.
Ich erinnere Che Guevara, dem die Intellektuellen der Welt zu Füßen lagen und der es nicht schaffte, einer zu bleiben, in Schönheit und Liebe zu den Menschen alt zu werden, wir versagten ihm das.
Wer kämpft in der Ukraine mit wessen Hilfe gegen wen?
Ich bin geschockt, unterschätze aber nicht auswärtige Interessen GEGEN WEN?
DRAMA

Ich hörte von ihm auch nichts zu "Cancelculture", zum Phänomen der Debatte hätte es auch einem Linken möglich sein sollen/müssen.
Vielleicht fehlt es den Linken an Argumenten?
Die einer notwendigen Hegemonie über lernunwillige böse Menschen wird es wohl heutzutage nicht mehr sein können.
Es braucht keine Lichtgestalt an der Spitze des Pen, aber Jemanden(Leute), der Sprache und Schrift, ich finde auch Lied, nach vorne bringen kann, ohne irgendetwas verkümmern oder verrohen zu lassen, also "weder Bonsai noch Latrine", auch nicht im Umfeld.
Wie wäre es mit einer/ Journalistin/?
Mir fällt Herr Greiner ein als Transformator oder Scout, Frau Radisch? Beide zusammen...

Juliana Keppelen | Fr, 20. Mai 2022 - 15:47

"ein Haufen selbstgerechter, lächerlicher, Möchtegernliteraten, ein Haufen von Spießern und Knallchargen". Na aber Hallo genau da hätte doch dieser Herr prima dazu gepasst. Vielleicht wollte es aber sein Ego nicht zulassen, dass er in diesem Verein nur einer unter vielen "Knallchargen" ist.

Ernst-Günther Konrad | Fr, 20. Mai 2022 - 15:55

Zu Yücel habe ich mich zu einem anderen Artikel bereits geäußert. Ich will mich mit ihm nicht mehr beschöftigen. Dennoch las ich den Artikel und insbesondere Ihre beiden Kommentare sprechen mir aus dem Herzen. Deshalb meinen Dank und allen Foristen schönes Wochenende.

Albert Schultheis | Sa, 21. Mai 2022 - 09:53

Sind Ihnen da nicht vielleicht die Kategorien etwas verrutscht? Die Fallhöhe zwischen einem Zola und dem Yüzel ist doch wahrlich abgründig. "... bei Lichte betrachtet nur der wirklich allerletzte Aufguss einer längst ungenießbar gewordenen Kontroverse." Der Club der Toten PENNER war seit Jahren so obsolet wie es totes Holz nur sein kann und dazu der Yücel als Präsident - das hat doch alles wahrlich übelstriechend syn-un-ästhetisch zusammengepasst. Daraus jetzt einen großen "Wumms" zu machen, ist doch etwas überzogen. Manche Kaninchenzüchtervereine alter weißer Männer und Frauen tun gut sich aufzulösen. Wir sollten nicht Intellektualität und Esprit fordern, wo rotzige narzisstische Bräsigkeit zuhause ist. Weg mit den Spinnweben und dem Muff von 100 Jahren!