Schmiedeeisernes Zunftzeichen an McDonalds Filiale in der Getreidegasse in Salzburg.
Schmiedeeisernes Zunftzeichen an McDonalds-Filiale in Salzburg / picture alliance / Daniel Kalker | Daniel Kalker

De-Globalisierung - Das zersplitterte Dorf

Einst ersehnt, heute gescheitert: die Globalisierung. Es scheint, als hätte die weltweite Vernetzung versagt. Wo das Weltbürgertum in der Krise ist, ist ein neues Bewusstsein für das Lokale geboten.

Autoreninfo

Björn Hayer ist habilitierter Germanist und arbeitet neben seiner Tätigkeit als Privatdozent für Literaturwissenschaft als Kritiker, Essayist und Autor.

So erreichen Sie Björn Hayer:

Wenn man die beharrlichste Utopie der Menschheitsgeschichte auf einen Begriff bringen will, dann wäre es wohl der des Weltbürgertums. Zu allen Zeiten und in beinah allen Gattungen und Denkschulen schlägt er sich nieder. Während Immanuel Kant philosophisch damit ein weltweites Gastrecht verband („Zum ewigen Frieden“), interpretierten es religiös motivierte Schriften, die von Gotthold Ephraim Lessings Drama „Nathan der Weise“ bis zu Hans Küngs „Weltethos“ reichen, als Ausdruck eines alle kulturellen Differenzen überwindenden, universellen Humanismus. 

Die Geschichte schien diesen großen Ideen zumindest für die Phase der Moderne recht zu geben. Zum einen beförderte die Erfindung des Internets, versehen mit Marshall McLuhans Vision vom globalen Dorf, die tatsächlich Vernetzung aller Menschen, zum anderen trug der Fall des Eisernen Vorhangs 1989 zunächst zu einem demokratischen Austausch vieler Staaten bei. Geboren war die Globalisierung. Auch wenn manche Historiker ihren Beginn schon mit Kolumbus‘ Entdeckung der Neuen Welt 1492 definieren, tritt sie im engeren Sinne vor allem um das Millennium herum in Erscheinung. Seit die sozialen Netzwerke entstanden, interagieren wir so intensiv wie nie zuvor miteinander, Handelshemmnisse wurden abgebaut. Trotzdem muss man eine ernüchternde Bilanz ziehen: Die planetare Verbrüderung ist gescheitert.

Auf gleich mehreren Ebenen zeigen sich die Auswüchse eines Traums, der in einen Albtraum umkippte. Blickt man auf die Gesellschaft, so macht sich überall das Gefühl einer fundamentalen Fremdheit bemerkbar. Wir diskutieren hoch und runter über Identität, graben mitunter hilflos nationalistische Fantasmagorien aus der Vergangenheit aus. Derweil werden in der Wirtschaft längst die Folgen von unendlich verzweigten Lieferketten offensichtlich, die immer wieder zu beklagten, aber nicht behobenen Menschrechtsverletzungen führen. 

Ideologische Paradoxien

Am deutlichsten zeugt jedoch das politische Geschäft vom Platzen der Seifenblase. Grenzöffnungen, ja oder nein? Diese Frage birgt inzwischen für jedes Lager Sprengstoff, weil sie krasseste Paradoxien in den eigenen Ideologien entlarvt. Forciert die Linke die Freizügigkeit von Personen, beklagt sie im gleichen Atemzug die Auswirkungen eines kalten, transnationalen Kapitalismus. Umgekehrt dazu die Konservativen. Sie wollen zuweilen den hürdenlosen Marktliberalismus, sehen hingegen die unkontrollierte Migration kritisch, auch wenn deutsche Christdemokraten die Personenfreizügigkeit an sich nie gänzlich infrage gestellt haben. 

Doch nicht nur an den echten, scheinbaren oder teilweisen Widersprüchen wird man der Bruchstellen im auratischen Konzept der Globalisierung gewahr. Noch markanter fördern sie die vermehrten Kriege zutage. Man gewinnt den Eindruck: Je mehr wir miteinander vernetzt sind und das Zeitgeschehen an allen Ecken und Enden der Welt synchron wahrnehmen, desto mehr Akteure mischen sich an diversen Fronten ein. Jeder Krieg entpuppt sich sodann als Stellvertreterkonflikt. Jeder beobachtet jeden, und jeder Staat steht mit seinen Karten im Spiel unter Druck. Gänzlich havariert ist indessen der Tanker der Vereinten Nationen. Mit ihren stumpfen Appellen erinnert sie an einen Priester, der vor peinlich leeren Kirchenbänken predigt. 


Die Beseitigung aller Grenzen, sie hat somit nicht pauschal für mehr Versöhnung gesorgt. Im Gegenteil, Misstrauen, Distanz oder gar Feindseligkeit haben in weiten Teilen zugenommen. Allzu grotesk muten dabei so manche Bestrebungen an, die Entfremdung aufzuhalten. Viele erhoffen sich von Abschiebungen das Heil, andere fordern eine Leitkultur. Angesichts dieser Emanzipationsversuche vom erdumspannenden Verbundensein ist wohl eine neue Ehrlichkeit geboten, jenseits aller gut gemeinten Romantik zur Völkerverständigung. Diesen Ruf weiter zu ignorieren, würde die Ränder stärken. Sie werben mit einfachen Antworten auf ein komplexes Ineinanderverschlungensein. Sie suggerieren, man könnte bestehende Abhängigkeiten einfach kappen mit Slogans wie America oder Germany first. Dass zur Wahrheit der Gemengelage aber auch die Erkenntnis von durchaus gelingenden Staatenbünden gehört, verschweigen sie. 

Keine Frage: Man muss den Zustand der aktuellen EU kritisch betrachten. Vor allem auch, weil das Treiben der Kommission nebst seiner durch mehrere Misstrauensvoten belasteten Präsidentin kaum noch demokratisch abgesichert ist. Ebenso scheinen auch die anwachsende Bürokratie und die ständig Mikroregulierung durch Europas oberste Behörden kaum noch mit dem Ansinnen der Bürger vereinbar zu sein. Dennoch wirkt die EU – bislang zumindest – als Garant für Frieden und Austausch unter den einstmals verfeindeten Völkern. Wenn man somit ehrlich über Herausforderungen der Globalisierung nachdenkt, so kann eine totale Abschottung also kaum die Lösung sein.

Zurück zu den Regionen!

Statt einem reinen Entweder-oder erweist sich daher ein Sowohl-als-auch mit einer Neujustierung des Verhältnisses lokal–global als sinnvoll. Gewiss, aller Bemühungen um Diplomatie, Dialog und Gemeinsamkeiten bedarf es auch zukünftig. Aber wer nicht will, dass die Globalisierung die Demokratisierung abwickelt, muss verstärkt die Regionen im Blick haben. Aktuell krebsen zumindest in Deutschland die Kommunen schauerlich vor sich hin, werden derart mit Mehraufgaben und zusätzlichen Schulden belastet, dass sie einem Insekt im Sand gleichen. Manches Stadtparlament ist zum Abnickparlament verkommen, weil es längst keine Spielräume mehr zur Gestaltung sieht. Das bekommen auch die Menschen mit – wenn Schwimmbäder geschlossen und Buslinien eigenstellt werden. Die damit verbundene Ohnmacht mündet in einen diffusen Zorn, auf „die da oben“ oder unterschiedliche Randgruppen. Dahinter verbirgt sich auch ein Unbehagen am Unfassbaren und Abstrakten. Die indirekte Wirkung der Globalisierung erzeugt fehlgeleitete Resonanzen.

Die Entwicklung hin zum Planetaren bringt somit die politischen Systeme in Bedrängnis. Die Macht der Big Player Google, Amazon & Co. wirft demokratietheoretische Fragen auf und sorgt für Ängste. Nur, was tun? Wo Menschen unter Entfremdung leiden, ist Mitbestimmung vonnöten. Sie könnte dem Trend, Fehlerursachen ins globale Nirwana zu verschieben, etwas entgegensetzen. 

Die partielle De-Globalisierung oder, wie es der Publizist Zygmunt Bauman einmal nannte: Glokalisierung sollten wir als Chance begreifen, vor Ort wieder mehr Individualität zu erproben, die kleinen Innenstädte von den alles gleichmachenden Ketten zu befreien, die Straßen zu verschönern, Schul- und Behördenstrukturen zu entbürokratisieren, ungewöhnliche, innovative Modelle für den öffentlichen Nahverkehr auszutesten. Man bekäme wieder das Gefühl, dass die einzelne Stimme im Gemeinderat einen Unterschied macht. Regionen würden sich profilieren, nicht im Wettstreit, dafür durch Ideen und Selbstbewusstsein. Ein neuer Zusammenhalt in der Gesellschaft könnte in diesen Mikrokosmen entstehen, der – so zumindest die Hoffnung – irgendwann einmal wieder verstärkt ins Globale ausstrahlen dürfte.

Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.

Jens Böhme | Di., 21. Oktober 2025 - 23:30

Globalisierung funktionierte in der Kolonialzeit. Das was man heute Globalisierung nennt, ist Neoproletarismus: alle seien gleich, alle wollen das Gleiche, alle seien friedliebend handelnd. Die menschliche Evolution beruht ausschliesslich auf Verschiedenheit und Kampf. Wer an die Beschwörungen glaubt, Konflikte und Probleme seien gewaltlos lösbar, sollte in die Neugeborenen- und Kleinkindererziehung schauen. Ohne mindestens verbale und handlungsorientierte Gewalt ist keine Erziehung möglich.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mi., 22. Oktober 2025 - 09:08

Herr Hayer.
Las Ihre Vita bei Wikipedia, sehr beeindruckend und für mich daher verständlich, dass Sie evtl. einerseits auf weltumspannnenden Humanismus und Dekonstruktion trennender, in Ihren Augen dann doch wohl konstruierter Grenzen und auf der anderen Seite, fast romantisch anmutend, natürliche Regionalitäten setzen möchten?
Zum einen ist das schon ein älteres Konzept für die EU als Stärkung der Regionen bei gleichzeitiger "Integration der Staaten", zum anderen, ist es Ihnen nie in den Sinn gekommen, dass Staaten ebenfalls nicht nur zu dekonstruierende Gebilde seien, sondern regional entfaltete "Steten"?
Macht es Sinn, auf Regionen zurück-zugehen und andererseits "Steten" noch eine Stufe höher zu "konstruieren".
Damit sind wir vielleicht an der Kritik von Herrn Pietzcker an Frau Elmigers Buch angekommen?
Es macht soviel Sinn, wenn sich verschiedene Ausgangspunkte, ob rechts, links, dereguliert oder on Top, jedenfalls begegnen und nicht bekämpfen.
Ein Traum?
"Ein Ort. Irgendwo"
Sein

"Nathan dem Weisen" anführen, möchte ich diesbezüglich anmerken, dass Lessing klar einen VATER aller Religionen anruft, was dem christlichen Verständnis sehr nahe ist, in ihm aufkeimt, nicht aber in dem Masse und der Verbundenheit in anderen Religionen?
Hat Christus nicht vielleicht diesen kosmischen Gottvater angerufen in seinem Vaterunser und folgt daraus nicht genau seines "Liebesreligion"?
Lessing war Aufklärer und vielleicht konstruierte er einen allgemeinen Vater als Forderung der Vernunft?
Kant immerhin entfaltet seinen Vernunftbegriff auf dieser allgemeinen Grundlage, aber er entfaltet.
Sein Göttliches ist kein Konstrukt, sondern lebendige Seele des Kosmos.
Ich denke schon, dass er an die Königin der Nacht, sowie Athene als deren Tochter dachte und auf der anderen Seite an einen apriori kosmischen Gott, der in Jesus Christus lebendig wurde.
Wir sind mittlerweile soweit, dass wir uns alle als im Göttlichen wissen können und das Göttliche in uns.
So kommen wir überall je überein?

Ernst-Günther Konrad | Mi., 22. Oktober 2025 - 10:29

Wenn es so ist, wie Sie es vermuten und wie ich auch für mich ganz persönlich es sehe, frage ich nur, ob es die Globalisten wissen? Inzwischen habe ich den Eindruck, sie wissen es längst und wollen aus Zorn und Verärgerung darüber, dass ihre Pläne doch nicht so aufgehen, nach dem Prinzip der *verbrannten* Erde überall Zerstörung, menschliches Leid und Chaos hinterlassen. Und wie wird man den Weg *back to the roots*, wieder hin zum lokalen denken und wirtschaften zu führen, versuchen zu verhindern? Wird man wieder den Vorwurf des Nationalismus auspacken, über deutsche Grenzen hinweg die *Nazikeule* neu auspacken, die bei uns bereits zerbröselt ist, am harten Körper der Realität und dem sukzessiven Erwachen der trägen Bürger? Der kleinste gemeinsame Nenner war mal die Familie, die man teils erfolgreich zerstört hat. Würde die wieder erstarken, würde erstmal wieder der Zusammenhalt der kleinsten Zelle des Staates wieder funktionieren? Wenn ja, dann hätte ich Hoffnung auf Änderung.