Bücher des Monats - Das Schweigen des Papstes

Wie der neue Goldhagen uralte Vorwürfe gegen die Kirche aufwärmt – und warum den Vatikan das kalt lässt

1996 hat Daniel Jonah Goldhagen das ganze deutsche Volk mit seinem Buch «Hitlers willige Vollstrecker» auf die Anklagebank gesetzt. Obwohl er damit in den Augen der Fachkritik gescheitert ist, versucht er das Gleiche nun noch einmal mit der katholischen Kirche, insbesondere mit Papst Pius XII. Das überrascht nicht, reiht Goldhagen sich doch damit nur in jene stattliche Phalanx ein, die sich auf Hochhuths dramatischen Fanfarenstoß «Der Stellvertreter» von 1963 hin formiert hatte und die seither eine literarische Attacke nach der anderen gegen die Mauern des Vatikans reitet, sicher, damit jedesmal aufs Neue Auflagen zu erzielen, die jeden Historiker von Profession vor Neid erblassen lassen.

Was also sagt der neue Goldhagen 2002? Seine eigentliche These lautet, dass der katholischen Kirche die Schuld am Antisemitismus der westlichen Welt anzulasten sei, ja dass Katholizismus und Antisemitis­mus identisch seien, und zwar von Anfang an und per definitionem. Schon die Verfasser des Neuen Testaments hätten Fälschungen und Lügen über die Juden verbreitet, das Kreuz sei das antisemitische Symbol schlechthin.

Diese Behauptung ist schlechterdings absurd. Die Verfasser der neutestamentli­chen Schriften waren doch – vielleicht mit der einen Ausnahme des Lukas – selbst Juden. Will Goldhagen bei ihnen einen jüdischen Antisemitismus feststellen? Wenn immer der Bestseller-Autor im Weiteren suggeriert, das ganze katholische Kirchenwesen in Theorie und Praxis sei auf der Basis eines grundsätzlichen Antisemitismus errichtet, so verrät er damit, dass er vom Katholizismus ebenso viel Ahnung hat wie Fausts Gretchen von Mikroelektronik. Hätte Goldhagen mit seiner These Recht, der Katholik sei notwen­di­gerweise Antisemit und der Antisemitis­mus sei identisch mit Katholizismus – ja, dann wären Hitlers (wahrlich nicht aus Kirchgän­gern bestehende) SA- und SS-Horden nichts anderes als Unterabteilungen des katholischen Jungmännerverbandes gewesen. Es ist erstaunlich, was Goldhagen seinen Lesern vorsetzen zu dürfen glaubt.

Fragt man nach Belegen für derart abenteuerliche Thesen, dann bleibt der Autor die Antwort schuldig. Goldhagen 2002 lebt nur aus zweiter Hand, kennt keine einzige Originalquelle und ist deshalb auch völlig abhängig von jenen, deren Irrtümer er abschreibt – etwa von John Cornwell, der 1999 mit seinem Buch «Pius XII. Der Papst, der geschwiegen hat» Aufsehen erregte. Und: was Goldhagens Thesen widerspricht, wird ignoriert oder abqualifiziert. Weil ihm darüber hinaus die nötigen Sprachkenntnis­se fehlen, ist er bei der Rezeption der deutschen Forschung auf Übersetzungen ins Eng­lische angewiesen. Sein Wissensstand endet deshalb mit dem Jahr 1965. Mit diesen Feststellungen könnte man die Diskussion eigentlich beenden.


Die Nazis waren anderer Meinung

Indes sollten doch einige Beispiele für die zahlreichen historischen Fehlinformationen in diesem Buch angeführt werden. So be­haup­tet Goldhagen, der Heilige Stuhl sei die erste «Macht» gewesen, die mit Hitler einen völkerrechtlich gültigen Vertrag abgeschlossen und damit das Nazi-Reich international salonfähig gemacht habe. Wahr ist, dass solche Vereinbarungen bereits existierten, bevor das Reichskonkordat zustande kam: Zwi­schen Deutschland, Frankreich, Italien und England war ein Vier-Mächte-Abkommen unterzeichnet worden, gleichzeitig hatte das nationalsozialistische Reich, diplomatisch allgemein anerkannt, an den Genfer Abrüs­tungsverhandlungen teilgenommen und mit Russland und Italien einen Nichtangriffspakt geschlossen.

Geradezu unfassbar ist, wie Goldhagen die Enzyklika von Pius XI. «Mit brennender Sorge» von 1937 verfälscht. In Wirklichkeit hatte das Schreiben – als dessen Verfasser der Münchner Kardinal Faulhaber und Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., zweifelsfrei feststehen – die bislang schärfste Verurteilung des nationalsozialistischen Ideengutes zum Inhalt, namentlich des Rassismus. Von den nicht wenigen vati­kanischen Antirassismus-Dekreten und der besonderen Verurteilung des Antisemitis­mus von 1928 hat Goldhagen keine Ahnung. Bezeichnend ist auch die Verzerrung eines von Pacelli unterschriebenen Berichtes aus München von 1919, der – in einer sinnentstellenden englischen Übersetzung zitiert – als Beweis für Pacellis Antisemitismus herhalten muss.

Goldhagen ist davon überzeugt: «Doch allein den Juden – und keiner ande­ren Gruppe – hat die Kirche vorsätzlich, aktiv und konsequent Schaden zugefügt und ihrem Leiden Vorschub geleistet, vom unge­heu­ren Ausmaß des Unrechts und Leidens ganz zu schweigen.» Die an Zahl und Gewicht höchst eindrucksvollen Zeugnisse von Juden, die der katholischen Kirche für Hilfe in ihrer Not gedankt haben, werden als in­te­res­sen­bedingt diffamiert. Und dass der römische Oberrabbiner Zolli nach (!) der Befreiung vom Nationalsozialismus zum Katholizis­mus konvertierte und zum Dank für die von Pius XII. genossene Unterstützung dessen Taufnamen Eugenio annahm – das wird von Goldhagen ebenso geflissentlich verschwiegen wie vieles andere, das seine Anschuldigungen Lügen strafen würde. Selective History! Man wundert sich, dass ein solches Buch das Verlagslektorat passieren konnte.

Wenn Goldhagen der katholischen Kirche einen fundamentalen Antisemitis­mus unterstellt, dann ist dabei nicht uninte­ressant, wie dies eigentlich die Gefolgsleute Hitlers sahen. Das Buch des Bayreuther Poli­tologen Konrad Löw «Die Schuld. Christen und Juden im Urteil der Nationalsozialisten und der Gegenwart» (2002) gibt hierauf eine gut dokumentierte Antwort. Zunächst stellt Löw fest, dass die katholische Kirche in Deutschland den aufkommenden Rassis­mus mit aller Deutlichkeit verurteilt habe, was für viele Juden (!) ein Grund war, der ka­tholischen Zentrumspartei ihre Stimme zu geben. Von Antisemitismus der Katholiken in ihrer Gesamtheit kann nicht die Rede sein.

Die Nazis erblickten in den «Schwarzen», wie sie die Katholiken nannten, «Bun­desgenossen des jüdischen Mordgesindels». Das zeigt etwa ein Aufruf, den der «Völkische Beobachter» am 11. November 1938 veröffentlichte, also unmittelbar nach dem reichs­weiten Pogrom gegen die Juden: «Das natio­nalsozialistische München demons­triert heu­te abend 20 Uhr in 20 Massenkundgebungen … gegen das Weltjudentum und seine schwarzen und roten Bundesgenossen.» Auf den Straßen grölte der braune Pöbel: «Die alte Judenschande ist endlich ausgefegt – die schwarze Lügenbande wühlt weiter unentwegt … Jetzt ist’s genug mit der Faulhaberei [gemeint ist Kardinal Faulhaber] … an den Galgen, den er längst verdient.» Und: was jüdischen Häusern geschah, widerfuhr auch dem Amtssitz des Kar­dinals und manchen Kirchen in der Stadt. Äußerungen von Hitler, Rosenberg, Goebbels, Himmler oder Bormann belegen, dass in ihrer Weltsicht Juden und Christen zusammengehörten. Für sie war die Kirche ein Ableger des Judentums, mit ihm verwandt und deshalb gleichermaßen ein Feind des Reiches.

Ende 1940 schrieb Albert Einstein: «Nur die katholische Kirche protestierte gegen den Angriff Hitlers auf die Freiheit. Bis da­hin war ich nicht an der Kirche interessiert, doch heute empfinde ich große Bewunderung für die Kirche, die als Einzige den Mut hatte, für geistige Wahrheit und sittliche Frei­heit zu kämpfen.» Wann endlich setzt sich die Erkenntnis durch, dass Hitler nach der «End­lösung der Judenfrage» die «Endlösung der Katholikenfrage» in Angriff nehmen wollte (den Endsieg vorausgesetzt)? Man lese dies nach bei Wolfgang Dierker, «Himmlers Glau­benskrieger. Der Sicherheitsdienst der SS und seine Religionspolitik 1933–1941».


Moralischer Overkill

Am Ende fragt man sich, welche Vorstellungen Goldhagen eigentlich von einer seriösen intellektuellen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hat, wenn es ihm denn überhaupt um eine solche geht und nicht um einen moralischen Overkill. Der Historiker ist, wenn er sein Handwerk recht versteht, weder Ankläger noch Verteidiger. Auch nicht Richter, und schon gar nicht Scharfrichter, als der sich Goldhagen – mit welcher Legitimation? – offensichtlich geriert. Der Historiker erfüllt seinen Beruf nur dann, wenn er zu ergründen versucht, wie, weshalb, mit welchem Ziel, aus welchen Gründen und mit welchen Folgen sich ge­schicht­liches Handeln und Leiden ergeben haben. Und dies auf Grund umfassend ermittelter, solider und solide interpretierter Quellenzeugnisse.

So gesehen hätte sich Goldhagen etwa fragen müssen, welche Wurzeln der Antisemitismus hatte. Der Gottesmord-Vorwurf reicht dazu nicht aus. Da wäre zu bedenken gewesen, dass ethnische oder religiöse Minderheiten ganz allgemein gefährdet sind, und die Juden waren und sind eine solche Minderheit. Sind es alsdann eher ethnische Grün­de, die zur Ablehnung und Verfolgung einer solchen Gruppe führen, oder religiöse Moti­ve? Dienen diese vielleicht nur als Vorwand für ganz andere – etwa ökonomische – Inte­res­sen?

Fragen soziologischer, sozialpsychologischer, kulturpsychologischer Art wären also zu stellen gewesen, wenn man dem Phänomen des rassischen Antisemitismus – der vom religiös motivierten Antijudaismus zu unterscheiden ist – auf den Grund hätte gehen wollen. Diese Chance hat Goldhagen verpasst. Sein Buch hat außer grotesken Verzerrungen nichts Neues zu bieten, enthält viele ermüdende Wiederholungen und ist langweilig zu lesen.

Was mag einen Verlag, was einen Autor bewogen haben, dem Publikum solches zuzumuten? Hatte Karl Jaspers Recht, als er meinte, ein «Angriff auf den Papst hat Zugkraft», oder genügt zur Erklärung gar Vespasians berüchtigtes «Non olet»? Den damit angedeuteten Zweck wird das Buch jedenfalls erfüllen. Jaspers wird – wieder einmal – Recht behalten. Viele werden sich in ihren antikatholischen Vorurteilen bestätigt sehen. Der katholischen Kirche ist trotz allem Gelassenheit zu empfehlen. Sie hat schon manchen Goldhagen überlebt.

 

Walter Brandmüller ist Präsident des päpstlichen Komitees der Geschichts­wissen-­schaften im Vatikan und emeritierter Professor für Kirchengeschichte.

 

Daniel Jonah Goldhagen
Die katholische Kirche und der Holocaust. Eine Untersuchung über Schuld und Sühne
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Griese.
Siedler, Berlin 2002. 496 S., 24,90 €

 

Außerdem:

John Cornwell
Pius XII. Der Papst, der geschwiegen hat
Aus dem Englischen von Klaus Kochmann.
Ullstein TB, München 2001. 488 S., 9,50 €

Konrad Löw
Die Schuld. Christen und Juden im Urteil der Nationalsozialisten und der Gegenwart
Verlag Ingo Resch, Gräfelfing 2002. 368 S., 24 €

Wolfgang Dierker
Himmlers Glaubenskrieger. Der Sicherheitsdienst der SS und seine Religionspolitik 1933–1941
F. Schöningh, Paderborn 2002. 639 S., 82,20 €

José M. Sanchez
Pius XII. and the Holocaust. Understanding the Controversy
Catholic University of America Press, Washington 2002. 190 S., 43,31 € (auf Deutsch demnächst bei F. Schöningh)

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