- Harald Burkart liest „Systemversagen“
Deutschland steckt nicht in einer Krise – es steckt in einem Systemfehler. Der Journalist Gabor Steingart seziert nicht einzelne Krisen, sondern die Strukturen dahinter – und kommt zu einem ernüchternden Befund: Deutschlands Niedergang ist politisch gemacht.
Gabor Steingarts „Systemversagen“ ist kein Wohlfühltext, sondern eine Diagnose. Steingart gehört zu den wenigen Journalisten dieses Landes, die nicht Symptome, sondern das Organ untersuchen. Ergebnis: Nicht einzelne Krisen bedrohen Deutschland, sondern ein strukturelles Versagen seiner Institutionen. Der Abstieg ist das Resultat der Bequemlichkeit einer Politikerklasse, die aus Angst, dem Wähler reinen Wein einzuschenken, auf tragfähige Reformen zu verzichten scheint.
Seit 2017 schrumpfen die Exportanteile, und wenn man den schuldenfinanzierten Booster herausrechnet, schrumpft bereits die Wirtschaft insgesamt. Das Wachstum ist also künstlich und belastet künftige Generationen. Dennoch regiert der Glaube an Regulierung, Subventionen und Schulden. Besonders scharf ist Steingarts Blick auf den Sozialstaat. Heute fließt jeder vierte Euro des Bundeshaushalts in die gesetzliche Rente: 126 Milliarden Euro bei 420 Milliarden Euro Bundeseinnahmen – Jahr für Jahr – mit steigender Tendenz. Ein System, das demografisch nicht funktioniert, wird künstlich am Leben gehalten.
Auf Pump in die Zukunft
Das ist auch das Motiv meines eigenen politischen Kampfes gegen die durch Ministerin Bas hineingeschmuggelte „Stabilisierung“ des Rentenniveaus bis 2040 (vereinbart war dies im Koalitionsvertrag lediglich bis 2031, um eine Rentenreform zu erarbeiten). Wir von der Jungen Union haben befürchtet, dass sich die Regierung nicht an die Rentenreform traut und das Problem in die Zukunft verlagern möchte. Wer hier von „Stabilisierung“ spricht, betreibt Schönfärberei.
Bereits jetzt beträgt die jährliche Nettokreditaufnahme rund 100 Milliarden Euro. Prognosen erwarten eine dramatische Zuspitzung: Bis 2050 könnten laut ifo-Institut 60 Prozent des Bundeshaushalts für Rentenzuschüsse aufgewendet werden, das Bundesfinanzministerium hält sogar 80 Prozent für möglich. Wie kann ein Land mit schrumpfender Erwerbsbevölkerung und fast 40 Prozent Sozialabgaben diese Entwicklung aufhalten? Steingart benennt ein Grundproblem: Die Wahrheit ist bekannt, aber unerwünscht. Reformen werden vertagt, weil sie unpopulär sind. Stattdessen wird suggeriert, es gehe nur um „ein paar Milliarden mehr“, dann könne alles so bleiben, wie es ist. Diese Illusion nennt Steingart systemgefährdend.
Das teuerste Versäumnis der Republik
Besonders überzeugend ist er, wo er dem umlagefinanzierten ein kapitalgedecktes Rentensystem gegenüberstellt und vorrechnet: Ein Arbeitnehmer mit 65 000 Euro Bruttogehalt, der statt Rentenbeiträgen 1000 Euro monatlich über 40 Jahre anlegt, käme bei einer durchschnittlichen Verzinsung von 8 Prozent auf eine Auszahlung von rund 3,2 Millionen Euro. Eingezahlt hätte er nur 480 000 Euro. Die Differenz von etwa 2,7 Millionen Euro ist kein neoliberaler Trick, sondern der Effekt von Zins und Zinseszins. Es geht weder darum, heutigen Rentnern etwas wegzunehmen noch künftigen falsche Versprechen zu machen. Sondern Verantwortung neu zu organisieren – nicht zwischen Alt und Jung, sondern zwischen Gegenwart und Zukunft. Dass andere Länder dies längst verstanden haben, macht den deutschen Reformstau umso frappierender. Norwegen etwa richtete bereits 1967 einen Staatsfonds ein, der allein 2024 eine Rendite von 13 Prozent erzielte.
„Systemversagen“ ist ein Buch für Leser, die unbequeme Wahrheiten aushalten. Steingart überzeichnet gelegentlich, das ist wohl Ausdruck von Ungeduld – und die ist angesichts der Zahlen berechtigt.
Wer verstehen will, warum Deutschland immer weniger Zukunftsvertrauen ausstrahlt, sollte dieses Buch lesen.
Gabor Steingart: Systemversagen. Penguin, München 2025. 564 Seiten, 30€

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