Daniel Haas
Daniel Haas / Lea Sofia Fichtner

„Das Interview“ mit Daniel Haas - „Die Essenz eines gelungenen Lebens sind Liebe und Freundschaft“

Daniel Haas versteht Einsamkeit als Grundthema unserer Zeit – und seiner eigenen Biografie. Er spricht über Scham, familiäres Schweigen und das Gefühl, selbst im Kreis von Freunden isoliert zu sein. Und darüber, wie Verbundenheit neu entstehen kann.

Autoreninfo

Christine Zinner studierte Sozialwissenschaften und Literaturwissenschaft und ist freie Journalistin.

So erreichen Sie Christine Zinner:

Das Interview“ ist die neue Bühne für Gespräche, die über das Tagesgeschehen hinaus Bestand haben. Nachdenklich, klug und intim widmet sich das Format den großen Fragen unserer Zeit – vom gesellschaftlichen Zeitgeist bis zu den ganz persönlichen Lebenswegen der Gesprächspartner. Zu Gast sind bekannte Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Medienwelt, die Einblicke gewähren, die oft verborgen bleiben. Jeden Donnerstag erscheint „Das Interview“ auf Cicero Online.

Daniel Haas, Jahrgang 1967, lebt als freier Journalist und Autor in Hamburg. Er war Kulturredakteur bei Spiegel Online, arbeitete bei der FAZ, der Zeit und der NZZ. Er veröffentlicht auch in Cicero.

Herr Haas, was bedeutet Einsamkeit für Sie?

Man kann Einsamkeit als gesellschaftspolitisches, psychologisches und soziologisches Phänomen betrachten. Aber die verbreitete Annahme, dass sie ein Mangel an Verbindungen und Kontakten sei, ist meiner Ansicht nach falsch. Für mich ist ein Mangel an Zugehörigkeit der rote Faden, der sich durch Einsamkeitsprobleme zieht. Man kann sehr gut vernetzt sein und trotzdem dieses nagende Gefühl verspüren, nicht dazuzugehören.

Als Journalist und Autor beschäftigen Sie sich nicht nur in Ihrem neuen Buch mit dem Thema. Sie schreiben im Spiegel seit 2024 die Einsamkeits-Kolumne „Me, myself and I“. Wie kam es dazu?

2019 hatte ich einen psychischen Zusammenbruch, dann kam Covid obendrauf. Ab 2023 war ich wieder konsolidiert, schleppte aber weiter dieses Einsamkeitsgefühl mit mir herum – trotz guter Freunde und eines Support-Systems, wie man auf Neudeutsch sagt. Dank meines Berufs konnte ich dieses Dilemma in einen Schreibimpuls verwandeln.

Ihr Buch „Einsamsein“ ist eine Art Bekenntnis, wenn nicht eine Entblößung. Hat Sie diese Offenheit Überwindung gekostet?

Beim Schreiben nicht, aber im Nachgang, in Gesprächen, Interviews und bei Auftritten schon. Wenn ich so ausgiebig über mich und mein Erleben spreche, wird mir bewusst, dass das Buch streckenweise schonungslos ist.

„Einsamsein“ beginnt im Sommer 2021. Da steckten Sie in einer Erschöpfungsdepression mit psychotischen Tendenzen fest. Was bedeutet das genau?

Mein Zusammenbruch fing mit massivem Schlafentzug und sich steigernden Ängsten an. Ich schlief nur noch zwei Stunden am Tag. Eine große innere Agitation setzte ein, irgendwann kamen Verwirrung und eine auf Dauer gestellte Panik dazu. Äußerlich war ich annähernd gelähmt, innerlich tobte ein Sturm aus Ängsten, Panik und Stress.

Wie landet man in so einer Situation?

Die gängige Befund lautet: Überarbeitung. Aber das tatsächliche Problem ist Scham. Die Scham, den Status einzubüßen, als Versager zu gelten, selbst wenn man längst am Versagen ist. Diese Verzerrung des Selbstbildes kann fatal sein. Meine damalige Partnerin hatte das lange vor mir begriffen und sagte: „Du packst das nicht mehr lange. Du bist bist am Ende.“ Ich habe abgewiegelt und weitergemacht.

Freiberufliche Journalisten gelten, neben Pflegefachkräften und Ärzten, als besonders burnout-gefährdet. Liegt das am hohen Maß der Identifikation mit dem Beruf?

So ein Drama kann auch ein Finanzbeamter oder die Fachkraft im Supermarkt erleben, das hängt von der Persönlichkeit ab. Ein hohes Arbeitsethos, großes Verantwortungsgefühl, Loyalität, vielleicht auch eine gewisse Rigidität – und irgendwann denkt man: „Ich kann jetzt nicht aufhören. Wie stehen dann die anderen da? Wie kommen die ohne mich aus?“


Damals erhielten Sie einen Anruf Ihrer Mutter, sie wolle in der Schweiz assistierten Suizid begehen. Ein drastischer Moment.

Ich stand, durch den Burnout komplett verwahrlost, in meiner vermüllten Wohnung und lauschte ihrer Stimme wie einer Märchenerzählerin, die eine phantastische Geschichte erzählt. Dann brach ich in Tränen aus. Es klingt kitschig, aber es war der erste Moment nach vielen Jahren, in dem ich deutlich empfand, wie viel sie mir bedeutete.

Sie beschreiben das Verhältnis zu Ihrer Mutter als distanziert. Sie sei vor allem kultiviert gewesen. Was hat Kultiviertheit mit Einsamkeit zu tun?

Mit der sogenannten Kultiviertheit wurde in meiner Familie über das Einsamsein hinweggetäuscht. Man lebte isoliert und abgeschottet auf höchstem Niveau. Meine Mutter war anders als ich bereit, die Konsequenzen dieses Lebensstils zu tragen. Sie war niemand, der gejammert hätte. Sie hat das bis zum Finale durchgezogen.

Das erste Kapitel von „Einsamsein” handelt von ihren Eltern: eine schöne Mutter aus altem Adel, ein deutlich älterer Unternehmer. Für mich klang diese Ehe nach einem Deal, einem Handel.

Das stimmt, da war viel Tauschlogik im Spiel. Entsprechend hat mich die Frage, was die beiden wirklich verband, lange beschäftigt. Heute würde man sagen, sie hatte Daddy Issues. Ihr Vater war ein preußischer Wehrmachtsoffizier, der sie ohne Ende drillte. In ihrem über zwanzig Jahre älteren Ehemann hatte sie einen Vaterersatz gefunden, einen Mann, der humorvoll, großzügig und selbstironisch war.

Geld ist ein wiederkehrendes Thema in Ihrem Buch. Ihr Vater war ein vermögender Erbe, am Ende suizidierte er sich, pleite, verzweifelt und einsam.

Ja, er fingierte einen Autounfall, damit meine Mutter das Geld der Lebensversicherung einstreichen konnte. Ein Blutopfer. Das im Nachgang zu begreifen, war furchtbar. Und es war mit einem Schweigegebot verbunden, wir durften nicht darüber reden. Das machte alles noch schlimmer. Mein Vater galt als Märtyrer. Gleichzeitig war er der Mann, der uns im Stich gelassen hatte.

Sie schreiben an einer Stelle: „Wir sind so einsam wie die Geheimnisse, von denen wir glauben, sie ließen eine Verbindung mit anderen nicht zu.“

Das sind die Stichworte: Ehrlichkeit und Scham. Der Glaube, mit dieser Sache, diesem Problem kann ich mich niemandem zumuten, dieser Glaube kann in den Abgrund führen. Ich habe damals versucht, den Burnout zu leugnen, anstatt der Partnerin und dem Arbeitgeber zu sagen: „Sorry, ich kann nicht mehr.“ Aber die Psyche verfährt quasi ökonomisch, sie präsentiert dir irgendwann die Quittung und nimmt dich vom Spielfeld. So gesehen ist ein Burnout, so schrecklich er sein mag, eine selbsterhaltende Maßnahme. Die Psyche versucht, uns aus der Gefahrenzone zu bugsieren.  

Noch einmal zum Thema Geld und wie es Einsamkeit verstärken kann: Kurz vor dem Suizid Ihrer Mutter sind Sie zu ihr in die Schweiz gefahren. Sie sollten ein großes Erbe antreten.  

Ja, und die Vorstellung, ein paar Millionen zu erben, war berauschend. Dann kam die Pointe: Nach dem Tod meiner Mutter erfuhr ich von ihrem letzten Lebensgefährten, einem ehemaligen Antiquitätenhändler und Privatier, dass er alles mit Daytrading verloren hatte. Wie ein Zocker in der Spielbank hatte er die Kontrolle verloren. Und wie meine Mutter und ich war er über die Jahre sehr einsam geworden.

Haben Sie ihm verziehen?

Ja, und darüber bin ich selbst erstaunt. Irgendwann wurde mir klar: Er hatte meine Mutter betreut wie ein Privatsekretär, Pfleger und Ratgeber in einem. Er hat all das getan, was ein liebender Sohn hätte tun sollen. Ich stand tief in seiner Schuld.

Nach dem Tod Ihrer Mutter kamen Sie zu Kräften und stürzten sich ins Nachtleben. Im zweiten, „Sehnsucht“ betitelten Kapitel beschreiben Sie diese Zeit.  Sie lernen Esther kennen, eine Frau, die ebenfalls einsam ist, obwohl sie Familie hat. Ihr Verliebtsein beschreiben Sie als „Besessenheit“.

Esther sollte mich vor dem Einsamsein retten, deshalb habe ich sie eingedeckt mit Projektionen, Ansprüchen und Wünschen. Ich hatte eine präzise Vorstellung, und die sollte sich um jeden Preis erfüllen. Ein Zirkelschluss: Man beweist genau das, was man vorausgesetzt hat. Ich hatte vorausgesetzt: Das wird eine Jahrhundertliebe, eine Wiedergutmachung für die tatsächlichen und eingebildeten Ungerechtigkeiten in meinem Leben. Die Wirklichkeit war jedoch viel komplexer.

Und am Ende trennt sie sich von ihrem Mann und gibt Ihnen den Laufpass. Das ist fast schon ironisch, oder?

Sie war eine selbstbewusste und scharfsinnige Frau, die erkannte: Mit diesem schrägen Vogel kann ich nicht glücklich werden. Sie wusste, dass sie vereinsamen würde an der Seite eines selbstbezogenen Mannes, der sie als Trost und Trophäe brauchte, aber nicht wirklich erkannte und respektierte.

Ihr bester Freund Friedrich sei von Anfang gegen diese Verbindung gewesen, schreiben Sie. Es wäre fast zum Bruch mit ihm gekommen.

Er wusste, dass Esther und ich uns auf Dauer massiv schaden würden. Und weil er ein rabiater Typ ist, sagte er: „Ich kündige dir die Freundschaft, wenn du diese Geschichte nicht beendest. Ich bin nicht das Publikum deiner Zerstörung.“ Ich habe Esther dann heimlich weiter getroffen. Im Rückblick ein so verzweifeltes wie beschämendes Verhalten.

Sie haben die Freundschaft zum Glück retten können. Nach dem Scheitern der Affäre mit Esther sind Sie zu ihm gefahren und haben ihm gestanden, dass Sie ihn über Monate belogen haben. Er hat das belächelt.

Im richtigen Moment war er großmütig. Er wusste genau: Der Junge ist damit durch. Er hat so viel eingesteckt, er hat es jetzt begriffen. Es ist toll, so jemanden an der Seite zu haben.

Friedrich wuchs ebenfalls einsam auf, allerdings arm, mit einem alkoholkranken Vater und einer in Schundromanen versinkenden Mutter. Sein kleiner Bruder verunglückte tödlich. Dennoch hat er seinen Weg aus der Einsamkeit gefunden. Wie ist ihm das gelungen?

Das hat mit dem Charakter, der Persönlichkeit zu tun. Woran ein Mensch zerbricht, das kann ein anderer vielleicht als Ressource nutzen. Friedrich wusste schon früh, dass es um Liebe und Freundschaft geht, dass das die Essenz eines gelungenen Lebens ist. Und er wusste, es geht einem besser, wenn man anderen hilft, selbst wenn man das Gefühl hat, nichts geben zu können. Man wendet sich einem anderen zu, dem es noch schlechter geht als einem selbst. Durch die Fürsorge für einen anderen Menschen vergisst man zeitweise den eigenen Kummer, oder er relativiert sich. In dieser Art von Verbundenheit verändert sich die eigene Wahrnehmung.

Viele würden alles dafür geben, so einen Freund zu haben.  

Ja, solche Freundschaften sind die wahren Ressourcen im Leben. Nicht Status, nicht Macht, nicht Erfolg, nicht der Deutsche Buchpreis, nicht die Chefredaktion von Cicero oder der Zeit. Klar wäre es zynisch, Menschen, die prekär leben oder durch Flucht oder Gewalt traumatisiert sind, zuzurufen: „Hab dich nicht so, du hast doch Freunde!“ Aber letztlich ist das das Entscheidende: zu wissen, da gehört jemand zu mir und ich gehöre zu ihm oder ihr.  

„Überall und jederzeit lässt sich die Laufrichtung ändern, und wenn da ein Mann ist wie Friedrich (…) oder irgendein Freund, eine Freundin, die ihre Hand ausstrecken, dann nehmen wir diese Hand, wie widerwillig, beschämt und zornig auch immer“, schreiben Sie im letzten Kapitel. Was meinen Sie mit widerwillig?

Irgendwann gehört das Einsamsein zum Selbstverständnis. Es wird zur Rolle, auf die man sich mit sich selber einigt, obwohl man an ihr leidet. Da muss man raus. Das meine ich mit „wie widerwillig auch immer“. Eine andere Formel dafür ist: So tun als ob. Tu so, als ob du Lust hättest auf Kontakt und Austausch. Tu so, als wärest du mutig und ehrlich. Erklär dich jemandem, sei ehrlich. Sag, wie es wirklich um dich bestellt ist. Das kann der erste Schritt aus der Einsamkeit sein.

Das Gespräch führte Christine Zinner.

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Sabine Lehmann | Fr., 27. Februar 2026 - 10:44

Das Wichtigste im Leben ist Loyalität und Solidarität. Wer in seinem Umfeld damit gesegnet ist, hat eine gute Resilienz und darf sich glücklich schätzen. Es schützt gegen Einsamkeit und gibt dem Menschen das Gefühl der Wertschätzung, ein Lebenselixier besonderer Güte.
Ja, und dann ist da die Sache mit er Liebe. Leider versteht jeder von uns etwas anderes darunter und genau das macht das Miteinander so kompliziert. Sie ist darüber hinaus vergänglich und nicht selten werden in ihrem Namen die schrecklichsten Sachen veranstaltet. Die Zugewandtheit bzw. Zuneigung, die besonders auch langjährige Freundschaften ausmacht, ist hingegen beständig und unverrückbar, anders als die Liebe. Und was trägt einen leichter durchs Leben als das Gefühl gemocht zu werden....gerne auch so wie man ist.....meistens jedenfalls;-);-)

Sabine Lehmann | Sa., 28. Februar 2026 - 13:40

Für die Liebe scheint sich kein Mensch mehr zu interessieren.....Oder warum kommentiert außer mir niemand? Schade:-)

Johannes | Sa., 28. Februar 2026 - 16:05

es ist nicht einfach, darüber mal schnell einen Kommentar zu schreiben. Es könnten die seelischen Schmerzen sein, die damit verbunden sind und teilverdrängt irgendwo herumschwirren.

Ich denke auch, in einer Gesellschaft, die äußerst polarisiert oder gar verhasst sein Gegenüber beäugt zudem industrialisiert, rigide und unpatriotisch aber technisch den Tag angehen sollte und unaufgeklärt in eine Energiefase ungeheuerlichen Ausmaßes eintritt (Pupertät), ist nicht besonders redselig, was solche Themen angeht.

Johannes | Sa., 28. Februar 2026 - 16:12

Loyalität heißt auch Abhängigkeit, Selbstaufgabe für die Verantwortung eines anderen und fast bedingungslose Kritiklosigkeit
Solidarität heißt in der Politischen Auseinandersetzung ganz oft Enteignung, zwanghaftes Wegnehmen und Kontrolle des Einzelnen für das große Ganze.

Zuneigung finde ich gut. Wohlwollen gefällt mir noch besser.