Das heimliche Staatsorchester

Es gibt viele Orchester in Deutschland, doch keines ist traditionell so innig mit der Politik verbunden wie das der Berliner Philharmoniker. Nun wurden sie auch noch zu WM-Botschaftern ernannt: Beethoven meets Ballack. Die wohl schönste Liaison des Herbstes.

Die Berliner Philharmonie
() Die Berliner Philharmonie
Tor! Aus Anlass der bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft 2006 hat Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit die Berliner Philharmoniker zu WM-Botschaftern der Hauptstadt ernannt. Und das ist gut so. Der Regierende bekennt sich zum Musikschaffen in der Champions League. Beiläufig, ohne Festakt und protokollarischen Pomp, sprach er die Ernennung aus. Politik wirkt durch Symbole. In Zeiten, in denen keine Staatskunst zu erkennen ist, macht der Staat Kunst zu seinem Anliegen. Klingt gut, macht was her und kostet nichts. Der diplomatische Dienst der 130 Botschafter verzehrt keine zusätzlichen Haushaltsmittel. Klaus Wowereit ist kein Tor. Philharmonische Musik und Fußball miteinander zu verbinden ist ein genialer Querpass durch die Leitkulturen. Ballack gegen Beethoven, was für eine Paarung! Mag sein, dass der Regierende das Verbindende im Blick hatte. Im Fußball und in der symphonischen Musik geht es um Spielkultur. Beide Disziplinen erfordern ein hohes Maß an Zusammenspiel, leben von virtuosem Können. Aber die Unterschiede liegen doch offen zutage. Die Philharmoniker sind für ihr Handspiel berühmt. Der Trainer sitzt nicht auf der Bank, sondern dirigiert sein Team vom Elfmeter-Punkt aus. Die Fans geben keinen Mucks von sich, schwenken keine Fahnen und rühren erst nach Ende des Spiels die Hände zum Applaus. Zwei Welten. Warum hat der Regierende sie verlinkt? Die Fußballfans werden deshalb nicht in die Philharmonie strömen. Das können sie auch gar nicht, denn zur allgemeinen Empörung sind die Berliner Philharmoniker nicht in der Stadt, wenn die WM heiß läuft. Sie haben ein Auswärtsspiel in Aix en Provence. Als Botschafter Berlins, wenn man denn so will. Große Orchester machen Staat, erinnern an herrliche Zeiten, als musikalische Hoflieferanten und Dienstboten wie Haydn, Händel oder Bach, Mozart oder Richard Wagner für fürstlichen Glanz sorgten. Weil es in Deutschland mehr Fürsten gab als anderswo, besitzt kein Land der Welt so viele Staatsopern, Staatstheater und vom Staat finanzierte Orchester. Eitle Kleinstaaterei schuf eine einzigartige musikalische Kultur. Doch diese Kulturlandschaft, die in anderen Ländern und Kontinenten Bewunderung hervorruft, gilt in Rathäusern, Ministerien und Rundfunkanstalten als Einsparpotenzial. So wurden seit 1992 in Deutschland 33 Klangkörper stillgelegt. Stellenabbau wütet als Sterbehilfe musikalischer Vielfalt, auch in Berlin, wo Charming Wowi gerade den Berliner Symphonikern den Hahn zudrehte. Die traditionelle Hofkapelle der Stadt Berlin ist noch im Spiel. Sie wurde 1735 gegründet und spielt im Orchestergraben der Staatsoper Unter den Linden, reist aber auch mit symphonischen Werken als Kulturbotschafter durch die Welt, ohne Ernennung durch den Regierenden und ohne WM, weil Chefdirigent Daniel Barenboim sich schon immer für Verständigung zwischen den Kulturen eingesetzt hat, ein Botschafter Erster Klasse. Die Berliner Philharmoniker dagegen waren ein Orchester für Bürger, ihre Gründung war ein Akt des Protests. 1882 weigerten sich die Musiker einer schlecht bezahlten Privatkapelle, eine Konzert-reise nach Warschau als Bahnfahrt vierter Klasse anzutreten und machten sich selbstständig. Der Münchner Konzertagent Hermann Wolff griff zu, nannte das junge Ensemble „Berliner Philharmonisches Orchester“ und brachte es mit den fähigsten Dirigenten seiner Zeit zusammen. In der bald 125 Jahre währenden Geschichte des Orchesters hat es immer wieder Versuche der Staatsmacht gegeben, den Klangkörper und seine Dirigenten für repräsentative Zwecke einzuspannen. Als die Nazis an die Macht kamen, verlor es wegen der antijüdischen Rassengesetze wichtige Solisten und Orchestermitglieder. Im Kampf um die Kulturhoheit in Berlin machte sich Joseph Goebbels zum Schirmherrn des Orchesters. Wilhelm Furtwängler, der seit 1922 das Orchester leitete, behielt als Staatsrat ohne Parteibuch unangefochten seine Position. Auch als sich der Untergang schon abzeichnete, sorgte ein anderer Schirmherr des Orchesters, Albert Speer, dafür, dass keiner der Musiker in den Krieg ziehen musste. In den unruhigen Jahren nach dem Krieg erlebten die Berliner Philharmoniker mehrere Dirigenten, darunter auch Karajan und Sergiu Celibidache. Als Furtwängler 1954 starb, bekam das Orchester Herbert von Karajan als Chefdirigent – auf Lebenszeit, darauf hatte er bestanden. Der Maestro verlangte viel und bekam, was er wollte, musikalisch ebenso wie in Fragen der Macht. Er dirigierte als Kaiser der Tonkunst eine absolute Monarchie, feilte mehr als drei Jahrzehnte am vollkommenen, schimmernden Klang. Nebenbei erfand, entwickelte und beherrschte er den Weltmarkt für Klassikmedien, ein Virtuose der Globalisierung. Nur Israel blieb ihm und seinem Orchester wegen seiner Mitgliedschaft in der NSDAP verschlossen. Das Verhältnis zum Staat war für Karajan klar: Der Staat hatte zu spuren. Als er am 16. April 1989 in einem Fax an den Senat der Stadt Berlin die Zusammenarbeit mit dem Orchester aufkündigte, weil Geld und Kompetenzen ihm nicht ausreichten, unternahm die Kultursenatorin Anke Martiny eine Wallfahrt nach Salzburg. Vergebens. Der Kaiser ließ sich nicht umstimmen. Nach Karajans Tod hatte der Italiener Claudio Abbado das Orchester als Chefdirigent übernommen, das Repertoire erweitert und mehr Transparenz ins Spiel gebracht. In seiner Ära hat sich das Orchester enorm verjüngt. Er mischte die Kulturpolitik der Hauptstadt auf, gab Vorlagen für das Zusammenspiel von Filmkunst, Theater und Literatur, setzte Themenschwerpunkte wie „Faust“, „Der Wanderer“ oder „Musik ist Spaß auf Erden“. Eine Verbindung zum Fußball gab es auch, allerdings ohne Auswirkungen auf das Berliner Kulturleben. Claudio Abbado ist bekennender Fußballfan und Mitglied des AC Milano. Sein musikalisches Programm zeigte jedoch kaum sportliche Akzente. Einmal spielte sein Team Arthur Honeggers „Rugby“. Allerdings verdankt das Orchester, das nie eine Staatskapelle sein wollte, zwei seiner größten Konzertereignisse einem Staatsakt. Weil der Bundespräsident zu Benefizkonzerten geladen hatte, kam der Dirigent Carlos Kleiber, der bisher keiner Einladung der Philharmoniker gefolgt war, und dirigierte zwei unvergessene Konzerte, unter anderem mit der zweiten und der vierten Symphonie von Brahms. Berührend auch, in der kollektiven Erinnerung, der 11. November 1989, als nach dem Fall der Mauer alle Zuhörer mit DDR-Ausweis Freikarten für die Philharmonie bekamen und Daniel Barenboim ein Beethoven-Programm spielte und dirigierte. Er war es auch, der 1990 das Orchester des vereinigten Deutschland zum ersten Mal nach Israel brachte, ein Gänsehaut-Erlebnis, das kein Musiker, der dabei war, vergisst. Nach der Wende hatte sich in Berlin das Koordinatensystem geändert. Der damalige Innenminister Manfred Kanther, der vom Innenministerium der DDR vorübergehend die Zuständigkeit für Kultur „geerbt“ hatte, brachte die Idee der „Kulturellen Leuchttürme“ auf, die dank großzügiger Bundessubventionen in der neuen Hauptstadt strahlen sollten. Die Berliner Philharmoniker zählten nicht dazu und reagierten verstimmt. Als Michael Naumann, Kulturstaatsminister im Kabinett Schröder, endlich auch die Berliner Philharmoniker zum Leuchtturm machen wollte, freute sich das Orchester schon auf Bundesmittel zur Sicherung seiner Zukunft. Doch ein provinzielles, für den politischen Kleingartenverein Berlin durchaus typisches Gerangel stand dem im Wege. Das Abgeordnetenhaus stellte sich quer: „Wir geben unseren Edelstein nicht her.“ Wie die Stadtverordneten das teure Kleinod allerdings bezahlen sollten, wussten sie nicht. Erst die Umwandlung in eine Stiftung sicherte das Überleben. Die Berliner Philharmoniker des Jahres 2005 reagieren entspannt auf amtliche Steilvorlagen. Ihre Staatsferne ist garantiert, organisatorisch, aber nicht finanziell. Die Stiftung erhält staatliche und städtische Zuwendungen sowie großzügige Unterstützung durch die Deutsche Bank. Der Bundespräsident hat verlauten lassen, dass er Einladungen zu Benefizkonzerten künftig föderativer aussprechen will, womit er theoretisch die Wahl zwischen 135 Orchestern hätte. Dafür übernehmen die Philharmoniker Staatsaufgaben in Berlins heruntergekommenem Schulwesen, gehen die besten Orchestermusiker der Welt in Volks- und Realschulen und arbeiten im „Education Projekt“ ihres Chefdirigenten Sir Simon Rattle unter anderem mit Schulkindern, die seit zwei Jahren keinen Musikunterricht hatten. Was dabei herauskommt, ist in dem hinreißenden Dokumentarfilm „Rhythm is it“ zu besichtigen, der soeben mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Armes Berlin. Wäre die Stadt eine Person, könnte man sie mit einer alten Schlampe vergleichen, die schwere Zeiten hinter sich hat, sich nicht um ihre Kinder kümmert und nicht mit Geld umgehen kann. Dafür putzt sie sich aber für Herrenbesuche aus dem In- und Ausland fein heraus. Eine Schönheit ist sie nicht, aber die meisten Besucher finden sie spannend und absolut sexy. Weil sie zur Fußballweltmeisterschaft besonders viele Besucher erwartet, hat der Regierende Bürgermeister mit der Ernennung der Berliner Philharmoniker zu WM-Botschaftern einen Coup gelandet. Er hat praktisch die Fanzielgruppe verdoppelt. In der Suchmaschine von „Google“, einem aufschlussreichen Gradmesser für das öffentliche Interesse an Politik, Fußball und Kunst, rangiert Beethoven mit 1,4 Millionen Einträgen noch vor der Fußball-WM. Außenminister Joschka Fischer liegt zwischen Franz Schubert und Robert Schumann im vorderen Mittelfeld, und die Berliner Philharmoniker stehen mit 258000 Nennungen besser da als Franz Müntefering oder Oliver Kahn. Wer hätte gedacht, dass Joseph Haydn im Internet mehr Interesse hervorruft als Elfmeterschießen? Jede deutsche Nationalelf singt Haydn, und zwar lausig, was kein Wunder ist, denn der Originaltext der von ihm komponierten Nationalhymne wurde mehrfach verändert. Hätte man es bei „Gott erhalte Franz den Kaiser“ gelassen, würde jeder Fußballer verstehen, worum es geht. Es gibt nur einen Kaiser in Deutschland. Emanuel Eckardter erhielt 1981 den Egon-Erwin-Kisch-Preis für eine Reportage über die Konzertreise der Berliner Philharmoniker nach Tokio. Er schreibt u.a. für die Zeit

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns über jeden Kommentar und wünschen uns eine konstruktive Debatte. Beleidigende, unsachliche oder obszöne Beiträge werden deshalb gelöscht. Auch anonyme Kommentare werden bei uns nicht veröffentlicht. Wir bitten deshalb um Angabe des vollen Namens. Darüber hinaus behalten wir uns eine Auswahl der Kommentare auf unserer Seite vor. Um die Freischaltung kümmert sich die kleine Onlineredaktion von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Am Wochenende werden Forumsbeiträge nur eingeschränkt veröffentlicht. Nach zwei Tagen wird die Debatte geschlossen. Wir danken für Ihr Verständnis.