Kurz und Bündig - Dan Lungu: Die rote Babuschka

«Wie viele glückliche Menschen müssen einen umgeben, damit man sich selber glücklich nennen darf?», fragt sich die Rote Babuschka am Schluss des neu­en Romans von Dan Lungu, der eine ganz und gar unspektakuläre Lebensgeschichte erzählt. Dem Landkind Emilia ist die harte Arbeit auf dem Hof schon sehr früh ein Gräuel, besonders das Miststampfen mit nackten Füßen. Umso mehr liebt sie die sich ihre Nägel lackierende Tante aus der Stadt.

«Wie viele glückliche Menschen müssen einen umgeben, damit man sich selber glücklich nennen darf?», fragt sich die Rote Babuschka am Schluss des neu­en Romans von Dan Lungu, der eine ganz und gar unspektakuläre Lebensgeschichte erzählt. Dem Landkind Emilia ist die harte Arbeit auf dem Hof schon sehr früh ein Gräuel, besonders das Miststampfen mit nackten Füßen. Umso mehr liebt sie die sich ihre Nägel lackierende Tante aus der Stadt. Als sie siebzehn ist, flieht sie von Haus und Hof und wird selbst zur «Städterin», die in einem metallverarbeitenden Betrieb ihren Lebensunterhalt verdient. Und das nicht schlecht. «Die Wahrheit ist doch», sagt eine ehemalige Kol­legin in der Rückschau, «dass wir im Vergleich zu dem Elend, das damals herrschte, gelebt haben wie die Maden im Speck. Weil wir für den Export arbeiteten, nur deswegen.» Doch was, wenn Wahrheit und glück­liche Erinnerung auseinan­derklaffen? Mit viel Sympathie für die Protagonistin seiner Rollenprosa erzählt Dan Lungu von den ganz privaten Gründen für die – in diesem Fall rumänische – «Ostalgie». Natürlich ist seine Rote Babuschka keine Kommunistin. Sie trauert nur ihrer Jugend und den sogenannten besten Jahren nach. Dass sie die Vergangenheit mehr beschäftigt als die Gegenwart, zeigt die Tempuswahl des Autors an: Die Erlebnisse des Landkükens und der jungen Frau im kommunistischen Werk sind im Präsens gehalten, von ihrem heutigen Leben berichtet Emilia hingegen im Imperfekt. Schon in seinem letzten Roman über das «Hühnerparadies» einer moldauischen Vorstadtstraße hat sich der Autor als genauer Beobachter der rumänischen Provinz erwiesen. Dadurch, dass er in seinem neuen Buch einem Einzelschicksal folgt, schmiegt er sich der bäuerlich-kleinstädtischen Mentalität umso stärker an. Wenn das immer wieder anrührend wirkt, gerade in seiner Komik, so ist doch die Welt Emilias weniger sprühend und lebendig, als es die des «Hühnerparadieses» war. Lungu hat einen kleinen, klugen Roman über den Widerspruch zwischen Politik und privater Erfahrung vorgelegt. Über das Recht des Einzelnen auf glückliche Erinnerungen – und deren politische Implikationen. Eine unterhaltsame Geschichte, in der es viel zu lachen gibt, etwa wenn die Rote Babuschka ihren kanadischen Schwiegersohn beschreibt: «Er kippte den Alkohol nicht hinunter, sondern nippte mehr an seinem Weinglas. Seine Leber schien in Ordnung zu sein.»

    Dan Lungu Die rote Babuschka Aus dem Rumänischen von Jan Cornelius. Residenz Verlag, Salzburg 2009. 244 S., 19,90 €  

 

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