CSU auf Youtube - Lasst es einfach bleiben

In der analogen Welt war politische Kommunikation verhältnismäßig einfach. Jetzt versucht die CSU auf Youtube ein digitales Konzept namens #CSYOU. Es ist ein Rettungsversuch, der nach hinten losgeht

Die CSU ist auf Youtube immer einen Lacher wert
Die CSU ist auf Youtube immer einen Lacher wert / picture alliance

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Jannik Wilk ist freier Journalist und studiert derzeit Journalistik in Hamburg. 

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Parteien hatten es einfach, als die Welt noch analog und linear war. Man hofierte Dorfvereine, trank Bier mit Kleinstadtbewohnern, stand an Wahlständen, kungelte auch hin und wieder mit Zeitungsjournalisten, schrieb in deren Blättern politische Manifeste. Abends dann erschien man verlässlich in der Tagesschau, dem abendlichen Lagerfeuer der Nation. Kommunikation war verhältnismäßig einfach, kalkulierbar und halbwegs kontrollierbar. Stellten sich insbesondere CDU und CSU nicht allzu doof an, war ihnen ein großer Teil traditionsbewusster Wähler gewogen. 

Doch mit dem neuen Jahrtausend, dem Millennium, änderte sich diese Welt. Das Internet und der Heimcomputer schlichen sich in die Zimmer der künftigen Wählerinnen und Wähler. Steve Jobs erdachte den iPod, später das iPhone. Apps, diese kleinen bunten Buttons, die wir mit unseren Daumen stupsen. Hinzu kamen die Wirrungen der sozialen Medien, mit denen wir bis heute nicht recht umzugehen wissen.

Die brutale Erkenntnis: All das ist schon fünfzehn, einiges sogar zwanzig Jahre her. Noch immer aber ist älteren Semestern vieles nicht geläufig. Vor sechs Jahren sprach die Kanzlerin vom Internet noch als „Neuland“. Damals war das ein Lacher. Heute eine Farce.

Panik vor der Welle

Händeringend versuchen sich auch die Parteien der Republik in diesem Neuland und mit einer von der analogen Welt entfremdeten Jugend zurechtzufinden. Durchaus begründet haben sie Panik um ihr Ansehen und davor, von den Wellen der Veränderung in den politischen Abgrund gespült zu werden. Ausgerechnet die CSU meint jetzt, mit dem Youtube-Format #CSYOU die passende Antwort auf die veränderte Öffentlichkeit gefunden zu haben. 

An sich keine schlechte Idee, denn das Leben der jungen Generation ist längst eins geworden mit Instagram, Youtube und Twitter. Spätestens seit ein junger Mann mit blauen Haaren, Rezo sein Spitzname, der CDU mit einem fast einstündigen Video auf Youtube streitbar die Leviten las, schreckten die Parteien auf. Die Jugend, von der man immer wieder sagt, sie sei unpolitisch, faul und uninteressiert, wurde mit einem Mal als politisierte und damit relevante Größe wahrgenommen. Die folgende Europawahl war ein erster Ausdruck davon, mit welcher Kraft sie die politische Landschaft zu zäsieren vermag.

Blondierter Hampelmann

„Die Antwort auf Rezo heißt Armin“, verkündete nun die CSU. Gemeint ist Armin Petschner, der dreißigjährige Social-Media-Manager der bayerischen Partei. „Armin“ blondierte sich die Haare, legte seine Hornbrille ab, tauschte Anzug und Krawatte gegen ein fesches Hemd und stellt sich neuerdings für die CSU vor eine Videokamera. Tatsächlich wirkt seine Transformation furchtbar anbiedernd und lächerlich. Die Haare wollte er sowieso schon lange blondieren, rechtfertigte sich Petschner. Klar. 

Mit dem Format #CSYOU möchten die bayerischen Konservativen auf Youtube, dem Fernsehen der Jugend, endlich den Boden gewinnen, den ihre Füße dort noch nie spürten. Das verstaubte Image aufpolieren. Damit beschreite man in der Kommunikation neue Wege, hieß es von Seiten der CSU. Das ist richtig. Allerdings hat man sich auf diesen Wegen offenbar verlaufen. 

Fremde Federn

Das Schlimmste: Alle zwei Wochen soll das ab sofort so gehen. Fünf Minuten lang fabuliert Petschner in Subformaten wie dem „Aufreger der Woche“, dem „Klartext der Woche“ oder dem „Thema der Woche“. Petschner hampelt vor der Kamera: „Ich bin Armin und ich werde euch ab jetzt über Tagespolitik und unsere Arbeit im Bundestag informieren. Los geht’s!“ 

In der ersten „Episode“ von #CSYOU geht es um Greta Thunberg, die unterschätzte Bundeswehr oder darum, wie toll die „GroKo“ doch eigentlich sei. Dabei arbeitet das Team um Petschner mit Halbwahrheiten und platter CSU-Propaganda. Dies wurde von anderen bereits kleinlich entzaubert. Ein Beispiel. Als es darum geht, was die Große Koalition bereits alles erreicht habe, listet Petschner vieles auf: Kindergeld erhöht, Baukindergeld eingeführt, Beitrag zur Arbeitslosenversicherung gesenkt, Parität in der Krankenversicherung, Milliarden für den sozialen Wohnungsbau und die Digitalisierung, Mietpreisbremse, neue Stellen in Pflege, Polizei und Justiz, schnellere Termine bei Ärzten, Teilabschaffung des Solis.

Alles richtig. Kann man anführen. Doch all das wurde nicht wegen der CSU eingefordert, sondern vielmehr trotz der CSU. Petschner schmückt seine Partei mit den glitzernden Erfolgen der SPD, der man mal wieder glaubt, die Butter vom Brot nehmen zu können. Armin Petschner schwingt mit dem Zeigefinger. Jetzt haben wir es Euch aber gezeigt!

Fremdschämpaket frei Haus

Das Video ist zwar professionell produziert, da scheint die CSU Geld in die Hand genommen zu haben. Es ist aber komplett überzeichnet. Beinahe wirkt es wie eine unfreiwillige Parodie auf die Youtuber-Szene, die beim Anschauen fast körperliche Schmerzen bereitet: komplett wahllose, rastlose Schnitte und Effekte. Musik, die völlig fehl am Platz ist. Unlustige Einwürfe, Sprüche und Einspieler. Und eine peinlich aufgesetzt wirkende Art von Social-Media-Mastermind Armin Petschner. 

Auf Youtube hat das Video inzwischen eine halbe Million Klicks. Viel wert aber ist das nicht. Davon gaben 2,8 Tausend Nutzer einen Daumen nach oben, also einen Like für das Video. Hunderttausend aber gaben einen „Dislike“, einen Daumen runter. Jugendliche sind nicht dumm. Sie lassen sich nicht einfach täuschen. Der Shitstorm für die CSU war abzusehen. Es ist letztlich eine Aktion, die sich in die Unbeholfenheiten der letzten Monate einreiht. Die Community lacht, dreht ihrerseits Videos darüber, und nimmt #CSYOU inhaltlich auseinander. 

Wieder mal ein schlechter Stil

Und wieder geht eine konservative Partei ganz miserabel mit dem vernichtenden Feedback um. Kommentare unter dem Video waren erst gesperrt, dann waren sie zugelassen, aber wurden massenhaft vom CSU-Account gelöscht. Die Partei bestreitet das: „Es wurde nichts gelöscht, und wir werden auch nichts löschen.“, so ein Sprecher. Eine glatte Lüge, meinen Nutzer, die sich fragten, wo ihre Kommentare blieben.

Auch verkennt man offenbar, was man sich da wieder für einen Fehltritt geleistet hat. Petschner, „Arschloch-Armin“, wie er mittlerweile geächtet wird, teilte sein Video auf Twitter, schrieb: „Also ich bin zufrieden.“ Grinse-Smiley mit roten Bäckchen. Doch für Zufriedenheit gibt es, offensichtlich, keinen Grund.

Dabei ist es doch wirklich möglich, auch etwas auf Youtube zu schaffen, das Hand und Fuß hat. Es gibt Beispiele genug: Deutschland3000, Diedaoben!, MrWissen2Go. Diese Leute machen gute Arbeit, sie kommen bei der Jugend an. Und dabei sind sie noch sie selbst. Das ist der entscheidende Punkt. Ich möchte der CSU im Angesicht der Tatsachen einen Rat geben: Lasst es einfach bleiben. Ihr wart nie hip, ihr seid nicht hip, ihr werdet es wohl auch nie sein. 

gabriele bondzio | Do, 5. September 2019 - 13:37

legte seine Hornbrille ab,..."....gegen blaue Haare keine Chance! Hätte er schwarz-weis gestreift bzw. kariert gewählt, wäre die Click-Wahrscheinlichkeit höher.
Ja, wer zu spät kommt...

Bernd Golembowska | Do, 5. September 2019 - 14:34

... das Format des erfrischend natürlichen YT Videokanal von Corinna Miazga MdB als Beispiel genommen und den Zuschauern somit das Fremdschämen erspart.

Brigitte Simon | Do, 5. September 2019 - 15:12

Ich laß es einfach bleiben und sehe mir lieber im
Bayerischen Fernsehen die 2.388zigste Sendung "Dahoam ist Dahoam"an. Da weiß ich was ich hab´.Blöd, zuverlässig blöd. Die Sendung belästigt
national z.B. Mittel-Unterfranken-Oberfranken, NRW, Schleswig-Holstein. International z.B.Österreich usw. Wer ver-
steht, spricht den Dialekt? Oder folgen
bald die Untertitel oder Übersetzungen?
Der Himmel möge es verhüten.

Digitales in Bayern? Ich befand mich 3 Wo-
chen im Allgäu. WLAN nicht überall ver-
breitet. In manchen Hotelzimmern Inter-
net nicht möglich.

Ich litt. Doch alles alles ist endlich, versprach
seinerzeit Bundespräsident Gauck. Recht
hatte er.

Nun bin ich wieder In München, eben "Dahoam,
is Dahoam, zusammen mit Cicero.

Maria Fischer | Do, 5. September 2019 - 16:56

Der Eiertanz der CSU ist pure Anbiederung und unglaubhaft.
Die CSU trägt derzeit mit der Klimapolitik und CSYOU die „Farben der letzten Saison.“
Schon jetzt vollkommen out.

DIEDAOBEN ist ARD und ZDF auf Youtube.
Betreutes Denken für junge Zuschauer.
Gesetzlicher Vertreter von Diedaoben/Funk:
Pof.Dr.Kai Gniffke Intendant Südwestfunk.
Kai Gniffke , der Name kommt Ihnen bekannt vor?
„ Journalistische Kernschmelze“
Alexander Kissler, 2.Juli 2018
Unbedingt lesenswert.

Michael Maschke | Do, 5. September 2019 - 20:10

An einer Stelle heisst der gute Mann Petschner, ein anderes Mal Pentscher und dann endlich Pentschner. Wie denn nun?
Das ist irritierend und sollte in einem Qualitäts-Medium wie dem Cicero nicht vorkommen.
Ansonsten ein erfrischender Beitrag.

Mit freundlichen Grüßen

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