- Ein Anfang
Zum 120. Geburtstag Hannah Arendts erinnert ihr Denken daran, dass Politik den Mut zum Anfang braucht. Gegen Perfektionismus und Lagerdenken setzt sie Vielfalt, Streitfähigkeit und Freundschaft. Eine Denkerin, deren Risiko des Denkens heute Hoffnung gibt.
Am 14. Oktober 2026 jährt sich ihr Geburtstag zum 120. Mal – und das ist wahrlich ein Grund zum Feiern. Denn Hannah Arendts Philosophie ist eine Philosophie der Ermutigung – gerade am Beginn eines neuen Jahres: „Weil jeder Mensch aufgrund des Geborenseins ein Initium, ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen“, schreibt sie. Ihr Denken macht denn auch Hoffnung, zumal es vor jeglichem Perfektionismus gefeit ist. Bei Arendt darf (und sollte man vielleicht sogar) Anfänger sein. Gerade in einer Zeit, in der die Wege immer unklarer werden.
Für die Autorin epochaler Werke wie „Vita activa oder Vom tätigen Leben“, aus dem das obige Zitat stammt, ist das Politische ein Raum, in dem man ohne Ängste verschieden sein kann, wobei ihr Diversitätsbegriff keiner woken Bekenntnisse bedarf. Was es indes braucht, ist das Aushalten des Anderen in seiner Andersartigkeit – egal, welchem politischen Lager er angehört. Denn Hannah Arendt hat stets über alle politischen Grenzen hinweggedacht. Wer kann so etwas in der kulturkämpferisch vergifteten Gegenwart schon noch von sich behaupten?
Mein Kollege Ralf Hanselle hat sich für die Titelgeschichte dieser Ausgabe deshalb nicht nur aus Anlass ihres Jubiläums noch einmal sehr intensiv mit Arendt auseinandergesetzt. Und die Gelegenheit genutzt, um eine Jahrhundertgestalt neu zu entdecken: eine Intellektuelle, die immer wieder die politische Freundschaft über alle Grenzen hinweg hochgehalten hat. Eine Verbindung also, die der Lebenssaft der Demokratie ist und die uns in Zeiten immer tieferer Gräben und immer höherer Brandmauern zu entschwinden droht.
Mit „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ war Arendt eine der ersten Denkerinnen, die die Gemeinsamkeiten von Nationalsozialismus und Stalinismus herausgearbeitet hat. Bis heute ist das Buch ein Hauptwerk der Totalitarismusforschung. Aber Achtung! Die Auseinandersetzung mit Hannah Arendt lässt einen nicht kalt. „Es gibt keine gefährlichen Gedanken, das Denken an sich ist gefährlich“, gab sie in einem ihrer letzten Interviews zu Protokoll. Lassen wir uns auf das Risiko ein.

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Hannah Arendt war eine bewundernswerte Frau, und ich schätze sie sehr.
Sie war mutig. Sie schätzte Freundschaften, hatte aber den Mut, ihre eigene Meinung stets auch gegen Widerstände zu vertreten.
Nur ein Zitat von ihr:
"Totalitarismus, einmal an der Macht, ersetzt immer alle erstklassigen Talente - unabhängig von ihren Sympathien - durch jene Spinner und Trottel, deren Mangel an Intelligenz und Kreativität immer noch die beste Loyalitätsgarantie ist."
