Szene aus Frank Castorfs Wagner-Interpretation vom „Rheingold“ bei den Bayreuther Festspielen
Enrico Nawrath/picture alliance

Castorfs „Ring“ - Wagner ohne Hitler, das ist echte Kunst

Der Journalist und Wagner-Experte Axel Brüggemann berichtet für Cicero Online vom Grünen Hügel. Im fünften Eintrag seines Bayreuth-Tagebuchs berichtet er vom Hype um Angela Merkel, Adolf Hitler und die neuesten Wagner-Biografien

Autoreninfo

Axel Brüggemann ist Musikjournalist und lebt in Bremen. Zuletzt erschien der von ihm herausgegebene Band „Wie Krach zur Musik wird“ (Beltz&Gelberg-Verlag)

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Lesen Sie auch die weiteren Einträge aus Brüggemanns Bayreuther Tagebuch:

Teil 1: „Eine existenzielle Herausforderung“

Teil 2: Die Knackärsche haben gute Arbeit geleistet

Teil 3: Frank Castorf: Rheingold oder Wild at Ring

Teil 4: Wie Angela Merkel mit Wotan flirtet

Teil 5: Wagner ohne Hitler, das ist echte Kunst

Teil 6: Vom Vögeln, Ballern, Krokodil-Schnappen und Buh-Rufen

Teil 7: Leserpost, die Totalkultur und der Antisemitismus

 

Spielfrei! Das ist immer wieder beeindruckend, was dieser Richard Wagner von seinem Publikum fordert - von seinen Sängern ganz abgesehen. Gut, die Ohren mal entspannen zu lassen, vier Tage plus zwei spielfreie Tage in der fränkischen Provinz Hammer und Amboss mal ruhen zu lassen, bevor Siegfried mit ihnen Schwert Nothung schmiedet.

Aber, hey, Karl Marx hat das auch durchgestanden, und Friedrich Nietzsche auch! Der Pausentag nach der Walküre ist dringend nötig, nicht nur für Brünnhilde und Wotan, um sich vokal zu sammeln, sondern auch für mich: Sacken lassen. Nachdenken. Musikverdauung.

Was bisher passierte: Frank Castorf macht hauptsächlich Spaß - und ganz nebenbei hat er die Kritiker der Bayreuther „Wagner-Sisters“ verstummen lassen. Sein „Ring“ ist nicht nur Weltuntergang, sondern auch Ehrenrettung. Und wenn man zuvor auf den Besetzungszettel geschaut hat, sich dachte: „Aha, hmm, kenne ich gar nicht“ und noch das Wehklagen der Feuilletonisten im Ohr hatte, vom musikalischen Untergang, dem Verlust der Deutungshoheit in Bayreuth, davon, dass inzwischen jedes Provinztheater besser Wagner könne als der Hügel, dass eine Richtung fehle, eine Standortbestimmung her müsse, dass die Schwestern dramaturgisch und konzeptionell richtungsweisender sein müssten, ja, dann konnte man denken: das Wagner-Walhall ist dem Untergang geweiht.

Nun wissen wir: Alles halb so schlimm. Und mal im Ernst, wie stellen sich die Kollegen das denn vor? Was hätte die angeblich so kluge Nike Wagner denn gemacht - oder ein Gérard Mortier? Viele Worte über das Arbeiten am Ring, eine Positionsbestimmung des Mythos im Alltag, vielleicht hätten sie dickere, profundere Programmhefte vorgelegt - aber auf der Bühne hätten sie, wenn es gut gelaufen wäre, wohl ähnlich geantwortet.

Im Deutschlandfunk habe ich gerade die Frage gehört, ob es sich bei Castorf um einen „Jahrhundertring“ oder einen „Jahresring“ handeln würde. Leute, was erwarten wir eigentlich? Chereaus Ring war per Datum ein „Jahrhundertring“, wurde damals angefeindet - und gilt heute als zeitloses Theaterereignis, weil er die Götter zwar zu Menschen verwandelte, die Handlung aber im mythologischen Irgendwo beließ. Castorf holt ihn in die Zeitlosigkeit der Öl-Historie, lässt ihn zwischen den USA, Alexanderplatz und Asabaidschan total global spielen, erweitert das Gesamtkunstwerk um kluge Live-Videos aus dem Subtext-Genre, schafft insofern auch einen Weltmythos. Aber er verortet ihn, arbeitet mit sozialistischem Realismus und will damit gar nicht den Anspruch auf Allzeitlichkeit erheben. Wagner hat die Fragen seiner Gegenwart in die Unbestimmtheit und Offenheit des Mythos verlegt, um Gesellschaft grundlegend zu analysieren; Castorf stellt den Mythos in unseren Alltag. Das kann per se kein Jahrhundertereignis sein, sondern bleibt immer Kommentar, Essay, Assoziationsraum.

Und das tut dem alten Wagner, der immerhin von allen - von Revolutionären, Monarchisten, Faschisten und Demokraten - für ihre Sache vereinnahmt wurde, durchaus gut. Auch deshalb, weil Castorf in seinem historischen Bogen der Ölgeschichte immer nur fragmentarisch bleibt, weil er den Mythos der Sage gegen einen anderen Mythos, den der Rohstoffe und ihrer Wirkung ersetzt - ohne, dass in dieser Übersetzung nur eine Nuance der menschlichen Grundprinzipien des Wagner-Mythos verloren geht. 

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Auch an spielfreien Tagen steht mein Telefon nicht still, eine Zeitung, für die ich ebenfalls berichte, sie hat viele Bilder, las an dieser Stelle, dass Angela Merkel beim Künstlerempfang war, dass sie quasi Inkognito „Walküre“ und „Rheingold“ besuchte. Lässt sich der spielfreie Tag nicht zur Polit-Oper stilisieren? „Wie fand sie es?“, „Wo wohnt sie?“, „Was hatte sie an?“ - und vor allen Dingen: „Wird sie auch 'Siegfried' und 'Götterdämmerung' sehen?“

„Tut mir leid, ich habe ihre Handynummer nicht“, sage ich, „und außerdem finde ich es toll, wenn ein Spitzenpolitiker es schafft, mal wirklich Urlaub zu machen“. Das ist doch das eigentliche Ereignis: Rast und Ruhe mitten in Bayreuth - die Oper als Vermenschlichungsort der Politik. „Lassen wir doch die Kanzlerin mal in Ruhe“, bitte ich.

Später habe ich endlich mal wieder Zeit, mit Freunden zu telefonieren, was im allabendlichen Opernstress schwer ist. Jeder, ungelogen jeder, will wissen: „Und bleibt die Merkel auch zur 'Götterdämmerung'?“

Mann, bin ich froh, dass mich hier keiner kennt! Ich trage übrigens gerade ein rotes T-Shirt, esse Pfifferlinge mit Semmelknödeln und, ja, werde an dieser Stelle auch noch über „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ berichten. Und gleich gehe ich aufs Klo.

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Das wirklich Erfreuliche bislang: die musikalische Qualität. Ich habe in den vorherigen Tagebucheinträgen schon über den Dirigenten Petrenko geschrieben, höre aber in allen Kommentaren und lese in allen Zeitungen, dass da wohl ein neuer Messias geboren worden ist. Obacht, liebe Freunde, bitte - er ist unüberhörbar noch auf den Wagner-Weg, nicht am Wagner-Ziel. Und ich bin sicher, dass auch exzellente junge Künstler durch zu euphorisches Lob totgelobt werden können. Lasst den Petrenko leben, er ist kein Mythos, sondern noch ein Arbeiter, dem man den Schweiß durchaus anhört. Gut so - aber nicht mehr.

Zufällig begegne ich Eva Wagner-Pasquier, sie ist für die Sängerverpflichtungen verantwortlich. Und, ja, sie kann glücklich sein. „Wussten Sie eigentlich, Herr Brüggemann“, hat sie gesagt, „dass 20 Prozent der Solisten aus den Bayreuther Stipendiatenkursen kommen?“ Da soll noch jemand sagen, dass der Grüne Hügel sich nicht um die Stimmen kümmert - aber ihre Aufzucht zu derart großen Sängern, wie wir sie im aktuellen „Ring" bewundern, braucht eben seine Zeit. Auch hier ist Bayreuth auf gutem Weg.

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Gerade komme ich aus der „Markgrafen Buchhandlung“, jenem Ort, an dem jeder in Bayreuth liest, der auch nur drei Worte zu Wagner geschrieben hat. So auch ich aus meinem Jugendbuch „Genie und Wahn“. „Es gehört Wahn dazu, im Wagner-Jahr eine von 101 Neuerscheinungen vorzulegen“, leitet der Buchhändler meine Lesung ein. Und tatsächlich: Es ist so unglaublich viel Neues erschienen. Hier in Bayreuth hat man auf alles Lust, aber nicht auf Wagner-Bücher. Wer es dennoch nicht lassen kann, hier meine Top 3:

I. Martin Gecks monumentaler Versuch, Wagners Leben neu zu schreiben und alles zusammenzufassen, was wissenschaftlich zugänglich ist (für Wagnerianer, die ein umfassendes Bild des Komponisten suchen)

II. Christian Thielemanns süffige Selbstreflexion seines Lebens mit Wagner und seiner Musik mit spannenden Einblicken in das Handwerk des Dirigierens.

III. Kerstin Deckers „Nietzsche und Wagner“, eine hautnahe Analyse einer psychologisch schwierigen Freundschaft, die in liebendem Hass endete.

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An meinem freien Tag habe ich einen Ölboykott betrieben, bin auf meinem Rennrad von Bischofsgrün aus durch den Frankenwald geradelt, mit Zwischenstopps an Badeseen, im Gepäck lediglich meine Sommerlektüre: William T. Vollmanns unbedingt lesenswerten Schinken „Europe Central“. Er erzählt die Geschichte des Zweiten Weltkriegs aus Sicht von Forscher- und Wissenschafts-Biographien: Käthe Kollwitz, Schostakowitsch, dessen Opus 40 für Vollmann einer elektrisierten Klitoris gleicht. Er beschreibt den Komponisten als kleinen Jungen auf seinem weiblich nackten Steckenpferd reitend und kreist immer wieder um Wagners „Walküre“.

Vollmann erzählt, dass Stalin zum Pakt mit Hitler eine judenfreie „Walküre“ aufführen ließ, fragt, warum Hitler, während Vera Wagner in der Villa Wahnfried Tee servierte, auf die eher absurde Idee kam, seine militärische Operation „Feuerzauber“ zu nennen - nach Wotans Abschied aus der Walküre. Eine gute Bayreuth-Lektüre.

Wenn Sie Lust haben, hier die besten Ausschnitte aus dem Buch, die ich am spielfreien Tag gelesen habe:

„Nun taucht die berühmte Feuerzauber-Musik nicht im Siegfried auf, sondern ganz am Ende der Walküre... Eine meiner plausibelsten Mutmaßungen lautet, dass er (Hitler) sich schon am Walkürenabend entschlossen hatte, den Falangisten zu helfen... Brünnhilde war Wotan ungehorsam, indem sie tat, was Wotan selbst getan hätte, wäre er nicht an sein Wort gebunden gewesen: Sie rettet Siegmund bei seinem Zweikampf mit Hunding, einem unreinen, undeutschen Element, vor dem Tode. (Unser Schlafwandler konnte Wotan verstehen. Er wurde immer sehr zornig, wenn er zum Schein diesen oder jenen Nichtangriffspakt billigen musste.) Folgerichtig meuchelt Wotan Siegmund aus Pflichtgefühl, Hunding aus Spaß, verstößt Brünnhilde, senkt sie in einen tiefen Zauberschlaf und umschließt sie schließlich mit einem Feuerkreis, den zu durchschreiten nur ein Held wagen würde.

Die mehrdeutigen, fast tonartlosen Akkorde des Feuerzaubers haben schon viele Zuhörer in die Irre geführt. Die Tonfarbe ist rot und orange; alles scheint heiter; wie die Amis sagen: Nur die Herdfeuer brennen. Condor-Legionäre sangen am Lagerfeuer; an einem kleinen weiß gedeckten Tisch gab Franco Orden aus. Barbarossa lockte; Verena Wagner schlenkerte hinreißend mit dem Handgelenk; sie schenkte uns einen Krieg ein, dessen verschiedene Fälle, Manöver und Unternehmen so fest sitzen würden wie die Barette der sauberen jungen Männer unserer Legion Condor. Und so erfüllte sich das Leitmotiv.“

Gut, dass Frank Castorfs Gedanken sich mal nicht am Mythos Wagner und Hitler abarbeiten, sondern fast schon innovativ neue Mythen konstruieren. Mythen eines neuen Jahrhunderts im Jahresring.

 

 

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