Carlfriedrich Claus - Vornehme Phoneme

Der aus Annaberg-Buchholz stammende Dichter und Grafiker Carlfriedrich Claus war Dickkopf, Schriftbildner und Extrempoet. Eine Hommage

Carlfriedrich Claus in seinem Studienraum in Annaberg-Buchholz
Daheim im Sprachgewebe: Carlfriedrich Claus in seinem Studienraum in Annaberg-Buchholz im Jahr 1982 / Rudi Meisel/VISUM

Autoreninfo

Teresa Ende ist promovierte Kunstwissenschaftlerin. Derzeit arbeitet sie im Editionsprojekt Heinrich Wölfflin an der Universität Zürich mit.

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„Man muss das Gedankenensemble durch sein Nichts schicken“, entfuhr es Carlfriedrich Claus einmal bei einem Ateliergespräch mit dem Kunsthistoriker Henry Schumann im Jahr 1976. Das klingt lässig, provokant und irgendwie verschroben. Doch es trifft ins Herz der poetischen, schriftbildnerischen und klanglichen Experimente dieses eigenbrödlerischen Kreativen, der zu den herausragenden und doch oft übersehenen deutschen Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts zählt.

Dabei sah sich der 1930 in Annaberg geborene Claus lange Zeit selbst überhaupt nicht in dieser Rolle. Aufgewachsen in einer die Nationalsozialisten offen ablehnenden, progressiven Familie, interessierte er sich zwar früh für die „entarteten“ Künstler – für George Grosz, Paul Klee, Wassily Kandinsky, El Lissitzky, Pablo Picasso. Doch eigentlich zählte die Literatur zu seinem Hauptinteresse. Claus las Heinrich Heine, Carl Einstein, Ernst Bloch, Daniel-Henry Kahnweiler. Zur Schule ging er ungern, und ebenso wenig sagte ihm die spätere Lehre als Einzelhandelskaufmann zu. Den von den Eltern übernommenen Schreibwarenhandel in Annaberg gab er daher früh an den Volksbuchhandel der DDR ab.

Grafische Schrift

Ihm lag halt mehr das Kreative: Bereits mit Anfang 20 begann Claus, experimentelle Literatur zu erzeugen; es entstanden theoretische Texte, aber auch Klangarbeiten und Lautprozesse. Claus unternahm Sprechversuche in Wechselbeziehung zu Naturvorgängen oder zur Neuen Musik, und er versuchte, Sprache in einzelne Laute und Buchstaben aufzubrechen. Dabei war er beileibe kein L’art-pour-l’art-Wiedergänger: Für ihn war Sprache – sei es in Form von Literatur, als gesprochenes Wort oder visuell als bildende Kunst – nicht selbstreferenzielles Experimentierfeld, sondern politisches Analyseinstrument und Werkzeug im Dienste der höheren, und das hieß für ihn: kommunistischen Sache.

Mit seinen sogenannten Sprachblättern entwickelte er seit 1961 eine grafisch-visuelle Form von Schrift-Lineaturen, die, doppelhändig ausgeführt, auf transparentem Papier zu flirrend-rhythmischen Strukturen anwachsen – eine Art visueller Stream of Consciousness, dessen Aufzeichnung ihn nächtelang fesseln und worüber er sogar alles andere vergessen konnte. Blätter mit oft kryptischen Titeln wie „Geschichtsphilosophisches Kombinat“ sind ein Neben- und Ineinander von Grafik, Schrift, autonomen Zeichen und Leerstelle. Claus löste Kompositionskategorien wie vorn und hinten, Figur, Form und Grund, Gegenstand und Abstraktion auf; Phonetik, Semantik, Bewusstsein und Unbewusstsein scheinen zu verschwimmen. Die grandiose Mappe „Aurora“ vereint das labyrinthische Wabern des Informel mit der großen reduzierten Form und liefert damit ­Bilder für die Befreiung des Einzelnen aus gesellschaftlichen Zwängen.

Späte Anerkennung

All diese Experimente aber machten dem Extremdichter nicht nur Freunde. Claus, eigentlich überzeugter Marxist, wurde von der DDR-Staatssicherheit und von anderen Behörden derart misstrauisch beäugt, dass man ihm die Ausreise nahelegte. Doch er blieb standhaft. Ein Außenseiter in Annaberg – „kein Geld, keine Frau, kein Diplom, nicht mal einen Bauch“, wie er selbst die eigene Existenz lakonisch auf den Punkt zu bringen verstand. Dabei erhielt er in der reglementierten Kunstszene der DDR auch Unterstützung. So wurde er früh von dem Leiter des Dresdner Kupferstich-Kabinetts, Werner Schmidt, sowie dem Galeristen Klaus Werner gefördert. Die experimentelle Galerie und Künstlergruppe „Clara Mosch“ um Thomas Ranft und Michael Morgner erleichterte zumindest zeitweise die Präsentation und den Verkauf seiner Werke.

Erst mit dem Ende der DDR kam für Claus die breitere Anerkennung. In kurzer Folge erhielt er Kunstpreise und wurde in die Berliner Akademie der Künste aufgenommen. Es war ein kurzer Ruhm. Claus starb mit nur 67 Jahren, am 22. Mai 1998. Er hinterließ Hunderte Handzeichnungen und Druckgrafiken, Fotografien, Manuskripte, Tagebücher und eine 22 000 Briefe umfassende Korrespondenz – unter anderem mit Hans Arp, Ernst Bloch, Will Grohmann, Raoul Hausmann, Lothar Lang, Fritz Winter, allein 1000 Briefe und Postkarten mit Christa und Gerhard Wolf. Der Vielleser Claus besaß mehr als 10 000 Bücher, die heute für das Verständnis seiner Werke unverzichtbar sind. Schließlich existieren bei Claus Bild, Klang, Sprache, Schrift, Körper, Individuum und Gesellschaft nie losgelöst voneinander. Dieses dialogische Grundprinzip machte ihn in der DDR zwangsläufig zum Isolierten – und vielleicht erst nach seinem Tod zum hochgeschätzten Denker und Diskutanten.

Info: Vom 25. August bis 27. Oktober findet die Ausstellung "Carlfriedrich Claus und Bernard Schultze – Eine deutsch-deutsche Künstlerfreundschaft" in den Kunstsammlungen am Theaterplatz in Chemnitz statt.

Titel Sonderheft ErzgebirgeDies ist ein Artikel aus dem Sachsen-Sonderheft „Erzfreunde“ von Cicero und Monopol.














 

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