Campus der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Campus der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf / picture alliance/dpa | David Young

Cancel-Vorfall in Düsseldorf - Sittenwächter übernehmen die Heinrich-Heine-Universität

Die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ist auf dem Weg, von einer Stätte der Freiheit der Lehre zu einer Stätte der Sittenüberprüfung zu werden. Der Autor hat selbst erlebt, was das für Wissenschaftler bedeuten kann.

Autoreninfo

Werner Kunz ist Zoologe und emeritierter Professor der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter „Do species exist? – Principles of taxonomic classification“ (2012) und „Species Conservation in Managed Habitats – The Myth of a Pristine Nature“ (2016).

So erreichen Sie Werner Kunz:

Im Herbst 2025 erhielt ich eine Einladung, im Juni 2026 einen Vortrag über Naturschutz beim Verein „Freundeskreis Botanischer Garten“ an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) zu halten. Diesem Verein bin ich schon lange verbunden und habe in früheren Jahren schon mehrfach einen Vortrag dort gehalten. Mit dem Vorsitzenden bin ich persönlich gut bekannt und traf ihn schon öfter für persönliche Gespräche. Mein für Juni 2026 vorgesehener Vortrag hatte eine lange Vorbereitungszeit und sollte auch per Video und für YouTube aufgenommen werden. Es wollten Leute von auswärtigen Universitäten anreisen. Noch zwei Tage vor diesem Vortrag hatte ich mit dem Vorsitzenden vorbereitende Gespräche. 

Und dann passierte es. Weniger als 24 Stunden vor dem Beginn des Vortrags spät am Abend erhielt ich eine E-Mail vom Vorsitzenden, dass der Vortrag abgesagt werden musste. Darin hieß es unter anderem:  „Es sind uns mehrere frühere Aussagen von Ihnen bekannt geworden, die bereits in der Vergangenheit diskutiert wurden und zu entsprechenden Entscheidungen der Universität geführt haben … Nach eingehender Prüfung und Gesprächen mit zuständigen Stellen der HHU sind wir zu der Einschätzung gelangt, dass diese Aussagen mit den Grundsätzen, für die die HHU und eben auch der Freundeskreis als Veranstalter stehen, nicht vereinbar sind ...“

Der Stein des Anstoßes bleibt ungenannt

Was hatte ich verbrochen? Die „zuständigen Stellen der HHU“ haben sich nie bei mir zu erkennen gegeben, und es ist niemals etwas „in der Vergangenheit diskutiert worden“. Ich weiß nicht, wer hier diskutiert hat. Im Absageschreiben des „Freundeskreises Botanischer Garten“ ist lediglich von einer „Gleichstellungsorganisation“ die Rede.

Meine Vermutung geht zurück auf mein im Jahre 2024 durchgeführtes Modul „Grundlagen der Biodiversität und Evolution“. Ein wichtiger Teil dieses Modul-Inhalts bestand in der Erläuterung, was man in der Biologie unter einer Art versteht. Der Artbegriff kann nur erläutert werden, wenn die Kennzeichen, die zwei Arten voneinander trennen, mit den Kennzeichen verglichen werden, die die beiden Geschlechter voneinander unterscheiden. Das war also auch ein Teil des Lehrinhalts.

Über meine Aussagen zu den Unterschieden zwischen den Geschlechtern haben sich einige Studenten in der anschließenden Evaluation der Lehrveranstaltung heftig beschwert und mich geradezu angezeigt. Meine Aussagen wurden uminterpretiert zu einer angeblich wörtlichen Aussage von mir, dass „Frauen nicht denken könnten“. Eine solche Aussage habe ich nie gemacht und würde sie auch niemals machen, weil sie absolut dumm wäre. Die Rechtsanwälte des „Netzwerks Wissenschaftsfreiheit“ bezeichnen das Ganze als einen „ungeheuerlichen Vorgang“ und haben in einem „Offenen Brief an das Präsidium der HHU“ bereits festgestellt, dass hier eine nicht getätigte Aussage zugrunde liegt, deren Behauptung den strafrechtlichen Tatbestand der Verleumdung nach §187 StGB erfüllt.

Amtsenthebung ohne Aussprache

Die Gleichstellungsbeauftragte der Math-Nat-Fakultät und gleichzeitig Vorsitzende der Wissenschaftlichen Einrichtung (WE) Biologie hat diesen Satz jedoch als wahr übernommen und mich sofort aller meiner Lehrämter (auch als Betreuer von Bachelorarbeiten) enthoben, ohne die angeblichen Aussagen der Studenten zu überprüfen und ohne mir das Recht einer Aussprache und Verteidigung einzuräumen. Der Prüfungsausschuss und die Zweitbetreuer der Arbeiten meiner Bachelor-Kandidaten wurden nicht zu Rate gezogen. Dabei wäre meine sittliche Einstellung auf meiner Homepage leicht zu überprüfen gewesen. Die Mehrheit meiner Bachelor-, Diplom- und Promotionskandidaten und die meisten Koautoren meiner Publikationen waren Frauen. Ich konnte gegen meine sofortige Entlassung aus allen meinen Lehrämtern, die ich unbesoldet nach meiner Pensionierung weitergeführt hatte, nichts unternehmen, weil ich keinen Anspruch auf Lehrtätigkeit mehr hatte.

Diese fast zwei Jahre zurückliegenden Ereignisse waren es offenbar, durch die der Vorsitzende des „Freundeskreises Botanischer Garten“ von der „Gleichstellungsorganisation“ gezwungen wurde, meinen oben erwähnten Vortrag kurzfristig abzusagen, mit den Worten: „Es sind uns mehrere frühere Aussagen von Ihnen bekannt geworden, die bereits in der Vergangenheit diskutiert wurden und zu entsprechenden Entscheidungen der Universität geführt haben …“

Ganz abgesehen von der Tatsache, dass diese offenbar zugrundeliegenden Aussagen einiger Studenten falsch wiedergegeben wurden, zeigt die Absage eines langfristig vorbereiteten Vortrags durch eine „Gleichstellungsorganisation“, dass die Freiheit der Lehre durch Sittenwächter kontrolliert wird. Die Universität als Stätte der Lehrfreiheit sollte es eigentlich möglich machen, dass man fast alles sagen darf, solange es sich nicht um politische oder wirtschaftliche Geheimnisse handelt. 

Studenten werden zu Kontrolleuren der Dozenten

Die Wege zur Wahrheit liegen in der uneingeschränkten Freiheit des Denkens. Die Freiheit des Denkens ist gleichzeitig die Freiheit zum Widerspruch, und der sollte sofort erfolgen, wenn jemandem eine Äußerung nicht passt. Es sollte nicht möglich sein, dass jemand jahrelang verfolgt wird, weil er angeblich „einmal etwas gesagt hat“, ohne dass er sich jemals rechtfertigen oder verteidigen konnte. Diese Vorgänge erinnern an die Vorgehensweise der Inquisition. Es gibt Aufpasser, die ihren Lebensinhalt darin sehen, zu beobachten, wie andere Leute sich benehmen.

Als Dozent bekommt man Angst, „einmal etwas gesagt zu haben“. Die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ist auf dem Weg, von einer Stätte der Freiheit der Lehre zu einer Stätte der Sittenüberprüfung zu werden. Die dortigen Studenten scheinen dazu motiviert zu werden, beim Besuch von Lehrveranstaltungen die Dozenten nicht als Personen zu empfinden, die über ein gewisses Wissen verfügen und von denen man etwas lernen kann, sondern als Personen, die Macht ausüben und kontrolliert werden müssen. Die Qualität und der Wahrheitsgehalt der Wissensvermittlung in den Lehrveranstaltungen der Dozenten geraten immer mehr in den Hintergrund. Die Dozenten werden zunehmend einer Kontrolle auf „gutes Benehmen“ unterworfen.

Schon immer in der Geschichte der Kultur hat es einen Konflikt zwischen Gesinnung und Wahrheitsfindung gegeben. Sokrates wurde von Sittenwächtern 399 v. Chr. zum Tode verurteilt. Kopernikus unterlag der religiösen Zensur und konnte bis zu seinem Tode im Jahr 1543 seine Entdeckung nicht veröffentlichen. Darwin hatte zwei Jahrzehnte lang eine riesige Furcht vor sozialer Ächtung und musste vor allem Rücksicht auf seine tiefreligiöse Frau nehmen, die Angst hatte, sie würde nach dem Tode ihren Mann im Jenseits nicht vorfinden.

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C. Schnörr | Mi., 9. September 2026 - 18:49

dass der Artikel inhaltlich korrekt ist, frage ich mich: Wo blieb die Solidarität der Kollegen und der Fakultät, um geschlossen welchem zuständigen Gremium auch immer und dem Rektor anzuzeigen: so an einer deutschen Universität bitte nicht!?

Ernst-Günther Konrad | Do., 10. September 2026 - 10:31

Antwort auf von C. Schnörr

Danke für diesen Kommentar. Wo bleibt die Solidarität? Genau das ist die Gretchenfrage. Wenn alle Professoren sich zusammen schließen und klar machen, geht es gegen den einen, sind wir alle gemeint, möchte ich mal sehen, wie weit die UNI geht, wenn der Betrieb eingestellt werden muss. Offenbar kann jeder Professor der nächste sein. Haben die alle keine A... in der Hose, oder was? Solange die Kollegen sich wegducken haben diese linken Spinner Erfolgt.

Wolfgang Balzer | Mi., 9. September 2026 - 19:12

Wo wir gerade über Biologie sprechen: Der Darwin Award (deutsch Darwinpreis) ist ein sarkastischer Negativpreis für Menschen, die sich auf besonders dumme oder unüberlegte Weise selbst töten oder unfruchtbar machen und dadurch ihre eigenen Gene aus dem menschlichen Genpool entfernen (Quelle: Wikipedia). Es scheint, ein kleiner, aber lautstarker Teil des Westens bewirbt sich gerade um das Äquivalent dieses Awards auf der Ebene einer ganzen Kultur. Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum es so schwer ist, diese Wahnsinnigen zu stoppen. Apathie und heimlicher Todeswunsch der ganzen Gesellschaft?

Hans Page | Mi., 9. September 2026 - 19:19

Maoistischer Terror, bzw Terror der von den chinesischen Maoisten abgeguckt und kopiert wurde. Das werden diese Studenten kaum wissen aber die Methode ist maoistisch.

Walter Bühler | Mi., 9. September 2026 - 19:20

... Studenten eine uralte Tradition, nicht nur vor etwa 90 Jahren wie bei Heidegger und später unter den marxistischen Lichtgestalten. Und es ist wahr, es scheint so etwas zu geben wie die deutsche Lust am Untergang.

Jens Böhme | Mi., 9. September 2026 - 20:57

"...ohne die angeblichen Aussagen der Studenten zu überprüfen und ohne mir das Recht einer Aussprache und Verteidigung einzuräumen." - Der Sozialismus in seinem Lauf...

Markus Michaelis | Do., 10. September 2026 - 01:37

Im ÖRR und Medien der Mitte kommen die letzten Tage öfter kritische bis ängstliche Stimmen aus der Kulturwelt in Sachsen-Anhalt, auch von Unis, dass mit der neuen Kulturförderung vieles vielleicht nicht mehr möglich wäre. Das kann so sein, kann auch schnell bedenkliche Ausmaße annehmen - gut möglich.

Es gibt aber wenige Gedanken dazu, dass die bisherige Mitte auch vieles nicht gefördert hat und manches auch zu unterdrücken versuchte, dass sich selber finanziert hat.

Die Selbstverständlichkeit, mit der man in der Mitte seine eigenen Vorlieben und Sichtweisen als die richtigen und alles andere als unzulässig ansieht, ist auch zu weit gegangen.

Martina Moritz | Do., 10. September 2026 - 06:43

Beängstigend das eine renomierte deutsche Universität die Basis von wissenschaftlichem Denken und Streben mit der Anwendung Idiologisierter Haltung niedertritt, indem sie die Freiheit und Unbefangenheit wissenschaftlichen Austausches und die damit verbundene intellektuelle Entwicklung der (jungen) Menschen, letztlich unserer Gesellschaft ver-/behindert. - die intellektuelle Entwicklung einer Gesellschaft setzt Unbefanhenheit im wechselseitigen Autausch voraus.

Achim Koester | Do., 10. September 2026 - 07:44

Nicht nur an der HHU, auch bei dem Wirbel um die Bemalung eis Fahrgeschäfts auf dem Oktoberfest zeigen sich diese (fast immer Frauen) als die Erynnien der modernen Zeit. Es scheint nur eine Frage der Zeit, wann sie ihre (nicht vom Volk) verliehene Macht in den Gemäldegalerien alter Meister austoben wollen, die ja haufenweise unbekleidete Körper zeigen.

Dr, Armin Schmid | Do., 10. September 2026 - 10:42

Die Heilige Inquisition befragte immerhin Beschuldigte, und das meistens "gütlich", sprach sie manchmal sogar frei. Auch wurde dem Beschuldigten das ihm vorgeworfene Delikt genannt. Da sind wir heute anscheinend schon wesentlich weiter. Sie, Herr Prof. em. Kunz, könnten unter wirtschaftlichen Aspekten die Sache zwar einigermaßen gelassen sehen (auch wenn die extrem kurzfristige Absage Ihres Vortrags schon äußerst ärgerlich ist). Auf jüngere Wissenschaftler wird diese Maßnahme (nach dem Motto: Bestrafe einen, erziehe Hundert) ihre Wirkung nicht verfehlen.