Burkhard Driest - "Mit ausgebreiteten Armen in den Tod"

Wer auf ein so bewegtes Leben zurückschaut wie Burkhard Driest, muss an seinem letzten Tag nichts nachholen. Nach einem spektakulären Banküberfall wurde er zu einem bekannten Schriftsteller. Seine letzten 24 Stunden würde Driest in Tansania verbringen, ganz nah am Saum der Wildnis

Burkhard Driest
(picture alliance) Burkhard Driest auf der Frankfurter Buchmesse 2008

Ein paar Mal stand ich vor dem Aus, obgleich mir 24 Stunden nicht geblieben wären. Einmal auf der Autobahn, einmal in Südamerika beim Absturz einer Cessna-Maschine, in der ich saß, und einmal wollten mich drei Rastafreaks auf Jamaika umlegen, wenn ich nicht jemanden anrufen würde, der zweitausend Dollar vorbeibrächte. Ein anderes Mal sollten wir uns in einem Strasberg-Seminar die letzten Stunden vor dem Gong vorstellen – und einmal war es mein Traum, den ich für etwa sechs Monate während meiner Studienzeit hegte.

Auf die Frage, wie ich am liebsten sterben würde, stellte ich mir vor, alle, die ich kannte, zu einer riesigen Party auf dem Johanneskirchplatz in Göttingen einzuladen, ohne sie wissen zu lassen, dass es meine Sterbeparty wäre:

Ich feierte und tanzte mit allen, aber auf dem Höhepunkt des Festes stieg ich die vielen Stufen bis zum höchsten Austritt des Kirchturms hinauf. Um Licht zu haben, entzündete ich dort zwei Fackeln und zog mir einen dort deponierten Anzug über. Lange Federn waren an den Biesen der Hosen und den Armen befestigt. Ich trat an den Rand der Zinne, ein Suchscheinwerfer, von einem Freund gesteuert, erfasste mich, und die Musik brach ab. Lange konnte ich mich nicht entscheiden, ob ich da oben noch ein Mikrofon haben sollte, um eine Rede zu halten, aber wenn meine Wildheit wuchs, entschied ich mich dafür. Nach dieser Rede war Stille, dann erklang über zehn Lautsprecher die Musik von Miles Davis „Fahrstuhl zum Schafott“. Ich griff zu einer Benzinbrause, mit der ich die Federn an meinem Anzug besprühte und hielt eine der Fackeln daran, sodass die Flammen an Armen und Beinen emporschossen. Ich stieß einen gellenden Schrei aus und sprang mit ausgebreiteten Armen. Ein Aufstöhnen, dann mein Aufprall.

Die letzten 24 Stunden – das bedeutet, die Stunde und Minute des Todes genau zu wissen. Das ist wie „on death row“. Du wartest, bis du die hallenden Schritte auf dem Zellengang hörst. Oder du springst vorher.

Heute hat mein Sohn, ausgeglichen, hilfsbereit und freundlich wie immer, Spaghetti gekocht. Wir sitzen zusammen und essen, und ich frage ihn, wie er die letzten 24 Stunden seines Lebens verbringen würde: „Es wäre ein ganz normaler Tag“, sagt er. „Warum sollte etwas anders sein? Ich lebe nicht von Klimax zu Klimax, ich lebe von Minute zu Minute.“

Und ich heute? Ich würde nicht versuchen, noch etwas nachzuholen, noch etwas zu erleben, mir noch irgendeinen Wunsch zu erfüllen, irgendeine Sehnsucht zu stillen. Würde auch nicht kochen. Dafür war mein Leben da.

Auf den ersten Seiten in „Jenseits von Afrika“ beschreibt Tania Blixen afrikanische Natur. Das hat mir gefallen. Ich würde mich verabschieden von allem, an dem ich hing, nach Namibia oder Tansania fliegen, mich in ein Hotel einmieten, das vollkommen in der Natur liegt, würde mich raussetzen, alleine, nah an den Saum der Wildnis, würde über das Geschrei der Affen, das Locken der Vögel, das Trompeten der Elefanten, das Brüllen der Großkatzen, das Zirpen der Zikaden eins werden mit der Natur, von der ich ein Teil bin, die mich ausatmete und mich nun wieder einatmen wird und der ich meinen Atem anpasse.

Ich träumte einmal, ich würde mich als Feuerwirbel aus meinem Grab erheben. Diesmal als Feuerwirbel über Afrika.

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