Burghart Klaußner spielt Fritz Bauer - „Rache war nicht sein Antrieb“

Burghart Klaußner spielt in „Der Staat gegen Fritz Bauer“ die Rolle des bekannten Generalstaatsanwalts Fritz Bauer, der an der Wiederaufnahme des Falles Adolf Eichmann maßgeblich beteiligt war. Im Interview erzählt der Schauspieler von den Stärken und Schwächen eines deutschen Helden

Burghart Klaußner spielt Fritz Bauer
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Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ und „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“.

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Alexander Kissler

Burghart Klaußner ist Schauspieler, Theaterregisseur, Hörbuchsprecher und Sänger. 2010 erhielt er den Deutschen Filmpreis als Bester Hauptdarsteller für „Das weiße Band“. 2011 wurde ihm der Deutsche Hörbuchpreis in der Kategorie Bester Interpret für Schuld“ verliehen. Zuletzt spielte er in den Filmen Elser-Er hätte die Welt verändert“ und Der Vorleser“. In seinem neuen Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ von Regisseur Lars Kraume spielt er den deutschen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der sich ab den 60er Jahren für die Verfolgung nationalsozialistischer Verbrechen einsetzte.

Fritz Bauer war von 1956 bis 1968 hessischer Generalstaatsanwalt und trug entscheidend dazu bei, Adolf Eichmann in Argentinien aufzuspüren. Ist er ein deutscher Held?
Nichts anderes. Fritz Bauer ist ein deutscher Held. Darum wird die französische Fassung unseres Filmes exakt so heißen, „Ein deutscher Held".

Sie waren bisher eher auf finstere Charaktere abonniert.
In der Tat ist diese Rolle ein großes Glück für mich in der Galerie deutscher Männer, der ich seit einigen Jahren verpflichtet bin: der Nationalsozialist in „Elser“, der Unternehmer in „Die fetten Jahre sind vorüber“, der Pastor im „Weißen Band“. Das sind alles Figuren, in denen sich deutsche Geschichte angehäuft hat.

Der Titel des Films irritiert: „Der Staat gegen Fritz Bauer“. Das heißt, ein Staat, die Bundesrepublik Deutschland, geht gegen den eigenen Staatsanwalt vor. Warum?
Bauer sagt einmal im Film: „Meine eigene Behörde ist Feindesland.“ Auf Englisch wird der Titel „The people vs. Fritz Bauer“ lauten. Letztlich ist es ein Cowboy-Film. Ein Mann steht auf gegen alle. Bauer kam aus dem schwedischen Exil nach Frankfurt zurück, fest entschlossen, sich nicht verbiegen zu lassen in seinem Kampf gegen die alten Kräfte. Rasch merkte er, dass es ein Kampf gegen Windmühlen ist. Derart schnell taten sich Schutzräume auf und unvermutete Allianzen, dass er sich stets im Hintertreffen wähnte.

Er war geradezu besessen von der Jagd auf den eliminatorischen Judenhasser Adolf Eichmann.
Er war nicht besessen, er wollte die Öffentlichkeit mit den Verbrechen der Nationalsozialisten konfrontieren und den Tätern Reue abverlangen. Rache war nicht sein Antrieb, Rache ist nur ein Affekt. Am Beginn des Films wird klar, dass er Bormann, Mengele und Eichmann gleichermaßen vor Gericht bringen will. Es ist dann ein Glücksfall, dass er auf Eichmann aufmerksam gemacht wird.

War Ihnen Fritz Bauer vorher ein Begriff?
Ja, er zählte zu unseren intellektuellen Vorbildern, als wir an der FU Berlin studierten. So wie Ernst Bloch, Theodor W. Adorno, Hans Meyer und andere zornige Männer, die aus dem Exil zurückkamen. Sie zeigten uns in den späten sechziger Jahren, dass es ein besseres Deutschland gab.

Bauer kämpfte den Kampf des Gerechten.
Ohja! Das wäre ein Titel, der mir auch gefallen hätte.

Andererseits war er einsam und drohte zu verbittern. Er litt an der Zeit, Lebensgenuss und -freude schienen ihm fremd.
Wir wollten in unserem Film, der keine Biographie eines ganzen Lebens ist, den hohen Preis zeigen, die Einbuße an Lebensqualität, die Bauer zu akzeptieren bereit war. Es gibt ja diese Vermutung, Bauer sei homosexuell gewesen. Er hat sich in Deutschland dann alles versagt, was seinen Wünschen entsprochen haben mag: um sich für die Feinde nicht angreifbar zu machen. Die Ehe mit der in Kopenhagen verbliebenen Frau wurde nicht wirklich gelebt. Davon abgesehen aber gibt es wohl kaum Intellektuelle ohne Einsamkeit.

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Ich bin kein Intellektueller, ich bin nur ein nachdenklicher Mensch. Ich beobachte aber meine intellektuellen Freunde und fand es hochspannend, nun einen Mann aus dem Kernbereich des intellektuellen Betriebs spielen zu dürfen, diesen so vielseitig gebildeten, musisch interessierten Anwalt. Bis ins kleinste Detail ging meine Neugier: Trägt er seine Zeitung immer in der Innen- oder manchmal auch in der Außentasche? Wo bewahrt er seine Zigaretten auf? Ich bin fasziniert von Ikonographie. Alles hat für mich Bedeutung. Ikonographische Details erzählen mir ganze Geschichten.

War es dann auch bedeutsam, dass der Krankenwagen, der Fritz Bauer zu Beginn abholt, das Autokennzeichen „F-1939“ hat? Dass also in der Nachkriegszeit der Kriegsbeginn für neue Erkrankungen sorgt?
Nun, ich denke, da legen Sie zuviel hinein. 

Wie haben Sie sich die expressive Körpersprache Bauers angeeignet?
Gemeinsam mit Regisseur Lars Kraume sah ich mir Aufzeichnungen an, darunter eine Fernsehdiskussion mit Jugendlichen, die wir im Film auch nachstellen. Ich war überrascht zu sehen, wie sich die Seele eines Menschen so überdeutlich in seiner Körperlichkeit und Stimmhaltung abbildet. 

Warum wetterte Bauer gegen „Adenauers verfluchte Versöhnung“?
Er kritisierte scharf die Versöhnung mit den alten Nazis, den Vorrang der Ruhe vor der Aufklärung. „Die Restauration“, sagte er, „hat mal wieder die Revolution besiegt, wie schon so oft in Deutschland“.

Eichmann stolperte dann über seine Eitelkeit.
Und über seine Geldnöte. Er brauchte, als er nach Argentinien geflohen war, ebenso Geld wie jener Journalist Sassen, der ihn interviewte. Er brüstete sich vor dem Mikrofon mit der Zahl der ermordeten Juden, und eine Abschrift davon gelangte über Umwege zu Fritz Bauer. Unglaublich gut übrigens wird Eichmann von Michael Schenk gespielt, der in „Elser“ schon Hitler verkörperte.

… und in „Weissensee“ nun einen skrupellosen Stasi-Spitzel. Bauer ließ sich von den Widersachern letztlich nicht entmutigen.
Erst 1979, zehn Jahre nach seinem Tod, erfuhr man, dass es nicht der Mossad war, dem die Verhaftung Eichmanns zu verdanken war, sondern einem hessischen Staatsanwalt. Zu dessen großem Kummer wurde Eichmann dann in Jerusalem vor Gericht gestellt. Er wollte die Deutschen lieber in Deutschland mit ihrer Vergangenheit konfrontieren. Das war auch nötig, wurde doch in meiner Kindheit, in den 50er Jahren, über die großen Vernichtungslager öffentlich nicht gesprochen. Obwohl schon 1946 in den Nürnberger Prozessen Lagerkommandant Rudolf Höß erklärt hatte, in Auschwitz und Birkenau seien 2,1 Millionen Menschen ermordet worden.

Ist die historische Aufarbeitung heute vollendet?
Die bisherige Art und Weise der Aufarbeitung dieser Verbrechen brachte uns zumindest einige Achtung in der Welt ein. Inzwischen sprechen erstaunlich viele hervorragende Historiker fließend Deutsch, Neil McGregor etwa oder Christopher Clark. Sie zeigen einiges Verständnis für die Nöte einer Nation, die sich ihrer Vergangenheit zu stellen bereit war. Blicke ich vor diesem Hintergrund auf eine der größten Herausforderungen nach dem Zweiten Weltkrieg, die Flüchtlingstragödie, dann denke ich: Wenn wir dieser Herausforderung mit Anstand gerecht werden, wäre es auch für die Sicherheitspolitik unseres Landes ein großer Gewinn. Niemand wird diese Leistung, wenn sie denn vollbracht wird, vergessen.

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