Die Bücherverbrennung - Das Ende des Landes der Dichter und Denker

Mit der Bücherverbrennung verabschiedete sich Deutschland im Mai 1933 aus der Welt der Wissenschaft und Kultur. Die Folgen sind bis heute spürbar. Vierte Folge unserer Serie „1933 – Unterwegs in die Diktatur“

Bücherverbrennung, 1933
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Blom, Philipp

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Wenn es ein Datum gibt, an dem Deutschland aufhörte, die größte Wissenschaftsnation und die wichtigste Kulturnation der Welt zu sein, dann war es der Abend des 10. Mai 1933, an dem Studenten, Professoren, Burschenschaftler in voller Montur und Mitglieder von SA und Hitlerjugend einen Schritt in Richtung eines der Scheiterhaufen machten, die in mehr als 70 deutschen Städten brannten, und mit einem „Feuerspruch“ auf den Lippen Bücher von „undeutschen“ Autoren in die Flammen warfen. Das ehemalige Land der Dichter und Denker bekannte sich damit endgültig zu einem neuen Barbarismus.

Die ersten Scheiterhaufen im Rahmen der Aktion hatten im Februar gelodert. Kurz darauf hatte die deutsche Studentenschaft unter dem Motto „Wider den undeutschen Geist“ zu einer Großaktion aufgerufen, die nicht nur „zersetzende Literatur“ zerstören, sondern auch den universitären Machtanspruch der studentischen Funktionäre festigen sollte.

Schon der „Judenboykott“ am 1. April, der alle Geschäfte und Betriebe in jüdischem Besitz betraf, hatte die Absichten der Nationalsozialisten deutlich gemacht. Mit dem im April erlassenen „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ wurde die Machtergreifung auch an den Universitäten vollzogen. Beamte mussten von jetzt ab einen „Ariernachweis“ erbringen und konnten ohne Angabe von Gründen entlassen werden. Hunderte von jüdischen und politisch unliebsamen Hochschullehrern, mehr als 20 Prozent der Lehrkräfte, waren so entfernt worden. Die Proteste von Professorenseite hielten sich in Grenzen, denn die frei gewordenen Stellen boten Karrieremöglichkeiten.

Mit der Bücherverbrennung sollte nun auch das Gedankengut im akademischen Bereich symbolisch „gereinigt“ werden. In Anlehnung an Luthers 95 Thesen publizierte die deutsche Studentenschaft zwölf Thesen, in denen sie forderte, „die Lügen“ der „jüdischen Literatur“ auszumerzen.

Was am 10. Mai 1933 geschah, beschrieb ein rhetorisch beseelter Redakteur der Greifswalder Zeitung: „Die Fackeln entzündeten den Holzstoß, auf dem die roten Fahnen und Transparente, die 14 Jahre lang durch die Straßen getragen wurden und zum Klassenkampf die Volksgenossen aufhetzten, in Flammen aufgingen. In dieses aufzüngelnde Flammenmeer flogen in hohem Bogen die Bücher, die auf der schwarzen Liste der nationalen Bewegung standen. Von Remarques ‚Im Westen nichts Neues‘ bis hin zu Heinrich Heine flogen die zersetzenden Zeitschriften und Flugblätter russischer und kommunistischer Funktionäre. Der aufsteigende Rauch entführte die brennenden Blätter weit zum Nachthimmel hinauf, dass sie wie entschwebende Geister erscheinen mochten. Und das ist wohl auch der Sinn dieser symbolischen Handlung, den Geist der Zersetzung, den Geist des Zwiespalts, kurz den Geist des Marxismus und Kommunismus auszutreiben, nicht bloß aus den Bücherschränken, sondern aus Gedanken und Herzen aller Volksgenossen.“

Das Privileg, verbrannt zu werden, teilten die Bücher jüdischer Autoren wie Karl Marx, Heinrich Heine, Sigmund Freud, Alfred Kerr und Franz Kafka mit denen nichtjüdischer Autoren von den Brüdern Mann über Erich Kästner, Kurt Tucholsky und Hermann Hesse. Aber nicht nur die Bücherschränke und die Herzen der Volksgenossen leerten sich. Bis zum Kriegsbeginn verließen eine halbe Million von Intellektuellen, Wissenschaftlern, Künstlern, Journalisten und Schriftstellern Deutschland und Österreich und emigrierten ins Exil. Die Hälfte von ihnen ließ sich in den Vereinigten Staaten nieder.

Kulturell und wissenschaftlich hat sich Deutschland von diesem Exodus nie erholt. Zwischen 1901 und 1933 ging ein Drittel aller Nobelpreise für Wissenschaften nach Deutschland. Zwischen 1933 und 1960 waren es noch acht. Vor dem Krieg nahmen Chemiker und Physiker in der ganzen Welt Kurse in Deutsch, um wichtige wissenschaftliche Publikationen zu verstehen. Heute schreiben deutsche Naturwissenschaftler lieber gleich auf Englisch. Die Liste der Exilierten gibt eine Ahnung von dem intellektuellen Potenzial, das verloren ging, von Hollywood bis zum militärpolitischen Manhattan-Programm der USA, von Bertolt Brecht bis zu Leo Strauss, dem Vater der ursprünglichen Neoliberalen Ökonomie in Chicago, Max Horkheimer, Hannah Arendt und Arnold Schönberg.

Viel schlimmer als der Verlust seiner intellektuellen und kulturellen Weltstellung aber war die endgültige Perversion einer moralischen und kulturellen Tradition, die zumindest dem akademischen Selbstverständnis nach an den Universitäten besonders verankert sein sollte. Am 10. Mai 1933 kam es trotzdem kaum zu Reaktionen von Professorenseite. In Berlin hielt ein Philosophieprofessor, der zu Recht vergessene ­Alfred Baeumler, seine Antrittsvorlesung zu dieser Gelegenheit und marschierte dann mit den Studenten zum Scheiterhaufen. Der Rektor der Universität, Eduard Kohlrausch, trat zwar aus Protest zurück, wurde aber danach zu einem hochrangigen Juristen in der NS-Hierarchie. Hitler persönlich zeichnete ihn 1944 aus.

Nur an der Universität Marburg fand sich kein Professor, der am Scheiterhaufen sprechen oder mit den Studenten marschieren wollte. Dort hatte sich nur wenige Tage zuvor der angesehene Sprachwissenschaftler Hermann Jacobsohn, als Nichtarier aus dem Dienst entlassen, das Leben genommen. Wenn es auch vielleicht nicht aus humanistischen Prinzipien geschehen war, bewegte diese Verzweiflungstat ihres Kollegen die Marburger Professoren augenscheinlich zum passiven Widerstand.

In der Serie „1933 – Unterwegs in die Diktatur“ sind bisher erschienen:

Die Machtergreifung: Religion der Brutalität

Der Reichstagsbrand: Republik unter Feuer

Das Ermächtigungsgesetz: Als Deutschland die Demokratie verlor

Die Bücherverbrennung: Das Ende des Landes der Dichter und Denker

Die Volkszählung 1933: Die statistische Grundlage für den Holocaust

Das Reichskonkordat: Fauler Handel mit der Kirche

Der Volksempfänger: Das Propagandawerkzeug der Nazis

DIe Reichskulturkammer: Die Gunst war wichtiger als die Kunst

Der Völkerbund: Deutschlands Austritt ebnete den Weg in den Krieg

 

 

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