Buchhandlungen im Lockdown - Immer nach Hause

In Berlin dürfen Buchhandlungen auch während des aktuellen Lockdowns geöffnet bleiben. Doch ist das wirklich ein Motor für das Infektionsgeschehen? Cicero-Kulturredakteur Ralf Hanselle widerspricht dem Literatur-Blogger Marius Müller. Die Buchhandlungen helfen uns dabei, ein verengtes Menschenbild zu hinterfragen.

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Die Buchhandlung als „geistige Tankstelle“ / dpa

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Ralf Hanselle ist stellvertretender Chefredakteur von Cicero.

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„Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause.“ Es wäre wohl nicht mehr als ein Kalauer, wollte man behaupten, die Literatur hätte kein Verhältnis zum Lockdown. Novalis berühmte Worte aus seinem Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ belegen doch, wie groß unsere Sehnsucht ist, sich in Haus und Heim wohlig niederzulassen. Immer nach Hause! Immerzu fort von den gefährlichen Plätzen und Menschenmassen! Und wenn man mit einem derart regressiven Impuls auch noch Leben retten kann, umso besser. Unsere ur-menschliche Sehnsucht nach Hygge und Wärme bekämen dann sogar noch einen moralischen Mehrwert.

Doch als Journalist geht man natürlich nicht bis nach Calau. Man kratzt allenfalls mal leise am Stadttor. Und das auch nur, um mit einem Plattwitz wie diesem auf ein Dilemma zu verweisen. Natürlich hatte Novalis mit seinen romantischen Roleback-Phantasien nicht die aktuellen Maßnahmen der Bunderegierung im Kopf; auch ging es ihm nicht um jene bürgerliche gute Stube, die dieser Tage Schutz bieten soll vor Aerosolen, Tröpfchen und manch anderen Infektionsgefahren. 

Heimatlos im Intensivregister

Nein, die Heimat des Dichters ist weitaus größer: Es ist ein metaphysischer Raum, ein Ort, an dem unser Menschsein eingebettet ist in die geheime Ordnung der Sterne am Himmel. Man findet diese Wohnstatt nicht in den aktuellen Covid-19-Dashboards, nicht im DIVI-Intensivregister, schon gar nicht im recht visionslosen Handeln der Bundesregierung. Wer hinter den Zahlen sucht, der sucht vergebens.

Denn gegen die metaphysische Obdachlosigkeit im Corona-Winter 2020 hilft am Ende vielleicht wirklich nur die Poesie. Sie, so hat es Rüdiger Safranski einmal leicht pathetisch formuliert, ist „der Ort der punktuellen Erlösung“. Nun mag Punktualität natürlich recht kurzweilig und vor allem auch ziemlich wenig sein. In Anbetracht des Dauer-Loops an Höllenbildern aber, die wir Tag für Tag in unseren heimischen Sicherheitszonen empfangen, kann bereits ein kleiner Punkt eine überlebenswichtige Größe darstellen. Erlösung für den „homo epidemicus“ also – bis dato hat derlei nicht einmal die Europäische Arzneimittel-Agentur hinbekommen. 

An der Zapfsäule

Ist es da nicht gut, wenn wenigstens Berlins Kultursenator Klaus Lederer erkannt hat, dass der Mensch eben nicht vom Brot allein lebt? Im Gegensatz zu anderen Bundesländern hat Berlins rot-rot-grüner Senat daher beschlossen, dass in der neuerlichen Schließzeit über Weihnachten und Neujahr nicht nur Fahrradläden, Tierbedarfshandlungen, Drogerien und Lebensmittelgeschäfte geöffnet bleiben dürfen; auch Buchhandlungen sind weiterhin begeh- und bekaufbar. Sie nämlich, so Lederer, seien „geistige Tankstellen“.

Wo also gehen wir hin? Immer nach Hause – und in die Buchhandlung. Dort nämlich gibt es all das, was dem zum Torso amputierten Menschenbild in den gegenwärtigen Talkshows und Expertenberichten so schmerzlich abgeht: Denken Sie nur mal an Boccaccios „Il Decamerone“, Sie finden es in Ihrer Buchhandlung übrigens unter „B“. Gerade mal ein Jahr nachdem 1348 die große Pest in Florenz gewütet hatte, fantasierte der italienische Dichter in dieser Novellensammlung von einer Gruppe junger Menschen, die der epidemischen Lageberichten derart müde geworden waren, dass sie sich in die umliegenden Hügellandschaften zurückgezogen hatten, um sich ihrer Phantasie (und ihrer Lust) hinzugeben.

Phantasie hilft gegen Angst

In Boccaccios Buch steckt eine klare Botschaft: Wo die konventionelle Vorstellungskraft aufhört oder wo sie, vergleichbar einem kollektiven Zwangsgedanken, auf immer den gleichen Panikpunkt zuläuft, da können Phantasie und Literatur den Kopf freiblasen. Und wo Angst oder ausgetretene Sprachbilder zu keinerlei Lösung mehr führen, da ließe sich über Kreativität, Spiel und Imagination eine wirklich neue Normalität erschließen.

Es ist also gut, dass die Buchhandlungen geöffnet bleiben. Berlins Entscheidung hat nichts mit der Krämerfolklore einer vermeintlichen Kulturnation zu tun, und auch geht es hier nicht um die alleinige Rettung der Buchhändler, die bereits im ersten Lockdowns im Frühjahr Umsatzeinbußen von 46,9 Prozent hinnehmen mussten (Amazon-Gründer Jeff Bezos übrigens steigerte allein im ersten Halbjahr 2020 sein Vermögen um 74 Milliarden Dollar auf einen Gesamtwert von jetzt 189,3 Milliarden Dollar).

Es geht um uns

Was eigentlich zu retten ist, das sind wir. Wir, die wir immer nach Hause wollen und die wir in der Welt der konkreten Zahlen und der binären Begriffslagen nur noch wenig Sinn und selten einmal Heimat finden. Die Welt fängt eben nicht zu singen an, nur weil man sie endlich endlos quantifizieren und samt ihrer Risiken rationalisieren kann. Schauen Sie vielleicht besser mal in der Philosophie-Abteilung vorbei. Gehen Sie zum Buchstaben „P“. Nehmen Sie sich Zeit. 

In Samuel Pufendorfs „De iure naturae et gentium“ werden sie dann einen interessanten Gedanken finden: „Der Mensch ist von höchster Würde, weil er eine Seele hat“, schmettert uns körperfixierten Modernisten da einer der großen Vordenker der Menschenwürde entgegen. Und diese Seele, so Pufendorf weiter, ist „ausgezeichnet durch das Licht des Verstandes, durch die Fähigkeit, die Dinge zu beurteilen und sich frei zu entscheiden, und sich in vielen Künsten auszukennen.“

Die Entdeckung der Seele

Deshalb also sind die Buchhandlungen zumindest in Berlin noch offen. Die Bücher, wie alle anderen Künste natürlich auch, sind wichtig, um die menschliche Seele aufzurichten. Folgt man dem alten Aufklärer Pufendort, dann ist es einzig die Seele, die einen direkten Bezug zum ersten Artikel des Grundgesetzes herstellen kann. Das ist beileibe nicht wenig. Nehmen wir uns also ein gutes Buch und gehen wir dann endlich nach Hause.
 

Annette Seliger | So, 20. Dezember 2020 - 09:42

Es ist nur noch absurd was in diesem Land abläuft. Bei allem Respekt. Wir haben aktuell ca. 25.000 mit/an Corona verstorbene. 90% davon = 22.500 sind Bewohner von Alten- und Pflegeheime. Das durchschnittliche Todesalter liegt bei nahezu 83 Jahren. 99,98% aller mit/an Corona verstorbener sind in der Altersgruppe 70-90+. 0,11% aller mit an Corona verstorbener sind in in den Altersgruppen 0-69 Jahren. Die Gefahr für einen 75 jährigen normal konditionierten Menschen ohne Vorerkrankung ist 1,25% an Corona zu sterben.

Es gibt keinerlei Übersterblichkeit in Deutschland.

Und jetzt verhängt man Ausgangssperren! Geht`s noch?

Das Virus ist offenbar in Lebensmittelläden weniger ansteckend als beim Shoppen bei Karstadt. In Restaurants ist es ansteckender als in der Kantine. Weihnachtsmärkte sind ansteckend und Flohmärkte nicht.

Was ist das für eine Logik?!

Anstatt die Alten-und Pflegeheime zu schützen, sperrt man eine Gesellschaft ein.

Die 4. Gewalt versagt, wie schon bei der Migration!

Walter Bühler | So, 20. Dezember 2020 - 09:47

... dass Sie an Literatur erinnern, die im deutschen Alltag unter all den Krimischwarten, SPIEGEL-Bestsellern, Pseudo-Biografien und Ratgebern fast völlig verschwunden ist.

Insofern gefällt mir der Begriff "geistige
Tankstelle" ganz gut, obwohl (oder weil?) er noch dem Karbon-Zeitalter angehört und insoweit von einer gewissen nostalgischen Patina überzogen ist.

Von Klaus Lederer, der die "Tankstelle" ins Gespräch gebracht hat, würde ich mir wünschen, dass er einmal mit Frau Scheeres spricht. Literatur aus der Kultur-Tankstelle würde vielleicht auch der notleidenden Berliner Schule nicht schaden.

Englbert Rottenmoser | So, 20. Dezember 2020 - 10:20

Das Zitat von Samuel Pufendorf trifft den Punkt.
Die technokratischen Coronamaßnahmen werden von politischen Selbstdarstellern und sich wichtig nehmenden Experten verkündet, die aber bis jetzt nicht in der Lage sind trotz hochgepriesener Technologie und IT-Technik unserer Zeit, Hotspots der Epidemie zu identifizieren ("diffuses Geschehen")und glaubhaft mit wirklichen Vernunftargumenten die konkreten Einschränkungen zu begründen und damit glaubhaft und vertrauenschaffend zu kommunizieren. Da bleibt einem nur der Griff zum Buch.

gerhard hellriegel | So, 20. Dezember 2020 - 10:46

Das Bundesverfassungsgericht hat bestätigt, dass Einschränkungen der Grundrechte einer rationalen Begründung bedürfen. Metaphern sind keine rationale Begründung.
Also: warum darf ich Bücher, aber keine Musikinstrumente, Noten oder Zeichenbedarf kaufen? Warum darf ich nicht in Kunstausstellungen oder Museen?
Zum anderen: die Bibliophilen haben bestimmt zuhause Bücher, die sie noch nicht gelesen haben. Oder die sie gar ein zweites Mal lesen wollen.
Ärgerlich ist, dass der Autor auf die Argumente des Bloggers gar nicht eingeht. Sondern stattdessen sein Hohelied singt. Und natürlich geht es nicht ohne "höheren Auftrag": wider eine verengtes Menschenbild. Wobei da sofort vier Finger zurück zeigen.
Ganz selten erhebt sich auch die Seele beim Lesen des Cicero - ganz selten.

Bernd Muhlack | So, 20. Dezember 2020 - 15:46

"Nehmen wir uns also ein gutes Buch und gehen wir dann endlich nach Hause."

Da sind also erkennbar erkältete, hustende, niesende Zeitgenossen im Buchladen, grabschen in den Regalen herum; natürlich ohne Handschuhe.
Man drängelt sich an die "Sonderposten", schiebt, drückt sich unauffällig nach vorne:
"Finger weg, das will ich, das ist meins!"

Manche gar mit einem Döner in Händen!

"Soll ich es Ihnen als Geschenk einpacken?"
"Danke nein, sehr freundlich. Ich werde das Buch zu Hause erstmal kärchern, in der Waschmaschine schleudern und dann jede Seite mit Sterilium einpinseln, natürlich mit Handschuhen!"

Bei dieser Kundschaft habe ich keine andere Möglichkeit, das ist alternativlos, oder?

Auf dem Weg zum überteuerten Parkhaus laufe ich an schönen Geschäften vorbei - all downlocked.

JA, so ein Stadtbummel ist wunderbar, wenn man danach nur nicht die Einkäufe stundenlang sterilisieren müsste!
Und kein Glühwein!

"Nicht nur zur Weihnachtszeit" - Heinrich Böll

Die Zügel bleiben stramm!

Stefan Kreppel | Mo, 21. Dezember 2020 - 10:26

Alle sind doch erfreut, dass das Leben durch Corona "digitaler" wird, oder anderes formuliert, dass es unpersönlicher, einsamer wird. Wahrhaft fantastisch. In Anbetracht der wunderbaren digitalen Zukunft, sollten doch gleich alle Geschäfte als obsolet geschlossen, verboten werden. Rein vorsorglich. Der nächste Virus kommt bestimmt.

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