Blick ins weihnachtliche Schaufenster einer Buchhandlung
Eine weihnachtlich geschmückte Buchhandlung in München / picture alliance

Buchempfehlungen für Weihnachten - Der neue Houellebecq, Atomkraft und eine mitreißende Liebesgeschichte

Was wären die besinnlichen Weihnachtsfeiertage ohne ein packendes Buch, in das wir bei Kerzenlicht und Frank Sinatra eintauchen können? Haben Sie keine Sorge, falls Sie den passenden Lesestoff für sich oder die Geschenke für Ihre Liebsten noch nicht gefunden haben. Lassen Sie sich von den Büchern inspirieren, welche die Mitarbeiter der Cicero-Redaktion in diesem Jahr besonders beeindruckt haben.

Cicero Cover 07-24

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Hier finden Sie Nachrichten und Berichte der Print- und Onlineredaktion zu außergewöhnlichen Ereignissen.

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Für Detailverliebte 

Phlox

Es war kein Jahr, in dem ich viel Zeit zum Lesen hatte, und doch bin ich ganz zum Ende wieder auf einen alten Bekannten gestoßen: Jochen Schmidt, dessen humorvoll-rasanten Wenderoman „Müller haut uns raus“ ich vor zwanzig Jahren als Student mit Freude gelesen habe. Wie sehr sich Schmidt inhaltlich und sprachlich weiterentwickelt hat, zeigt „Phlox“. Ein Berliner Familienvater fährt in das fiktive Dorf Schmogrow an der Oder, in dem er zu DDR-Zeiten Sommer um Sommer glückliche Wochen verbracht hat, voller Naturerlebnisse und umgeben von intellektuell und künstlerisch anregenden Bildungsbürgern. Die jetzige Reise ist ein Abschied, denn nicht nur sind die seine Kindheit begleitenden Menschen gestorben, auch der Ort hat über die letzten drei Jahrzehnte seine Seele weitgehend verloren.

Ethnograph und Archäologe zugleich, gräbt Schmidt die historischen Schichten des Ortes und seiner Bewohner seit Beginn des 20. Jahrhunderts auf – und stößt dabei auch auf Vorkommnisse, die er als Junge nicht gesehen hat, ob das Agieren der Menschen in der NS-Zeit oder die Zeugnisse der Massenvergewaltigungen durch die Rote Armee Anfang 1945. Darin erinnert das Buch an „Machandel“ von Regina Scheer aus dem Jahr 2014, aber Schmidt beschreibt, und ja, interpretiert die Objekte und Menschen mit so viel Poesie und Liebe zum Detail, dass man dafür den Begriff „Dichte Beschreibung“ erfinden müsste, wenn es ihn nicht schon in anderem Zusammenhang gäbe. Moritz Gathmann

Jochen Schmidt, „Phlox“, 2022, C.H. Beck, München 2022, 479 Seiten, 25 Euro.

 

Für Fans der kleinen Form

DAS GRAMM

Empfehlen möchte ich kein Buch, sondern ein Magazin für Kurzgeschichten. Alle zwei Monate flattert per Post eine Ausgabe von DAS GRAMM ins Haus, die aus nichts weiter besteht als aus einer Kurzgeschichte. Im handtaschentauglichen Format, wunderschön gestaltet, werden Autorinnen und Autoren veröffentlicht, die man als Leser schon kennen mag, wie etwa Clemens J. Setz oder Judith Hermann. Man macht aber auch Entdeckungen und lernt den einen oder anderen Newcomer kennen. Auf jeden Fall macht dieses Magazin Lust auf mehr und eignet sich hervorragend als Geschenk für alle Bücherwürmer, die die Bestseller-Listen schon rauf und runter gelesen haben oder einfach neugierig auf Entdeckungen sind. Julia Marguier

DAS GRAMM - Magazin für Kurzgeschichten, Jahres-Abo für 26 Euro.

 

Für Feinfühlige

Verbrenn all meine Briefe

Kann es sein, dass ein einzelner Mensch einen Schatten wirft, der so groß ist, dass er noch das Leben der nachfolgenden Generationen verdunkelt? Ein Mann erschrickt über die eigene Wut, darüber, dass seine Kinder und seine Frau ihn fürchten. Wo hat diese Wut ihren Ausgang genommen? Seine Suche nach den Ursachen seiner eigenen Abgründe führt den Erzähler tief in die eigene Familiengeschichte, zu seinem Großvater, einem bekannten Schriftsteller.

Was er entdeckt, ist die Macht eines Tyrannen, dessen Bosheit, Grausamkeit und Wut die ganze Familie über Generationen hinweg infiziert und zerrüttet hat. Aber er stößt auch auf eine mitreißend zarte Liebesgeschichte, die seine Großmutter im Sommer 1932 neben der Ehe mit dem Schriftsteller erlebte. Eine Liebe, von der man von Anfang an weiß, dass sie aussichtslos ist. Die der despotische Großvater mit einer Wut bekämpft, die seine Frau fast zerstört. Und doch hofft und bangt man wider jeden besseren Wissens mit den beiden Liebenden, so poetisch, verzweifelt und zu Tränen rührend ist ihre Geschichte. Nach „Die Überlebenden“ ist „Verbrenn all meine Briefe“ das zweite Buch von Alex Schulmann, das auf Deutsch erschienen ist, es ist die Geschichte seiner Großeltern. Und es beweist einmal mehr, dass Schulmann einer der bedeutendsten schwedischen Schriftsteller der Gegenwart ist. Ulrike Moser

Alex Schulmann: Verbrenn all meine Briefe, dtv, München 2022, 304 S., 23 Euro.

 

Für Begeisterungsfähige

Oden

David van Reybrouck ist ein leidenschaftlicher Bewunderer und genauer Beobachter seiner Umgebung. Das macht seine Oden – unter anderem eine Ode an die nächtliche Autofahrt, an die Bahnhofsgaststätte, an die Ex, an das Scheitern, an die Schönheit – so lesenswert. Die emphatischen Würdigungen schärfen den Blick des Lesers auf die Welt, machen ihn aufmerksamer, begeisterungsfähiger und dankbarer, besonders für die kleinen und alltäglichen Dinge, die man zuvor vielleicht gar nicht wahrgenommen hat. Ein Buch zum Nachdenken, für den Nachttisch und zum Verschenken. Janne Schumacher

David van Reybrouck: Oden, Insel Verlag, Berlin 2019, 239 S., 20 Euro.

 

Für Experimentierfreudige

Heilsam bis tödlich

„Heilsam bis tödlich“ – welch ein schöner Titel für ein Buch zur Weihnachtszeit! Ich empfehle das jüngste Werk des Cicero-Autors und Agrarexperten sehr gerne, handelt es sich doch um einen „bewusstseinserweiternden Streifzug durch die vergessene Welt der Giftpflanzen“. Das Spektrum der von Grossarth liebe- und humorvoll beschriebenen Gewächse reicht von der Herbstzeitlosen, die in der Antike gegen Rheuma und Gicht eingesetzt wurde, bis zum Opium-Lieferanten Schlafmohn, mit dem noch vor gar nicht allzu langer Zeit unruhige Kleinkinder in einen wonnigen Ruhezustand versetzt wurden. Wer also unter Feiertagsstress leidet, findet in „Heilsam bis tödlich“ jede Menge Anregung zum sanften Dahingleiten in andere Sphären. Aber bitte nicht an Jugendliche verschenken! Alexander Marguier

Jan Grossarth: Heilsam bis tödlich, Knesebeck Verlag, München 2022, 205 Seiten, 22 Euro.

 

Für Schicksalskämpfer

Vom Gehen im Eis

Denk Dir ein Wunder aus, lautete einst die poetische Aufforderung der Dichterin Else Lasker-Schüler, die diese ihrem Mann Herwarth Walden in einem Brief aus dem Jahr 1912 zukommen ließ. Die Wunder Waldens aber kamen spärlich. Dafür scheint der deutsche Filmemacher Werner Herzog den Appell der Dichterin vernommen zu haben – und das über 60 Jahre später in seinem 1974 erschienenen Buch „Vom Gehen im Eis“. 

Das Wunder, dass sich Herzog in dem lange vergriffenem biografischen Bändchen, das nun anlässlich des 80. Geburtstags des Regisseurs und gnadenlosen Streiters für einen „heroischen Realismus“ ausgedacht hat, ist schier übermenschlich: Die von vielen damals verehrte Filmkritikerin Lotte Eisner lag sterbenskrank in Paris. Tief bestürzt ergreift Werner Herzog die Initiative. Er wolle mitten im Winter zu Fuß von München nach Paris laufen. Sollte ihm dieser Gewaltmarsch gelingen, so seine tiefe Überzeugung, werde Eisner leben und wäre gerettet. Die Schilderungen von Herzogs Wanderungen sind wie ein Kampf gegen das Schicksal. 

Und zugleich sind sie ein Abstecher durch das bundesrepublikanische Interieur der 1970er Jahre: durch Wirtshäuser, Telefonhäuschen und die kargen Stadtlandschaften der zweiten Moderne. Dass das Buch nun wieder bei S. Fischer vorliegt, ist eines der schönsten kleinen Wunder, die sich das Jahr 2022 ausgedacht hat. Ralf Hanselle

Werner Herzog: Vom Gehen im Eis. S. Fischer Verlag. 112. Seiten. 15 Euro.

 

Für Erkenntnissuchende

Lichtblick statt Black out

Seit geraumer Zeit kleben sich Aktivisten der sogenannten „Letzten Generation“ auf vielbefahrenen Straßen fest, um durch Blockaden ihrem Unmut darüber Luft zu machen, dass Politik und Wirtschaft, so finden sie, zu wenig gegen die „Klimakatastrophe“ unternehmen würden. Die gute Nachricht ist erstmal, dass sich insbesondere junge Menschen wieder für Politik interessieren. Die schlechte Nachricht lautet, dass rund um das Thema Klimawandel eine Weltuntergangssekte entstanden ist, deren Prophezeiungen nicht von ungefähr an die düsteren Verheißungen der Zeugen Jehovas oder an noch deutlich radikalere religiöse Gruppen der vergangenen Jahrzehnte erinnern. 

Nicht nur der Planet heizt sich auf, auch die Debatte über Klima- und Umweltschutz ist hitzig wie lange nicht – möglicherweise wie nie zuvor. Umso wichtiger sind rationale Stimmen, die nüchtern einordnen und lösungsorientierte Vorschläge liefern. Eine solche Stimme ist Vince Ebert. Der Diplom-Physiker und Kabarettist hat dieses Jahr ein Buch veröffentlicht. Es heißt „Lichtblick statt Blackout. Warum wir beim Weltverbessern neu denken müssen“. 

Ebert gelingt in seinem Buch ein Spagat, der in der aktuellen Debatte ungewöhnlich ist: Sein Werk ist voller Aha-Effekte für den Leser und gleichzeitig humorvoll geschrieben, was die Lektüre nicht nur erkenntnisreich, sondern auch kurzweilig macht. Im Buch räumt Ebert mit Mythen und Halbwahrheiten auf, außerdem mit Denkfallen und Irrationalitäten. Aber er liefert auch gute und nachvollziehbare Lösungen und Alternativen, wie wir die drängendsten Herausforderungen unserer Zeit mit Hilfe der Wissenschaft lösen könnten und sollten. 

Ebert plädiert beispielsweise für mehr Technikoffenheit, womit er auch die Atomkraft meint, und für mehr Optimismus. Einer der schönsten Sätze im Buch ist dieser: „Die Wissenschaft irrt sich Schritt für Schritt nach oben.“ Warum das so ist und was wir daraus schlussfolgern sollten, hat Ebert auf rund 200 Seiten zusammengefasst. Einen ersten Eindruck von seinem Werk bekommen Sie übrigens im Cicero Gesellschaft Podcast mit Vince Ebert. Das Gespräch wurde am 19. September 2022 aufgezeichnet. Ben Krischke

Vince Ebert: Lichtblick statt Blackout. Warum wir beim Weltverbessern neu denken müssen, dtv, München 2022, 224 S., 15 Euro.

 

Für alle

Eine Kleinstadt an der Havel Ende der 80er Jahre. Hier wachsen die Nachbarskinder Mimi und Oliver auf, angeln gemeinsam am Fluss – und naschen auf den langweiligen Familienfeiern heimlich von den eingelegten Schnapskirschen. Das Leben im ländlichen Osten ist schroff. Die Väter sind zu häufig in der Kneipe, wo „die Hoffnung gleich am Eingang wie ein Regenschirm abgegeben wird“. Die Mütter arbeiten und halten die Familien zusammen. 

Dann kommt die Wende und Mimi glaubt, sie sei der letzte Pionier. Verhasstes wie Fahnenappelle, aber auch Vertrautes wie der Zeitstrahl im Klassenzimmer, der unweigerlich auf den Endpunkt Kommunismus zuläuft, verschwinden von einem Tag auf den anderen. Überzeugungen sind futsch, Familienbande zerbröckeln, die Angelfreundschaft zerbricht. Es dauert nicht lange, bis sich die frische Wut der Enttäuschten gegen das vermeintlich Fremde, Andere richtet. Oliver, Mimis Freund aus Kindertagen, schart als „Hitler“ einen Trupp Gewaltbereiter um sich, der fortan glatzköpfig auf alles einprügelt, was nicht seinem nationalistischen Weltbild entspricht. Angst und Schrecken verbreiten sich auf den Straßen. Und dann geschieht das Unfassbare: der brutale Tod eines Jugendlichen.

Manja Präkels erzählt in knapper, klarer Sprache vom Erstarken junger Neonazis im Osten und wie falsch und fatal es ist, wegzuschauen. Präkels zeichnet ihre Figuren detailliert in den Zwängen von DDR-Mangelwirtschaft, Pubertät und Umbruch der Wendezeit und bei der Suche nach einem Platz in der Gesellschaft. Das ist oft beklemmend und sehr erschütternd, trägt aber gelungen zur Aufarbeitung der deutsch-deutschen Wiedervereinigung bei. Kathy Reymann

Manja Präkels: Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß, Verbrecher Verlag, Berlin 2018, 232 Seiten, 20 Euro.

 

Für Weihnachtsverächter

Vernichten

Weihnachten kündigt sich inzwischen klanglich und olfaktorisch in unserer postsäkularen Alltagskultur derart überzuckert wie überfallartig an, dass bei vielen Zeitgenossen ein Überdruss entsteht, schon weit vor dem möglichen Aufscheinen der Frage, ob dieses zu erwartende Fest einem persönlich noch Gehalte offenbaren könnte, die tatsächlich ein adventliches Daraufzugehen gerechtfertigt erscheinen ließen. Wie also als ein vom Christentum mehr oder weniger entwöhnter bis entfremdeter Zeitgenosse mit diesem oft entstellten wie doch unvermeidlichen Ereignis umgehen, ohne in düsteren Zynismus abzugleiten oder in gleichgültigem Erdulden zu verharren? 

Verblüffenderweise hat der französische Autor Michel Houellebecq in diesem Jahr, nur leicht getarnt, eine andere Art Weihnachtsbuch veröffentlicht, das zum Jahresende dringend gelesen und verschenkt gehört. „Ja, er hatte völlig vergessen, dass es der Weihnachtsabend war“, heißt es darin. Doch entziehen kann der Protagonist sich dem Fest und seiner Kraft dann doch nicht. „Vernichten“, heißt der Roman, in dessen Zentrum, so könnte man ihn lesen, die Feier des Heiligen Abends steht, zur einen Hälfte am Krankenbett des gerade ins Wachkoma gefallenen Vaters, zum anderen beim Wein im wiederentdeckten Elternhaus.  

„Natürlich, ein Weihnachtsgeschenk, zu Weihnachten machte man einander Geschenke. Wie hatte er das vergessen können?“, entfährt es der Hauptfigur, als ihm nach irgendwie reflexhaft vollzogenem Kirchgang und Festtagsmenü ein kleines Kästchen in die Hand gedrückt wurde. Manche Leser Houellebecqs werden es schon immer gewusst haben, der Skandalautor und Provokateur ist ein heimlicher Romantiker. Doch tatsächlich umstellt er seine zarten Pflänzchen der Wiederaneignung einer lebensbejahenden Haltung mit genug gewohnter und geistreicher Gegenwarts- und Weltverachtung, dass keine garstige Glühweinstimmung aufkommen wird. „Vernichten“ ist das Weihnachtsgeschenk für Weihnachtsverächter und jene, die kurz davor sind. 

Und es ist ein Buch für Weihnachtsliebhaber, deren Idyll gebrochen gehört. Es ist ein realistisches Buch, ein herzergreifendes Buch, und natürlich ist es ein schreckliches Buch, sonst wäre es kein Houellebecq. Aber man muss es lesen, unterm Weihnachtsbaum und überall sonst. Volker Resing

Michel Houellebecq: Vernichten. DuMont, Köln 2022, 624 Seiten, 28 Euro. 

 

Für Comic-Freunde

Thor-Collection

Wer heute das Wort „Marvel“ hört, denkt an bunte Actionfilme mit viel CGI und wenig Handlung. Die Comics, die diesen Filmen zugrunde liegen, kommen einem erst in zweiter Linie in den Sinn. Marvel verlegt sie zwar noch, sie haben aber eher den Charakter von Merchandising-Produkten als den eines eigenständigen Mediums. Dafür kommen sie in Hochglanz daher und haben stolze Preise. Als Marvel in den 60er-Jahren mit Spider-Man, den Fantastic Four, Hulk etc. startete, waren die Hefte auf billigstem Papier gedruckt, waren voll mit Anzeigen und kosteten dafür auch nur ein paar Cents, sodass die Zielgruppe sie sich von ihrem Taschengeld leisten konnte. So blieb es im Prinzip bis Anfang der 90er-Jahre, als Superhelden-Comics begannen, ihre kulturelle Relevanz zu verlieren – wohl nicht zufällig parallel zum Ende des Kalten Krieges, dessen Produkt sie waren.  

Doch schon in den 70ern machte sich die erste Krise breit; die meisten Geschichten schienen auserzählt, die Heftverkäufe gingen zurück. Bei manchen Serien stand das Management vor der Entscheidung, sie entweder ganz einzustellen oder einen letzten Versuch zu wagen, indem man die Serien jungen, unverbrauchten Autoren und Zeichnern gab, die in kreativer Hinsicht machen konnten, was sie wollten, da kommerziell ohnehin nichts mehr zu verlieren war. Und oft war es gerade dieses Abweichen vom erprobten Schema, das dann auch wieder Erfolg an den Kiosken brachte (damals noch der Hauptumschlagplatz für Comics). So entstanden die „X-Men“ von Chris Claremont, Frank Millers „Daredevil“ und, 1983, Walt Simonsons „Thor“.  

Die Geschichten um den nordischen Donnergott, der als amerikanischer Superheld wiederauferstand – seinerzeit erfunden von den beiden jüdischen Nerds Stan Lee und Jack Kirby –, waren damals ganz besonders abgerockt und ausgelutscht. Der damals 37-jährige Simonson schmiss nun alles über den Haufen, erfand eine ganz neue Mythologie, in der er die germanische Sagenwelt ebenso aufleben ließ wie das siffige New York der 80er-Jahre und mit einer epischen Story verband, die er sich schon in seiner Studentenzeit ausgedacht hatte. Auf einmal wurden bei Marvel wieder Geschichten erzählt. Und auch in seinen Zeichnungen wich Simonson vom üblichen Marvel-Stil ab. Denn auch das war neu: Wurden die meisten Serien streng arbeitsteilig hergestellt, lagen Texte und Zeichnungen bei Simonson nun in einer Hand. 

Auf einmal wehte ein Hauch von europäischem Autorencomic durch die Marvel-Welt. Leider war nach vier Jahren schon Schluss; Simonson musste die Serie wegen Arbeitsüberlastung abgeben. In diesem Jahr hat der Panini-Verlag den Simonson-„Thor“ erstmals vollständig in deutscher Übersetzung vorgelegt – in einem einzigen, sehr dicken Band. Hier lässt sich nachsehen und -lesen, was Marvel-Comics einmal charmant und reizvoll gemacht hat – und was den heutigen Blockbustern fehlt. Ingo Way

Walter Simonson, Sal Buscema: Thor Collection. Panini, Stuttgart 2022. 1192 S., 99 Euro. 

 

Für Zweifelnde

Atomkraft? Ja bitte!

Dieses Buch kam zur richtigen Zeit. Anna Veronika Wendland hatte es schon fertig geschrieben, als Ende Februar russische Panzer über die Grenze zur Ukraine rollten. Es ist eine kluge Analyse des deutschen Atomausstiegs und ein fachkundiges Plädoyer für eine Rückbesinnung zur Kernkraft – und zwar in erster Linie dem Klima zuliebe. Mit dem Krieg und der darauf folgenden Energiekrise kam ein weiteres, gewichtiges Argument hinzu. 

„Der größte Fan des deutschen Atomausstiegs heißt Wladimir Putin“, schreibt die Osteuropaexpertin und Technikhistorikerin in einem rasch angefügten Nachwort. Denn die Energiewende setze kurz- und mittelfristig auf ein Erdgas-Backup. „Dieser Weg hat sich als falsch erwiesen – wie wir jetzt sehen nicht nur aus Klimaschutzgründen.“ Mit dem rein politisch motivierten Abschalten zuverlässig funktionierender Atomkraftwerke habe Deutschland „ein Unterpfand seiner Energieunabhängigkeit“ zerstört und gegen die Abhängigkeit von russischem Erdgas eingetauscht.

Wendlands Buch ist eine lohnende Lektüre für Zweifelnde. Denn das ist die Autorin selbst. Als junge Frau war sie selbst in der linken Anti-Atom-Bewegung aktiv, entwickelte nach Forschungsarbeiten in ukrainischen und deutschen Kernkraftwerken aber schrittweise ein Faible für diese hierzulande verteufelte Spitzentechnologie. Inzwischen tritt Wendland entschieden für eine Abkehr vom Atomausstieg ein, plädiert für eine Koexistenz von Erneuerbaren und Nuklearenergie, um fossile Energieträger möglichst schnell zu ersetzen.

In „Atomkraft? Ja bitte!“ legt sie nachvollziehbar dar, wie sie darauf kam und räumt mit einigen Mythen gegenüber der Atomkraft auf. Besonders stark ist das Buch, wenn Wendland ihr technisches Wissen mit dem politischen Blick der Historikerin und Szenekennerin verbindet. Daniel Gräber

Anna Veronika Wendland: Atomkraft? Ja bitte! Klimawandel und Energiekrise: Wie Kernkraft uns jetzt retten kann, Quadriga Verlag, Köln 2022, 288 Seiten, 20 Euro.

 

Für Warnende

Die Physiker

Als Friedrich Dürrenmatts Komödie „Die Physiker“ im Schauspielhaus Zürich 1962 uraufgeführt wird, ist der Schriftsteller 41 Jahre alt. Der Schweizer, der zweifellos zu den ganz Großen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gehört, schrieb dieses Stück zu Zeiten des Kalten Kriegs. Dennoch gelang es ihm, sich zeitlebens gegen die Instrumentalisierung der Kunst für die Zwecke der Politik zu erwehren. Ideologien – für ihn Kosmetika der Macht – lehnte er strikt ab. Anders verhielt es sich mit den zwei verfeindeten Machtblöcken. Mit immer neuen und schrecklicheren Atom-, Wasserstoff- und Neutronenbomben erweiterten NATO und Sowjetunion im Wettrüsten ihre Waffenarsenale und standen sich im Gleichgewicht des Schreckens gegenüber. An dieser Stelle setzt Dürrenmatt thematisch ein: Einerseits bilden genannte Erfindungen den Höhepunkt menschlicher Denkleistung und zugleich den Gipfel der Unvernunft.
 
In seinem Stück, das den Leser in ein „Irrenhaus“ versetzt, fragt er nach der Verantwortung der Wissenschaft. Wie weit darf im Namen der Forschung, deren Schoß Segensreiches ebenso wie Fürchterliches gebären kann, gegangen werden? Eine Frage, die mit sich beschleunigendem Fortschritt zukünftig immer wieder neu beantwortet werden muss. Dürrenmatt behandelt das Thema in einer Sprache, die zum Nachdenken und Schmunzeln einlädt: „Nehmen Sie Vernunft an. Sehen Sie ein, daß sie verrückt sind.“ Der Umfang des Dramas ist, wie die Anzahl der auftretenden Figuren, gattungstypisch recht überschaubar. Wer hingegen eine Bühneninszenierung der Lektüre vorzieht, dem sei gesagt, dass das Stück in erfreulicher Regelmäßigkeit von diversen Schauspielhäusern und Theatern aufgeführt wird. Aktuell beispielsweise in Basel, Chemnitz, Düsseldorf und Mainz. Robert Horvath

Friedrich Dürrenmatt: „Die Physiker“. ‎Diogenes, Zürich 1962. 96 S., 9 Euro.

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Sabine Lehmann | Sa., 10. Dezember 2022 - 18:29

Teil 1:
Etwas derangiert von zu viel Glühwein und Christstollen wankte ich ungelenken Schrittes über den heimischen Weihnachtsmarkt, als ich in einer dunklen Ecke eine zwielichtige Gestalt erblickte. Flugs wollte ich an ihr vorbei rauschen, als diese mich anraunte:
Ob ich etwas kaufen wolle? Konsterniert u. brüskiert wich ich zurück, Drogen auf dem Weihnachtsmarkt, how dare you?! Bei näherem Hinsehen erkannte ich den Weihnachtsmann, heruntergekommen, die Kluft angesengt u. unterernährt. Was denn los sei, wollte ich wissen. Corona habe er ja noch irgendwie durchgestanden, obwohl er letztes Jahr ausgesetzt hätte, die Regeln, zu kompliziert u. die Rentiere dann noch im Sitzstreik am Packeis festgeklebt, das war zu viel. Teil 2 folgt...

Sabine Lehmann | Sa., 10. Dezember 2022 - 18:31

Nein, die Energiekrise, er habe Insolvenz angemeldet. Am Polarkreis keine Ladestationen für den E-Schlitten, mit Diesel dürfe er nicht fahren, für Co2-Zertifikate keine Kohle. Es sei ein Desaster. Jetzt wolle er die übrig gebliebenen Geschenke vom vorletzten Jahr verhökern, um in einer Wärmeinsel im Packeis durch den Winter zu kommen. Also kaufte ich ihm zwei vertrocknete Lebkuchen ab und machte mich aus dem Staub. Später erblickte ich am Nachthimmel eine Co2 verdächtige Rauchwolke…ob ich das melden sollte….??…Ich fürchte, Weihnachten fällt auch dieses Jahr wieder aus;-)

Herrlich humorvoll und hintergründig Ihre Kommentare. Bleiben Sie uns noch ganz lange erhalten, wir brauchen neben Ihnen auch die vielen anderen Foristen, die nicht immer Bier ernst die Artikel kommentieren.
Allen schon mal ein schönes Weihnachten und friedvolle Gedanken und warme Stuben.

Ja, das wünsche ich auch Allen, schöne Weihnachtstage, u. in meiner(durchaus partiell vorhandenen)vorweihnachtlichen Güte auch denjenigen, mit denen ich mich das ganze Jahr hier im Forum herum gestritten habe, oder wie Herr L. kürzlich monierte, herum "geträllert" hätte;-) Wir sind alle nur Menschen und vielleicht würden wir sogar, wenn wir uns persönlich begegneten, ganz ohne die Brisanz politischer Thematik, zusammen ein Bierchen trinken gehen....so lange bis wir uns vorstellen würden.....Ach Sie sind das? Um Gottes Willen, wenn ich das gewusst hätte...... (kleiner Scherz).
Apropos Wünsche, diese Tage lief im Fernsehen der Film "Bornholmer Straße" mit Charly Hübner als Grenzsoldat an dem Tag als die Mauer fiel. Und ich dachte bei mir, wieso nur konnten wir uns dieses Gefühl, diese Chance nicht "behalten", nicht nutzen? Wir hätten ein so tolles Land werden können. Und dann kam Merkel und hat Alles, wirklich Alles ruiniert u. in 16 Jahren aus beiden deutschen Teilen eine Wüste gemacht!