- Die Untiefen des Postkolonialismus
Der Postkolonialismus verkörpert das neue Selbstbewusstsein der nichtwestlichen Welt – zugleich trägt er von Beginn an die Obsession mit Israel und die Abwehr der Holocaust-Erinnerung in sich.
In weltpolitischer Hinsicht war 1978 kein bedeutendes Jahr. Der sowjetische Einmarsch in Afghanistan und die Iranische Revolution warfen ihre Schatten zwar ebenso voraus wie die Eruptionen der zweiten Ölkrise. Allerdings kulminierten die Entwicklungen im Mittleren Osten und auf den Petrolmärkten erst 1979. Kulturgeschichtlich war 1978 hingegen bedeutend. Im April wurde „Holocaust“ ausgestrahlt; nur einige Monate später, im November, erschien Edward Saids Buch „Orientalismus“ („Orientalism“).
Während „Holocaust“ zu den Schlüsselereignissen in der Wirkungsgeschichte der Massenvernichtung gehört, gilt „Orientalismus“ als Gründungsmanifest der Postcolonial Studies. Edward Said ist einer der maßgeblichen Vordenker jener Theorie, die sicher weder einheitlich noch per se antisemitisch ist, die aber schon vor dem 7. Oktober 2023 mit der Relativierung des Holocaust verbunden wurde. Dabei haben die Gedächtnisgeschichte des Holocaust und die Entstehung des Postkolonialismus auf den ersten Blick eigentlich nur wenig miteinander zu tun.
Den Postcolonial Studies kommen zweifellos Verdienste zu. Sie haben die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte, den Verbrechen und dem Nachleben des Kolonialismus befördert. Ihre Entstehung war eng mit dem politökonomischen Aufstieg des früheren Trikont verbunden. Durch die Drosselung der Erdölfördermengen hatten die arabischen Mitglieder der OPEC, der Organisation der erdölexportierenden Länder, Ost und West schon 1973 selbstbewusst einen Wirkungstreffer verpasst. Es folgte die erste Ölkrise. Kurz darauf setzten die asiatischen Tigerstaaten Südkorea, Singapur, Taiwan und Hongkong zum ökonomischen Sprung an. Der wirtschaftliche „Niedergang des Westens“, von dem Ökonomen seit vielen Jahren sprechen, begann in dieser Zeit.
Die Abwehr der Erinnerung an den Holocaust war der postkolonialen Theorie schon in die Wiege gelegt
Der Postkolonialismus ist, mit anderen Worten, nicht nur die Stimme der Subalternen und Marginalisierten, sondern auch Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins der nichtwestlichen Welt. Das wird nicht zuletzt in Dipesh Chakrabartys Forderung laut, Europa in eine Provinz zu verwandeln, wahrscheinlich des früheren Trikont: „Provincializing Europe“ heißt sein wohl bekanntestes Buch. Der Historiker gehört zusammen mit Said, der Literaturwissenschaftlerin Gayatri Chakravorty Spivak, dem Philosophen Achille Mbembe und dem Kulturwissenschaftler Homi K. Baba zu den wichtigsten Vertretern des Postkolonialismus.
Diese Entwicklung erinnert in gewisser Weise an das Paradox, das Alexis de Tocqueville beim Nachdenken über die Französische Revolution auffiel: Gesellschaftliche Ungleichheit sorgt weniger zum Zeitpunkt ihrer stärksten Ausprägung als im Zuge ihres Rückgangs für besondere Empörung. Ähnlich wie die traditionelle europäische Geschichtswissenschaft übernimmt der Postkolonialismus außerdem die Funktion der ideologischen Selbstvergewisserung: Woher kommen wir, wohin gehen wir?
Mit seiner Hilfe werden die Katastrophen der Vergangenheit aufgearbeitet und Ansprüche an die Zukunft historisch legitimiert. Darüber hinaus werden einige der negativen Entwicklungen der Gegenwart gerechtfertigt, indem sie auf das Nachleben des Kolonialismus reduziert werden. Das haben die Wirtschaftswissenschaftler Axelle Kabou und George Ayittey schon früh kritisiert. Jenseits aller berechtigten Kritik des Kolonialismus und der globalen Ungleichverteilungen sind die Postcolonial Studies damit auch eines der ideologischen Begleitinstrumente des Konkurrenzkampfs auf dem Weltmarkt.
Sowohl die Obsessionen gegenüber Israel als auch die Abwehr der Erinnerung an den Holocaust wurden der postkolonialen Theorie schon in die Wiege gelegt. In „Orientalismus“ versucht Said am Beispiel des Nahen Ostens zu zeigen, dass der westliche Blick auf diese Region stets von Dominanzbedürfnissen geprägt gewesen sei. Als Beleg dafür bemüht er die französische und die britische Orientalistik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, allen voran den Islamwissenschaftlers Ernest Renan.
Said stellt Israel als einer der zentralen Repräsentanten des heutigen Orientalismus dar
Kritiker wie Bernard Lewis und Sadiq al-Azm haben schon früh betont, dass einige der zentralen Thesen Saids wissenschaftlich nicht haltbar sind. Sie konnten zeigen, dass sich die europäische Orientalistik gegenüber ihrem Forschungsgegenstand keineswegs ausschließlich feindselig verhielt. Insbesondere deutschsprachige Wissenschaftler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bemühten sich immer wieder um Innenansichten des Islam. Für viele von ihnen galt, was Lewis einmal in einem anderen Zusammenhang schrieb: Sie gehörten zu den Ersten, die „die Vorzüge und Errungenschaften der muslimischen Zivilisation in ihrer großen Zeit betonten, anerkannten und, in der Tat, manchmal auch romantisierten“. In „Orientalismus“ werden diese Forscher systematisch ausgespart.
Der Grund dafür ist nicht wissenschaftlich, sondern politisch: Saids Buch zielt nicht zuletzt darauf ab, Israel in die Kontinuität des Kolonialismus zu stellen. Im letzten Kapitel wird der jüdische Staat als einer der zentralen Repräsentanten des heutigen Orientalismus dargestellt. Die israelische Politik, so heißt es dort, stehe „ganz unter dem Einfluss der orientalistischen Ideologie“.
Der Blick auf die deutsche Rolle im arabisch-islamischen Raum würde Saids Thesen gleich in mehrfacher Hinsicht infrage stellen. Denn der Nahe Osten wurde keineswegs nur von Frankreich und Großbritannien als Einflussgebiet betrachtet, wie in „Orientalismus“ suggeriert wird. Auch das wilhelminische Deutschland pflegte intensive Beziehungen in die Region. Ohne die Deutsche Bank, Borsig, Wilhelm Zwo und Co. wäre etwa die Bagdadbahn ein spätosmanisches Hirngespinst geblieben. Die Weimarer Republik und das „Dritte Reich“ führten solche Beziehungen in unterschiedlicher Weise fort.
Insbesondere das nationalsozialistische Verhältnis zum Nahen Osten ging nicht zuletzt auf geostrategische Pläne zurück. Mindestens einige der führenden Nazis, darunter SS-Chef Heinrich Himmler, sahen im Orient jedoch weniger das „Andere“, wie es Said nahelegt, sondern glaubten eine Geistesverwandtschaft zu erkennen. Auch darauf basierte das Bündnis zwischen dem „Dritten Reich“, arabischen Nationalisten und Präislamisten, das in den Dreißigern entstand.
Israel wurde nicht auf Druck der alten Kolonialmächte gegründet, sondern gegen ihren Willen
Vor allem aber ruft der Hinweis auf die deutschen Verbindungen in den Nahen Osten den Holocaust auf. Er passt in keiner Weise in Saids Konzept. Wer Deutschland im Zusammenhang mit Israel erwähnt, spricht bewusst oder unbewusst auch über die Vernichtung der europäischen Juden. Dieses Ereignis darf in „Orientalismus“ jedoch allein schon deshalb nicht vorkommen, weil es die Vorstellung dementiert, dass Israel ein Produkt des Kolonialismus sei. Die Weltgemeinschaft stimmte der Gründung des jüdischen Staats 1947 vor allem aufgrund des nationalsozialistischen Massenmords zu. Israel wurde nicht auf Druck der alten Kolonialmächte gegründet, sondern gegen ihren Willen. Frankreich und Großbritannien wollten ihr kompliziertes Verhältnis zur islamischen Welt nicht verschlechtern, indem sie den jüdischen Staat unterstützen.
All diese Fragen kommen, wie der Nahostwissenschaftler Andreas Harstel vor einigen Jahren gezeigt hat, in der Erinnerung an die deutschsprachigen Orientalisten zusammen. Viele von ihnen kamen aus jüdischen Familien. Unter den Juden des Deutschen Reichs und der Habsburgermonarchie war seit dem 19. Jahrhundert ein großes Interesse am Orient entstanden. Es war oft weniger von Überheblichkeit als vom Wunsch geprägt, die Region besser zu verstehen, aus der auch die religiösen Traditionen des Judentums kommen. Das gilt für Moritz Steinschneider ebenso wie für Ignaz Goldziher, zwei Begründer der modernen Islamwissenschaft. Beide gehörten zu den vehementesten Kritikern jenes Ernest Renan, den Said zum Musterbeispiel orientalistischen Denkens ernannte.
Auch die Lebenswege der jüdischen Islamwissenschaftler rufen das Ereignis in Erinnerung, das in „Orientalismus“ nicht vorkommen darf. Steinschneider und Goldziher starben bereits vor dem Holocaust; Max Bravmann, Paul Kraus und andere emigrierten jedoch nach der Machtübertragung auf Hitler aus Deutschland. Kraus erhielt eine Stelle in Kairo, verlor sie aufgrund des zunehmenden Antisemitismus in Ägypten jedoch 1944 wieder. Da sich seine Hoffnungen auf einen Posten in Jerusalem nicht erfüllten, beging er Selbstmord.
Said muss diese Erfahrungen aussparen und den Einfluss Frankreichs und Großbritanniens überbetonen, weil Israel nur so als Produkt westlichen Dominanzdenkens dargestellt werden kann. „Orientalismus“ ist, wie Harstel zuspitzt, eine „ins Wissenschaftliche verlegte Kampfschrift“. Auch wenn man nicht so weit gehen will, ist kaum zu übersehen, dass das Buch zumindest implizit auf die Delegitimierung Israels zielt. Durch seine Schrift „The Question of Palestine“ (Die Palästinafrage), die ein Jahr nach „Orientalismus“ erschien, stellte Said sein wissenschaftliches Werk schließlich selbst in den Zusammenhang seines politischen Engagements gegen Israel. Vermittelt über beide Texte, das theoretische und das politische Manifest, ging die affektive Besetzung des jüdischen Staats und der Erinnerung an den Holocaust in die postkoloniale Theorie ein.
Die Wahrnehmung als Opfer wurde zentral für die vielbemühte „Identität“
Die Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Kolonialismus, mit der viele postkolonial beeinflusste Denker aufwarten, hat aber noch andere Gründe. Sie geht auch auf den Bedeutungswandel der Sozialfigur des Opfers zurück, der seit den Siebzigern zur stärkeren Wahrnehmung des Holocaust beigetragen hatte. Denn infolge des Aufstiegs der Figur des Opfers wurden nicht nur die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden stärker beachtet als zuvor, sondern auch andere Erfahrungen von Leid, Verfolgung und Diskriminierung. Noch bevor Marvin J. Chomskys „Holocaust“ 1978 bei NBC über die Bildschirme lief, hatte der Regisseur beim Konkurrenzsender ABC mit „Roots“ 1977 einen Mehrteiler über die Versklavung von Schwarzen auf den Markt gebracht. Etwa zur selben Zeit wurde erstmals im größeren Rahmen gefordert, auch die Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus als Genozid zu betrachten. Andere Minoritäten verlangten ebenfalls nach der Anerkennung ihrer Leiderfahrungen.
Im Zuge dieser Entwicklung veränderten sich auch die kollektiven Selbstbilder. Sie orientierten sich bald nur noch selten am Vorbild der Nationalstaatsbildung des 19. Jahrhunderts. An die Stelle heroischer Ursprungsereignisse, die einmal integrierend gewirkt hatten (die Schlacht im Teutoburger Wald, Vercingetorix gegen Caesar, Wilhelm Tells Tyrannenmord), traten oft Erfahrungen von Diskriminierung und Ausgrenzung. Einige Nationen begreifen sich mittlerweile sogar ganz von einer Gründungskatastrophe her. Erinnert sei an den Genozid an den Armeniern 1915/16 oder die Flucht und Vertreibung arabischer Palästinenser während des israelischen Unabhängigkeitskriegs 1948. Waren die Ansprüche auf Wahrnehmung als Opfer bis dahin zumeist ein Teil des eigenen Selbstbilds, wurden sie nun nicht selten zentral für die vielbemühte „Identität“ – ein politischer und sozialwissenschaftlicher Modebegriff, der ebenfalls in den Siebzigern beliebt wurde.
Diese Selbstbilder und Identitäten werden durch den Holocaust und die Erinnerung daran herausgefordert. Angesichts der begrenzten Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, des nachvollziehbaren Bedürfnisses nach Anerkennung des eigenen Leids und wohl auch aufgrund der erschreckend geringen finanziellen Mittel, die von offizieller Seite für Entschädigungen zur Verfügung gestellt werden, entstand ein doppeltes Bedürfnis. Es zielt zum einen darauf, die Dimensionen des Holocaust kleinzureden, zum anderen sollen die eigenen Opfererfahrungen an den Holocaust herangerückt werden. Die Übertragung anderen Leids in die Sprache der Judenvernichtung, mit der viele postkoloniale Wissenschaftler und Aktivisten aufwarteten, leistet beides: Aneignung und Relativierung.
Viele Vertreter des Antikolonialismus beriefen sich noch positiv auf den Westen
Dieser Drang verstärkt sich in dem Maß, in dem einige der Grundannahmen des Postkolonialismus durch den Holocaust infrage gestellt werden. Das betrifft vor allem die Kritik des Westens. Obwohl sich viele postkoloniale Theoretiker und Aktivisten in der Tradition des Antikolonialismus der Fünfziger und Sechziger sehen, gibt es einen wichtigen Unterschied: Viele Vertreter des Antikolonialismus hatten den Westen all ihrer Ambivalenz zum Trotz noch beim Wort genommen. Frantz Fanon, sein Lehrer Aimé Césaire, Ho Chi Minh und andere warfen dem Westen vor, dass er seine eigenen Ideale von Freiheit und Gleichheit in den Kolonien über Bord geworfen hatte.
Zugleich beriefen sie sich aber auf diese Ideen: Die Unabhängigkeitserklärung, die Ho Chi Min 1945 verlas, orientierte sich deutlich an der amerikanischen von 1776, Frantz Fanon argumentierte mit Hegel, Marx und Freud. Aimé Césaire sprach sich nach dem Zweiten Weltkrieg sogar gegen die Unabhängigkeit seiner Heimat Martinique von Frankreich aus. Er setzte sich für die Umwandlung der früheren Kolonie in ein französisches Übersee-Département ein. Die Anbindung an die frühere Kolonialmacht schien der Insel ökonomisch und politisch mehr zu nützen als die nationale Eigenständigkeit. Césaire und seine Mitstreiter hatten Erfolg. Martinique wurde 1946 Teil des französischen Mutterlands; 1972 erhielt es sogar den Status einer Région. Seine Bedeutung innerhalb Frankreichs wuchs.
Im Unterschied zu Césaire, Fanon oder Onkel Ho, wie sich der vietnamesische Revolutionär gern nennen ließ, beziehen sich ihre postkolonialen Nachfolger nicht mehr positiv auf den Westen. Der Widerspruch zwischen Anspruch und Realität soll nicht mehr zugunsten des Anspruchs aufgelöst werden. Mit der Herrschaft des Westens sollen vielmehr auch seine Ideale verabschiedet werden.
Dieser Abschied mag angesichts der postkolonialen Bezüge auf die Seinsphilosophie Martin Heideggers und den französischen Poststrukturalismus albern erscheinen. „Es ist idiotisch“, kommentierte der marxistische Soziologe Vivek Chibber vor einigen Jahren. „Man liest diese Leute und sie sagen: Wir müssen westliche Konzepte in Frage stellen und an wen wenden sie sich? Indische Philosophen? Sie wenden sich an Heidegger! [...] Das Ganze ist ein Witz.“
Besonders gut ist dieser Witz jedoch nicht; genaugenommen ist es noch nicht einmal einer. Denn Heidegger und seine poststrukturalistischen Schüler hatten sich tatsächlich an der Fundamentalkritik der abendländischen Philosophie versucht. Der in Algerien aufgewachsene Jacques Derrida und einige seiner Mitstreiter mögen der Aufklärung noch lose verbunden gewesen sein. Andere versuchten die Verbindung jedoch vollständig zu kappen. Es war insofern zumindest nicht ganz unpassend, dass postkoloniale Denker bei ihrer Distanzierung vom Westen bei Heidegger und Co. landeten.
Die Entschlüsselung der Schoa als präzedenzloser Zivilisationsbruch wird als Kränkung und Affront begriffen
Diese Distanz hatte weitreichende Folgen für die Wahrnehmung des Holocaust. Sie betraf nicht zuletzt Vorstellungen, die durch das Verbrechen infrage gestellt worden waren. Kein Zweifel: Rationalität, Vernunft und Fortschritt standen nicht nur im Grundbuch des Westens. Die von London, Edinburgh, Paris, Halle oder Königsberg ausgehende Aufklärung hatte zwar zu ihrer Herausbildung beigetragen; ebenso wie die Aufklärung selbst waren ihre Werte und Prinzipien aber spätestens mit der Durchsetzung des Weltmarkts universell geworden. Wer auf den globalen oder nationalen Waren-, Arbeits- und Finanzmärkten bestehen wollte, musste sich zwar nicht unbedingt an den Idealen der Aufklärung orientieren. Das war manchmal sogar hinderlich. Einzelne Denkformen der Aufklärung, darunter die Prinzipien utilitaristischer Rationalität, mussten bei Strafe des eigenen Untergangs jedoch übernommen werden. Der Holocaust brach insofern nicht nur mit Vorstellungen, die auf Europa und Nordamerika begrenzt waren, sondern mit überall gültigen Prinzipien: Spätestens seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es kein Außerhalb des Weltmarkts mehr.
Dennoch mag sich der Holocaust dort, wo auch das euphorische Menschenbild der Aufklärung übernommen wurde, stärker als Bruch mit den Grundlagen der modernen Welt zu erkennen gegeben haben als anderswo. Das gilt allgemein für Regionen, Milieus und Denksysteme, in denen anthropozentrische Ideen und Vorstellungen vorherrschen. Wo es hingegen weniger um den Menschen als um die Natur, ewige Gesetze, stetig wiederkehrende Kreisläufe, Gott oder Heideggers „Sein zum Tode“ geht, ist es anders. Die Erkenntnis der Monstrosität des Holocaust dürfte dort noch schwerer zu haben sein als anderswo. Dort wird weniger das Verbrechen als seine Entschlüsselung als präzedenzloser Zivilisationsbruch als Kränkung und Affront begriffen.
Etwas Ähnliches gilt für eine weitere Grundannahme des Postkolonialismus. Sie geht auf W. E. B. Du Bois, den wohl bedeutendsten Bürgerrechtler der Vereinigten Staaten, zurück. Der Soziologe, Historiker und Philosoph erklärte bei der ersten Panafrikanischen Konferenz im Juli 1900 in London, dass das wesentliche „Problem des 20. Jahrhunderts“ das „Problem der Color Line“, der Grenze zwischen den Hautfarben, sei. Du Bois nahm diesen Satz jedoch bald zurück. Bei seinen Reisen durch Europa lernte er die soziale Frage, die Diskriminierung der Polen in den östlichen Gebieten des Deutschen Kaiserreichs und den Antisemitismus kennen, wie er später erklärte.
Vielen Vertretern postkolonialer Theorie gikt die „Color Line“ dagegen auch lange nach Du Bois’ Tod als zentrale Konfliktachse des Weltgeschehens. Auch diese Vorstellung wird durch den Holocaust herausgefordert. Denn die europäischen Juden wurden nicht wegen ihrer Hautfarbe ermordet; das Jahrhundertverbrechen lässt sich nicht mit der zum Schlüsselkonflikt des Jahrhunderts ernannten „Color Line“ erklären.
Israel als Umschlagpunkt von der jüdischen „Blackness“ zur „Whiteness“
Auch daraus resultieren sowohl die postkolonialen Versuche, den Holocaust zu relativieren, als auch die fragwürdigen Bemühungen, das Verbrechen doch noch an der Farbskala einzuordnen: Einige postkoloniale Denker gehen in gewisser Anlehnung an Edward Said so weit, Juden zu „People of Color“ zu erklären, die erst durch ihren Aufstieg in die Mittelschichten zu „Weißen“ geworden seien. Andere bemühen die Gründung Israels als Umschlagpunkt von der jüdischen „Blackness“ zur „Whiteness“.
Wer sich nicht zu solchen Farbspielereien hingezogen fühlt, bemüht mitunter eine Art Bumerangtheorie. Sie erinnert von Ferne an Ernst Noltes Versuch, den Holocaust zur Kopie der stalinistischen Verbrechen zu erklären. Mit der Vernichtung der europäischen Juden, so das Argument, sei die koloniale Gewalt nach Europa zurückgekehrt. Der Zweck dieser Übung liegt auf der Hand: Auschwitz kann über den Umweg Windhuk, Boma oder Amritsar doch noch notdürftig an der „Color Line“ verortet werden.
Diese Idee ist ebenfalls nicht neu. Auch dafür stand Du Bois Pate. Der Bürgerrechtler hatte schon 1947 erklärt, dass es keine Nazigräuel gegeben habe, die von der „christlichen Zivilisation Europas nicht längst in ihrem Umgang mit Schwarzen in allen Erdteilen“ erprobt worden seien. Andere sahen das ähnlich: Aimée Césaire schrieb wenige Jahre nach Du Bois, dass die Nazis „kolonialistische Methoden auf Europa angewendet“ hätten, „denen bislang nur die Araber Algeriens, die Kulis Indiens und die Neger Afrikas ausgesetzt“ gewesen seien. Bei Hannah Arendt finden sich verwandte Gedanken. Auch dafür wurden die drei in die postkoloniale Ahnengalerie eingereiht.
Die Empirie wird der politischen Überzeugung untergeordnet
Das war jedoch zumindest in diesem Zusammenhang nicht ganz redlich. Denn Arendts, Césaires und Du Bois’ Nachdenken über den Holocaust lässt sich nicht auf die kurzen Passagen reduzieren, die von postkolonialer Seite gern bemüht werden. Ihre Gedanken über die Vernichtung der europäischen Juden waren widersprüchlicher und komplizierter. Arendt sind ohnehin einige der präzisesten Formulierungen über die Besonderheit des Holocaust zu verdanken. Aber auch bei Césaire und Du Bois, die im Unterschied zu Arendt kein umfangreiches Werk über den Holocaust hinterlassen haben, stehen Gedanken über die kolonialen Ursprünge des Verbrechens neben differenzierteren Aussagen.
Schon als in den Vereinigten Staaten 1941 erste Nachrichten über Massenerschießungen eintrafen, hatte Du Bois die Behandlung der Juden zum Beispiel zur „grundlegenden Tragödie dieses Zweiten Weltkriegs“ erklärt. Wenige Jahre später schrieb er, dass die Lage der Juden im Nationalsozialismus „viel schlimmer“ als die der Schwarzen sei: „Wir schrien mit Recht zur Zivilisation auf, als amerikanische Schwarze gelyncht und zu Tode gehetzt wurden, und zwar 400 bis 500 pro Jahr. Heute in Europa und unter friedlichen Juden töten sie diese Zahl jeden Tag.“
Auch diese Aussagen legen nahe, dass die oft bemühten Passagen gar keine Thesen enthalten. Es scheint sich eher um „anregende Fragen“ zu handeln, wie die Historiker Robert Gerwarth und Stephan Malinowski einmal mit Blick auf Hannah Arendt erklärt haben. Viele postkolonial beeinflusste Denker ignorieren jedoch sowohl das Widersprüchliche im Werk ihrer Helden als auch den Charakter der Aussagen. Ihnen werden die „anregenden Fragen“ Césaires, Du Bois’ und Arendts zu Thesen, Argumenten, mitunter sogar zu Antworten. Auf diese Weise wird die Empirie der politischen Überzeugung untergeordnet. Auch das scheint zum Grundrauschen jener aktivistischen Theorie zu gehören, die Edward Said 1978 mit „Orientalismus“ begründete.
Dieser Text ist ein leicht gekürztes Kapitel aus Jan Gerbers Buch „Das Verschwinden des Holocaust. Zum Wandel der Erinnerung“, das soeben in der Edition Tiamat erschienen ist.
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Der Nahe Osten ist noch einmal eine sehr spezielle Frage. Aber prinzipiell sehe ich nicht, dass die postkolonialistischen Staaten und Bewegungen die Werte des Westens ablehnen würden. Sie lehnen den Westen ab, weil dieser diese aufstrebenden Staaten und Bewegungen stets und ständig verraten hat! Lange Zeit hatten diese Staaten kein wirtschaftliches und politisches Gewicht, um ihre eigenen Interessen wirksam durchzusetzen. Jetzt ist und wird das anders. Der Westen muss sich fragen, wie viel ihm seine Werte wert sind oder ob diese Werte nur dazu dienen, alle und jeden, der sich dem Westen nicht unterwirft, zu sanktionieren, dabei muss aber auch klar sein, dass sich dabei eher der Westen ruiniert.
