lesen: Journal - Brinkmanns Lehrjahre

Tiefe, Bedeutung, Sinnschwere – Symbolismus, Surrealismus, Romantik: So sah die frühe Lyrik des späteren Pop-Poeten aus

Das Image des 1940 geborenen und 1975 früh verstorbenen Rolf Dieter Brinkmann wird nicht zuletzt durch die fulminante avantgardistische Geste geprägt, mit der er ebenso schlicht wie einfach alle bestehende Kunst für unmaßgeblich erklärte. «Man muß vergessen, daß es so etwas wie Kunst gibt! Und einfach anfangen», lautete das Programm, das er sich im wohl wichtigsten Gedichtband der deutschen Poplyrik – «Die Piloten», publiziert im Jahr der Revolte 1968 – auf die Fahnen geschrieben hatte. Wie schwer Brinkmann selbst dieses «einfach anfangen» gefallen ist, zeigen die frühen, nun erstmalig veröffentlichten Gedichte aus den Jahren 1959 bis 1963.

Über fünfzig poetische Texte umfasst der Band, dessen Titel «vorstellung meiner hände» auf eine von Brinkmann selbst kompilierte Sammlung zurückgeht. Um eine Publikation dieser Auswahl hatte sich der 23-Jährige Anfang 1963 bemüht, allerdings vergeblich: «Jugendstilmetapher», «abgenutzte Litaneitechnik», «parfümier­ter Vergleich» lauteten einige Kommentare, mit denen der Kiepenheuer & Witsch-Lektor Dieter Wellershoff die Versuche des Junglyrikers bedachte – und ablehnend zurücksandte. Ebenso verfuhr Hans Bender, Herausgeber der renommierten Literaturzeitschrift «Akzente»: Es stehe «nun doch noch zu viel Bekanntes darin», man könne «das alles in Tausenden von Gedichten heute lesen».

Auch nach fast fünfzig Jahren haben diese Urteile weiterhin Bestand. Brinkmanns frühe Lyrik ist nicht bemerkenswert: weit entfernt von jenen nachwachsenden Autoren, die damals anfingen, maßgeblich zu werden – Hans Magnus Enzensberger etwa oder Peter Rühmkorf –, weit entfernt aber auch von dem, was Brinkmann selbst nur knapp ein halbes Jahrzehnt später zu Papier brachte. Verstörend ist dabei vor allem der kaum je gebrochene Wille zur Kunst, der eher an Rilke, George, den Surrealismus oder gar die Romantik erinnert als an die Pop-Art- und Beatnik-geschulte Oberflächen-Ästhetik, in deren Manier Brinkmann später die Bedeutungslosigkeit der modernen Alltags(waren)welt inszenierte.


Lektion: Vergessen lernen

Hier, im Frühwerk, finden sich stattdessen symbolistisch überfrachtete Verse à la «wir ... schürften im Flug / die Körner der Stille / aus den silbernen / Kehlen des Morgens», es begegnen dem Leser celaneske «Nester aus Schnee tief unterm / Schlaf», die Astern blühen, die Ginsterhänge wuchern – und überhaupt ist alles «schmerz­haft», voll von Vergänglichkeit und Zerstörung, sodass nur noch die gute alte «Zauberformel» Erlösung verspricht. Von der Revolution, die Brinkmanns so virtuos schlichte Lyrik Ende der sechziger Jahre auslöste, ist hier noch keine Spur: Allerorten waltet die klassische Moderne, voller Tiefe, Bedeutung, Sinnschwere.

Dies vor allem musste der junge Brinkmann vergessen lernen. Lehrer dafür fand er in der Neuen Welt, deren neue Literatur er als Herausgeber der Anthologien «Silverscreen» und «ACID» (beide 1969) in Deutschland bekannt machte. Erst dieser Kontakt mit einer Kunst jenseits des Hergebrachten machte aus dem tiefsinnigen deutschen Dichter einen Schriftsteller, der mit «Die Piloten» und «Westwärts 1 & 2» (1975), dem vielleicht besten, sicher aber abgedrehtesten Gedichtband der siebziger Jahre, zum bis heute gültigen Maßstab für eine Lyrik nach der Moderne wurde. Wer Brinkmann nicht kennt, der greife zunächst zu diesen späteren Bänden. Dem Brinkmann-Kenner hingegen führen die frühen Gedichte vor Augen, wie viel dieser Autor auch von sich selbst vergessen musste, um schließlich einfach anzufangen. 

Rolf Dieter Brinkmann vorstellung meiner hände. Frühe Gedichte Mit einem Nachwort von Michael Töteberg, Hg. von Maleen Brinkmann. Rowohlt, Reinbek 2010. 96 S., 16 €

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