- Wie moderne Frühpädagogik unsere Kinder hilflos macht
Grundschullehrer schlagen Alarm: Viele Kinder kommen heute ohne grundlegende Fähigkeiten in die Schule. Hauptgrund dafür ist die moderne Frühpädagogik, die eine Generation von Kindern hervorbringt, die weder Frustrationstoleranz noch elementare Kulturtechniken entwickelt hat.
1100 Grundschul-Lehrkräfte aus Hessen beklagen in einer Petition an ihr Kultusministerium, dass den Kindern fundamentale Voraussetzungen für den Schulbesuch fehlen. Die Kinder können keinen Stift halten und nichts ausschneiden, nicht alleine zur Toilette gehen oder sich die Schuhe binden. Sie besitzen weder Frustrationstoleranz noch Selbstbeherrschung.
Das wundert mich überhaupt nicht, denn ich sehe in meiner Arbeit täglich die Ursachen des Problems: Die jüngste „Revolution“ in der modernen Frühpädagogik erzeugt eine haltlose Generation ohne grundlegende Kulturtechniken und Wertschätzung für Wissen. Natürlich gilt das nicht für alle Kinder, aber für eine erschreckend große Anzahl. Die Extreme nehmen zu, und der Durchschnitt hat sich massiv verschlechtert. Was die aktuelle Kindergartenpädagogik sechs Jahre lang nicht nur versäumt, sondern versaut, kann eine normale Grundschullehrkraft nicht ausgleichen.
Das Zerstörungswerk der pädagogischen Beliebigkeit zeigt heute seine volle Wirkung. Ich arbeite seit 25 Jahren mit Lernenden aller Art und bin schwer zu schockieren, aber ich habe mir noch nie so viele Sorgen um die jüngere Generation gemacht wie in den letzten zwei Jahren. Ich erlebe Neunjährige aus gutsituierten Familien, die ihre Mutter mit dem Messer bedrohen, weil sie ihre dreckigen Socken wegräumen sollen. Ich erlebe vermeintlich hochbegabte Sechsjährige, die keine Toilette benutzen wollen, sondern sich ausschließlich auf eine Windel entleeren, die daneben am Boden liegt. Ich wurde 2024/25 erstmals in meinem gesamten Berufsleben gebissen, geschlagen, getreten und gezwickt, bloß weil ich Kindern sagte: „Komm rein, wir falten Origami!“ Oder einfach so. Und daneben stehen Eltern und Erzieher, die sicherstellen, dass es nur ja keine negativen Konsequenzen für das Kind gibt. Das ist ihre einzige Sorge.
In jeder meiner Gruppen mit maximal sechs Vorschulkindern gibt es ein bis zwei besonders auffällige Kinder. Kinder, die den Stift mit beiden Händen führen und auf dem Würfel die Mengen zwei und drei noch abzählen müssen. Kinder, die so wenig Deutsch können, dass sie ein Jahr lang keinen einzigen korrekten Satz sagen. Kinder, die brüllend ihr Heft zerreißen und ihren Stift zerbrechen, wenn man einen falschen Strich wegradiert. Kinder, die sich auf den Boden werfen und um sich schlagen, weil auch einmal jemand anderes aufgerufen wird – und die ich nicht vom Boden aufheben darf, ohne mich der Gefahr auszusetzen, dass die Erzieherinnen das als Gewalt betrachten und irgendwohin „melden“.
Das sind die auffälligen Kinder. Normal sind inzwischen Sechsjährige, die nicht in der Lage sind, ordentlich mit Messer und Gabel zu essen. Die nicht wissen, was die Wörter „Reihenfolge“, „senkrecht“, „neben“, „Theater“, „Meise“, „Last“ oder „List“ bedeuten. Die nie ohne Aufforderung „bitte“ und „danke“ sagen. Die den Stift falsch halten. Die keine Schleife binden können. Denen nicht vorgelesen wird. Die nicht wissen, wozu die Zahlen auf einer Waage / auf einem Zollstock / auf der Hausnummer / auf den Geldscheinen dienen. Die kein einziges Lied vollständig singen können. Die einen Satz nicht fehlerlos nachsprechen können. Die nicht wissen, was man an Weihnachten feiert oder wer Jesus ist. Die noch nie den Satz gehört haben „Du hast keine Lust? Das ist ok, aber erledige deine Aufgabe trotzdem.“
Dabei ist das alles nicht die Schuld der Kinder. Wenn man sie spüren lässt, dass ihr Lernen einem ehrlich am Herzen liegt, kann man großartige Fortschritte mit ihnen erzielen. Wir lachen, wir probieren es immer wieder aufs Neue, und auch wenn viele einen furchtbar geringen Wortschatz haben, gelingt es jede Woche, ihn zu erweitern. Ich spiele den Räuber, der auf der Lauer liegt, und sie merken sich diese Vokabel. Ich bringe ihnen Herrn Plus, der Legosteine zusammenzieht, und sie lassen ihn begeistert erste Rechnungen bauen. Ich stoppe die Zeit beim „Lesesport“ mit den ersten Buchstaben, und sie wetteifern engagiert. Die Kinder wollen – aber erst dann, wenn man sie fordert und einen systematischen Plan für ihr Lernen hat.
Dennoch kommen die begabteren Kinder zu kurz, weil die schwächeren so viel Zeit kosten. Zugleich ist der Rechtfertigungsdruck gegenüber den Erziehern extrem belastend. Moderne Pädagogen davon zu überzeugen, dass es nichts Böses, sondern etwas Gutes ist, Kindern in strukturierter Weise etwas beizubringen, kostet mehr Nerven als alle schwierigen Kinder zusammen. Die Ideologie der Beliebigkeit hat innerhalb weniger Jahre fast alles zerstört, was an Kindergärten gut war. Das zeigt sich in sechs grundlegenden Irrtümern, die das Leben in Krippe und Kindergarten bestimmen. Erzieher, die aus Erfahrung und gesundem Menschenverstand handeln, müssen stets gewahr sein, von ihren Kolleginnen ausgegrenzt oder von Vorgesetzten gemaßregelt zu werden. Lassen Sie mich diese sechs Irrlehren und ihre praktischen Auswirkungen erklären:
Irrlehre 1: Werten ist Tabu
Erwachsene dürfen Handlungen der Kinder weder bewerten noch interpretieren. Sie dürfen nur die Ereignisse spiegeln: „Oh, du zerreißt ja dein Blatt!“
Eine Kita-Leitung möchte von mir Hilfe mit den vielen Kindern, die nicht richtig sprechen. Sigmatismus, Schetismus, Kappazismus – wir brauchen kein Frühenglisch, wir brauchen flächendeckende Sprachförderung in der Muttersprache! Ich erkläre ihr, dass betroffene Kinder oft gar nicht hören, dass sie falsch sprechen, und dass es daher nichts nützt, wenn der Erzieher als „Sprachvorbild“ den Satz korrekt wiederholt. Viele Kinder hören keinen Unterschied zwischen ihrem „Tho ein söner Tinderdarten“ und meinem „So ein schöner Kindergarten“. Anderen Kindern ist es einfach egal, denn sie werden ja nie kritisiert. Ich erkläre, dass man das üben muss und durchaus rückmelden: „Wir bezahlen an der Kasse, nicht an der Tasse. Sag es nochmal richtig!“ Die Pädagogin erklärt mir, das falle ihr schwer. Sie möchte „nicht so ein Mensch sein, der Kindern sagt, dass sie Fehler machen“.
Man glaubt, dass Kinder unter sieben Jahren schon genug Selbsterziehungskompetenz besäßen, um aus unauffälligem „Spiegeln“ abzuleiten, was gut und böse, richtig und falsch, vernünftig und unvernünftig ist. Und man bildet sich ein, Vierjährige besäßen die nötige innere Stärke, um diese Einsicht umzusetzen und sich selbst zu disziplinieren. Letztlich steht dahinter die Auffassung, Kinder bräuchten keine Erziehung – denn es ist Erziehung, die Kindern zeigt, was nottut, und mit sanftmütiger Konsequenz dafür sorgt, dass das auch passiert. Es ist die Definition von Kind oder Zögling, das nur in sehr geringem Umfang selbst tun zu können. Wer sich selbst erziehen kann, ist erwachsen. Aber Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie brauchen Erziehung, klare Wertungen und Anleitung, sei es in ethischen Fragen oder um zu lernen, wie man einen Stift hält.
Momentan wachsen massenhaft hilflose Kinder heran, die gar nicht wissen, was ihnen fehlt. Orientierungslose Kinder ohne moralischen Kompass. Auch das Gewissen der Erzieher wird beeinträchtigt: Sie werden umerzogen zu Menschen, die es für böse halten, das Fehlende zu benennen und aufzubauen. Damit verlieren sie alle Befriedigung, die ihr Beruf mit sich bringen kann, denn sie erziehen und lehren nicht mehr, sondern sind lediglich Mitbewohner der Kinder. Wer nicht mit erzieherischem Stolz vor sich hin lächeln kann, wenn er die Fortschritte seiner Zöglinge sieht und weiß „Das habe ich bewirkt!“, der findet keinen Sinn im Erzieherberuf. Selbstwirksamkeit ist auch ein Bedürfnis Erwachsener.
Irrlehre 2: Autonomie entsteht durch Kindzentrierung
Kinder müssen sich die ganze Zeit aussuchen können, was sie tun wollen. Man darf ihnen nur Inhalte und Aktivitäten anbieten, aber weder Vorgaben machen noch auf Fertigstellung bestehen. Das macht Kinder selbständig.
Durch diese Irrlehre wird jedes Lernen durch Vor- und Nachmachen unmöglich. Aber es gibt Lehrende und Lernende, seit der erste Steinzeitmensch gesagt hat: „Schau mal, diese Steine machen Feuer, wenn man sie aneinander schlägt!“ Es ist ein unglaublicher Luxus, dass wir binnen zehn Schuljahren das Kondensat von 4000 Jahren Forschung erlernen können. Und es ist fundamental für zwischenmenschliche Wertschätzung in unserer Gesellschaft, dass wir uns von einem erfahreneren Menschen sagen lassen: „Ich weiß etwas, was du nicht weißt. Setz dich hin und hör mir zu, dann bringe ich es dir gerne bei!“ Heute wird das nicht mehr als ein wunderbares Geschenk dargestellt, sondern als Tyrannei: „Setz dich gefälligst und lerne!“ Doch kein Erzieher, der Bildung und Kinder liebt, hat diesen Ton. Das ist lediglich ein Hirngespinst antiautoritärer Pädagogen. Zusammenhalt zwischen den Generationen kann es nur geben, wenn wir ältere oder klügere Menschen für ihren Wissensvorsprung respektieren und zunächst einmal nachvollziehen, was sie wissen, anstatt uns etwas unausgegorenes Eigenes auszudenken.
Ganz besonders verhasst ist in diesem Kontext alles, was mit Kulturtechniken im engeren Sinne zu tun hat. Richtiges Sprechen, Kenntnis der Buchstaben, Logik, Zahlen, Schreibbewegungen – all das wird fast nirgends mehr gezielt erarbeitet und geübt. Hier und da gibt es Lernen durch Demonstration noch beim Basteln oder Plätzchenbacken, aber wirkliche Wissensvermittlung findet in aller Regel nicht mehr statt. Die Dominanz der Kinder macht die Erwachsenen zu ihren Erfüllungsgehilfen und bestärkt sie in der Meinung, die Erwachsenen seien da, um ihre Wünsche zu erfüllen.
Es ist auch nicht wahr, dass Kinder durch dieses Vorgehen selbständig würden. Manche begabten Kinder machen zwar aus der Not eine Tugend und lernen einiges alleine. Die Mehrheit hingegen wird inkompetent, aber egozentrisch. Sie sind nicht autonom, sondern hedonistisch. Autonomie wird in Deutschland als das Recht missverstanden, alle Anforderungen ohne Begründung abzulehnen. Autonomie heißt bei uns: Wenn ich „Guten Morgen!“ sage, hat jedes Kind das Recht, sich wegzudrehen, die Hände hinter den Rücken zu stecken und den Gruß zu verweigern. In Frankreich bedeutet Autonomie: Jedes Kind soll anderen Menschen unbefangen in die Augen sehen können und „Bonjour, Madame!“ oder „Bonjour, Monsieur!“ sagen. Das macht Kinder stark. In Deutschland wissen viele Erstklässler nicht einmal mehr, wie man die Lehrkraft siezt. Es besteht ja auch kaum noch ein Erwachsener auf dem „Sie“ – wo sollen sie es also lernen?
Irrlehre 3: Emotionen sind Wahrheit
Emotionen dürfen nicht hinterfragt werden. Jeder Versuch, sie von außen zu regulieren, ist eine Bagatellisierung und zeugt von mangelndem Respekt gegenüber Kindern. Ich fühle, also bin ich. Irrationalität ist kindgemäß. Selbstbeherrschung zu fordern, ist Adultismus.
Dabei lässt man 50 Jahre Emotionsforschung außer Acht. Dank Paul Ekman wissen wir nicht nur, welcher Gesichtsmuskel bei welcher Emotion in welche Richtung bewegt wird. Sondern wir wissen auch, dass die Emotionskurve oft weit weg von der Realitätskurve liegt. Unsere Gefühle sind real, aber sie sagen uns nur etwas über uns, keine Wahrheit über die Situation oder die Welt da draußen. Bloß weil ich Angst vor etwas habe, ist es nicht automatisch gefährlich. Nur, weil ich über etwas lache, ist es nicht unbedingt lustig. Wenn ich dem Nachbarn vor Wut an die Gurgel springen möchte, weil er falsch parkt, gibt meine Wut mir nicht das korrekte Strafmaß vor.
Das alles wird jedoch ignoriert. Im Bildungsplan des Landes Brandenburg wird verboten, Kindern zu sagen: „Du brauchst keine Angst zu haben.“ oder „Das ist doch gar nicht schlimm.“ Doch was, wenn es wirklich nicht schlimm ist? Wenn Ismael sich am Boden wälzt, weil Paul jetzt kurz den Spitzer braucht? Ebenfalls verboten: Sätze wie „Jetzt gehst du erst mal raus und setzt dich auf die Treppe. Danach bist du bestimmt wieder ruhiger.“ Im Bildungsplan heißt es: „Veranlasst die Kinder nicht dazu, ihre Gefühle zu unterdrücken.“ Das ist natürlich hochmanipulativ formuliert: Weiß doch jeder Hobby-Psychoanalytiker, dass unterdrückte Gefühle gären. Aber wissen Sie was? Manche Gefühle gehören unterdrückt, beziehungsweise runtergefahren, halbiert, reguliert. Nämlich die, die uns zu schädlichen Taten verleiten. Man muss seine Emotionen regulieren können, um sie der Realitätskurve anzupassen. Doch diese Erkenntnis ist genauso tabu wie der Satz „Guckt mal, Anastasia ist ganz traurig. Kommt, wir trösten sie jetzt.“ Das macht aber nichts, denn die meisten Erzieher sind gar nicht in der Lage, Emotionen eindeutig zu unterscheiden und einzuordnen.
Infolge dieser Pädagogik sind Kinder ihren Gefühlen ausgeliefert, anstatt sie ruhig benennen und einordnen zu können. Sie können nicht sagen: „Ich bin gerade wütend, weil … Bitte hilf mir, das zu klären!“ Stattdessen gehören Tränen oder Wutanfälle bei kleinsten Anlässen zu ihrem Alltag. Bei objektiv schwereren Belastungen wie dem Tod eines Angehörigen gibt es in der Äußerungsform kaum noch „Luft nach oben“. Alles ist Drama. Ein Beispiel: Ein Mädchen weint Krokodilstränen, weil es wegen der Vorschule heute nur sechs statt sieben Stunden im Garten spielen kann. Seine Erzieherin tätschelt ihm den Kopf und sagt zu mir: „Sie sind doch bestimmt nicht so böse, darauf zu bestehen, dass Lina heute in die Vorschulgruppe kommt, obwohl die Sonne scheint?“ Das ist nicht nur unkollegial, es schadet den Kindern. Ich sage Lina, dass oft die Sonne scheinen wird, wenn sie in die Schule gehen muss, und schicke der Erzieherin zwei Minuten später ein Foto des lachenden Kindes auf WhatsApp. Sonst glaubt sie mir nicht, dass es nicht böse war, die Unlust und das Selbstmitleid des Kindes als unvernünftig zu bewerten.
Kinder, die ihre Emotionen nicht hinterfragen, werden wesentlich anfälliger für maladaptive Schemata und spätere psychiatrische Störungen. Und da auch die Emotion Unlust nicht hinterfragt werden darf, machen Kinder ihre Unlust zum Maßstab für den Wert von Lerninhalten und Tätigkeiten. Wenn man keine Lust darauf hat, muss man es nicht tun. Ich kenne Kinderkrippen, wo Salat und Gemüse direkt vom Servierwagen in die Biotonne gekippt werden. Die Kinder würden es angeblich sowieso nicht essen, und darauf zu bestehen, dass alle Bestandteile einer ausgewogenen Mahlzeit zumindest gekostet werden, ist tabu. Also weg damit. Lebensmittelverschwendung? Die Eltern erfahren es ja nicht. Sie wundern sich nur, warum die Essensituation zuhause so schwierig ist.
Irrlehre 4: Das Kind muss steuern
Die spontanen Antriebe der Kinder sind ausschlaggebend, und der Erwachsene muss sich nach ihnen richten. Antriebe sind ausschließlich als Bedürfnisse zu betrachten.
Fakt ist: Schlafbedürfnis, Appetit, Hygiene, Neugier/Interesse, Aufmerksamkeit, Geltungsdrang/Selbstbehauptungsdrang, Bewegungsdrang, Geborgenheit und Besitzwunsch sind Antriebe. Dass sie in einem gewissem Maß Bedürfnisse sind, zeigt die Testfrage „Was würde passieren, wenn man einem Kind die Befriedigung vollkommen verweigerte?“. Immer, wenn man antworten kann „Es würde verhungern / seelisch verkümmern / schwer krank werden“, handelt es sich um ein Bedürfnis. Aber: Man kann Bedürfnisse auch übererfüllen. Ein Butterbrot und ein Apfel stillen ein Bedürfnis. Die zweite Tafel Schokolade ist etwas anderes. Naschlust ist nicht Hunger. Immer im Vordergrund stehen zu müssen, ist nicht Selbstbehauptung. Ziellos auf und ab zu rennen oder im Kino zu plappern, sind kein gesunder Bewegungsdrang. Übererfüllung von Bedürfnissen bedeutet Verwöhnung und Wohlstandsverwahrlosung. Deshalb ist es für die gesunde Entwicklung von Kindern essentiell, das vernünftige Maß für jeden Antrieb zu etablieren. Fordert ein Kind zur unpassenden Zeit oder im Übermaß seine Befriedigung, ist ein „Nein!“ die einzig richtige Reaktion – zum Wohle des Kindes. Genau das ist aber unter dem Deckmantel „bedürfnisorientierter Erziehung“ nun tabu.
Infolgedessen bleiben immer mehr Schulkinder im Bereich der Antriebe – dem Kern der menschlichen Persona – auf dem Entwicklungsalter eines Kleinstkindes stehen. Solche Erstklässler haben sechs Jahre lang gelernt, dass die Erwachsenen nur dafür da sind, ihre Antriebe zu befriedigen. Ihre Interessen bleiben wechselhaft, ihre Aufmerksamkeit fluktuierend, ihre Bewegungen unpräzise. Fehlt es an gesunden Schlafgewohnheiten, sind die Kinder im Unterricht müde, reizbar und wenig aufnahmefähig. Kinder ohne befriedete Antriebe haben wenig Durchhaltevermögen und können ihre persönliche Vitalität nicht in den Dienst vernünftige Ziele stellen. Sie werden von ihren Antrieben beherrscht, statt sich zu beherrschen. Es fehlt ihnen an Frustrationstoleranz. Dies macht sie wiederum anfälliger für Legasthenie und Dyskalkulie, da das notwendige Üben Unlust erzeugt (lesen, schreiben) und idiosynkratische Rechentricks bequemer erscheinen als das Erlernen des korrekten mathematischen Zusammenhangs.
Zusätzlich sprechen das Fernsehen, Apps, Shorts und TikTok die Antriebe Neugier und Geltungsdrang gezielt in noch nie dagewesener Weise an. Weil es immer mehr an Antriebs-Befriedung und Selbstbeherrschung fehlt, nehmen Alltagssüchte (Essen, Pornographie, Sport …) über alle Altersklassen hinweg zu.
Wer das nicht lernt, glaubt, die Welt schulde ihm alles, wonach es ihn gerade gelüstet. Er kann mit ganz normalen Beschränkungen und Rückschlägen nicht umgehen. So war es kürzlich bei einem zehnjährigen Jungen, der seinen Füller kaputtgemacht hatte. Die Mutter hatte klaglos Ersatz gekauft. Aber ihm gefiel die Farbe nicht. Zuerst zelebrierte er in dem Toberaum, den die Eltern ihm in ihrer großzügigen Immobilie eingerichtet hatten, einen einstündigen Schrei- und Tobsuchtsanfall. Alles Flehen und Locken der Mutter half nichts. Am Abend schlich er sich an die Garderobe und urinierte in die neue Lederhandtasche der Mama, um sich zu rächen. Das würde sie lehren, nochmal einen Füller im falschen Blauton zu kaufen!
Irrlehre 5: Übung ist altmodisch
In einem Kindergarten hängt das Schild „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht. Wir ziehen nicht und wir schieben nicht.“ Entwicklungen werden als individuelles Schicksal betrachtet, gezielte Förderung erst dann angefordert, wenn Kinder als besonders gestört gelten.
Übung enthält alles, was man heute in der Pädagogik ablehnt: Lenkung von außen, sachliche Kritik, exakte Fortschrittsmessung an Maßstäben, Zumutung von Unlust und Langeweile. Deshalb ist für sie kein Platz mehr in der KiTa. Aber ohne Übung bleiben Kinder weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Die Verheißung, die in einer angeborenen Fähigkeit steckt, kann sich nicht erfüllen, wenn man diese Fähigkeit nicht durch Übung zu einer routinierten Fertigkeit entwickelt. Auch deshalb finden Betriebe immer weniger kompetente Azubis.
Fehlt es an Übung, ist das Gehirn außerdem überlastet. Nur Routine setzt mentale Ressourcen frei. Einer der didaktogenen Gründe für die steigende Anzahl von Kindern mit Legasthenie und Dyskalkulie ist der eklatante Mangel an Übung.
Auch die emotionale Reife leidet: Ohne Übung entsteht Oberflächlichkeit statt Gemütstiefe. Denn je besser ich etwas kann, desto tiefer lerne ich es kennen. Wenn ich nichts richtig gut kann, lerne ich nichts richtig gut kennen. Aber nur, was ich gut kenne, kann zu einer lebenslangen Leidenschaft werden (Kochen, Musik, Lesen, Schreinern ...). Es geht also ohne Übung sehr viel Erfüllung im persönlichen Leben verloren. Stattdessen entstehen Kinder voller Selbstüberschätzung und Selbstmitleid. Selbstüberschätzung, weil das bisschen Kompetenz im Übermaß gelobt wird; Selbstmitleid, weil man merkt, dass man in Wirklichkeit an alltäglichen Anforderungen scheitert.
Dabei lieben Kinder Übung, denn es ist ein tolles Gefühl, in einer Tätigkeit immer besser zu werden. Es ist kein böser Druck, eine Leistungssteigerung durch Wiederholung zu erreichen, sondern eine Entlastung und Freude. Wer das Glück hat, dass in seinem Kindergarten wenigstens das Schneiden oder Weben noch geübt wird und nicht nur gelegentlich mit durchwachsenen Ergebnissen passiert, kann froh sein.
Gelegentlich habe ich asiatische Kinder in meinen Gruppen. Sie arbeiten in aller Regel zügig und sachlich, sie kennen das Prinzip des Übens, und ihre Beiträge zeigen oft, dass ihre Eltern auch zuhause auf vielfältige Weise mit ihnen lernen. Sie wundern sich sehr, wenn andere Kinder seufzen, stöhnen oder jammern, weil sie es nicht gewöhnt sind, sich anzustrengen.
Irrlehre 6: Beliebigkeit ist erfüllend
Diese Irrlehre besagt: Wer tun und lassen kann, was er will, empfindet sein Leben als erfüllt. Hier gilt Pippi Langstrumpf als Protobeispiel einer wunderbaren Kindheit, obwohl sie keine richtige Familie hat. Die braucht man heute auch gar nicht mehr, es ist ja alles beliebig. Man glaubt, Kinder machen sich selbst glücklich, man muss sie nur gewähren lassen. Und sichere Bindung könne es mit minimaler Nähe und wenigen Stunden Kontakt geben.
Durch diese Auffassung werden immer mehr Kinder haltlos. Sie haben keinen inneren Halt und werden daher später ihren eigenen Kindern keinen äußeren Halt bieten können. Immer nur Haha statt tieferer Freude, immer nur „Weiß ich alles, kenn ich alles“ statt demütigem Staunen, immer nur Beliebigkeit oder Political Correctness statt Glauben und Werten – das trägt auf Dauer kein Leben. Diese Art Kultur führt in die seelische Heimatlosigkeit. Heimat ist nicht primär etwas Geographisches. Man findet seine Heimat dort, wo man von Menschen umgeben ist, die mit einem teilen, was ihnen im Leben etwas bedeutet. Erzieher müssen aus ihrer Tiefe schöpfen können, um mit allem, was sie lieben, Kindern Heimat zu geben. Und Kinder müssen erleben, dass es uns um etwas Größeres als uns selbst geht. Dazu gehört, dass es schon früh im Tischgespräch um Fragen von richtig und falsch geht. Nicht jeder Erzieher muss ein großer Philosoph sein. Aber wir müssen einander etwas bedeuten. Die Dinge, die unser Leben ausmachen, müssen uns etwas bedeuten. Das können Kleinigkeiten sein: die gute Currywurst vom Werner; das Lieblingsbuch; die Blumen im Garten, die wir seit Jahren pflegen ... Hauptsache, es ist nicht alles beliebig. Beliebigkeit essen Seele auf.
Zu meinem jährlichen Sommerfest kam dieses Jahr ein Mädchen, das vor zehn Jahren bei mir in der Vorschule gewesen war. Sie brachte ihr Realschulzeugnis mit und war stolz: Note 1,0! Vor zehn Jahren hatte ich einiges in Bewegung gesetzt, damit der Kindergarten die Eltern nicht überreden konnte, sie auf die Förderschule zu schicken. Sie sagte: „Du, Frau Stiehler, ich wollte dir das zeigen, weil ich immer an dich denken musste. Du hast an mich geglaubt und mir gesagt, dass ich es schaffen kann, wenn ich mich anstrenge. Und schau, ich habe es geschafft!“ Nichts ist so schön wie Heimat eines Kindes zu werden, weil es merkt: Du bedeutest mir etwas, und deshalb arbeiten wir jetzt zusammen.
Was muss sich ändern?
Ich wünsche den Kollegen aus Hessen aufrichtig allen Erfolg. Aber ich denke, dass ihre Forderung am falschen Ende ansetzt. Ja, einerseits brauchen Schulen sofort andere Strukturen, um die aktuellen Schüler nachzuerziehen. Aber was ist mit den zukünftigen? Die können sich nur ändern, wenn an den Schulen und vor allem in den Kindergärten die oben genannten Irrlehren ein Ende finden. Zu viele Kindergärten haben sich eine gewisse Arroganz angewöhnt: „Wir sind nicht der Zulieferbetrieb der Schule“, heißt es gern. Aber was man den Kindern und den Kollegen antut, darf nicht länger schöngeredet werden. Folgende Einsichten müssen sich durchsetzen, damit etwas besser werden kann:
1. Zu urteilen ist nicht böse, sondern notwendig. Kinder brauchen urteilsfähige Erzieher.
2. Mut zum fairen Wagnis erzeugt Autonomie. Man muss Kindern etwas zumuten, damit sie sich etwas zutrauen.
3. Emotionen sind real, aber sagen keine Wahrheit. Wir müssen Emotions- und Realitätskurve annähern.
4. Antriebe brauchen ein Maß, um uns zu dienen. Selbstbeherrschung ist ein wesentliches Erziehungsziel.
5. Übung ist langweilig, aber notwendig. Routine baut Ängste ab und entlastet den Lernenden.
6. Ohne seelische Heimat fehlen Freude, Staunen und Liebe. Beliebigkeit essen Seele auf.
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Man hat über viele Jahre Kinder "erzogen" und instrumentalisiert mit "Fridays for Future"; "Letzte Generation"; "Antifa-Indymedia" und deren Aufmärschen in den Großstädten Deutschlands (Berlin, Kölln; Leipzig, Hamburg). Das war und ist nach meiner Überzeugung eine gezielte Volksverblödung ... Aktion linXer NGOs: Die wollen das Rad der Geschichte zurückdrehen vor 1989! Es gibt nur wenige Jugendliche, die das durchschauen, denn auch in den Großstadt-Schulen lehren inzwischen vorwiegend linXe "Pädagogen". Das ist sehr durchschaubar für den, der genau hinschaut!
"Die Lehrer, die Rekrutenschinder
Sie brechen schon das Kreuz der Kinder
Sie pressen unter allen Fahnen
Die idealen Untertanen
Gehorsam - fleißig - geistig matt
Die hab ich satt!
Gehorsam- fleißig- geistig matt
Die hab ich satt!"
W. Biermann
... Kaspar Hauser.
Der war ein geheimnisvoller Junge, der am 26. Mai 1828 (Pfingstmontag) plötzlich in Nürnberg (Deutschland) auftauchte. Er war etwa 16–17 Jahre alt und konnte kaum sprechen, kaum laufen und wusste fast nichts von der Welt.
Was passierte am Anfang?
Er hatte einen Brief dabei, der sagte, er sei seit seiner Geburt (ca. 1812) in einem dunklen Kellerloch eingesperrt gewesen.
Er konnte nur seinen Namen sagen („Kaspar Hauser“) und den Satz: „Ich will ein Reiter werden, wie mein Vater einer war.“
Er hatte nie richtig Kontakt zu anderen Menschen gehabt, kannte kein Feuer, keine Treppen, kein Geld und keine normalen Lebensmittel.
Deutschland, Dezember 2025
was heute schief läuft in der Kindererziehung (so wie auf vielen anderen Gebieten):
ALTES, BEWÄHRTES GILT NICHTS MEHR!
Stattdessen glaubt man mit neuen Ideen u. Methoden die Welt beglücken u. das Rad immer neu erfinden zu müssen.
Anders als die Technik ändern sich Menschen grundsätzlich in ihren Bedürfnissen u. Handlungsmotivationen nie. Deshalb darf man bewährte Wege der Einflußnahme auf Menschen, speziell auch auf Kinder (= Erziehung) nicht einfach ignorieren, so wie dies in den vergangenen Jahrzehnten (seit den 60erJahren des vorig. Jhdts.) zunehmend der Fall ist.
Diese Arroganz ist Dummheit. Sie kann niemals Positives hervorbringen.
Man müßte nur zurückkehren zu den realitätsnahen u. sinnvollen Prinzipien sowie den Inhalten der Allgemeinbildung, wie sie vor 60 Jahren in allen Bildungsstätten (von Kindergarten bis Universität herrschten), dann wäre die Hilflosigkeit rasch überwunden. Ich fürchte nur: Akzeptanz dafür gibt es nicht mehr beim "umerzogenen", verwilderten Volke!
Es steckt mMn viel Wahres in Ihrem Kommentar.
Progressivität ist aktuell positiv konnotiert (Fortschritt, Aktivität & Mut, Modernität), wohingegen Konservatismus eher negativ konnotiert ist (Ängstlichkeit vor Neuem, Passivität – nicht neues wagen). Man meint gesellschaftspolitisch Dinge ändern zu müssen, und „dekonstruiert“ grundlegende menschliche Bedürfnisse, die aber Individuen Halt geben. Denn wie Sie richtig schreiben: „Anders als die Technik ändern sich Menschen grundsätzlich in ihren Bedürfnissen u. Handlungsmotivationen nie.“ Schlichte Biologie.
Dh sollte man diesbzgl nur behutsam Änderungen wagen. Eine harte, autoritäre Erziehung hat auch ihre Schäden verursacht und wurde legitimerweise in Frage gestellt, aber nun wurde in entgegengesetzter Richtung übertrieben (s. Artikel).
Wenn aber schon die Elterngeneration nicht mehr klassisch erzogen wurde – was kann sie dann noch weitergeben? Der Kipppunkt scheint erreicht. Auch hier zeigen die Asiaten – wie erwähnt – mehr Weitsicht.
ihr linksgrünwoken Deppen...!!
>> SORRY, aber soetwas - und da ist das hier im Artikel geschilderte noch nicht alles, Thema Geschlechtsumwandlung bei Jugendlichen z.B. ... - macht mich wirklich WÜTEND!
Alles hängt mit allem zusammen... - und WIR produzieren mit unserem linksgrünwoken Bildungs- und Erziehungssytem gerade eine ganze LOSERGENERATION..., wir verschenken unser einziges gesellschaftliches Kapital, weil eine von ihrer unproduktiven Hybris geprägte linksgrünwoke Gesellschaft das mal eben so beschlossen hat, unter Führung ihrer linksgrünen politischen Klasse..., und ohne ernsthaften Widerstand aus dem konservativen Lager - seit Merkel. ☝
Nach dem linksgrünwoken MIGRATIONSEXPERIMENT findet jetzt das linksgrünwoke BILDUNGSEXPERIMENT statt... ... 🤔
Bis es richtig kracht..., dann kommt klassisch das große Gejaule... ...
[PS: ...und der Afghanistan-Einsatz war ja auch EIN ERFOLG, wurde offiziell gesagt - oder?? Einfach nur noch irre, was hier abläuft...! Auf allen Ebenen. ☹]
Da kann ich nur zustimmen, Herr Veit, Es ist schlimm geworden im Westen. Ich mag Trump nicht sonderlich, aber seine Kritik an der EU und ihrem linken Einheitsbrei in jeder Beziehung trifft es genau!
Wenn wir es uns mit den USA (Trump wird nicht ewig regieren) als Schutzmacht versauen, wird es eng in UNSEREM Deutschland: Kommunisten und Islamisten arbeiten als Kampfgefährden (wie schon in den 1970ern) gemeinsam darauf hin!
wie jeder, der Kontakt zu dem Narrenschiff Schule/ Kindergarten hat, bestätigen kann. Nur trifft dieser Befund leider nicht erst seit ein paar Jahren zu. Die aufgezigten Irrtümer beginnen auch nicht erst im Kindergarten, sondern sind bereits im Fundament einer in vielen Familien seit den 80ern zunehmend praktizierten "bedürfnsorientierten" Erziehung. angelegt. Ich las dieser Tage einen Artikel über Probleme von Großkanzleien und Rechtsabteilungen, ihre Berufseinstieger- alle aus dem oberen Leistungsdrittel- bei der Stange zu halten. Erstaunlich viele kündigen offenbar schon im ersten Jahr. Begründung: fehlendes-positives-Feedback und das Ausbleiben einer konkreten Karriereplanung. Wem von klein an jeder Frust erspart wird, wer von klein an für jede Selbstverständlicheit gelobt wird, wer nicht gelernt hat, sich mittel-und langfristig etwas vorzunehmen und dafür anzustrengen, der scheitert natürlich auch an dem mit dem Berufseinstieg dann unvermeidlichen Frustrationen.
Hochinteressant!
Kinder dürfen also schädliche Gefühle nicht mehr unterdrücken und kanalisieren. Wenn Erwachsenenspäter aber diese Gefühle auf TicToc und X rauslassen, dann ist es auch wieder nicht recht.
Ach, deswegen dürfen ja Erwachsene wieder erzogen werden. Ganz im Gegensatz zu Kindern, bei denen zählt das als Unterdrückung.
Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Verrückt.
jedes Rudel zeigt den Jungen instinktiv, wie es sich verhalten müssen, um erfolgreich erwachsen zu werden und trägt ebenso instinktiv die Verantwortung für das Überleben ihrer Jungen.
Niemals würden sie ihren Kinder
die Führung über die Herde überlassen, warum auch, haben doch sie die Erfahrung.
Es ist verrückt.
