Palästina-Flagge an der Universität Lausanne
Über europäischen Universitäten weht die Palästina-Flagge, hier an der Universität Lausanne / picture alliance/dpa/KEYSTONE | Jean-Christophe Bott

Boykott israelischer Akademiker - Das Verschwinden der europäischen Aufklärung

Israelische Wissenschaftler werden von westlichen Universitäten ausgeladen und boykottiert – unabhängig von ihrer politischen Haltung, einfach nur, weil sie Israelis sind. Das ist purer Antisemitismus und ein Rückfall in längst überwunden geglaubte Zeiten.

Autoreninfo

Eyal Winter ist Silverzweig-Professor für Wirtschaftswissen- schaften an der Hebräischen Universität Jerusalem und Andrews-und-Brunner-Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Lancaster University.

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Mein Onkel Kurt hatte seine Doktorarbeit in Rechtswissenschaften an der Albertina-Universität in Königsberg fast abgeschlossen, als er im Januar 1933 Zeuge von Hitlers Machtübernahme wurde. Zunächst war er optimistisch. Er glaubte, dass seine hervorragenden akademischen Leistungen und sein ausgezeichnetes Verhältnis zu seinen Kollegen in der Fakultät ihn schützen würden. Doch schon nach wenigen Wochen wurde ihm klar, wie sehr er sich getäuscht hatte. Er wurde vom Dekan einbestellt, aus dem Doktorandenprogramm entlassen und darüber informiert, dass er seine Dissertation nicht mehr einreichen dürfe. Es wurde kein Grund genannt – weder akademischer noch finanzieller Art –, doch der Grund war allgemein bekannt: Kurt war Jude.

Noch im selben Jahr, als ihm klar wurde, dass sich seine Probleme als Jude in Deutschland nicht auf den Verlust seiner Stelle beschränken würden, wanderte er nach Palästina aus. Seinen Traum, Wissenschaftler zu werden, gab er jedoch nicht auf. Die Hebräische Universität, heute Israels wichtigste akademische Einrichtung, war damals erst acht Jahre alt. Da es in Palästina bereits zwei Rechtsprofessoren gab, musste Kurt in einem Bereich neu anfangen, in dem es dringenderen Bedarf gab. 

Mit einem gewissen Hintergrundwissen in Naturwissenschaften entschied er sich für Geologie. Da es in Palästina keine Experten auf diesem Gebiet gab, gewährte ihm die Hebräische Universität ein Stipendium, um seine Promotion an der Sorbonne in Paris abzuschließen. Doch 1938, kurz vor der Verteidigung seiner Dissertation, wurde er von der französischen Polizei verhaftet – diesmal, weil er Deutscher war. Erst nach langen Monaten der Inhaftierung, während derer jüdische Gemeindevorsteher in Paris bei den Behörden intervenierten, wurde er freigelassen und durfte in die Schweiz ausreisen, wo er schließlich seine Promotion abschloss.

Ich sollte verschweigen, dass ich an einer israelischen Universität beschäftigt bin

Mein Onkel Kurt glaubte sein Leben lang an die Ideale der europäischen Aufklärung. Bildung, so war er überzeugt, mache den Menschen frei, und was noch wichtiger sei: Ein Mensch solle nicht als Angehöriger einer Religion oder Nation beurteilt werden, sondern als Individuum, nach seinen persönlichen Verdiensten und Taten. Ich fürchte, dass Europa dabei ist, diese Ideale der Aufklärung zu vergessen – gerade an den Orten, die ihre letzte Bastion sein sollten: den Universitäten.

Wie viele aktive Wissenschaftler werde ich regelmäßig von ausländischen Universitäten eingeladen, meine Forschungsergebnisse vorzustellen. Das mag nach einem Vergnügen klingen, ist aber in Wirklichkeit mit viel Arbeit verbunden. Neben dem Halten einer Vorlesung wird vom Gastdozenten erwartet, dass er Einzelgespräche mit Fakultätsmitgliedern führt und Feedback zu deren Arbeit gibt. Ich kann zwar nicht alle Einladungen annehmen, versuche aber, jedes Jahr drei oder vier Termine wahrzunehmen. Im Laufe meiner Karriere habe ich mehr als 160 solcher Besuche in 36 Ländern absolviert.

Für das kommende akademische Jahr erhielt ich fünf Einladungen – und drei von ihnen lassen mich daran zweifeln, ob sich die europäische Wissenschaft noch den Idealen der europäischen Aufklärung verbunden fühlt. Als der akademische Boykott gegen Israel begann, zogen zwei der Universitäten – eine in Belgien und eine in Irland – ihre Einladungen zurück. Die irische Universität erneuerte später ihre Einladung, nachdem ich erklärt hatte, wie absurd und diskriminierend diese Ausladung ist, zumal meine öffentliche Opposition gegen Netanjahus Regierung und die Fortführung des Krieges bekannt war. 

Besonders beunruhigend war jedoch die Rücknahme der Einladung durch die belgische Universität. Sie wurde von einem feindseligen Brief des Rektors begleitet, in dem er bestätigte, dass die Ausladung aufgrund meines israelischen Hintergrunds erfolgte – ohne jede Entschuldigung. Der dritte Fall betraf eine italienische Universität, deren Einladung an zwei Bedingungen geknüpft war: (1) dass ich mich öffentlich gegen den Krieg in Gaza ausspreche und (2) dass verschweigen müsse, dass ich an einer israelischen Universität beschäftigt bin. Ich lehnte natürlich ab. „Stellen Sie die gleichen Anforderungen an Ihre Gäste aus den USA, China oder Australien?“, fragte ich sie.

Meine gesamte Identität verschmolz mit meinem Pass

Alle drei Universitäten sagten mir, dass sie meine öffentliche Haltung gegen die Regierung Netanjahu kannten, aber das zählte nichts. Wie mein Onkel Kurt wurde ich ausschließlich nach meiner ethnischen Zugehörigkeit und Staatsbürgerschaft beurteilt – zwei Identitätsmerkmale, die ich mir nicht ausgesucht habe, sondern die mir vor 66 Jahren bei meiner Geburt zugewiesen wurden. Es ist schön zu sehen, dass die Prinzipien der Aufklärung in Zeiten des Friedens umgesetzt und weiterentwickelt werden. Doch am dringendsten werden sie in den dunklen Tagen von Krieg und Gewalt gebraucht. Dennoch werden sie gerade in diesen schwierigeren Zeiten der Geschichte, wie denen, die wir gerade durchleben, verraten und vernachlässigt. 

Ich bin keineswegs der einzige israelische Wissenschaftler, der Opfer eines individuellen Boykotts wurde. Ein Bericht der Task Force der israelischen Vereinigung der Universitätsrektoren zur Bekämpfung akademischer Boykotte verzeichnete in den sechs Monaten bis Februar 2025 etwa 500 Vorfälle. Die meisten dieser Maßnahmen bestanden darin, Einladungen zurückzuziehen, die Teilnahme an Konferenzen zu verhindern oder Publikationsmöglichkeiten für einzelne israelische Wissenschaftler zu blockieren.

 

Die blinde und unverhohlene Diskriminierung, der ich ausgesetzt war, war erniedrigend und demütigend, weil sie meinen Status als Individuum, als Wissenschaftler und als Mitglied der internationalen Gemeinschaft der Ökonomen untergrub. Plötzlich war ich nichts mehr davon. Meine gesamte Identität verschmolz mit meinem Pass. Und das Beängstigende war, dass dies nicht von Neonazi-Randalierern in Birmingham, Alabama, oder von hasserfüllten antizionistischen Demonstranten in Brüssel, Dublin oder Teheran ausging – sondern von europäischen Universitäten.

Abgesehen von der emotionalen Belastung, die eine solche unfaire Politik mit sich bringt, ist es wichtig, ihre Begründung und ihre Wirksamkeit im Hinblick auf die erklärten Ziele zu prüfen. Zunächst ist festzuhalten, dass selbst die milderen Formen akademischer Boykotte Netanjahu und seiner Regierung einen großen Gefallen tun – denn die arbeiten aktiv daran, israelische Universitäten zu schwächen, indem ihnen die Mittel entziehen und Gesetze fördern, die die akademische Meinungsfreiheit einschränken. 

Die Strafen treffen Akademiker, deren Leben bereits zerrüttet ist

Um die Feindseligkeit der Regierung gegenüber der Wissenschaft zu veranschaulichen, sei auf einen kürzlich erschienenen Beitrag von Yinon Magal verwiesen, einem ehemaligen Abgeordneten der rechten Partei „Habait Hayehudi“ (Das jüdische Haus) und heutigen Star des Senders Channel 14, der oft als „Netanjahus Sender“ bezeichnet wird. Nach dem iranischen Raketenangriff im Juni dieses Jahres, der erhebliche Schäden am Weizmann-Institut, Israels führender wissenschaftlicher Einrichtung und einer der renommiertesten weltweit, verursachte, schrieb Magal in Anspielung auf ein Fußballergebnis: „Unterdessen trifft eine Rakete das Weizmann-Institut. Der Heilige, gesegnet sei Er 1, Weizmann-Institut 0.”

Die Boykotte durch europäische Universitäten bestrafen israelische Akademiker, von denen die überwiegende Mehrheit gegen die Regierung und die Fortsetzung des Krieges ist – und viele von ihnen verwenden enorme Zeit und Mühe auf ihren Widerstand und gehen dabei persönliche Risiken ein. Die Boykotte schaden auch vielen Palästinensern, die an israelischen Universitäten studieren und lehren. Die Strafen treffen Akademiker, deren Leben bereits zerrüttet ist – Menschen, die schlaflose Nächte in Luftschutzbunkern verbringen, ständig den Schrecken des Krieges ausgesetzt sind und in quälender Ungewissheit über die Zukunft leben.

Ich teile die Frustration vieler europäischer Akademiker über ihre Ohnmacht angesichts des Leids der palästinensischen Zivilbevölkerung. Aber ich sehe nicht, wie diese Boykotte irgendjemandem helfen – außer denen, die sie verhängen, und das auch nur in der Illusion, sie würden die Welt verbessern. Die überwiegende Mehrheit der israelischen Akademiker leistet durch Proteste, Demonstrationen und Streiks einen weitaus größeren Beitrag zur Beendigung des Krieges. Wir tun dies nicht wegen dieser hasserfüllten Boykotte, sondern trotz ihnen. 

Viele in Israel werden überdenken müssen, wem sie ihre politische Unterstützung zukommen lassen. Einige in Israel werden bald zur Rechenschaft gezogen werden – für die Nachlässigkeit, die zum Massaker vom 7. Oktober geführt hat, für mögliche Kriegsverbrechen in Gaza und dafür, dass sie die Geiseln dem Tod überlassen haben. Ich hoffe nur, dass auch in der europäischen akademischen Welt ein Umdenken einsetzt. Statt israelischen Wissenschaftlern, die keine Schuld tragen, einen akademischen Boykott aufzuerlegen, sollte man ihnen besser eine helfende Hand reichen.

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Jens Böhme | So., 14. September 2025 - 08:57

Hier sollte der israelische Autor zu russischen Wissenschaftlern, Sportlern und Künstlern Kontakt aufnehmen, um festzustellen, dass nicht alles Israelfeindlichkeit bedeutet.

Thomas Veit | So., 14. September 2025 - 14:54

Antwort auf von Jens Böhme

linksgrünwoke Komplex im wesentlichen der für den extremen Russlandbann aufgrund der reinen Zugehörigkeit oder Geburt verantwortlich ist.

Dass sich diese Leute mittlerweile offensichtlich international (in der westlichen Welt) in Forschung und Lehre derart festgesetzt haben - Begleitschreiben vom Rektor... - ist erschreckend.

Trumps Engagement gegen das linkswoke Millieu an amerikanischen Universitäten erscheint dadurch in ganz anderem Licht.

Bräuchten wir so etwas nicht vielleicht auch, eine Korrektur der linkslastigen Tendenzen im staatlich öffentlichen Bereich der letzten 20 Jahre, seit Mutti...?

Karl-Heinz Weiß | So., 14. September 2025 - 09:44

In früheren Zeiten hieß das plakativ "Schweigespirale". Wenn selbst an den Universitäten der Gesprächsfaden reißt und "Pro Palästina" die einzig akzeptierte Haltung ist, führt das schnurstracks zu den Folgen, die mit "Brandmauern" verbunden sind.

Günther Anderer | So., 14. September 2025 - 10:53

Antwort auf von Karl-Heinz Weiß

denn die Gedanken sind frei. Allein das Wort und die Herkunft werden zum Verbrechen und genau an dieser Stelle ist die Demokratie gescheitert.

Christoph Kuhlmann | So., 14. September 2025 - 12:29

Nach meinen persönlichen Kategorien gibt es bekennenden Rassismus, die ehrlichste Form des Rassismus mit der wir es hier zu tun haben und den projizierende Rassismus, dabei unterstellt eine Person den eigenen Rassismus anderen Personen. Das hat a) eine persönliche Entlastungsfunktion und schadet b) gleichzeitig der rassistisch verfolgten Person.

Universitäten, sind an Infamie in dieser Beziehung kaum zu überbieten. Der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit wird in vielen Fakultäten jederzeit der Politik geopfert. Selbst auf die Einhaltung basaler Menschenrechte wird nicht geachtet, falls die Täter dem linken Opferspektrum entsprechen. Machen wir uns nichts vor, die Zivilisation setzt einen Common Ground voraus, dem immer weniger Menschen entsprechen.

Bernhard Homa | So., 14. September 2025 - 15:20

sind die drei Elemente, mit denen sich solche pseudomoralischen Aktionen charakterisieren lassen: kosten nichts, befriedigen Interessengruppen/Politik und verlagern das Problem auf andere. Oder anders: unter Druck werfen Hochschulrektoren und -dozenten die ach so hehren Prinzipien von Wissenschaftsfreiheit und Kooperation ganz schnell über Bord – wie sich im Übrigen bereits im Falle des Umgangs mit der russ. Wissenschaft seit 2022 gezeigt hat.

Abgesehen von der grotesken historischen Blindheit – Deutschland erlebte nach dem 1. WK einen ähnlichen Boykott – dürften die Folgen mittelfristig auch auf die Boykotteure zurückschlagen – im russ. Fall gibt es dafür schon Indizien (Klimaforschung; CERN). Am verheerendsten sind aber wohl die langfristige Vergiftung der Wissenschaftsbeziehungen und die Zerstörung von Vertrauen.

Ernst-Günther Konrad | So., 14. September 2025 - 17:13

Bei aller Kritik an israelischer Politik, so wird die in der Regierung in Israel gemacht und nicht von Juden, die irgendwo auf der Welt verstreut leben und arbeiten, die Teilen genauso kritisch dieser israelischen Regierung gegenüber sind, wie das israelische Volk in Teilen auch. Soweit ist es schon wieder. Die bloße Herkunft/Glauben reicht aus, Menschen das Menschsein abzusprechen und sie zu "Unmenschen" oder "Aussätzigen" zu machen. Was kommt als nächstes? Wieder "kauft nicht bei Juden" oder der widerliche "gelbe Stern". Gerade wir in Deutschland, aber auch die Völker Europas müssten doch aus der Geschichte gelernt haben. Denkt man. Aber selbst 1933 haben ja auch "heutige" Europäer bereits bei der Judenverfolgung mitgemacht, es geduldet oder weggeschaut. Oder wie jetzt in Belgien, die sich aktiv am Antisemitismus beteiligen. Und hört man da was von anderen Staaten? Wird Belgien öffentlich gerügt? Wo ist die Stimme von Merz, der doch gern außenpolitisch aktiv ist. Widerlich.