Bildungsrepublik Deutschland - Wir brauchen endlich Freiheitskunde an den Schulen!

Kisslers Konter: Ob in europäischen oder nationalen Debatten: Freiheitsfeindliche Tendenzen wachsen. Darum ist es Zeit, den Geschmack an der Freiheit neu zu wecken – systematisch, individuell und erst recht in den Lehrplänen

Morgengymnastik in einer chinesischen Privatschule
Wenig Raum für Freiheit: Morgengymnastik in einer chinesischen Privatschule / picture alliance

Autoreninfo

Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ und „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“.

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Der dreiste Kerl, der zum letzten freien Sitzplatz spurtet, sagt lächelnd, er sei so frei. Die forsche Dame, die nach dem größten Kuchen greift, erklärt, sie nehme sich die Freiheit. Beide Redewendungen zeigen, dass es in Deutschland um die Freiheit nicht zum Besten steht. Das Volk der Bausparer, Reihenhausbesitzer und Mehrfachversicherten zieht im Zweifel erstens die Sicherheit, zweitens das gute Gefühl, drittens den Konsens der Freiheit vor. Unverschämt muss in dieser Perspektive sein, wer Freiheiten in Anspruch nimmt. Allemal besser sei es, nicht auszuscheren aus der Schar.

Eine solche Lebensregel reibt sich hart mit der sonst beschworenen Losung von der Bildungsrepublik, in die sich die Bundesrepublik zu verpuppen habe. Der einzige Rohstoff sei jener in unseren Köpfen. Wir müssten in die Zukunft unserer Kinder investieren. Wie wahr – und wie wenig richtet sich die Bildungspolitik, richten wir alle uns danach. Bildung, die den Namen verdient, muss Bildung zur Freiheit sein, muss Freiheitsermöglichungsbildung sein, muss freiheitskompetent machen. Kaum etwas davon geschieht. Und darum ist es an der Zeit, Freiheitskunde in die Schulpläne aufzunehmen.

Gute Erziehung beinhaltet auch Charakterbildung

Gewiss, da tun sich Schwierigkeiten auf. Der liberale Verfassungsstaat ist, nach der starken Formel Paul Kirchhofs, Garant und Gegner der Freiheit zugleich. Er verbürgt, was er begrenzen muss, um herrschen zu können. Anarchie und Diktatur sind ihm gleichermaßen verhasst. Und doch ist die Frage nach den leitenden Erzählungen nicht trivial. Wird der gute Staatsbürger auch hinreichend als gesetzestreuer Sonderling und kreativer Außenseiter gewürdigt? Oder dominiert das wohlmeinende Zurechtstutzen im Sinne der je angesagten Staatsdoktrin, die heute auf einen windschnittigen Multikulturalismus und ein gegenwartsfixiertes Technokratentum lautet?

Wohin also sollen wir uns wenden, im 21. Jahrhundert, da die freiheitsfeindlichen Kräfte im Innern wie im Äußern wachsen und Mut, Kreativität und Bildung unter sich zu begraben drohen? Zu Schiller natürlich, dem größten Freiheitslehrer, den Deutschland hervorgebracht hat, aber auch zu Max Stirner, dem früh Verfemten, nie Vollendeten. In seiner Schrift über das „unwahre Prinzip unserer Erziehung“ forderte er schon 1842, Ziel aller Bildung habe „nicht bloß der gebildete“, sondern auch der „persönliche oder freie Mensch“ zu sein. Darum müsse Wissen persönlich werden, müsse in der Bildung sich die „Selbstoffenbarung der Person“ ereignen. Stirner plädiert für eine Erziehung, in der „unser guter Fond von Ungezogenheit“ nicht verwässert wird. Darauf käme es heute an: Charaktere zu bilden, die herrschenden Lehren ungezogen zu widersprechen wagen.

Freiheit bemisst sich am Mut zum Widerspruch

In der Post-Brexit-Ära lohnt der Blick auf die Insel erst recht. England bleibt die Heimat der wichtigsten Freiheitsschule, des Liberalismus. Darum hat nun das Heidelberger John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung an Mills Essay „Über die Freiheit“ von 1859 erinnert. Darin heißt es, Europa dürfe sich nicht noch weiter „dem chinesischen Ideal“ nähern, „alle Menschen gleich zu machen“. Europa bedeute die „Vielfalt der Wege“. Das heißt auch: Eine Europäische Union, die noch stärker auf Vereinheitlichung und Ideologisierung und Zentralisierung setzte, trüge ihren Namen zu Unrecht; sie wäre chinesisch. So schreibt Institutsdirektorin Ulrike Ackermann: „Es ist höchste Zeit, um der Freiheit und um Europas willen, die Mannigfaltigkeit der nationalen Kulturen, die Vielfalt der Wege gegen einen hinter dem Rücken der Bürger entstehenden Einheitsstaat stark zu machen!“

Das Ausrufezeichen gilt es in die Schulen und Universitäten, die große und die kleine Politik hineinzutragen, systematisch wie individuell. Am Mut zum Widerspruch bemisst sich alle Freiheit. Wahr ist freilich auch: Die „Selbstoffenbarung der Person“ verlangt nach Lehrern und Politikern, die Staatskritik nicht für illoyal halten, Ideologiekritik nicht persönlich nehmen und im Widerspruch keinen Widersinn sehen. Womit im Land der Konsensvernarrten, Dauerbesorgten die größte Hürde benannt wäre für eine wahre Erziehung zur Freiheit.

Arndt Reichstätter | Fr, 8. Juli 2016 - 13:47

Man kann nicht für Freiheit argumentieren und gleichzeitig vorschreiben, was "wir müssen".

Wer Freiheit "in die Schulen hineintragen" möchte, der muss theoretisch die staatliche Schulpflicht abschaffen, was eigentlich das Mindeste wäre, wenn man schon zur Zahlung der Bildung von anderen gezwungen wird.

In den USA zählen Heimgeschulte übrigens zu den 80% besten Schülern und schneiden auch bei Aufnahmeprüfungen für Universitäten besser ab.

Liberalismus und Anarchie schließen sich übrigens nicht aus, denn Liberalismus bedeutet individuelle Freiheit und Anarchie bedeutet "frei von Herrschaft", was auf das gleiche hinausläuft. Tatsächlich wäre Anarchie, also eine staatenlose Privatrechtsgesellschaft, das freiheitlichste System von allen. Aber das ist nur etwas für Menschen, die ihre Werte vollständig und konsequent umsetzen wollen. Da sind wir noch lange nicht. Derzeit gilt es, die Bürokratie abzubauen, damit Schulen selbständig Konzepte erarbeiten und ausprobieren können.

BÜROKRATIE abbauen? Wie soll das funktionieren?
Bürokratie baut Bürokratie ab?
Die Vermehrung der Bürokratie ist ja in selbiger bereits angelegt: Wie bei der Zellteilung erschafft ein Bürokrat den nächsten. Der Nächste erschafft zwei weitere; zwei weitere erschaffen vier, acht, sechzehn...usw.
So entsteht eine Bürokraten-Kolonie!
Kann man schön beobachten, in Brüssel und in der Petrischale.
Die Lösung wäre eine genetische Umprogramierung des Bürokraten, sozusagen eine Stop/Los-Vermehrungshemmung via pränatalen Eingriff, am besten vor der unmittelbaren Wirts-Zeugung eines Bürokraten...oder besser noch.....während dessen!?!

Bernd Wiesinger | Fr, 8. Juli 2016 - 14:26

Wie lächerlich: eine Forderung nach Freiheit, und dann noch im Rahmen der Schule. Eigentlich, Herr Kissler, wollen Sie Zucht und Ordnung, trauen sich aber nicht, das so deutlich zu formulieren, wollen sie nun mehr oder weniger Freiheit ? Das ist hier die Frage, und wenn ja, wer definiert die?

Ich persönlich wäre froh wenn Sie ihre Behauptungen zur Intention eines Herrn Kissler argumentativ untermauern könnten. Dies würde das warum ihres Standpunktes nachvollziehbar machen und eine Debatte darüber erlauben.

Ich jedenfalls verstehe diesen Text dergestalt das die Schule den Auftrag haben und durchführen sollte den Freiheitsbegriff näher zu beleuchten, ihn zu diskutieren und für die Schüler mit Leben zu füllen.
Ja,es geht um eine Erziehung zum reflektierten, diskursfähigen Staatsbürger. Und man kann es sich einfach machen und behaupten, Erziehung wäre ja nun ebenfalls bloß wieder etwas der Freiheit gegensätzliches. Und hätte damit sogar Recht. Jedoch sollte jedem hier das Prinzip der Freiheitseinschränkung zum Erhalt der gesellschaftlichen Ordnung grundsätzlich bekannt sein. Ganz gleich ob man es bejaht und wie stark man es ausgeprägt sehen möchte. Auch das ist ständig diskutabel.

Jacqueline Gafner | Fr, 8. Juli 2016 - 14:29

Genau so ist es! Unabhängige Köpfe, im besten Sinn des Wortes, bildeten schon immer das nötige Gegengewicht zum Herdentrieb, sei er "von oben" verordnet oder "von unten" gefordert. Die Herde mag ein warm-wohliges Gefühl vermitteln, kann auch - zumindest in ihrer Mitte - für eine gewisse Sicherheit sorgen, doch gibt es immer auch einen (oder mehrere) Schäfer, dessen (deren) Interesse letztlich nicht zwangsläufig deckungsgleich mit denen der Schafe ist. Kommt hinzu, dass eine Herde ohne vereinzelte schwarze Schafe ein Bild abgibt, das in der Realität so nicht vorkommt. Es sei denn, der (die) Schäfer legt (legen) es darauf an, den Prototyp eines Schafes herauszuzüchten. Nur was wäre damit gewonnen ausser Monotonie? Zukunftssichernde Kreativität und Innovation entstehen aus Vielfalt, nicht aus Eintönigkeit. Und ein vielfältiger "Gen-Pool" sichert das Überleben auf Dauer bekanntlich besser als sein Gegenteil. Freiheit ist kein "Goody", sondern eine Notwendigkeit der "conditio humana".

Dimitri Gales | Fr, 8. Juli 2016 - 15:03

Für den jungen Unternehmer besteht die Freiheit darin, das nötige Kapital zu haben, um seine Pläne zu realisieren. Ein Arbeitsloser wünscht sich die Freiheit, seinen Beruf wieder ausüben zu können. Ein gequälter Ehemann/frau wünscht sich, alles "hinwerfen" zu können und den Zwängen zu entkommen.....in die Freiheit.
Es gibt also immer Zwänge, denen der Mensch in der Gesellschaft ausgesetzt ist.
Bezogen auf die Politik heisst dies: aufpassen, dass bei aller individuellen Beweglichkeit und Freiheiten hinterücks die politische Freiheit in Form von Entpolitisierung nicht abhanden kommt; nach dem Motto: "macht, was ihr wollt, wie es euch beliebt, im Hintergrund haben wir die Fäden in der Hand".

Karola Schramm | Fr, 8. Juli 2016 - 15:51

"Stirner plädiert für eine Erziehung, in der „unser guter Fond von Ungezogenheit“ nicht verwässert wird. Darauf käme es heute an: Charaktere zu bilden, die herrschenden Lehren ungezogen zu widersprechen wagen."

Wunderbar. Warum werden dann die Griechen, Italiener, Portugiesen & Spanier von DE so nieder gemacht ?
Die Gewerkschaften, die ihre Mitglieder für mehr Rechte streiken lassen ?

Warum wird dann nicht laut protestiert gegen blödsinnige Studienreformen die keine sind, sondern die Studierenden in immer engere Korsetts einschnüren ? Ähnliches im Schulsystem ? Warum gibt es immer noch nicht genug Ganztagsschulen in die die SchülerInnen gehen können, die mehr der Hilfe bedürfen ?

"Mut zum Widerspruch" lässt sich gut schreiben Hr. Kissler. Doch wer soll es tun & gegen wen, wenn Sie nicht die Verursacher nennen die ein Klima von Feigheit & Konformität erzeugen? Sitzen diese nicht alle in Regierungen & sorgen da für die Begrenzungen im Geist und im Leben der Menschen ?

Gewerkschaften sind nichts anderes als Interessenverbände die auf Geld aus sind, also eigentlich schlicht Unternehmen, nur dass sie selbst nichts erwirtschaften. Ihr Glaube an Umverteilung und Gleichmacherei zeigt allerdings welch unwichtige Rolle Freiheit in den Köpfen vieler Menschen spielt. Und mit dem Nutzen des Wortes "Studierende" zeigen Sie sogar dass Sie das Gender-Mainstreaming unterstützen und disqualifizieren sich somit komplett.

Umverteilung und Gleichmacherei sind Ihre Gedanken, die Sie aus meinem Beitrag böswillig interpretieren. Aber am Interpretanten erkennt man auch dessen eigene Einstellung - insofern hake ich Ihr Geschriebenes als böses Geschwätz ab, das mich öffentlich in eine Ecke stellen will, in der ich nicht stehe. Das ist genauso übel wie das Vorgehen einiger, diejenigen, die gegen Merkels Flüchtlingspolitik sind, gleich als Nazis zu beschimpfen.

Christa Wallau | Fr, 8. Juli 2016 - 15:52

Ja, Herr Kissler, Ihr Appell ist berechtigt. Erziehung zu wahrer Freiheit, geistiger Unabhängigkeit, ist ein hohes Erziehungsideal, das leider verlorengegangen ist. Das, was die meisten jungen Menschen heute unter Freiheit verstehen, sind: Weltläufigkeit, mannigfaltige Möglichkeiten, Beliebigkeit, finanziell gut Ausgestattet-Sein und ein gewisser Grad an Frechheit ("Ich bin so frei!").

Das hat viele Ursachen. Die wichtigste ist die, daß die B i l d u n g, die an Gymnasien und Hochschulen vermittelt wird, in Deutschland (wie auch in den meisten Ländern Europas)
keinen Wert mehr legt auf die Entwicklung von
Persönlichkeiten wie Schiller sie forderte.
Inzwischen gibt es ja - das haben Sie richtig erkannt - nicht einmal mehr die Lehrer, die in
der Lage wären, eine solche Persönlichkeitsbildung zu betreiben.

Gefragt ist der Mensch des Mainstreams:
Der, welcher am effizientesten auf einer Welle mitschwimmt, die "Kohle" bringt.

Christa Wallau | Fr, 8. Juli 2016 - 15:52

Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um gut dotierte Positionen in der Wirtschaft, im Medienzirkus, in der (fast nur noch Industrie-gesponserten) Forschung, in der Politik, im Kunstbetrieb oder wo auch immer handelt - entscheidend ist das geschickte Mitschwimmen auf der angesagten Welle, nicht der Widerspruch.

Diese ungute Entwicklung wurde und wird natürlich stark gefördert durch die Vereinheitlichung der sog. "Bildungswege" im Rahmen der EU. Im Grunde geht es hier um
die Heranzüchtung von Wirtschafts- und Politik-Konformisten nach den "Idealbildern" Draghi, Ackermann, Juncker, Schultz, Merkel usw.

Toll, nicht wahr? Und da soll sich einer wie Sie und ich nicht täglich neu drüber freuen...

Karola Schramm | So, 10. Juli 2016 - 12:32

In reply to by Gast

Liebe Frau Wallau. Gerne stimme ich Ihnen zu und möchte noch hinzufügen, dass die "Vereinheitlichung der Bildungswege in der EU" den Wettbewerb anheizen soll, etwa in dem Sinne: "Welches Land als erstes fertig ist (mit dem Studium) hat gewonnen." Das Ziel ist, die jungen Menschen noch möglichst "frisch" heißt jung in den Arbeitsprozess zu schleusen ohne diese lästigen Werte und Normen wie Charakterbildung etc. Dann könnten sie ja eigenständig denken...

Ich schätze, dass das auch mit der "Furcht vor der Feiheit" zu tun hat, wie Erich Fromm das in einem Buch mit gleich lautendem Titel beschrieben hat. Regierende fürchten diese "Freiheit" der Meinungen, diese Frechheit des Nein-Sagens oder Widerstandes. Darum der Druck zum Konformismus, zur Gleichschaltung. Darum auch der große Schrecken beim Erfolg der AfD, weil sie ein NEIN zu Merkels Flüchtlingspolitik gewagt hat.
Frdl. Grüße K.S
PS.Draghi, Juncker, Ackermann, etc. hatten eine klassische Bildung. Warum sind sie so ?

Ingbert Jüdt | Fr, 8. Juli 2016 - 15:59

Am Ende nehmen sich die jungen Menschen noch Freiheiten, die von der Kultusbürokratie oder vom Landesvater oder der Bundesmutti gar nicht genehmigt worden sind!

Um das zu vermeiden, sollten wir verpflichtend den Freiheitsführerschein einführen und verbindlich vorschreiben, dass für jede freiheitliche Betätigung zuvor ein Freiheitsfahrschein erworben werden muss! Die können wir dann kontingentieren, damit das mit der Freiheitlichkeit nicht überhand nimmt. Und für deren Überprüfung stellen wir Freiheitsschaffner und Freiheitspolitessen ein.

Damit können wir dann auch der ganzen Welt beweisen, dass man in Deutschland Freiheit mit deutscher Gründlichkeit betreibt! Sonst denkt die Welt noch, dass wir es mit der Freiheit nicht ernst meinen!

und da das Schulfach Freiheitskunde den Kultusministerien unterstellt wäre, gäbe es nach der bahnbrechenden Rechtschreibreform sicher bald eine ebenso tolle Freiheitsreform ...

Schabert Albert | Fr, 8. Juli 2016 - 16:57

Ich weiss nicht wo ich das herhabe:
"Meine Freiheit hört da auf,wo die des anderen anfängt"
Aber bitte nicht mit Chinesen probieren,da zieht man den kürzeren.
Albert Schabert

Gabriele Bondzio | Fr, 8. Juli 2016 - 17:14

Da stimme ich voll zu, Herr Kissler. Aber die Manipulation ist weit verbreitet. Man kann auch viel mit Versprechungen und Druck erreichen. Der Spruch, "Wes Brot ich esse, des Lied ich singe" ist immer noch allgegenwärtig. Das gute Erziehung auch Charakterbildung beinhaltet sehe ich auch so. Aber ich bezweifle, dass man dies mit Unterricht an Schulen richten kann und auch will. Ich denke, hier ist eher das Elternhaus gefragt.Leider ist es aber so, das viele Kinder bei Eltern oder Elternteilen leben, die aufgegeben haben das Leben unter solchen Gesichtspunkten zu betrachten. Freiheit ist eben immer auch materielle Unabhängigkeit. Ich gehe auch nicht davon aus, dass der Staat Widerspruch am eignen Busen nährt, in dem er ein Unterrichtsfach dazu einrichtet. Zudem sind wir Deutschen überwiegend ein etwas phlegmatisches Völkchen, der Sicherheitsgedanke ist sehr ausgeprägt. Schon Tucholsky meinte dazu: „Nichts ist schwieriger als laut zu sagen ‚nein’!“

Bernhard Jasper | Fr, 8. Juli 2016 - 17:22

Wir benötigen keine neue „Mao-Bibel“ für die Freiheit. Gesellschaftliche Fragen des Zusammenlebens regelt unser Grundgesetz. Und „der Glaube an den Wert der Erziehung als Instrument des Aufstieges, als Mittel die Gebrechen der Gesellschaft zu heilen, das Glück auf Erden herzustellen und die Menschheit weiser, reicher und frommer zu machen („Middle-Class Culture in Elisabethan England“) funktioniert eben so nicht.

P.S.: Ich habe zwei erwachsene, freiheitsliebende und zu eigenständigen Persönlichkeiten gewordene Kinder. Ich schreibe ihnen gerne eine Richtlinie dazu. 1. Regel: Traue niemanden der dir sagen will was Freiheit ist.

Sonia Doffagne | Fr, 8. Juli 2016 - 19:09

Voll und ganz einverstanden, lieber Herr Kissler. Satirekunde und Humorkunde (Humor der 2. Grades und Kunst), sowie "Kritischer-Sinn-kunde" könnten auch nützlich sein.
Wer alles kontrollieren möchte, hat wahrscheinlich eine "psychostarre" Sicht der Dingen. Und hat sein eigenes Leben auch nicht im Griff. Das "frei sein" braucht gelernt zu werden.

Ursula Schneider | Fr, 8. Juli 2016 - 19:59

Freiheitskunde an den Schulen? Eine recht absonderliche Idee.

Freiheit kann man nicht lehren, sondern nur erfahren im Wechselspiel zwischen individuellen Wünschen und Vorstellungen und den Grenzen, die von außen gesetzt werden (die "Ossis" können ein Lied davon singen).

Woran liegt denn der Konformismus (oder Mainstream), den Sie beklagen, und der mangelnde Mut am Widerspruch? Seine wichtigsten Wurzeln sind linke Ideologie, Intoleranz und Gleichheitswahn (s. Kommunismus/Sozialismus). Auch beim religiösen Fanatismus (orthodoxer Islam) bleibt die Freiheit auf der Strecke. Bekämpft werden können sie nur mit Aufklärung, Toleranz, Wahrheitsliebe und einer soliden Bildung.

Viel wichtiger für unsere Schulen scheint mir Wirtschaftskunde zu sein! Die Soziale Marktwirtschaft setzt unverzichtbare Rahmenbedingungen für die Freiheit jedes Einzelnen und muss ständig (auch bei uns) gegen den Moloch Staatswirtschaft verteidigt werden.

Petra Wilhelmi | Fr, 8. Juli 2016 - 20:36

Mut. Das hört sich alles prima an. Solange ich aber in einem Arbeitsverhältnis stehe, habe ich diese Freiheit meist nicht, d.h. natürlich auch im ÖD. Ich erinnere nur an den Landesverbands-Vors. des Philologenverbandes SA, der 2015 Mädchen davor warnen wollte, Opfer sexueller Übergriffe durch Migranten zu werden. Folge: Er musste gehen. Diese Liste ließe sich noch verlängern, wo Personen gehen mussten, weil sie nicht dem gerade rot-grünen Mainstream nachplapperten. Die Silvesternacht in Köln hätte ihn rehabilitieren müssen. Hört heutzutage irgendjemand auf vernünftige Einwände gegenüber der Chaos-Politik? Ist nicht jeder, der was sagt, Nazi, Pack oder Putin-Versteher, mindestens Populist? Ist nicht das Markenzeichen Deutschlands die Verunglimpfung anderer geworden, ganz oben bei Gauck angefangen, der mit unserer Bevölkerung nichts mehr anfangen kann? Oder ist folgende Freiheit vielleicht gemeint: "Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit".

Barbara Kröger | Sa, 9. Juli 2016 - 01:29

Ja, eine kontroverse, dabei aber durchaus konstruktive und damit notwendige Debatte schätzt man bei uns leider nicht besonders. Vor allem von Seiten der politisch Verantwortlichen. Das betrifft ebenso viele der ehemals aufmüpfige 68er Generation. Sie legen heute, nach einer kurzen Phase der Rebellion und inzwischen in Amt und Würden, ein durchaus autoritäres Staatsverständnis an den Tag. Mancher Konservative, oder Liberale scheint heute aufgeschlossener als unsere ehemaligen „Rebellen“.

Hns Jürgen Wienroth | Sa, 9. Juli 2016 - 09:17

Sehr geehrter Herr Kissler
Wieder einmal eine hervorragende Analyse der Situation, genau auf den Punkt gebracht.
Als „lebenserfahrener Bürger“ durfte ich noch eine Erziehung zum „Selbstdenken“ genießen. Heute, im Zeitalter von Google und Co. ist das nicht mehr erforderlich, alles Wissen ist abrufbar. Leider bleiben damit auch das kritische Verknüpfen unterschiedlicher Informationsquellen und das Erkennen von Widersprüchen auf der Strecke.
In einer Zeit in der die staatliche Kindererziehung bereits im Windelalter einsetzt kann Nonkonformismus nicht entstehen weil die Vielfalt der Erziehung fehlt. Damit generiert der Staat gleich die nächste Generation angepasster Bürger, ähnlich dem System autokratischer Staaten.
Nur wer vielfältige Informationen parat (im Kopf) hat kann die Freiheit des Denkens und die Kritikfähigkeit erlernen. Im Gegensatz dazu wird heute das wohlfeile Sozialverhalten der Schüler durch Unterstützung der Schwächeren gefördert.

Martin Arndt | Sa, 9. Juli 2016 - 09:23

Wir erleben nahezu stündlich die Wiederbelebung des von PsychoanalytikerInnen sorgsam durchleuchteten Autoritären Charakters – zwei Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit: Der EU-Parlamentarier E. Bork, mittlerweilen geschätzte 30 Jahre erfahrungsentlastet von oben selbstgefällig mit Herrschaftswissen steuernd - warnt vor Volks-Referenden; die Ausgabe von ''Mein Kampf' wird mit hunderten von Kommentaren ausgestattet, als ob jeder der Karl May liest, zum Indianer würde. Tief im Brunnen der Vergangenheit schlummern in der raunenden deutschen Seele die Furcht vor der Offenheit, Andersheit, der Auseinandersetzung als Medium der Wahrheitsfindung (living truth/Mill), vor Ambivalenz und Ironie. Schon früh wird die Freude am Zweifeln als einer Form der Gewaltenteilung (Zwei!) ausgetrieben. Hierbei spielt natürlich der große Einfluß der beiden sich 'christlich' nennenden Kirchen eine verhängnisvolle Rolle.

Martin Arndt | Sa, 9. Juli 2016 - 09:26

Dankenswerterweise weist der Autor auf J. St. Mill hin, der das von seinem Landsmann Jeremy Bentham entworfene Panoptikon scharf kritisierte: In ihm sitzend kann der Wächter alle Insassen optimal und dauerend beoachten - Heutzutage an Schulen ‚sozialpädogisch‘ getarnt durch Einsatz von Moderatoren, scouts, die sofort aktiv werden, sollte ein Bub‘ oder ein Madel mal auf dem Schulhof in Bedrängnis kommen. Für den Anderen einspringen heißt beherrschen. Mich an die Stelle des Anderen setzend (Empathie!!), beraube ich den Anderen seiner Andersheitund um die Möglichkeit, für sich selbst frei zu werden. Das Einspringen paralysiert dann die Kräfte zum Widerstand: Vielleicht fühlt sich der Besorgte noch entlastet, und bejaht so seine Unfreiheit. Eigenwille ist gebrochen, Subjekt fühlt sich geborgen und glücklich: Klassenziel erreicht. Die Grundlagen sind gelegt für eine Geschlossene Gesellschaft als Spätform des Tribalismus; Nach offen, nach innen repressiv.

Gerdi Franke | Sa, 9. Juli 2016 - 09:38

Das braucht wohl als erstes der Kommentator. Der sich selbst mehrmals widerspricht. Freiheit bemisst sich am Mut zum Widerspruch? Damit sind aber nicht diese Konsensvernarrten und Dauerbesorgten gemeint, die mit der aktuellen Politik nicht einverstanden sind. Das sind nur Dumpfbacken. Freiheit definiert immer nur die Politik!

Wolfgang Tröbner | Sa, 9. Juli 2016 - 10:34

Es gibt nur eine Handvoll Journalisten, denen ich (fast immer) vorbehaltlos zustimme. Sie gehören definitiv dazu. Im Gegensatz zu den meisten Ihrer Kollegen (auch bei Cicero) benennen Sie die wirklich gravierenden Probleme des Landes, die, falls man nicht Einhalt gebietet, das Land bis zur Unkenntlichkeit verstümmeln werden. Freiheitsfeindliche Tendenzen wachsen und zwar in DE und in der EU. Ich hätte mir das nicht träumen lassen, dass sich DE anschickt, eine zweite DDR zu werden. Und die meisten Medien (insbesondere das gebührenfinanzierte Fernsehen) machen im vorauseilenden Gehorsam mit - auch das ein Skandal.

Danke, Herr Kissler, dass Sie den Mut zum Widerspruch haben!

Bernd Fischer | Sa, 9. Juli 2016 - 20:05

Was hatten wir alles , oder haben es schon...Sexualkundeunterricht...Ethikunterricht...
Religionsunterricht... und im ehemaligen Osten Wehrkundeunterricht.
Bleibt da noch viel Zeit die vier Grundrechenarten zu erlernen, oder die deutsche Sprache richtig zu erlernen?
Der Lehrermangel in einigen Bundesländern , oder das gegenseitige Abwerben ( Beamte-Angestellte ) ist eine Blamage.
Solange das deutsche Bildungssystem von 16 Kultusministerien , die sich eifersüchtig belauern und gegeneinander arbeiten ( trotz gelegentlicher gleichen Parteizugehörigkeit des einen oder anderen Kollegen ) wird das nichts mit einem guten Schulsystem.

Bildung gehört in "Bundeshand", wie in Österreich.

Monika Kindler | Sa, 9. Juli 2016 - 23:24

Das bedeutet auch: Zivilcourage, gegen den Zeitgeist unserer Spaßgesellschaft, gegen den Strom schwimmen. Mit: Vernunft und Glaube. Der christliche Glaube hilft uns zu Mut und Widerspruch,wenn er notwendig ist, in Freiheit. Mit Vernunft, die fragt, wem nutzt es, oder wem schadet es? - Danke, Alexander Kissler, für wieder Ihre Gabe der Unterscheidung, sehr differenziert.

Vernunft, da kann ich Ihnen zustimmen, Frau Kindler.
Wo "Glaube" herrscht, braucht nichts bewiesen zu werden, denn auch Ideologien leben vom Glauben.
"Der christliche Glaube ruft zu Mut und Widerspruch auf", sagen Sie.
Wogegen - wofür? Wer entscheidet?
Die Kirchen?
Seit sich diese mit der Flüchtlingspolitik gemein gemacht haben, herrscht dort Ausgrenzung und Meinungsdiktatur gegenüber Andersdenkenden, gegründet auf den Merkel'schen Humanistischen Imperativ. Die polit. Überzeugung des Individuums wird klar gewertet und verurteilt. Kein Ort wo geistige Freiheit gelebt oder praktiziert werden könnte.

Romuald Veselic | So, 10. Juli 2016 - 06:39

Privatschulen...
Da werde ich ihnen widersprechen. Sport ist ein wesentlicher Teil der Freiheit. Solange man nicht doppt.
Wie viele Einheimische in der Golfregion, werden sie am Tagesanbruch beim Joggen begegnen?
Abgesehen davon, jede Freiheit, hat seine Grenzen, ansonsten werden aus Individuen, nur hedonistische Misantropen.
Wenn im Tierreich, die Jungen so erzogen worden wären, wie es die Westler tun, würden alle Arten aussterben.

Dr. Volkher Biese | Di, 12. Juli 2016 - 13:16

Es muß deutlich angesprochen werden, daß hinsichtlich des Freiheitsbegriffs nirgends darauf hingewiesen wird auf den sehr wesentlichen Unterschied zwischen Geistesfreiheit und einer Freiheit des Verhaltens also des Handels. Die erstere muß gewährt sein, jedoch die letztere kann für den Menschen nicht bestehen! Der Mensch kann also darf nicht alles tun, was ihm einfällt: Das Verhalten steht unter Moral- und Ethik-Forderungen.
Nicht nur keine Handlungsfreiheit gegenüber dem und den Mitzmenschen, ebenso nicht gegenüber der Zukunft sowohl der Menschheit als auch der Natur.
Neben Fr4iedrich von Schillers Freiheitsidee sei auch ein Wort Voltaires angeführt, das sich auf die Toleranz bezieht: Ich dulde nicht was Sie sagen, ich werde aber immer dafür eintreten, daß Sie es sagen dürfen!
Wieweit diese charakterbildenden Gedanken heute noch im Rahmen des Schulunterrichts angesprochen und durchgedacht werden, ist mir leider nicht bekannt. Man wird wohl mit Recht besorgt sein dürfen!

Yvonne Walden | Mo, 18. Juli 2016 - 16:37

Der britische Wirtschaftsjournalist F. William Engdahl (" Mit der Ölwaffe zur Weltmacht - Der Weg zur neuen Weltordnung") brachte es auf den Punkt:
Eigentlich leben wir in einer "Illusion von Demokratie".
Wir "glauben", mittels periodisch stattfindender Wahlen politisch "mitbestimmen" zu können oder zu dürfen.
Aber weit gefehlt.
Auch in Deutschland entscheidet das Große Geld über das Wohl und Wehe des Staates und seiner Bürgerinnen und Bürger.
Das markanteste Beispiel für die "Fremdbestimmung" bieten die Voten des Deutschen Bundestages zur Durchführung von Militäreinsätzen außerhalb des NATO-Bündnisgebietes.
Diese werden von der überwiegenden Mehrzahl der Wählerinnen und Wähler konsequent abgelehnt; die Regierungsparteien - und oftmals auch die Oppositionsparteien - befürworten solche Einsätze jedoch ohne jegliche Skrupel.
Deshalb sollte zunächst geklärt werden, was freiheitliche Politik bzw. politische Freiheit eigentlich bedeuten. Spannende Frage!

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