(Dodo Wedding auf dem Dachgarten für die Zeitschrift Ulk, 1929 Wasserfarben, Grafit, 60 x 40 cm Leihgabe Privatsammlung Hamburg) "Dachgarten" - die zufällig in London wiedergefundene Zeichnung

Dörte Clara Wolff - Bilder einer verlorenen Generation

Wer ist „Dodo“? Eine Ausstellung in der Berliner Kunstbibliothek erzählt die überraschende Geschichte einer Frau, die auszog, zu leben und zu malen und beides voneinander nicht trennen konnte.

Es waren die „Goldenen Zwanziger“: Josephine Baker triumphierte im Bananenröckchen, die Alfred-Jackson-Girls schwangen die makellosen Beine über den Kopf, die Frauen durften wählen und wollten berufstätig sein. Die „neue Frau“ trat selbstbewusst auf und gab sich androgyn.

Dörte Clara Wolff, die verwöhnte, exzentrische  Tochter einer wohlhabenden, jüdischen Berliner Familie, war mitgerissen von der prickelnden Stimmung. Sie wollte dabei sein und glänzen. Mit 16 Jahren beschloss künstlerisch tätig zu werden und nannte sich Dodo.

[gallery:Dodo (1907-1998) - ein Leben in Bildern]

Dodos Ausbildung an der privaten Kunst- und Gewerbeschule Reimann in Berlin-Schöneberg von 1923 bis 1926 belegt eine Reihe bezaubernder Kostümentwürfe. Nach Abschluss arbeitete sie als freie Modegrafikerin. Die deutsche Modeillustration erlebte ihre erste Blütezeit, Aufträge waren leicht zu bekommen. Dodo zeichnete handwerklich solide Schnittmuster-Titel für das renommierte Berliner Stoffgeschäft Seidenweberei Michels.

Ihre grosse Zeit aber erlebte sie bei der bekannten Satire-Zeitschrift ULK, Berliner Mosse-Verlag. Zu den Autoren zählten auch Kurt Tucholsky (Chefredaktor 1918-1920), Heinrich Zille, Lyonel Feininger. In diesem intellektuellen Umfeld erblühte Dodo die Künstlerin. Sie zählte wohl zur mondänen Gesellschaft doch sie durchschaute deren Spiel: Mit spitzem Bleistift piekste sie die gelangweilten, blasierten Damen und Herren auf wie Schmetterlinge, und stellte sie zur Schau. Im Stil der neuen Sachlichkeit verharren sie in totaler Bewegungslosigkeit. Brillante Farben und theatergleiche Inszenierungen brachten Dodo Anerkennung und finanziellen Erfolg.

Mit Zwanzig beschloss die umtriebige Mädchenfrau zu heiraten und erwählte den 25 Jahre älteren, gutsituierten Anwalt Hans Bürgner. Die Ehe langweilte sie bald, sie bekam zwei Kinder, auch sie brachten nicht das ersehnte Glück. Inzwischen hatte der Schwarze Freitag am 25. Oktober 1929 die „Goldenen Zwanziger“ beendet und damit auch ihr Engagement bei ULK. Dodo beschloss sich zu verlieben und erwählte Gerhard Adler, einen Berliner Psychiater und Vertreter der Jungschen Psychologie.

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Das war 1933.  Hitler kam an die Macht. Politik interessierte Dodo trotzdem nicht. Sie war mit sich selbst beschäftigt mit Adler und Bürgner. Alles hochkompliziert. Eine gemeinsame Reise mit Adler nach  Zürcher sollte Klarheit bringen. In der Psychiatrieklinik Burghölzli suchte sie Rat bei Carl Gustav Jungs Geliebten, der Analytikerin Toni Wolff. Nach vier Monaten Seelenerforschung befolgte sie den therapeutischen Rat einer „Ménage à trois“. Sie zeichnete Seelenbilder in fahlen Farben. Verzweiflung,  Angst, Liebessehnsucht, Sex aber auch Hoffnung nahmen Gestalt an. Sehr privat. Lesbische Erfahrungen hielt sie in wunderschönen, zarten Frauenakten fest.

1936 endete ihre Berliner Zeit; das Exil in London begann. Dodo illustrierte Kinderbücher, entwarf Grusskarten, Verpackungspapier für Ackermanns Chocolats und Muster für Seidenstoffe.  Doch ausgefüllt war ihr Leben mit der Scheidung von Hans Bürgner, der Hochzeit mit Gerhard Adler 1937, der Scheidung von Adler 1938, der Heirat Adlers mit Hella, der zweiten Hochzeit mit Bürgner 1944.

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Die Turbulenzen verebbten. Das Wiederehepaar bewohnte ein schönes Haus in London und lebte gut. Dodo zeichnete Porträts, Blumen und Stilleben. 1974 starb Bürgner, ihr treuer Freund, in schwieriger Zeit. So ist es nun mal: Hinter jeder starken Frau steht ein starker Mann. 1989 beerdigte sie zusammen mit Hella, der Witwe von Adler, ihre grosse Liebe. 24 Jahre später, 1998, beschloss Dodo zu gehen. Sie wurde 91 Jahre alt.

Die Ausstellung „Dodo – ein Leben in Bildern“ ist der Berliner Kunstsammlerin Renate Krümmer zu verdanken. In London fand sie zufällig die Dodo-Zeichnung „Wedding auf dem Dachgarten“ (1929, erschienen in ULK). Sie erkannte in der Szenerie Berlin, wurde neugierig und spürte über Dodos Tochter und Enkel die Berliner Künstlerin auf. Renate Krümmer hatte einen Schatz gehoben, der ohne ihre Hartnäckigkeit wohl nie ans Licht gekommen wäre.

Bei aller Not, die Exil und Kriegszeit mit sich brachten, kann man Dodos Leben als einen glücklichen jüdischen Lebenslauf in schlimmsten Jahren bezeichnen. Ihr postumer Erfolg ist auch der Erfolg ihrer Tochter und ihrer Enkel, die zur Ausstellungs-Eröffnung von London und Athen nach Berlin reisten. Zu Lebzeiten hatte Dodo keinen Marktwert, jetzt erhält sie gleich den Museumsstatus.

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