Wilhelm Schmid - Über Glück im Leben

Der Philosoph Wilhelm Schmid hat Bücher um sich geschart, die ihn die Liebe und das Denken lehren

Glück kann viel bedeuten
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Holger Fuß ist freier Journalist und hat monatelang im Maschinenraum der SPD recherchiert.

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Vielleicht sollte Wilhelm Schmid Bundespräsident werden. Einen Philosophen hatten wir noch nie im höchsten Amt. Mit Schmid als Staatsoberhaupt wäre Deutschland eine andere Republik. Im Schloss Bellevue säße dann ein Nationaltherapeut wider die depressive Hintergrundmelodie in unserem Land. Auf einmal würden wir in präsidialen Ansprachen Sätze hören wie: „Glück ist wichtig, aber wichtiger ist Sinn. Dass es im Leben allein um Glück gehe, ist eine Märchenerzählung derer, die den schwindenden Sinn im modernen Leben durch Glück ersetzen wollen.“ Oder: „Freiheit für sich ist leer. Zum Leben braucht sie Formen. Leider bestehen Formen darin, Freiheit wieder einzuschränken. Aber es geschieht dann aus Freiheit.“ Oder aber: „Ein sinnerfülltes Leben ist ein Leben in Beziehung.“

Als Hausherr im Schloss Bellevue hätte Schmid endlich mehr Platz für seine Bibliothek. Derzeit lebt der 60-jährige Philosoph und Bestsellerautor mit Ehefrau Astrid und vier Kindern auf zwei Etagen einer Berliner Altbauwohnung hinter dem Schloss Charlottenburg. Zwei Mal schon musste er mit seiner Büchersammlung innerhalb der Wohnung umziehen. Geblieben ist ihm ein winziges Zimmer mit Balkon, Sofa, Schreibtisch und Klavier. Nur neun vertikale Regalreihen kann er hier unterbringen. „Für jedes neue Buch muss ein altes raus. Ein schmerzlicher Prozess.“

Gleichwohl ist seine Büchersammlung durch hartnäckiges Aussortieren zu einem geistigen Marschgepäck geworden, das deutlich macht, wie Wilhelm Schmid sich zu einem Philosophen der Bejahung entwickeln konnte. Darin unterscheidet er sich von den meisten zeitgenössischen Kollegen: „Ich bin intellektuell groß geworden mit der Maßgabe: Bejahen darf man gar nichts. Aber kein Mensch kann ohne etwas leben, das er bejahen kann.“ Während andere Denker in der Weltverneinung ihr Gegenglück des Geistes suchen, hat Schmid eine praktische Philosophie der Lebenskunst entwickelt, ohne in Trivialitäten abzuirren.

In seinem jüngsten Buch „Dem Leben Sinn geben“ schlägt er den Bogen vom Alltäglichen, wie den Beziehungen in der Familie, zu Freunden und zu Feinden, über die Beziehungen zu Tieren, Dingen und der Welt, bis ins Transzendente, „der Liebe zum Leben und zu einem Darüberhinaus“. Über Gott spricht ein Philosoph heutzutage sowieso ungern. „Ich nenne es einfach Transzendenz, damit bin ich fein raus.“

Dass wir das Alltägliche, das Endliche nur erfassen, wenn wir uns ein Gespür fürs Unendliche bewahrt haben, bezeugt seine Bibliothek. Links unten stehen zwei Regale mit Büchern zu Kosmologie, Astronomie, außerirdischem Leben. „Der Kosmos war der Anfang“, sagt Schmid. Schon als dreijähriger Knirps hat er jeden Abend mit seinem Vater zum Himmel emporgesehen. Das war auf dem elterlichen Bauernhof in Billenhausen bei Krumbach in Bayerisch-Schwaben, wo Wilhelm als eines von sechs Geschwistern aufwuchs. „Mein Vater hat mir die Sternbilder gezeigt und erklärt, wie weit die weg sind. Da ist mir schummrig geworden.“ Das Ritual hat sich Schmid bewahrt. Ehe er schlafen geht, steht er auf dem Balkon, blickt in den Nachthimmel und nimmt seine persönliche Verbindung mit der astronomischen Unendlichkeit auf. „Nüchterne Mystik“ nennt er es.

Weil sich der Bauernsohn nicht das Abitur zutraute, sich aber durch die Stadtbücherei Krumbach fraß, lernte er zunächst drei Jahre lang Schriftsetzer. „Aber schon am ersten Tag war mir klar: Du wirst Schriftsteller.“ Also machte er später doch noch Abitur und studierte Philosophie. Warum? „Ich wollte klüger werden über die Liebe.“

Er zeigt auf ein Regal. „Hier sind die Griechen. Denen habe ich mich immer verwandt gefühlt. Sie sind meine erste Inspirationsquelle.“ Platons „Gastmahl“ mit dem Untertitel „Über die Liebe“ war „eine Offenbarung“. So sehr, dass er es als Student übersetzte. „Wort für Wort – ohne jedes Ziel.“ Aber „unter den sehr liebenswürdigen Augen meiner damaligen Freundin, die meine Frau wurde“. Über den Griechen stehen die Kirchenväter, Augustinus, Benedikt von Nursia, Clemens von Alexandrien. Nebenan Bücher über Hölle und Teufel. „Gut und Böse sind menschliche Begriffe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie eine außermenschliche Bedeutung haben.“
 

Etwas weiter schöpft die Geistesgeschichte neuen Atem, in den Bänden über die Renaissance, „diese ungeheuer reiche, bunte Zeit“. Die Antike wurde wiederentdeckt, alles hing mit allem zusammen. „Die Renaissance ist eine Zeit, in der die Frage nach dem Sinn kaum eine Rolle spielte, weil der Sinn auf allen Ebenen präsent war – der sinnliche Sinn, der seelische Sinn, der geistige Sinn.“

Ein bisschen klingt Schmids eigenes Programm einer „anderen Moderne“ durch. Errungenschaften der Moderne wie Menschenrechte, Wissenschaft, Technik, Marktwirtschaft und Demokratie will er anreichern durch Elemente wie Ökologie sowie das Denken und Leben in Beziehungen. Und den modernen Autonomiegedanken, der nur als Befreiung von etwas verstanden wird, zum anders modernen Autonomiebegriff einer Freiheit zu etwas weiterentwickeln. „Wir müssten heute eine neue Renaissance bewerkstelligen. Ein bisschen träumen darf man ja wohl.“ Eine neue Sinnzeit schwebt ihm vor, eine Kultur vielfältigster Verbundenheiten, die die Herrschaft der Ichlinge ablöst.

Ernüchterung holt er sich bei Montaigne. „Ein Philosoph der Lebenskunst. Er hat ganz alltägliche Phänomene überdacht – immer mit dem Blick: Wie lässt sich das leben?“ Ein Vorläufer von Schmid? „Oh, das ist ein bisschen pathetisch. Aber in dieser Linie sehe ich mich.“ Dann die Neuzeit. „Von Kant habe ich mir nur ein Werk stärker angeeignet.“ Er holt ein antiquarisches Kleinod. „Meine Frau, die Antiquarin ist, hat es mir geschenkt. Es ist vermutlich das wertvollste Buch.“ Es ist Kants Lehre von der Lebenskunst, die „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ in der zweiten Auflage von 1800. Auf dem Vorsatzblatt die Widmung seiner Frau: „Für Dich, Wilhelm, meine anthropologische Konstante, nicht nur in pragmatischer Hinsicht“.

Es folgen die Romantiker. Schmid hält sich für einen. „Die Romantiker waren die Neuentdecker des Reiches der Möglichkeiten“. Novalis liebt er. An Hölderlins theoretischen Schriften beißt er sich die Zähne aus. Dann Nietzsche, „Hauptbezugspunkt meines Denkens“, weil seiner und unserer Zeit weit voraus. Heidegger findet er unredlich. Der sei jedem Rock nachgelaufen, aber Erotik findet in seinem Werk nicht statt. Und ganz viel Foucault. Wegen ihm hat Schmid in den achtziger Jahren in Paris studiert, über ihn ist er promoviert worden. Die deutsche Philosophie war Schmid blutleer erschienen, bei Foucault entdeckte er die Fragen des Lebens wieder.

Auf einmal hält er Adornos „Minima Moralia“ in der Hand. „Sie kennen den berühmten Satz: ‚Es gibt kein richtiges Leben im falschen.‘ Ich weise immer wieder darauf hin, dass Adorno den Satz widerrufen hat.“ Im Adorno-Archiv hat Schmid eine Vorlesung entdeckt. „Es gibt ein richtiges Leben im falschen, sagt Adorno dort. Nämlich dann, wenn du es versuchst.“

Viele Regale weiter, vorbei an Geschichte mit Schwerpunkt Nationalsozialismus, Belletristik, weiterer Lebenskunst-Literatur, bildet eine wuchtige Sammlung der Reihe Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft das Finale. Vor den tiefblauen Buchrücken hält Wilhelm Schmid inne wie vor einem Altar. „Hier kommt das Ende der Welt“, murmelt er kryptisch. „Denn diese Reihe wird ewig andauern. Hier sind alle wichtigen Bücher versammelt.“ Dann setzt er hinzu: „Und mein Buch ,Philosophie der Lebenskunst‘ ist in dieser Reihe erschienen. Das macht mich sehr stolz.“

Kein Triumph schwingt in diesen Worten. Eher eine Demut vor der eigenen Biografie. Womöglich kann das nur jemand begreifen, den es aus einem 500-Seelen-Kaff in die Philosophie verschlagen hat. Der mit Selbstzweifeln zu kämpfen hatte, obwohl seine Bücher mitunter mehr als 100 000 Käufer fanden. Der sich nie im akademischen Establishment heimisch fühlte, weil er es auf keinen ordentlichen Lehrstuhl brachte. Ein Bauernbub veröffentlicht im Geistesolymp bei Suhrkamp seine Habilitationsschrift über Lebenskunst. Sage noch einer, Philosophie sei ohne Humor.

 

 

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