Queer-Feminismus
Teilnehmerin einer queer-feministischen Demo; mittelalterlicher Pranger im sauerländischen Marsberg / picture alliance / IPON | Stefan Boness; picture alliance / imageBROKER | Stefan Ziese

Beweislastumkehr bei sexuellen Übergriffen - Wer jeden Beschuldigten zum Täter erklärt, schadet am Ende den wirklichen Opfern

In Teilen der linken Szene und im modernen Queer-Feminismus setzt sich ein Verständnis von Gerechtigkeit durch, das die Unschuldsvermutung aushebelt. Outcalls ersetzen rechtsstaatliche Verfahren – mit fatalen Folgen für falsch Beschuldigte und echte Opfer.

Autoreninfo

Antje Jelinek ist Apothekerin und Biologie-Chemie-Lehrerin. Nach Pharmaziestudium und Promotion arbeitet sie in öffentlichen Apotheken und bildet verschiedene Gesundheitsberufe aus. Sie unterrichtet an einer Regelschule und hält Vorlesungen zur Klinischen Pharmazie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Im Elsevier-Verlag hat sie mehrere Bücher zu Arzneimitteln herausgegeben und ist Autorin für pharmazeutische Fachzeitschriften und das Blog Ruhrbarone

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Vor einigen Wochen gab es Wirbel um Jette Nietzard. Im Interview mit dem Journalisten Thilo Jung forderte die ehemalige Vorsitzende der Grünen Jugend: Einem weiblichen Opfer muss geglaubt werden! Und zwar – und hier wird es entscheidend – auch dann, wenn das angebliche Opfer gelogen hat. Entsprechend bedauerte Nietzard auch den Umgang mit ihrem Parteikollegen Stefan Gelbhaaar nicht, dessen Karriere als Bundestagsabgeordneter wegen frei erfundener Belästigungsvorwürfe ein jähes Ende fand. 

„Wo Macht existiert, wird Macht missbraucht“, sagte Nietzard. Auf die Idee, dass es auch Machtmissbrauch ist, wenn ein angebliches Opfer einen angeblichen Täter zu Unrecht beschuldigt, kommt Nietzard nicht. Denn Nietzard ist eine mehr oder weniger prominente Verfechterin der Beweislastumkehr. Der Beschuldigte muss demnach seine Unschuld beweisen und nicht die Anklägerin dessen Schuld. Es ist ein Dogma, das durch das Außerkraftsetzen der Unschuldsvermutung alles zersetzt, wofür die Justiz seit Jahrtausenden steht, in woken Kreisen aber überaus beliebt ist. Das Prinzip: Es kommt nicht darauf an, wo die Wahrheit liegt, sondern wer so schnell wie möglich die Deutungshoheit gewinnt.

Outcalls als Mittel sozialer Vernichtung

Bei den Grünen, aber auch in der linken Szene allgemein, wurde die Beweislastumkehr mittlerweile assimiliert und zum probaten Mittel im Kampf gegen das Patriarchat erklärt. Die Unschuldsvermutung ist demnach lediglich ein lästiges Beiwerk, das nur vor Gericht gilt. In linksradikalen Kreisen ist diese Auffassung von Gerechtigkeit und Opferschutz schon seit Jahren gängige Praxis. In sogenannten Outcalls werden Anschuldigungen gegen unliebsame Männer veröffentlicht, damit sie einer sozialen Ächtung ausgesetzt werden. Verkauft wird das als Feminismus und als progressiv.

Als Mann kann man dieser Denunzationspraxis nur entkommen, wenn man sich als FLINTA präsentiert. FLINTA steht für „Frauen, Lesben, intersexuell, nonbinär, trans und agender“. Das bedeutet, man habe als biologischer Mann die Möglichkeit, sich als nonbinär, Trans-Frau oder agender zu labeln. So ist Mann in der vorteilhaften Position, sich in die Menschengruppen der FLINTA einzuordnen, die im modernen Queer-Feminismus an die Stelle der biologischen Frau gesetzt wurden. Mann ist sogar in der hervorragenden Position, selbst Anschuldigungen gegen Cis-Männer, also biologische Männer, die auch Männer sein wollen, zu erheben.

Selbstverteidigung unerwünscht

Nicht nur Prominente haben unter dieser absurden Vorstellung moralischer Verklärtheit zu leiden. Auch in der Punkszene gibt es Fälle, wo falsch beschuldigte Normalos von massiver sozialer Zerstörung betroffen sind. Eine in der Szene bekannte Plattform, die hier ordentlich mitmischt, ist PunkToo. Sie gibt jeder Frau bzw. FLINTA-Person die Möglichkeit, ganz unkompliziert einen Rachefeldzug anzustoßen. Der Beschuldigte darf sich weder zu den Anschuldigungen äußern, bevor sie ins Netz gelangen, noch im Nachhinein adäquat verteidigen. Das ist schlicht nicht gewollt.

Die soziale Ächtung, die daraus folgt, äußert sich dadurch, dass Personen, Veranstalter, Veranstaltungsorte, Bands – mitunter das komplette soziale Umfeld – massiv unter Druck gesetzt werden, den Beschuldigten zu canceln und sich von diesem zu distanzieren. Wer das als Freund oder Angehöriger nicht möchte, wird ebenfalls gecancelt. Davon sind dann auch Frauen betroffen, denn es gilt die Kontaktschuld.

PunkToo existiert daher nicht für die Aufklärung sexueller Übergriffe, die Lösung von Konflikten oder für irgendeine Form von Gerechtigkeit, sondern als feministisches Projekt, das Männer generell an den Pranger stellt – begründet oder nicht. Die Schäden einer falschen Beschuldigung wirken sich in der Punkszene dann nicht nur auf die sozialen Kontakte aus, sondern oft auch finanziell. Gerade dort, wo mit Musik auch Geld verdient wird, kommt es durch Kündigung von Plattenverträgen oder Blockade von Konzertveranstaltungen und Plattenlabels aufgrund der falschen Anschuldigungen zu finanziellen Einbußen.

Die juristische Realität interessiert nicht

Auf der linksradikalen Plattform Indymedia, auf die PunkToo auch gern verweist, und auf anonymen Accounts auf Instagram ist es gängige Praxis, Männer zu beschuldigen und deren soziale Ächtung zu befeuern. Besonders Instagram bietet der perfiden Praxis solcher Outcalls gute Möglichkeiten. So wird (wie hier) in einer Instagram-Story, die nach 24 Stunden wieder verschwindet, die angeblich sexuell übergriffige Person mit detaillierter „Täterbeschreibung“, Fotos und ausführlichen Schilderungen seiner angeblichen Vergehen angeklagt. Es wird ausdrücklich darum gebeten, die Inhalte zu teilen. Nach Verschwinden der Story soll man per DM („direct message“) nachfragen, um das Material für das Teilen des Outcalls zu bekommen.

Die Anschuldigungen bei solcher Art Outcalls reichen von emotionaler Gewalt, harmlosen sexuellen Übergriffen über sexuelle Nötigung bis hin zur Vergewaltigung. Werden die in den Outcalls geschilderten Vorwürfe vor Gericht eindeutig geklärt, sorgt das aber keineswegs für eine Rehabilitierung der falsch Beschuldigten. Das zeigt das Beispiel einer der Autorin bekannten Person aus Gotha, die vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen wurde. Die soziale Zerstörung wird dennoch weiter vorangetrieben. Und auch das Canceln der Räume, in denen die Tat, die nie stattgefunden hat, angeblich geschah, wird auch nach fünf Jahren in der Szene weiter thematisiert – und Bewohner und Betreiber der Location verurteilt.

Das klare Ergebnis unserer deutschen Rechtsprechung, das in diesem Fall ein Freispruch war, wird nicht nur ignoriert, sondern die Gerichtsbarkeit aktiv infrage gestellt. Und damit nicht genug: Werden die Machenschaften der Petzportale und -accounts aufgedeckt und kritisiert, sind sich die Beteiligten nicht zu schade, selbst die Justiz zu bemühen, um Gegner zu verklagen. In diesem Falle die Autorin dieser Zeilen. Nachdem sie im letzten Jahr auf Social Media offenlegte, wie PunkToo funktioniert, einschließlich eines Briefs von falsch Beschuldigten, die durch die Praxis des Portals folgenschwer geschädigt wurden, wurde nach Gründen für eine Klage gesucht, der sie sich nun stellen muss. (Mehr dazu hier.)

Die Glaubwürdigkeit der wirklichen Opfer

Die Unschuldsvermutung hat in der Demokratie einen wichtigen Stellenwert. Sie stellt sicher, dass Straftaten sachlich und aufgrund von Beweisen aufgeklärt werden. Sie sorgt dafür, dass die Möglichkeit zur Beschuldigung nicht beliebig missbraucht werden kann. Die Umkehr der Beweislast und das Außerkraftsetzen der Unschuldsvermutung sind daher ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr übertriebene Wokeness unserer Gesellschaft schaden kann. Übrigens auch jenen Opfern, die wirklich welche sind. Denn je mehr Fälle übertriebener oder falscher Anklagen bekannt werden, desto mehr leidet auch die Glaubwürdigkeit der wirklichen Opfer.

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Markus Michaelis | So., 23. November 2025 - 15:26

Wir kommen mehr aus einer Konsensgesellschaft, jetzt gibt es mehr Lager. Da gelten natürlich andere Regeln. Die soziale Ausgrenzung hat zwei Seiten: eine betroffene Person wird ausgegrenzt, aber die Ausgrenzer grenzen sich auch selber aus, sobald es nicht um einige ganz wenige Personen geht, die man ausgrenzen will. Größere gesellschaftliche Fragen sind über soziale Ausgrenzung kaum zu gewinnen, das dient ab einem Punkt mehr der Vergewisserung im eigenen Lager, ändert aber an den gesellschaftlichen Fragestellungen und Kräfteverhältnissen wahrscheinlich wenig.

Walter Buehler | So., 23. November 2025 - 16:20

Es hat überall in der zivilisierten Welt lange gedauert, bis sich der Gedanke durchgesetzt hat, dass eine Gesellschaft nur dann funktionieren kann, wenn sich ein allgemeines Recht durchsetzen kann. Das steht ganz am Anfang des Prozesses, den man heute als Aufklärung bezeichnet.

Dabei gab und gibt es immer wieder Rückfälle in rechtlose Phasen der Barbarei und der Lynchjustiz, wo die Justiz umstandslos in die eigenen Hände genommen wird und der Beschuldigte an der nächsten Laterne oder am nächsten Baum aufgehängt wird.

Das geschieht heute in der Reinform als Terrorismus, als" revolutionäre Justiz", die ja seit der RAF unter Linken, Grünen und Jusos bis heute viele Anhänger besitzt. Das erklärt auch das mitfühlende Verhältnis zur Hamas, das in diesen Gruppen kultivieren.

Die Lynchjustiz, die grün-rote Feministinnen praktizieren, passt insofern prächtig in den mentalen Rahmen von archaischer Barbarei, den man in solchen Gruppen vorfindet.

Heidemarie Heim | So., 23. November 2025 - 16:37

Unglaublich wie sich unser Rechtssystem auch in diesem Fall gnadenlos vorführen lässt! Doch was darf man als Normalo der "Sorte Sieglinde" überhaupt noch erwarten an Rechtsbewusstsein von Mitbürgernden;), die überdies von ÖR-Medien sowie der Politik im Allgemeinen trotz ihrer Radikalität anders Tickenden gegenüber auch noch gepampert werden u. sogar ein Ex-Verfassungsschutzpräsident aufgrund eines "Zeckenbiss-Hase Du bleibst hier!"-Videoschnipsels ins Gras beißen musste? Oder bei durch eine Innenministerin eingerichteten Petz-Portalen, die zum Anschwärzen von "Vergehen unterhalb der Strafbarkeitsgrenze" auffordern? Und sogar eine in einer offen lesbischen Ehegemeinschaft lebende Politikerin und Angehörige unseres Parlamentes ungeniert als Nazischlampe und Schlimmeres tituliert werden darf mit heimlichem Beifall bzw. Ignoranz der wahren Demokraten/innen! Vertrauen, auch das aller "wirklichen Opfer" von Gewalt in den Schutz des Rechtsstaats/Justiz geht u.a. auch deshalb zugrunde. MfG

Stefan | So., 23. November 2025 - 17:40

Selbst die Frauenbewegung stellen sie die Linken/Grünen auf den Kopf.
Wo sich die Frau langsam aus der Knechtschaft des Patriarchen befreit hat, begibt sie sich nun anscheinend wieder freiwillig unter die Knute.
Was sagt eigentlich Alice Schwarzer zu diesem Thema ???
Zitat:
"Die Umkehr der Beweislast und das Außerkraftsetzen der Unschuldsvermutung sind daher ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr übertriebene Wokeness unserer Gesellschaft schaden kann."
Dem ist nichts hinzuzufügen.

Thomas Veit | So., 23. November 2025 - 18:53

"FLINTA steht für „Frauen, Lesben, intersexuell, nonbinär, trans und agender“. Das bedeutet, man habe als biologischer Mann die Möglichkeit, sich als nonbinär, Trans-Frau oder agender zu labeln. So ist Mann in der vorteilhaften Position, sich in die Menschengruppen der FLINTA einzuordnen, die im modernen Queer-Feminismus an die Stelle der biologischen Frau gesetzt wurden."

...DAFÜR ☝ haben sie also das 'Selbstbestimmungsgesetz' gemacht, die feministisch-progressiven Kreise und Kräfte und Organisationen um die Nette (und andere)...👍

Und plötzlich ergibt alle wieder SINN..., sooo dumm sind sie garnicht..., wie ich und manch andere*innen hier wohl dachte... ...

Sorry-Sorry!, Nette, kommt nicht wieder vor... ...! 🤡

/Ironie

Johannes | So., 23. November 2025 - 23:22

Irgendwann, wenn es für diese Frauen zu spät ist, werden sie verstanden haben, dass Sie ihr weibliches Machtpotenzial selbst unterdrückt haben anstatt es zu entfalten. Auch ein bisschen schade drum.

Achim Koester | Mo., 24. November 2025 - 08:31

Die Grünen, hier in Person von Jette Nietzard, sind der beste Beweis für die Richtigkeit dieser Aussage. Aber es hat nicht erst in jüngster Zeit angefangen, denn schon seit den Anfängen der #metoo Bewegung haben gewisse skrupellose Feministinnen die Gewaltenteilung außer Kraft gesetzt und sich zum Ankläger, Richter und Vollstrecker ihrer "Urteile" erklärt und damit gnadenlos Existenzen vernichtet. Es wird höchste Zeit, diesem Spuk ein Ende u bereiten und die Berichterstattung wie auch die Justiz wieder in einen rechtsstaatlichen Zustand zu versetzen.

Im Grunde ganz einfach..., wer klar denken kann.

Komischerweise erinnern mich solche Auswüchse wie jene von der Nette immer an die Aussage vieler Betroffenen in der dunkelsten deutschen Epoche, dass idR die Aufseherinnen tatsächlich noch schlimmer waren als ihre männlichen Kollegen... ... 🤔

>> Beim Machtmissbrauch ist die vollständige Gleichstellung der Frau spätestens seit Merkel und KGE in Deutschland bereits erreicht - mindestens... 😉

PS: da gab's auch schon 'ne schöne Doku drüber - im ÖRR... (Frauen im Dritten Reich)

Urban Will | Mo., 24. November 2025 - 08:56

haufen oder all die „netten“ Folterwerkzeuge, die zu Geständnissen zwangen.
Heute genügt die soziale Ächtung, aber auch die hat es in sich.
Wobei ich glaube, dass dieser Spuk ebenso schnell wieder verschwinden wird, wie er kam. Wenn – wie hier ja beschrieben – sich eine Gruppe hirnverbrannter Idioten das Recht heraus nimmt, über andere zu urteilen und selbst klar Beweise der Unschuld schlicht zu ignorieren, wird deren „Geschäftsmodell“, das der Ächtung, nur in ihrer eignen, kleinen Blase funktionieren.
Mir persönlich wäre es daher sch... egal, wenn eine dieser Papageien mir irgend etwas anhängen und dieser Papageien-Haufen mich dann mit Dreck bewerfen würde.
Ob es „echten“ Opfern schadet, glaube ich nicht mal, denn die Blase ist ja wie gesagt klein und noch funktionieren die Gerichte.
Lustig wird’s, wenn eine/r/s aus der Blase mal wirklich Opfer wird. Und keine ihm/ihr glaubt.
Es gab schon immer Dumme und wird sie immer geben. Derzeit gibt es ganz außergewöhnliche dieser Spezies.

Ernst-Günther Konrad | Mo., 24. November 2025 - 10:40

Obwohl es ein elementares Menschenrecht ist und ein Grundsatz unserer Rechtsordnung in Strafsachen, wird immer wieder versucht, dieses Prinzip umzukehren. Nietzard ist eine ideologisierte Fanatikerin, die läßt sich nicht mehr ändern. Aber sie ist ja nicht allein. Unsere Medien machen es bei bestimmten *Tatverdächtigen* nicht anders. Man schaue nur, wenn ein Kritiker etwas sagt und man, wie jetzt im Fall Siegmund bewusst und gewollt seine Aussage zum Holocaust als *Leugnung* interpretiert und schon wird er medial geschlachtet. Gerade bei Sexualdelikten ist es eben nicht immer eindeutig, ob das Opfer eingewilligt hat oder nicht. Und es stellt sich immer die Frage, will man ggfls. einen Unschuldigen aufgrund von Lügen in den Knast schicken oder einen Täter laufen lassen, trotzdem er schuldig ist. Ich habe in meiner Dienstzeit beide Fälle schon mehrfach erlebt. Und ich habe für beide Sichtweisen Verständnis. Nur ist und bleibt es Sache von Gerichten und eben nicht von einer Frau Nietzard.