Ausgeträumt - Der kleinbürgerliche Tod der 68er

Wie keine andere Generation haben die 68er Politik und Leben als ewigen Summer of Love verstanden. Aber was bitte ist eine formidable Rebellenkarriere wert, wenn sie am Ende von einer kleinbürgerliche Muffbestattung entwertet wird?

Was bleibt ist ein Haufen Schrott
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Wolf Reiser arbeitet als freier Autor und Journalist in München. Zuvor hat er fast 15 Jahre in Griechenland gelebt.

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Die Einschläge kommen näher, die Helden von einst rücken in das Visier der letzten Gewissheit und die Nachrufspezialisten in all den Redaktionen der Welt formulieren schon mal die grundlegenden biographischen Daten vor: Ringo und Paul, Mick und Bob, Joschka und Fidel - nur bei Keith Richards verbietet sich derart vorlautes Geschreibe; immerhin hat er die peruvian flakes mit der Urnenasche seines Vaters zu einem spirituellen Speedball vermischt und das macht dauerhaft unverwundbar.

Es mögen Gedanken dieser Art gewesen sein, die mich vor ein paar Tagen in das so unscheinbare wie schummrige Schwabinger Institut am Ende der Münchener Schellingstrasse führten. Es roch dort nach frischen Lilien, drei Sargmodelle lehnten an der Wand, auf dem schwarzen Schreibtisch standen blecherne Muster-Urnen, daneben Trauerbriefentwürfe, eine Pferdekutsche im Maßstab 1:150 und ein paar Stiftung-Warentest-Urkunden an der Wand lobten die herausragenden Verdienste der Filiale auf dem Sektor der Humankörperentfernung.

Achtundsechziger? Hotschiming? Tscheguara!


„Sie wünschen?“ fragte der dickliche Mann, um sich ohne Pause wieder einem Telefonat zu widmen. Die Satzfetzen dokumentierten ein hohes Maß an routinierter Pietät: „Wissen Sie, der Tod kommt meistens völlig unpassend...ich weiß, wovon ich rede... aber bei uns liegen Sie zu 100 % richtig, beziehungsweise ihr Gatte.“ Danach ging es noch um jede Menge Beileid und ein All-Inklusive-Päkitsch, welches bis Mitte September 2014 gelte, womit der ehemalige Gatte also wenigstens auf diesem Gebiet Glück hatte. Nun war ich endlich an der Reihe und sah in ein feistes Gesicht, in dem eine gedämpfte Vorfreude auf einen lukrativen Abschluss wohnte und die Augen lagen, die mich an ein Paar Hirschlederknöpfe erinnerten.

„Ich versuche mich kurz zu fassen,“ sagte ich, „schauen Sie, ich vermute, dass jetzt nach und nach die 68er dran sind, als quasi Ihre neue Klientel, Straßenkampf, Easy Rider, deutscher Herbst, Kommune I, Stones, Gammler, Haschrebellen, Bewegung 2. Juni, Maler, Musiker und so.“ Nach jedem Nominativ quietschte sein Adamsapfel und er schaute mich an wie eine narkotisierter Gorilla. Mit einem matten Pfeifen nahm er wieder Platz. Sein Schnauzer zuckte. Ich fuhr fort: „Also ich meine jetzt so den Jahrgang 40 plus. Da müssten doch allmählich die ersten an der Reihe sein. Und was mich heute spontan interessiert, ist die Frage, ob die ihr Begräbnis so abfeiern, wie die gelebt haben? Spielen da Rockbands? Wird getanzt? Gekifft? Bemalen Kinder die Särge? Gibt’s bunte Grabsteine? Hauen die noch einmal ordentlich auf die Pauke? Oder sogar ein letztes Love-In, Yoko und John, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Resigniert klappte er jetzt das Auftragsbuch zu, faltete die spatenförmigen Hände und holte tief Luft, so wie ein Schwammtaucher. „Achtundsechziger? Hotschiming? Tscheguara! Mit 20 Jahren bist du leicht ein Atheist. Happening? Sie fragen mich nach Happening. Nix da mit Happening. Ohne Moos nix los. Happening, das kostet. Flower-Power? Plastikblumen verlangen die und Aldi-Teelichter statt Kerzen. Haha. Unter uns – die meisten haben doch kein Pulver am Ende. Internationale? Von wegen. Da betteln sie um ein Ave-Maria, vom Stick und von der Stadt finanziert. Ganz klein, unsere Hascher, so klein, mit Leihzylinder. Sozialismus? Sozialfall, so sieht es aus. Grabstein? Da müssen die paar Kumpels ihre Hartz IV-Kröten zusammenlegen für ein Holzkreuz. Am liebsten würden die doch ihre Peace-Box eigenhändig zusammennageln. Oder sich am besten gleich selber entsorgen zum Öko-Granulat, so die Abteilung duale Mülltrennung, ja spinnst du! Mit 20 bist du leicht ein Atheist. Aber kaum wird es einmal Ernst im Leben, schreien sie doch gleich nach einem preisgünstigen Kirchenmann...“

Unverschämt viel Glück


Ein paar Stunden später studierte ich im Szenelokal „Last Supper“ die jüngsten Todesanzeigen der Süddeutschen. „38 Jahre erfolgreiche Tätigkeit verbanden Dr. Karl Meier mit unserem Unternehmen. Während dieser langen Zeit hat er sich in verantwortungsvollen Funktionen, insbesondere bei schwierigen verfahrenstechnischen Entwicklungen bleibende Verdienste erworben.“  So also werden fleißige Menschen bei uns noch ein letztes Mal in oder eher auf den Arm genommen. Und auch die Friedhöfe verführen doch eher dazu, den Tod lieber fürs Erste zu verdrängen. Halb Schrebergarten, halb preußische Soldatenwüste tragen die Ruheareale dazu bei, sich mit besinnungsloser Idiotie dem Diesseits hinzugeben.

Wer schon ein paar Bestattungs-Events erlebt hat, sehnt sich insgeheim danach, während eines Sizilienurlaubs in einen Brückenpfeiler einbetoniert zu werden. Oder bei einem Grateful-Dead-Konzert eine Überdosis dieser acidhaltigen Erdbeerbowle zu erwischen – womit wir wieder beim Thema wären. Hat diese Generation 68 nicht unverschämt viel Glück gehabt? Zellulitefreie Hüften statt vernarbter Schützengräben, Toscana-Weine statt Blutvergießen, Ekstasen und Elexiere statt Endlösung, Wellnessreisen ins mittige Ich statt Danteschem Höllengeschmore. Kaum eine Generation davor konnte ein derart kollektives Halbgötter-Ego zur Lebensgrundlage machen. Und zu all der Süße des Daseins gesellen sich derzeit noch jede Menge Botox&Anti-Aging-Gurus und Forever-Young-Chirurgen. Für einen typischen 68er kommt als statistisch wahrscheinliche Todesart nur noch in Frage beim Golfen auf den Bahamas eine Kokosnuss auf den Kopf zu bekommen. Oder einen Golfball.
 

Ich versuchte jetzt, die Ausführungen des Trauerspezialisten zu dekonstruieren. Offenbar waren die bisherigen Kunden aus dem Bereich links von der Mitte nicht gewillt, seine unverschämten Rechnungen zu bezahlen. Logisch, denn Menschen, die aufmucken, sich verweigern und streiken, werden in Deutschland selten mit Erfolg und Reichtum überschüttet. Aber was bitte ist eine formidable Rebellenkarriere wert, wenn sie am Ende von einer kleinbürgerlichen Muffbestattung entwertet wird? Wenn man ein Leben lang gekämpft hat, umgewertet und Utopien fütterte, dann muss doch der letzte Akt genau diesen Spirit demonstrieren. Das muss doch zugehen wie in Monterrey, mit Sex, Drugs, Rock 'n' Roll, brennenden Gitarren und garniert mit einem funkeläugigen Wildwestprediger der Marke Dennis Hopper: Genossen, die Revolution geht weiter, Lotta continua, sprengt auch im Himmelreich die Ketten, es lebe der Tod!

So der typische 68er ist ja gegen Gott. Und gegen den Staat. Gegen jede Form der Diktatur. Gegen jedwede Vereinahmung und Verwaltung. Viele sind auch gegen die Ehe – obwohl sie verheiratet sind. Aber Widersprüche sind ja der Motor jeder Dialektik. Als erstes, dachte ich, wäre es doch wenigstens geboten, notariell eine Playlist zu hinterlassen, eine Art Köchel-Verzeichnis seiner Biographie, die man dann am Tag seiner Bestattung den Liebsten serviert, auf dass die Erinnerung noch einmal aufleuchtet in all den zarten Facetten und dunklen Höhlen und ein Meer der Tränen anschwellen lässt mit Kartoffelsalat und Tofu-Wienerle: Yesterday, The Boxer, When I’am sixty-four, Gimmie Shelter oder Candle in the Wind.

Der Indie-Rocker Stephan Malkmus meinte dazu neulich: „Ich stelle mir gerade vor, dass die Leute nach meinem Tod um ein Lagerfeuer sitzen, ein Bier trinken und denken: Ach, er war schon ein guter Junge. Er hätte wohl etwas netter sein können.“ Spontan erstellte er am selben Abend seinen finalen Soundtrack: „Jesus was a Crossmaker von Judee Sill; Barstool Blues von Neil Young; Lowdown von Wire; Whistling Song von Meat Puppets; Vampire von Sebadoh; Mongoloid von Devo; Waterloo Sunset von den Kinks; Jesus is waiting von Al Green; What Love can do von Kingdome Come und Tale in a hard time von Fairport Convention.“ 

Beim Schlendern anderntags über den Alten Waldfriedhof mit seinen über 35 000 Ruheplätzen bewunderte ich die kleine muslimische Sektion, wo alles ordentlich nach Mekka ausgerichtet ist, auch den Rasen der Namenlosen, in dem Krokusse an vergessene Dartpfeile erinnerten, die endlosen Bezirke aus Aldi-Rechtecken und lieblos präsentierten Texttafeln sowie die opulenten Betonkapellen der vermögenden Münchenclans, wirre Bauten zwischen Neoklassizismus und Nazitempel changierend.

Ich traf am Grab von Michael Ende zufällig einen jungen Mann, der sich als Pressereferent für die städtischen Friedhöfe vorstellte und mich mit seinem Bekenntnis überraschte: „Ich würde mich wirklich freuen, wenn mehr Münchener die Freiheit wahrnehmen würden, sich endlich mal mit Stil und Phantasie zu verabschieden. Scheinbar weiß kaum eine sterbliche Seele, was da alles machbar ist; ob Grabstein, Größe des Grabs, die Möglichkeiten der Feier und der Inszenierungen. Wir sind völlig unterfordert und unsere Angebote bleiben in der Schublade. Sicher, wir sind keine Event-Macher und können da auch nicht die Werbetrommel rühren, aber gerade von den kommenden Kandidaten erwarte ich, dass das alles endlich bunter, freier und witziger wird.“

Grabstein ohne Zapfhahn


In Kenntnis der extrem lebensmüden deutschen Bestattungsgesetze mit ihren Heckengrößen, Kreuzmaßvorschriften und Steinmetzparagraphen, vermutete ich, dass der juvenile Schwärmer vielleicht auch an einer Morgenbowle genippt hatte. Aber wenn es eine deutsche Generation geschafft hat sich zwischen Chancengleichheit, freier Liebe, Entführungen, Turnschuhparlamentarismus, Belgradbombardierung und GroKo-Hypnose durchzulavieren, dann muss sie auch die Boots bis zum Ende durchziehen. Man kann doch nicht vor ein paar Zypressen kneifen oder gar Angst, im Jenseits wieder in der normalen Hauptschule beginnen zu müssen. In England zum Beispiel wirbt ein pfiffiges Bestattungsunternehmen schon seit Jahren mit Bob Dylans „Blowing in the wind“ als TV-Spot.

Oder nehmen wir Manchester United: dort forderte man die loyalsten Ex-VIP-Member dazu auf, die Asche am Tag nach der Zeitsegnung in der Sommerpause auf dem Stadionrasen auszustreuen. Als man feststellte, dass der Knochenstaub mit seinem hohen Phosphatgehalt dafür sorgte, dass der Mittelfeldrasen plötzlich wucherte wie ein Bambusfeld, mischt man seither die ManU- Vereinsasche bengalischen Böllern bei, der sogenannten „Trauerweide“,  die sich dann am liebsten in gegnerischen Stadien in langen, feurigen Schnüren ergießt.

Dagegen wurde neulich in Berlin einem altlinken Kreuzberger Gastwirt trotz dessen testamentarischer Verfügung untersagt, einen glänzenden Zapfhahn auf seinen Grabstein zu montieren.

Es ist zu befürchten, dass viele unserer 68er vom langen Marsch durch die Institutionen derart erschöpft sind und ihnen keine Kraft mehr anhaftet für den finalen Trompetenstoß. Wieder einmal müssen wir konstatieren, dass früher alles besser war.

Ich stehe jetzt vor dem Grab 17-W-88. Dort hat der Bildhauer Elkan vor mehr als 100 Jahren ein imposantes Jugendstilensemble geschaffen, ein inzwischen verwaschener heller Marmorblock, darauf eine kleine goldene Erdkugel, auf der ein eleganter Pegasus balanciert. Gemäß seiner frivolen Lebensparole „Glücklich, wer gesund und heiter über frische Gräber hopft!“ hatte der Frank Wedekind halb München zu seinem Begräbnis vorgeladen. In aller Herrgottsfrüh schon fanden sich in der friedhofsnahen Bierschänke allerlei Kulturgrößen auch aus Berlin und Wien ein, Brecht darunter und die Manns, vor allem aber jede Menge Halbstarke, Trunkenbolde, Dirnen, Kellner und stadtbekannte Zechpreller, die in der Aussegnungshalle bereits für oktoberfesttaugliche Tumulte sorgten.

Zwischen Händeln und Händel galoppierten Knäuel von Irren und Zaungästen mit gestohlenen Kränzen und ausgerupften Blumen über die frischen Gräber zur offenen Grube. An deren Umrandung beugte sich kurz vor Sargschließung der Wedekindfreund Heinrich Lautensack, Mitglied auch der Elf Scharfrichter im Vollrausch etwas zu weit  nach vorne und stürzte mit der unhandlichen Filmkamera auf den geliebten Leichnam. Lautensack brach sich dabei zwei Wirbel und wurde umgehend in die Psychiatrie eingeliefert. Es begab sich am 12. März 1913 und wenig später begann die Oktoberrevolution.
 

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