Breitscheidplatz
Ein Mann steht vor dem Mahnmal für die Opfer des islamistischen Terroranschlags auf dem Breitscheidplatz / picture alliance/dpa | Christoph Soeder

„Islamismus“-Begriff als Tabu - Die Berliner Jusos wollen islamistischen Terror verschleiern

Die Berliner Jusos haben beschlossen, den Begriff „Islamismus“ nicht mehr zu verwenden, weil der diskriminierend sei. Das ist grotesk, aber nicht verwunderlich: Seit Jahren tabuisiert die politische Linke bestimmte Begriffe, um sich einen taktischen Vorteil zu verschaffen.

Ben Krischke

Autoreninfo

Ben Krischke ist Leiter Digitales bei Cicero, Mit-Herausgeber des Buches „Die Wokeness-Illusion“ und Mit-Autor des Buches „Der Selbstbetrug“ (Verlag Herder). Er lebt in München.

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Stimmt das eigentlich, dass Worte nicht nur Worte sind, sondern Sprache auch Gewalt sein kann? Seltsame Frage, mag sich da manch Zeitgenosse denken, der seinen Austin über die „Sprechakttheorie“ – wonach Sprache die Welt verändert – und passende Überlegungen von Judith Butler ausgiebig rezipiert hat. Oder der schlicht überzeugt ist, dass Sprache auch Gewalt sein kann, obwohl er gar nicht weiß, woher diese Idee stammt und wie sie begründet wird.

Es gibt Thesen, soll das heißen, die irgendwann aufgestellt und im nächsten Schritt zu Überzeugungen werden, die sich wiederum verbreiten in der Welt, wo sie sich zu vermeintlich objektiven Wahrheiten entwickeln. Derart nämlich, dass sie nicht bezweifelt werden, weil Menschen gar nicht mehr darüber nachdenken, ob diese angeblichen Wahrheiten wirklich zutreffen – oder doch nur Schimären sind; Hirngespinste also, die sich irgendwann verbreitet haben.

Kompliment an die postmaterialistische Linke!

Mein Kompliment an die postmaterialistische Linke! Denn ihr ist es gelungen, gleich mehrere subjektive Überzeugungen als objektive Wahrheiten zu etablieren. Dazu gehört, dass Sprache nicht einfach nur Sprache sein soll, sondern auch Gewalt sein kann. Was zunächst irgendwie naheliegend klingt, ist eine ziemlich steile These. Denn anders als die körperliche Gewalt, die sich sehen und nachweisen lässt – der Schlag, das Veilchen –, sind Konzepte wie „Hatespeech“ ausschließlich subjektiver Natur: Was für den einen verletzend ist, ist für den anderen lustig oder löst gar keine Gefühlsregung aus.

Insofern ist der Vorwurf an einen einzelnen Begriff, er sei „diskriminierend“, immer erstmal fragwürdig. Denn Wörter sind nur Buchstabenreihen, und das Alphabet hat keine politische Agenda. Die angebliche Diskriminierung folgt aus der Interpretation dieser Buchstabenreihen und den negativen Assoziationen, die bestimmte Begriffe wecken. Manche Begriffe sind zum Beispiel des historischen Kontextes wegen diskriminierend und werden zu Recht nicht mehr genutzt. Aber um Begriffe zu tabuisieren, braucht es immer eine wasserdichte Begründung. Jeder Eingriff in die Sprache ist schließlich auch ein Eingriff in die Freiheit.

Berliner Jusos sprechen nicht mehr von „Islamismus“

Doch obwohl das mit der angeblich diskriminierenden Sprache oder allgemeiner mit der Idee, dass Sprache auch Gewalt sein kann, eine ziemlich streitbare Angelegenheit ist, tabuisiert die politische Linke schon seit Jahren immer wieder neue Begriffe, um sich in öffentlichen Debatten einen taktischen Vorteil zu verschaffen. Und zwar so erfolgreich – und das ist die eigentliche Tragik an der Sache –, dass mittlerweile sogar angebliche Liberale und Konservative zum Beispiel den „Hatespeech“-Vorwurf nutzen, um Meinungsfreiheit einzuschränken.

Das ist nicht nur eine ziemliche Sauerei. Es ist auch eine alarmierende Entwicklung, die vor allem von jenen vorangetrieben wird, die meinen, damit etwas Gutes zu tun. Wie die Berliner Jusos, deren jüngster Beschluss ein weiteres Indiz dafür ist, dass zu viele Menschen links der Mitte dem postkolonialistischen Wahn verfallen sind. Die Berliner Jusos wollen den Begriff „Islamismus“ nicht mehr verwenden und künftig nur noch von „religiös begründetem Extremismus“ sprechen. Denn mit dem „Islamismus“-Begriff werde der Islam „problematisiert und mit Negativität assoziiert“ und dadurch eine ganze Religion stigmatisiert.

Islamistischen Terrorismus verschleiern

Wenn es nach den Berliner Jusos geht, ist der Begriff „Islamismus“ jetzt also diskriminierend. Heißt auch: Wer ihn nutzt, der diskriminiert. Es ist der Versuch – und hier schließt sich der Kreis zum Anfang dieses Textes –, eine These zur Überzeugung zu machen in der Hoffnung, dass aus der Überzeugung eine vermeintliche Wahrheit wird. Die Berliner Jusos wissen: Bekämen sie den Begriff „Islamismus“ aus der Debatte, würde künftig zwar noch über solche Taten gesprochen und darüber, dass sie von den Attentätern irgendwie religiös begründet wurden, aber nicht mehr darüber, dass es ganz konkret um den Islam geht. Kein Begriff, keine Diskussion.

In der Folge heißt das, dass die Berliner Jusos islamistischen Terror verschleiern wollen, indem sie statt konkret vom Islam lieber allgemein von Religion sprechen. Als wäre der religiös motivierte Terrorismus unserer Zeit gerade kein Phänomen, das nahezu ausnahmslos mit einer einzigen Religion, dem Islam nämlich, verbunden ist. Und als hätte die Tabuisierung des „Islamismus“-Begriffs mehr als nur den einen Effekt, den er wirklich und ausschließlich hat: dass ein konkretes Problem nicht mehr konkret benannt wird. 

Nein, Worte sind nicht Gewalt, und erst recht nicht, wenn sie die Wahrheit formulieren. Der Anschlag auf das World Trade Center: Das war Gewalt (3000 Tote). Das Attentat auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz (13 Tote) war Gewalt. Die Terrornacht von Paris, die sich dieser Tage zum zehnten Mal jährt, war Gewalt (130 Tote). Und auch der Bombenanschlag auf den Boston-Marathon (drei Tote) war Gewalt. Diese Ereignisse und Dutzende weitere ihrer Art – nicht nur im Westen, sondern auch im Nahen Osten und anderswo in der Welt – hatten einen gemeinsamen Nenner. Ihn zu benennen ist nicht diskriminierend, ist nicht Gewalt, sondern die Formulierung einer objektiven Wahrheit.

 

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Dorothee Sehrt-Irrek | Do., 13. November 2025 - 12:48

Ich habe den Begriff "islamistisch" sozusagen als "Pervertierung" des Wortes "islamisch" benutzt, eine Überbetonung oder gar "Pervertierung" der Religion des Islam.
Damit habe ich eben nicht den Islam angreifen wollen.
Mir reicht, dass ich islamische Verwandte habe, um den Islam grundsätzlich zu respektieren.
Über Einzelheiten kann ich reden.
Nun benutzen Sie das Wort "islamistisch", um genau einen grundsätzlichen Bezug zum Islam herzustellen?
Bei allem Respekt, wo liegen die Jusos dann falsch?
Ich würde das Wort "islamistisch" aber eher auch nicht mehr zur Abgrenzung von Islam zu dessen evtl. "Verdrehungen" verwenden, weil man sonst keine passende Bildung für den Begriff Zion findet, als den "zionistisch", den ich immer positiv fand.
"National" oder "nationalistisch" ist dann aber wieder eine gute Abgrenzung?
Solange der Grundbegriff akzeptabel ist und das ist der Islam für mich, obwohl ich ihn fast nicht kenne, werde ich dieses Suffix? "istisch" nicht mehr negativ verwenden.
Nu

... andeuten konnte, betreffen unser Verhältnis zu Religionen oder Ideologien.

Wie kann man rational über einen nichtrationalen Bereich sprechen, wenn er für den Kommunikationspartner von großer Wichtigkeit ist?

Ein gewöhnlicher Wald- und Wiesenmaterialist, der mit Marx in der Religion das Opium fürs Volk sieht, würde von einem Scheinproblem sprechen und darüber hinwegmarschieren.

Vermutlich bezeichnet Herr Krischke die Berliner Jusos deshalb ja als POST-Materialisten, weil sie mit ihrem Verbot des kritischen Wortes „Islamismus“ ein fundamentales sozialistisches Dogma aufgegeben haben.

Nunmehr steht auch bei ihnen "am Anfang" die heilige Unantastbarkeit eines Wortes.

Glauben sie aber auch, dass dieses Wort "bei Gott ist“? Sind sie so religiös wie ein Muslim, ein Jude oder ein Christ?

Nein?

Ich glaube, sie verstehen mal wieder nicht, mit wem sie sich da einlassen.

Die Opfer des Terrors sind egal - es lebe die Gewalt! Hauptsache, sie dient der Revolution.
-
Nix für ungut.

Walter Buehler | Do., 13. November 2025 - 13:16

Es ist immer wieder schwer, Menschen aus anderen Regionen deutlich zu machen, wie tief das Niveau der Bildung in Berlin gesunken ist.

Dabei ist letzteres leider unabhängig davon, ob irgendeine nominelle Qualification an irgendeiner Schule oder Hochschule erreicht worden ist oder nicht.

Die Berliner Hochschulen sind fest in der Hand von links-queer-grünen Sekten, die zur Zeit praktisch widerstandslos von islamistischen Fundamentalisten gelenkt werden.

Mit Rationalität und Vernunft kommt man bei diesen Sektierern nicht weit. Zur Zeit werden die links-grünen Parteien alle auf den gleichen intellektuellen Hund gebracht, und das geschieht ja auch gerade mit der SPD.

Keine Persönlichkeiten, keine Idee, nichts -nichts bleibt mehr übrig als die leere Hülle des ruhmreichen Namens SPD.... Und dazu das Gebrüll auf den Straßen.

Finis Berolinae.

Möge der Alptraum nicht zum Alltag werden.

Nix für ungut.

Markus Michaelis | Do., 13. November 2025 - 13:37

Ich sehe es, wie so oft, nochmal etwas anders. Die Frage scheint mir zu sein, dass die jetzige Gesellschaft (die Mitte, nicht nur die Linken) davon ausgeht, dass es nur ein wahres Menschsein gibt, dass also das Ziel dieser und jeder Gesellschaft sein muss für alle Menschen dieser Welt genau gleich dazusein. Jeder Mensch, der sich irgendwie unwohl fühlt, ist ein Beweis, dass die Gesellschaft noch nicht richtig ist. Dieses Credo haben nicht nur die Postkolonialen, das ist nur die Jugend, die die Maximen der Eltern jetzt in 100% Reinheit leben will. Man will einfach perfekt sein.

Ich glaube nicht, dass es dieses Menschsein gibt. Der Mensch ist nicht so, eine Gesellschaft, in der sich alle nur wohl fühlen, gibt es nicht, das wäre auch nicht gut. Nichtmal jeder Mensch in sich alleine ist nur stimmig und immer in sich selber wohlgestimmt - prinzipiell nicht. Gesellschaften noch mal weniger. Das sind immer (auch heikle) Kompromisse und Denkgewohnheiten, die es zusammenhalten.

Markus Michaelis | Do., 13. November 2025 - 13:47

In dieser Hinsicht sehe ich drei Baustellen für unsere Gesellschaft: (a) die "normale" Dauerarbeit die Kompromisse und (Denk)Gewohnheiten dieser Gesellschaft anzupassen (es ist aber nicht nur denken, es sind echte Gewohnheiten des (Zusammen)Lebens, (b) durch den Abstieg des Westens, Demografie, EU, Migration der erhöhte Druck der "Fusion" mit anderen Gewohnheitssystemen. Historisch meist scheiternd oder langwierig und sehr konfliktreich. (c) der Islam als besondere Herausforderung, weil er eines der erfolgreichsten Universalsysteme ist.

Es geht nicht zuerst um die Gewalt am Breitscheidplatz. Die große Frage ist: die deutsche postkoloniale Jugend will den Islam vollkommen gleichberechtigt neben Christen, Queers, Rosenzüchtern, Punks in ihre universelle Menschheit integrieren. Manche Muslime finden das super. Andere Kräfte des Islam sehen sich weniger als einfach gleichberechtigt neben Queers und Punks. Da gibt es einen prinzipiellen Mismatch in der Weltsicht - würde ich sagen.

Maria Arenz | Do., 13. November 2025 - 14:15

Gilt auch hier wieder. Einen, der Tabus errichten will und einen, der tabuisieren lässt. Mir ist es inzwischen egal, aus welchem Motiv die Tabuisierer handeln und ob ihr "Erfolg" auf Dummheit oder Bequemlichkeit einer Gesellschaft beruht, der es zu lange zu gut ging und die mangels Bildung gar nicht mehr weiß, auf welchen Voraussetzungen der Erwerb des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kapitals beruhte, von dem sie -noch- zehrt. Die jetzt von den Jusos wieder angewendete Methode ist derselbe Fusel, mit dem die Angelas, Luisas, Christians, Annalenas, Roberts und so weiter unseren Motor sauer fuhren- man verstecke ein ganz konkretes Problem- den Islam und seine nach hiesigen Maßstäben überproportional asozialen Söhne in einer großen Menge,- Religionen, Männer- schreie "Diskriminierung"bei jeder Benennung der eigentlich relevanten Teilmenge und kann bei ausreichender Doofheit derer, die die Leidtragenden sind, sicher sein, daß sich nichts, aber auch garnichts zum Guten ändert

S. Kaiser | Do., 13. November 2025 - 16:44

... was iwelche failed-state-Jusos wollen. Mögen sie dem postkolonialistischen Wahn verfallen sein, die Mehrheit juckt es schlicht nicht.
Denn selbst wenn sie den Begriff „Islamismus“ nicht mehr verwenden wollen und künftig nur noch von „religiös begründetem Extremismus“ sprechen werden, was passiert dann?
Dann gibt man die Religion einfach in Klammern und ohne -ismus Endung an.
Ach nein, das geht auch nicht?
Gut, dann lässt man es ganz weg.
Und dann?
Dann hat man einen ähnlichen Code geschaffen wie „ein Mann“.
Es wird ihnen also nichts nützen.

Und wann ist ein -ismus eigentlich gut, und wann ist er schlecht?
Könnte man als Frau auch von den Grünen fordern, das Wort „Feminismus“ nicht mehr zu verwenden und künftig nur noch von „geschlechtsidentitär begründetem Extremismus“ sprechen? Denn mit dem „Feminismus“-Begriff würde die Frau „problematisiert und mit Negativität assoziiert“ und dadurch ein ganzes Geschlecht stigmatisiert?
hmmmm .... Fragen über Fragen ….

Brigitte Miller | Do., 13. November 2025 - 17:14

wurde ja eingeführt, um eine Trennung zwischen den "guten" ( nicht radikalen oder extremistischen ) Muslimen und den Extremisten herzustellen.
Erdogan hingegen sagte, es gebe nur den einen, den Islam und keinen Islamismus.
Jetzt soll "Islamismus" diskriminierend sein.
Ich finde, man schenkt den Jusos viel zu viel Beachtung.

IngoFrank | Do., 13. November 2025 - 18:01

Sprache kann auch Gewalt sein und was m M noch wichtiger im heutigen Deutschland ist, wer sagt was !
Stellen Sie sich vor, nicht die rote Heidi hätte im Bundestag gebrüllt „auf die Barrikaden“ sondern Frau Dr. Weidel hätte dazu aufgerufen ?
Da wäre Frau Dr. Weidel doch noch im Bundestag verhaftet und der Bundesstaatsanwaltschaft stehenden Fußes zugeführt und am nächsten Tag die Anklageschrift wegen „Aufruf zum Staatsstreich“ verlesen wurden. Millionen auf der Straße allen voran die „Omas gegen Rechts“ ….
Es kommt i m m e r darauf an wer, was, & zu welcher Gelegenheit, in welchem Kontext Worte die zur Sprache werden, verwendet wird.
Super Artikel, wie immer, bleiben Sie uns erhalten.
Mit besten Gruß a d Erfurter Republik.

Bernhard Kaiser | Do., 13. November 2025 - 19:22

…. da war auf einer pro-kurdischen ANTIFA Demo plötzlich die Rede von den "Klerikal-Faschisten des IS“ um ja den Begriff "Islamisten“ zu vermeiden, da das ja "anti-muslimischer Rassismus“ wäre, auch so eine pseudo-linke, vollkommen schwachsinnige Wortschöpfung, als ob Religionszugehörigkeit irgendwas mit "Rasse“ zu tun hätte …. die, vor allem radikalen, Linken winden sich, um ihre unheilige Allianz mit den Islamisten (siehe HAMAS) und ihren damit verbundenen Antisemitismus zu verschleiern, nicht umsonst nennt sich die sogenannte ANTIFA vielerorts inzwischen in MIGRANTIFA um …

Chris Groll | Do., 13. November 2025 - 19:58

Zwei Aussagen aus der linkslastigen Wikipedia:
"Islamismus (arabisch إسلاموية , DMG Islāmawiyya) ist eine politische Ideologie, die die Gestaltung der Politik und Gesellschaft anhand von Werten und Normen anstrebt, die aus der Religion des Islam abgeleitet werden."
"Asset-Herausgeber. Der Islam ist eine 1400 Jahre alte Religion mit vielen verschiedenen Auslegungen und Praktiken, während der Islamismus eine politische Ideologie ist, die eine bestimmte Interpretation des Islams zur Grundlage der Gesellschafts- und Staatsordnung machen will."
Erdogan sagte: "Es gibt nur einen Islam. Wer etwas anderes sagt, beleidigt den Islam."
Das für alle Kommentatoren, die immer wieder sagen, der Islam habe nichts mit dem Islamismus zu tun.
Zum Islam und zur SPD/SED möchte ich in diesem Kommentar nichts weiter sagen.
Es gibt nämlich über alle drei nichts positives zu sagen.