Vereinsleben - Ein Erz und eine Seele

Auch wenn der Bergbau längst beerdigt worden ist, die Tradition lebt in den stetig wachsenden Bergmannsvereinen fort

Blechbläserquintett des Musikkorps der Bergstadt Schneeberg spielt in der Altstadt von Baku vor dem Jungfrauenturm
Blechbläserquintett des Musikkorps der Bergstadt Schneeberg spielt in der Altstadt von Baku vor dem Jungfrauenturm / Pawel Sosnowski

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„Glück auf!“ Die freundliche Bäckersfrau im Freiberger Bio-Supermarkt trägt keinen Grubenhelm, keinen Bergkittel und sieht auch sonst nicht aus, als sei sie jemals unter Tage gewesen. Trotzdem empfängt sie ihre Kunden mit jenem traditionellen Bergmannsgruß, der im 16. Jahrhundert im Erzgebirge seinen Ausgang nahm und schnell deutschlandweite Verbreitung fand.

Dem ungeübten Ohr mag das durchaus komisch vorkommen; der Unter­tagebergbau im Erzgebirge liegt schließlich seit 30 Jahren größtenteils brach. Früher, ja früher, sah das anders aus: 500 Jahre lang waren Bergmänner in die Fundgruben von Freiberg, Schneeberg Annaberg, Joachimsthal und Marienberg eingefahren und hatten Silber, Kobalt, Zinn, Blei, Nickel und Uran aus dem Gestein geschlagen. Doch mit der Wende 89/90 war damit vorerst Schluss: Es lohnte sich einfach nicht mehr, die restlichen Erze aus dem Berg „zu kratzen“.

Tradition wird gemeinsam gepflegt

Jens Bretschneider im traditionellen Habit der Bergleute. Im Hintergrund Schneeberg mit seiner St.-Wolfgangs-Kirche
Jens Bretschneider imtraditionellen
Habit der Bergleute

Und es stimmt ja: Der Berg hat seine Reichtümer zu keiner Zeit verschenkt, nicht einmal während des „Großen Berggeschreys“ am Ende des 15. Jahrhunderts. Das Erz musste ihm immer abgetrotzt werden – mit Blut, Schweiß, Muskelkraft und Menschen­leben. Und dass so ein Knochenjob auf lange Sicht krank machte, war seit Jahrhunderten bekannt. Gearbeitet wurde trotzdem – unter Bedingungen, die sich heute kaum noch ein Mensch vorstellen kann.

Der Stolz auf diese entbehrungsreiche Arbeitsleistung der Altvorderen hat sich tief in die DNA der Menschen im Erzgebirge gebrannt. „Alles kommt vom Bergwerk her“ sagt man hier und meint es so. Franz-Peter Kolmschlag indes, Geschäftsführer des Sächsischen Landesverbands der Bergmanns-, ­Hütten- und Knappenvereine, hört diesen Spruch gar nicht gern. Und das hat mit seinem Titel zu tun: Der Ruheständler ist nämlich nicht Berg-, sondern Hüttenmann. Als solcher war er für die Veredelung jenes Rohstoffs zuständig, den die Bergmänner gefördert haben.

Doch bei der Bewahrung der Tradi­tionen ziehen Hütten- und Bergleute längst an einem Strang. 64 örtliche Vereine mit insgesamt 3500 Mitgliedern umfasst der Dachverband – Tendenz steigend. Bei den meisten von ihnen beginnt die Begeisterung für den Bergbau bereits im Kindesalter – so wie bei Ray Lätzsch, seit über 20 Jahren Vorsitzender der Bergbrüderschaft „Schneeberger Bergparade“ und fast genauso lange im Landesverband aktiv. „Wir dürfen nicht nur die kalte Asche bewahren, sondern müssen auch das Feuer bei der jüngeren Generation wecken“, ist sich der 49-jährige Direktor eines Pflegeheims sicher, der bereits mit 14 Jahren der Bergbrüderschaft beitrat und dessen Großvater noch selbst unter Tage „malocht“ hat.

Verklärung der Bergarbeiter unvermeidlich

Bernd Schöhnerr von der Bergsicherung Schneeberg klettert hinab in die Tiefe
Bernd Schöhnerr von der Bergsicherung Schneeberg
klettert hinab in die Tiefe

Bei Jens Bretschneider sieht es ähnlich aus: „Der Opa im Berg“, diese Erzählung ist in den Familien im Erzgebirge allgegenwärtig. Bei Bretschneider aber war es die Musik, die den heutigen Landesbergmusikdirektor und Chefdirigenten des Schneeberger Musikkorps zur Tradition gebracht hat. Freilich, in seinem 60-köpfigen Orchester werden nicht ausschließlich Bergmannslieder gespielt. Aber wenn zum Ende eines Konzerts das Steigerlied geschmettert wird, dann hält es hier im Erzgebirge niemanden mehr auf seinem Stuhl: „Dann stehen alle auf, egal ob jung oder alt, ob Mann oder Frau, und singen aus vollster Kehle mit.“ Festzuhalten bleibt aber auch: Die wenigsten Menschen, die sich im Erzgebirge für die Pflege der Bergbautraditionen engagieren, haben selbst noch im Berg gearbeitet; da bleibt eine gewisse Verklärung der Knochenarbeit nicht aus. „Die Zechen mussten wohl erst geschlossen werden, damit die Menschen sich auf ihre Tradition besinnen“, versucht Bernd Schönherr vom Besucherbergwerk „Fundgrube Weißer Hirsch“ in Schneeberg eine Erklärung zu finden.

Schönherr ist Technischer Geschäftsführer der Steiger der Bergsicherung. Das Besucherbergwerk „Weißer Hirsch“ befindet sich direkt auf dem Firmen­gelände der Bergsicherung, die 1957 gegründet wurde, um Bergschäden in der Region zu bereinigen, nachdem der aktive Abbau eingestellt worden war. Hier, in der Kobaltstraße 42, verschmelzen beide Welten miteinander: die der Traditionspflege und die der modernen Bergarbeit – auch wenn die Schneeberger längst nichts mehr „aus dem Berg holen“. Im Gegenteil: Seit vielen Jahren bringen sie jetzt etwas in den Berg ­hinein: Besucher und Touristen.

Traditionelle Mettenschicht

Historisches Foto von Hüttenarbeitern, die das gewonnene Metall weiterverarbeiten
Historisches Foto von Hüttenarbeitern, die das gewonnene
Metall weiterverarbeiten / Sammlung Kolmschlag

Am besten also, wir steigen einfach mit in den Berg und machen uns in der Tiefe ein eigenes Bild: Sprosse für Sprosse geht es abwärts, 70 Meter den ursprünglich 405 Meter tiefen Schacht vom restaurierten Hut- und Treibehaus hinunter, mit Grubenhelm und -lampe auf dem Kopf, Gummistiefeln an den Füßen und einer dicken Wattejacke über den Alltagskleidern. Denn schmutzig geht es hier unten noch immer zu. Vor allem aber ist es eng: Dort, wo bereits Sprengmittel eingesetzt wurden, um die Stollen in den Berg zu treiben, lässt sich recht bequem vorankommen. An den Stellen aber, wo das Gestein noch mit Schlägel und Eisen geschlagen wurde, helfen nur Seitwärtsgang und ein in Ehrfurcht geneigter Buckel, um nicht stecken zu bleiben.

Dann plötzlich tauchen drei krakelige Strichmännchen im Lichtkegel der Grubenlampe auf. Graffiti? Weit gefehlt! „An dieser Stelle sind drei Bergknappen in bösen Wettern gestorben“, erklärt Schönherr. Just an diesem Ort nimmt auch einmal im Jahr die traditionelle Mettenschicht ihren Anfang – ein uralter bergmännischer Brauch, der sich auf die letzte Schicht vor Heiligabend bezieht. Während in anderen Besucherbergwerken die Mettenschicht touristischen Charakter hat, bleibt die Feier in Schneeberg den Mitarbeitern und Freunden der Bergsicherung vorbehalten.

Hoffnung auf mehr Tourismus

Bergmänner in einer Grube bei Freiberg
Bergmänner in einer Grube bei Freiberg / Sammlung
Kolmschlag © Christoph Busse

Die in traditioneller Form abgehaltene Mettenschicht beginnt mit einer untertägigen Andacht der Steiger und Bergleute. Übertage im Treibehaus wird dann der jährliche Grubenbericht verlesen, der Pfarrer spricht das Mettengebet und natürlich spielt Bretschneiders Musikkorps am Ende wieder das Steigerlied. Dann kommt der gemüt­liche Teil – mit Bergschmaus und Bergbier. Dabei werden mit Sicherheit etliche Grubenfeuer, Wismutfusel und Lauterbacher Tropfen die sangesfreudigen Kehlen hinunterfließen. Und wer es sich verdient hat, der wird an diesem Abend noch über das Arschleder springen – ein festes dreieckiges Lederstück, das sich der ­Bergmann umbindet, um seinen Allerwertesten vor Nässe, Schmutz und sonstigem Ungemach zu schützen. Auch heute noch zeigt der beherzte Sprung die Aufnahme in den Bergmannsstand an – oder dient als Ehrung für Menschen, die sich um die Tradition verdient gemacht haben. Selbst der einstige sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich durfte im „Weißen Hirsch“ schon einmal springen. Was weiter an diesem trinkseligen Abend geschah, darüber schweigt sich Schönherr aus.

Ordentlich gefeiert wurde freilich auch an jenem ersten Samstag im Juli, als das Ergebnis des Weltkulturerbekomitees verkündet wurde. Wie Arsch auf Leder passte es, dass auf dem Gelände der Bergsicherung zugleich der Tag des Bergmanns gefeiert wurde. Nicht nur in Schneeberg, im ganzen Erzgebirge ist die Hoffnung groß, dass der Titel den Tourismus weiter ankurbeln wird. „In den letzten Jahrzehnten ist hier so viel weggebrochen; das Erz­gebirge braucht Touristen“, sagt Schönherr, warnt aber auch davor, die Seele an den Tourismus zu verkaufen. Ein bergmännisches Disneyland brauche niemand. „Wir müssen es so gestalten, dass die Leute nicht nur in der Weihnachtszeit kommen, wenn die Bergbrüderschaften und Bergkapellen ihre großen Aufzüge und Paraden abhalten.“

Alte Berufe werden wieder gebraucht

Eine historische Markierung an einer Steinwand erinnert an den Tod dreier Bergmänner
Eine historische Markierung erinnert an den
Tod dreier Bergmänner / Sammlung Kolmschlag
© Christoph Busse

Aber man kann sie natürlich ver­stehen – die Liebhaber des Weihnachts­landes: Es ist eben ein Gänsehaut­moment, wenn die Knappschaften in Reih und Glied musizierend durch die weihnachtlich geschmückten Straßen ziehen und stolz ihre Uniformen und Habite präsentieren. Das berg- und hüttenmännische Habit nimmt dabei einen besonderen Platz in der Traditionspflege ein: Jedes Revier besaß einst ein eigenes Habit – und das war noch einmal in Arbeits- und Festkleidung unterteilt.

Auf historische Korrektheit wird bei den Paraden besonderer Wert gelegt. Wer es wagt, einen dicken Kapuzenpulli unter der Uniform hervorlugen zu lassen, oder den Regenschirm zum Gruße schwingt, kann mit verständnislosem Kopfschütteln rechnen. Und dann gibt es noch jene Paradenteilnehmer, die ihre Uniform gern etwas „aufpimpen“: „Bei dem einen oder anderen hängt ein bisschen mehr Gold mit dran, als historisch verbürgt ist“, weiß Bretschneider. Seitdem die sächsischen Bergparaden 2017 als immaterielles Kulturerbe anerkannt wurden, pocht der Landes­verband noch einmal mehr auf die Einhaltung der Paradenordnung.

Dass der Bergbau zunehmend in den Fokus des Tourismus gerät, hat noch einen weiteren Nebeneffekt: Die alten Berufe werden wieder gebraucht – vornehmlich für die Traditionspflege. „Werde Fördermaschinist, Lokfahrer, Anschläger oder Untertage-Führer!“ wirbt ein moderner Flyer im Silberbergwerk Freiberg. Einer, der das kostenfreie Ausbildungsangebot angenommen hat, ist Maximilian Schneider. Der junge Mann studiert an der TU Bergakademie Freiberg Lagerstättenlehre und bildet sich bei der studentischen Grubenwehr fort. Bald wird er zum ersten Mal eine Schülergruppe durch die matschigen Stollen der ehemaligen Silbermine führen. „Ich finde es einfach schön, das aufrechtzuerhalten“, sagt er. Ja, es ist schon etwas paradox im Erzgebirge: Seit 30 Jahren liegt hier der Untertagebergbau brach – und doch ist längst noch nicht Schicht im Schacht.

Fotos: Christoph Busse

Titel Sonderheft ErzgebirgeDies ist ein Artikel aus dem Sachsen-Sonderheft „Erzfreunde“ von Cicero und Monopol.

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