- Das Walross auf der Eisscholle
Bei steigenden Außentemperaturen liegen politische Metaphern nahe, die biotopische Veränderungen beschreiben. Pegelstände sinken, Habitate trocknen aus, Nahrungsketten werden prekär. Erinnert dies nicht an die Verhältnisse im politischen Berlin?
Das Sommerloch gleicht in diesem Jahr einem vulkanischen Schlund. Feuerwalzen in Südeuropa, Hitze-Tsunamis bei fehlender Klimaanlage, obendrein der frappierende Kontrollverlust an den europäischen Außengrenzen. Auch die innere Sicherheit leidet massiv, wenn neuerdings Küchenmesser und Kleintransporter zu Mordwaffen umgewidmet werden. Elektronische Fußfesseln werden nichts daran ändern, dass in so manch religiös verstrahltem Hirn fanatische Gewaltfantasien brodeln.
Verdrehte Welt: Gefährlich zu leben ist nicht mehr das selbstgewählte Los romantischer Abenteurer, sondern bürgerlicher Alltag geworden. Egal, was die linke Pythia orakeln mag, es ist eben nicht normal, sich fremd im eigenen Land zu fühlen. Die dauerhafte Überstrapazierung der Gesellschaft in ihren sensibelsten Bereichen ist nur noch als zivilisatorische Auflösungstendenz zu begreifen. Die naiven Fehler der Migrationspolitik, so könnte man sagen, kochen jetzt unerbittlich hoch. Die Suppe löffelt die Gesellschaft aus – und verbrennt sich dabei die Zunge.
Das Ende von Normalität
Momentan wird der Begriff der gesellschaftlichen Normalität neu ausbuchstabiert. Ein Verrutschen ins Extreme ist unübersehbar. Ein paar Momentaufnahmen: Normal sind Ganzkörpertattoos, synthetische Drogen, Polyamorie und Genderfluidität; abnorm sind bürgerliche Umgangsformen, ironische Selbstreflexion und geistige Distanz. Normal sind Analphabetismus, Bildungsabbrüche und der Empfang von generationsübergreifenden Transferleistungen; abnorm sind Eigeninitiative, Sublimation und Frustrationstoleranz. Ein Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell, das im Grundsätzlichen auf transparenter Leistung und angemessener Gratifikation fußt, erweist sich immer mehr als porös und illusionär. Soziale Marktwirtschaft ist womöglich ein Konzept der goldenen Vergangenheit, das längst von der Realität unterspült wird.
Der grundlegende Gedanke solidarischer Fairness jedenfalls ist vollständig verloren gegangen. Viele Menschen können von dem Erlös ihrer Arbeit nicht mehr existieren. Andere wiederum müssen erst ihren Vermögensberater konsultieren, um sich einen Überblick über ihre Einkünfte zu verschaffen. Nicht alle quittieren das Auseinanderdriften der Gesellschaft mit einem Achselzucken. Angesichts der umfassenden gesellschaftlichen Transformation ist es wenig überraschend, dass auch die weltanschauliche Orientierungsfunktion von Kirchen und Gewerkschaften bis zur Unkenntlichkeit verblasst. Auch diese ideologischen Großformationen, manche davon vielfach und tief diskreditiert, haben den Zenit ihrer Gestaltungsmöglichkeiten überschritten. Doch was ist eigentlich aus der politischen und gesellschaftlichen Mitte, dem liberal-konservativen Lager, geworden?
Nicht alle können gewinnen
Die bürgerliche Mitte, einstmals Garant einer breiten Machtbasis, von der Helmut Kohl und Angela Merkel gleichermaßen profitierten, ist vom politischen Klimawandel im besonderen Maße betroffen. Sie welkt dahin, nicht nur in Deutschland, und ein Ende dieser Entwicklung ist gar nicht abzusehen. Der politische Fußabdruck von gemäßigt-konservativen und liberalen Parteien bildet heute bestenfalls noch ein Viertel der Wahlbevölkerung ab. Soziologen dürften über den Befund wenig überrascht sein. Liberal und konservativ zu sein ist sowohl eine ideologische als auch eine ökonomische Zuschreibung.
Direkt gesagt: Ein Viertel der Bevölkerung sieht sich selbst in Krisenzeiten auf der wirtschaftlichen und moralischen Gewinnerseite und hat keinerlei Anlass, an den eigenen politischen Präferenzen zu zweifeln, solange nur der Spitzensteuersatz langsamer steigt als die eigenen Vermögenszuwächse. Man ist unerschütterlich davon überzeugt, dass Marktliberalisierung und Privatisierung der Königsweg aus der Krise seien, mit ständigem Verweis auf argentinische Verhältnisse, deren neofeudale Tendenzen tunlichst übersehen oder, besser gesagt, verschwiegen werden.
Radikale Vertreter dieser Wählergruppe halten auch hierzulande die Kettensäge für ein angemessenes politisches Instrument. Zum bevorzugten Wortschatz gehört zudem das Zauberwort des „hidden champion“. Deutschlands Wunderwaffe sei der innovative Mittelstand mit seiner weltweit unnachahmlichen Ingenuität. Dabei ist es gerade dieser Mittelstand, der aus einer Mischung aus Überregulierung, Selbstzufriedenheit und Saturiertheit sich selbst stranguliert. Bitte aufwachen: Die ökonomische Herzkammer schlägt nicht mehr in Europa, sondern in Fernost.
Wer hat diesen sozialrassistischen Ton gesetzt?
Für die Organisation politischer Mehrheiten genügt es also nicht mehr, auf eine ökonomisch privilegierte Minderheit zu setzen oder den ominösen Begriff der deutschen Leitkultur als zerlöchertes politisches Banner vor sich herzutragen. Globalisierung, Freizügigkeit und Marktliberalisierung haben über die vergangenen Jahrzehnte eben nicht nur Gewinner produziert, sondern auch jede Menge Verlierer. Das Industrieproletariat? Evaporiert. Ladenbesitzer, Freelancer, Taxifahrer? Insolvenzgefährdet. Das Dienstleistungspersonal in Krankenhäusern, Hotels, Gastronomie und Facility Management (vulgo: Putzkolonnen) wurde schon lange zu Arbeitsparias degradiert, zumal nicht ehrlicher Schweiß und behaarte Achselhöhlen, sondern Eau de Parfum und Ganzkörperepilation als erstrebenswerte ästhetische Attribute gelten
Wer hat diesen sozialrassistischen Ton gesetzt? Richtig, die gleichen konservativ-liberalen fünfundzwanzig Prozent, die auch in Werbung und Mediendiskursen (gibt es da eigentlich einen strukturellen Unterschied?) überrepräsentiert sind. Die kulturelle Hegemonie der Mitte wird heute aufgesprengt, ihre ästhetischen Ideale, moralischen Prämissen und gesellschaftlichen Grundannahmen werden eben nicht mehr fraglos hingenommen. Nun könnte man getrost hinzufügen: zum Glück! – wären die politischen und sozialen Alternativen nicht so zweifelhaft.
Das Ziel der Liberalisierung privater Lebensverhältnisse
Paradoxerweise ist die liberal-konservative Mitte das Opfer ihres eigenen Erfolges geworden. Das Ziel der Liberalisierung und Individualisierung privater Lebensverhältnisse ist in einem Maße erreicht worden, dass sich kaum mehr überbieten lässt. Eine grundlegend andere Wirtschaftsform als die des globalen Kapitalismus wird von niemandem ernsthaft erstrebt, allenfalls streitet man sich hierzulande über die Höhe der Sozialabgaben oder den Beitragssatz zur Gesundheitsversorgung.
Das sind Debatten auf Mikroebene, weit davon entfernt, das System als solches herauszufordern. Im schlimmsten Fall wird, wie bereits geschehen, die Staatsverschuldung erhöht, um die Systemwidersprüche zu überdecken. Was in Frankreich, Italien und Japan geräuschlos funktioniert, wird auch in Deutschland nicht zum Staatsbankrott führen. Ein wenig Zweckoptimismus darf man sich diesbezüglich schon bewahren.
Davon abgesehen sind die Aussichten für die bürgerlichen fünfundzwanzig Prozent recht ungemütlich. Die liberal-konservative Mitte der Gesellschaft gleicht dem Walross auf einer schwimmenden Eisscholle, die von Killerwalen umkreist wird. Je rascher die Scholle dahinschmilzt, desto ungewisser wird das politische Überleben. Eine rettende Küstenlinie ist nicht in Sicht. Angst regiert. Wer nicht mit den Haien das Schwimmen lernt, wird die Macht verlieren.
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Die Grenzöffnung durch Merkel und die Kettensäge von Milei seien also die Mitte und die Liberal-Konservativen, die einfach ein Weiter-so wollen, oder noch mehr Kapitalismus?
Verwirrt.
Merkel war nicht liberalkonserativ. Merkel war nicht Kettensäge. Die 25% Mitte, die sich in den Talkshows festklammert, ist nicht Kettensäge und nicht liberalkonservativ. Und unsere Problem besteht gewiss nicht darin, dass hier zuviel Kapitalismus herrscht.
Was für ein verwirrter Artikel.
100 % d'accord. Selten so etwas Wirres gelesen.
Ich habe die Kommentare erst nach dem Artikel gelesen. 🙈🙈🙈
Beste Grüße ins Weimaer Land
Nach meinem Verständnis sind neofeudale Tendenzen in Argentinien nicht mit einer Marktliberalisierung und nur bedingt mit Privatisierungen verbunden. Ich hätte gedacht, dass der Neofeudalismus eher mit den sozialistischen Tendenzen in Argentinien verbunden ist: einige Familien teilen sich die "No-Brainer" Teile der Wirtschaft, die sichere Gewinne, abgeschirmt vom Weltmarkt, versprechen nach Sektoren und Provinzen auf. Das ist aber keine echte Privatisierung, weil diese Familien quasi der Staat sind, dafür auch durchaus großzügig unnütze Jobs (nützliche Jobs können sie nicht schaffen), Land, Häusleinsiedlungen etc. verteilen. Mit einer Marktliberalisierung hat es schon gar nichts zu tun. Milei mag richtig liegen oder nicht, aber dieses neofeudale System waren die Jahrzehnte vor Milei?
Das wäre zumindest mein Verständnis, aber vielleicht liegen ich damit auch ganz falsch?
Na ja, das der Globale Kapitalismus von niemanden mehr in Frage gestellt wird ist eine starke These. Es gibt ja wohl noch genügend Leute die sich fragen wie lange der Kapitalmarkt sich so exzessiv von der Realwirtschaft abkoppeln kann.
Ich denke diese Fass wird auch mal wieder aufgemacht werden müssen. Wenn nicht, wird die Bevölkerung in letzter Instanz verwaltet von ein paar " Globalen Kapitalisten". Und ja etwas wirr kommt mir der Artikel auch vor. Kann aber auch an meinem Intellekt liegen.
"Wenn nicht, wird die Bevölkerung in letzter Instanz verwaltet von ein paar "globalen KI-Kapitalisten". - muss es korrigiert heißen... ..., mE. /😉
Ja, KI wird ja als Werkzeug dienen. Spannend find ich momentan wie in Asien speziell China sich da gerade aufstellt. Prof. Yu Bin hat das letztens so formuliert. "Finanzmärkte dürfen wachsen, Investitionen lenken und Innovationen belohnen. Von ihnen wird jedoch erwartet, dass sie den öffentlichen Zielen untergeordnet bleiben."
