Buchtipp: „Replay“ - Spiel’s noch einmal, Implantat

Auf einmal wollen alle diesen Chip im Hirn haben: In Benjamin Steins „Replay“ können sich Menschen dank Implantaten in fremde Träume begeben – ein Science-Fiction-Roman, der erschreckend realitsnah an Klassiker von Huxley und Orwell erinnert

Benjamin Stein,Replay
(C.H. Beck) Von Hirn-Chips und fremden Träumen

Wer heute Huxley, Orwell oder Bradbury liest, die großen dunklen Visionen von gesellschaftlicher Kontrolle in der Literatur des 20. Jahrhunderts, der staunt, wie nah wir ihnen inzwischen gekommen sind. In Benjamin Steins drittem Roman „Replay“ geht es nun um die digitale Überlagerung der Realität, wenn auch nicht ausschließlich. In Harvard hat ein Mann namens Ed Rosen den Brückenschlag zwischen organischem Nervengewebe und anorganischen, nervenähnlich arbeitenden Systemen erforscht. Der Firmengründer Matana, dem er sich im Silicon Valley als einfacher Codierknecht andient, kennt diese Arbeiten, und Rosens rechtes Auge, das von Geburt an nach außen starrt, hat es ihm angetan. Rosen soll seine Forschungen fortsetzen, und er soll als sein eigener Testpatient den Prototyp einer Sehprothese implantiert bekommen, deren elektronische Transmitter mit dem Nervengewebe vernetzt werden.

Die ersten Erfahrungen sind ermutigend, nur die fortwährende Anwesenheit von Ärzten und Personenschützern stört. Also wird eine Brille mit Sender gebaut, die Rosens Daten an die Mediziner funkt. Die weiteren technischen Entwicklungsschritte sind folgerichtig wie folgenreich: Die Brille wird von Modell zu Modell kleiner, bis der Sender ganz ins Implantat wandert und überdies zum Empfänger wird. Mit einem Folgemodell kann sich der Träger schließlich auch Träume und Erinnerungen anderer einspielen – oder sie eingespielt bekommen.

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Alle reißen sich um dieses „UniCom“. Wer etwas auf sich hält, den erkennt man am Pulsieren der blauen Indikatoren an den Schläfen. Und wer nicht ganz aus der Technologiebranche verschwinden will, kooperiert: Längst sind Mark Zuckerberg und Steve Jobs (der im Roman noch lebt) ins Projekt eingestiegen, siebzig Prozent der Amerikaner haben sich ein Gerät implantieren lassen; wer es nicht tut, macht sich verdächtig. Mit seinen Möglichkeiten zur Überwachung und Beeinflussung ist das Unternehmen zur zentralen Kontrollinstanz des Landes und Ed Rosen zum Minister für Kommunikation und Bürgerbeziehungen geworden.

Als gelernter Informatiker geht Benjamin Stein unaufgeregt mit den technischen Grundlagen seiner Geschichte um. Die Zukunftsvision aber nutzt er lediglich als Folie, um über Gefühle zu schreiben: über Herausforderungen und Grenzüberschreitung, über Gewissensbisse und Zynismus. Und über die Liebe, schließlich werden die Einsatzmöglichkeiten des Geräts auch mit erotischer Phantasie erprobt. Wenn dem Leser klar wird, dass der Unterschied zwischen Tagtraum, Halluzination und Manipulation verschwimmt, ist er schon tief in das Spiel mit eigentümlichen Wahrnehmungen verstrickt. Wir können von Glück sagen, dass unsere digitale Realität noch nicht ganz auf dem Stand von „Replay“ ist.­

Benjamin Stein: Replay. Roman
C.H. Beck, München 2012
176 Seiten, 17,95 Euro

 

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