„Bella figura“ an der Berliner Schaubühne - Abort und Unort

Bürgerliche Selbstberuhigungsware an der Berliner Schaubühne: Das neue Stück „Bella figura“ von Yasmina Reza liefert amüsante Episoden aus der Paar-Hölle, ein Nichts von Handlung und eine fabelhafte Nina Hoss. Und sonst?

Pflicht zum Ausrasten: Nina Hoss spielt in „Bella figura“. Darsteller: Renato Schuch, Lore Stefanek, Nina Hoss, Mark Waschke, Stephanie Eidt (v.l.n.r.)
Arno Declair/Schaubühne

Autoreninfo

Alexander Kissler ist Redakteur im Berliner Büro der NZZ. Zuvor war er Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ und „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“.

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Gibt es eigentlich ein Berliner Äquivalent für den herrlichen bayrischen Ausdruck von der „gmahd’n Wies’n“, der gemähten Wiese, dem sicheren Erfolg? Wäre es vielleicht „‘ne Currywurst am Checkpoint Charlie“ oder „Botox in Mitte“? Im Fall, von dem hier die Rede ist, war das Heu in der Scheune, ehe es geerntet ward. Sämtliche „Bella Figura“-Vorstellungen dieser Spielzeit sind bereits ausverkauft. C’est bon, kann man da nur sagen, Chapeau, Chapeau, liebe Schaubühne am Kurfürstendamm, da habt ihr alles richtig gemacht. Die gewiss nicht kleine Investition in ein Auftragswerk der famosen Komödiendichterin Yasmina Reza ist gut angelegtes Geld. Und die Besetzung mit Nina Hoss und Mark Waschke in den Hauptrollen garantiert großen Schauwert. Da konnte nichts schief gehen. Oder etwa doch?
Es ist wie immer im Reza-Kosmos der hysterischen Männer und nervösen Frauen: Jeder ist auf seine Weise derangiert. Frisurentechnisch, individualpsychologisch und überhaupt. Ein Abglanz will er sein, dieser kleine Kosmos, der großen weiten Welt, in der – um Botho Strauß zu zitieren – nicht alles mit dem Ich und dem Du beginnt, sondern mit dem Paar, „der Menschheitsordnung erstem Element“. Doch während beim subtilen Menschenbeobachter aus der Uckermark, dessen Dramatikerkarriere ebendort, an der Schaubühne, einst begann, das Paar noch in den lächerlichsten Verrenkungen eine paradiesische Gloriole umgibt, ist bei Reza der Weg zurück versperrt. Nur ein Keifen wohnt hier jedem Ende inne, und wer in den vielen Enden es sich einzurichten weiß, der und nur der ist ein Lebenskünstler. Insofern kommt diesen Weihen der oberflächlichste der fünf neuen Reza-Charaktere am nächsten, der Jurist und Leasingexperte Eric Blum (Renato Schuch). Sagt er doch lächelnd wie fast stets in diesen hundert pausenlosen Bühnenminuten: „Man hat die Pflicht, alles zu genießen.“ Selbst den drohenden Bankrott, dem Boris Amette (Mark Waschke) entgegen taumelt.
Er wirkt wie immer, dieser Reza-Kosmos: beruhigend, sehr beruhigend auf den Betrachter. Kein „Charlie Hebdo“ dringt in dieses grundbürgerliche Frankreich ein, keine Banlieue, keine Bildungskatastrophe, kein Islamismus, kein Islamhass und keine Staatsschuldenkrise. Hier regiert die Daseinsbewältigung der saturierten Mittelschicht, die sich zu Mutters Geburtstag Meeresfrüchte und Champagner leisten kann, dann aber doch hochfahrend empört ist, wenn die köstlichen Speisen unverrichteter Dinge abgetragen zu werden drohen. Natürlich ist auch dieser Reza-Abend ein Abend der permanenten Verhinderung, des Aufschiebens jenseits der Frist, die die Figuren sich gesetzt hatten, sodass die Überschrift von „Bella Figura“ lauten könnte: Das Bürgertum als Fermate der Weltgeschichte.
Oder ist das arg philosophisch gedacht und tut dem well made play zu viel der Ehre an, geht dem Programmheft auf den Leim, in dem Dantes „Inferno“ aufgeboten wird als Kulinarikum zweiter Ordnung und mit ihm das Lamento jener „armen Seelen, die ihr Leben lang sich weder Ruhm noch Schmach verdienen konnten“, von Himmel wie Hölle gleichermaßen verstoßen? Shakespeare ist hier fern, kein Macbeth würde je eingelassen in den Reza-Kosmos, kein Bruderpaar Kouachi auch, in dieses ewige Dazwischenreich. Man trinkt zu viel und liebt zu wenig, wie Andrea (Nina Hoss), Boris‘ Geliebte, die bekennt: „Für Genuss in Maßen habe ich kein Talent.“ Ohne ihre Rückkehr zum Alkohol hätte der Abend zwischen Parkplatz, Restaurant und Wasserklosett früher geendet, den ein je vergeblicher Appell zum Aufbruch strukturiert. Immer aber kommt etwas dazwischen, sodass die Akteure auskömmlich Gelegenheit haben, der Metaebene zuzuzwinkern, ein Zwinkern, das bis in die letzte Reihe zu sehen ist: „Hier passt eins nicht zum andern.“ „Dieser Abend bringt mich um.“ „Ich verstehe diesen Abend nicht.“
Der erste Zwischenfall war ein Rückwärtsgang hinein in die Geschichte, ein Zusammenprall mit der kleinen Gesellschaft, die Mutters Geburtstag dort feiert, wohin Boris seine Andrea ausführen wollte, in ein Fischlokal „am Ende der Welt“. Boris lenkt den Wagen unabsichtlich auf Eric und Yvonne und Françoise (Stephanie Eidt) zu. Das Geburtstagskind kommt vor der Stoßstange zum Liegen. Unverletzt ist die alte Dame, Erics Mutter Yvonne (Lore Stefanek), die auf konventionelle Weise schrullig ist und tüttelig zugleich, alzheimerbedroht. Auf den Schreck hin setzen die Fünf sich zusammen im Gastraum in Meeresnähe, und das Erschrecken wächst. Françoise ist nicht nur Erics Frau, sondern auch gute Freundin von Boris' betrogener Gemahlin. Wird sie dieser berichten, was sie gerade sah, das Techtelmechtel von reizbarem Bankrotteur und alkoholgewöhnter pharmazeutisch-technischer Assistentin?
So nimmt ein Abend zwischen Unort und Abort seinen Lauf. Letzterer ist, wie alles an diesem Theatervergnügen auf Champagner-Niveau, perfekt ausgeleuchtet, perfekt ausgestattet, ein gläserner Kasten mit wasserbetankten sanitären Anlagen aus Keramik, für Notdurft wie Notgeilheit geeignet. Beides wird, wie es sich im Reza-Kosmos gehört, hinreichend deutlich angespielt und hinreichend dezent ausgeführt, das eine wie das andere Körpergeschäft, der Quickie auf der Brille und das kleine Geschäft. Auch dieses Arrangement enthält metaphorisches Deutungspotential; lachen unter seinem Niveau muss niemand hier. Der Mensch ist selbst in seinen basalen Verrichtungen nicht unverstellt, nicht unbeobachtet, will immer machen, was der Titel als Leerstelle markiert, „bella figura“.
Hausherr Thomas Ostermeier inszeniert auf der Drehbühne und mit einem fahrtüchtigen Automobil dieses Nichts von Handlung, als lauere in den Sprechpausen der Abgrund einer Gattung, fliehend vor sich selbst. Mark Waschke bleibt auch in seinen aufbrausenden Momenten ein großer Charmebolzen vor dem Herren, mit Konsonanten-Allergie gesegnet, „was iss’n dabei?“. Nina Hoss hingegen, absolut überzeugend, gibt die Tragödin auf Humortherapie, formuliert selbst als Betrunkene glasklar und präzise. Hier treffen zwei komplett verschiedene Arten des Schauspiels aufeinander. Für Waschke ist die Rolle ein ausgebeulter Trenchcoat, den er so lange trägt, bis er ihm passt. Die Hoss ließ sich die ihre auf den Leib schneidern. Waschke schlurft sich durch den Abend, die Hoss stellt dar. Er ist, sie spielt. Daneben sind Stephanie Eidt und Renato Schuch furchtlose Nach-vorne-Spieler, raumgreifend, extrovertiert, silbenstürmend, mit kehligen Konsonanten aus der Tiefe ihres Baritons die eine, mit sanft schnurrendem Tenor der andere. Megäre trifft Sonnyboy. Dazwischen ist es eine Freude, Dame Stefanek zuzusehen, wie sie einer Boulevardtype reinstens Wassers, der komischen Alten, Grandezza verleiht: „Ihr geht mir alle auf die Nerven!“
Jede Figur darf, wie schon in „Kunst“, wie im „Gott des Gemetzels“, den Weg vom konzilianten Leisetreter zum Choleriker und zurück vollziehen. Hier herrscht die Pflicht zum Ausrasten, unerbittlich geht es von Null auf Hundert: der Mensch, ein Automobil auch er? „Eure ekelhafte Emanzipation!“ „Du bist ein totaler Versager!“ „Man kann sie nirgends mitnehmen, ohne dass es ein Drama gibt!“: So deutlich wie in „Bella figura“ wurde noch in keinem Reza-Stück, dass die Mechanik der Gefühle auf einer stabilen Mechanik der Dramaturgie aufruht, vielleicht sogar deren Effekt ist. Adorno sähe sich in seinem Argwohn bestätigt, dass die Kulturindustrie mit ihren Spaßprodukten eine verlängerte Werkbank ist. Auf laut folgt leise, auf schrill charmant, mit einer antipsychologischen Vorhersehbarkeit, als stünde Sigmar Gabriel an der Stechuhr dieser Pointenfabrik. Darin liegt der wahre Abgrund solcher bürgerlichen Selbstberuhigungsware: dass jedes Extrem sogleich abmoderiert wird.
Ein Abend zwischen Unort und Abort also ist „Bella Figura“ geworden. Sie kommen nicht vom Fleck, die Fünf mit den großen Mündern, ihr Verlangen rotiert leer. Dante muss schließlich her, seine Fama von den „umherirrenden Seelen“, die in den Sternschnuppen uns verglühend grüßen. Der ach so oberflächliche Eric spricht diese finale Wahrheit aus, mit der das Quintett erst einmal gerettet ist vor sich selbst, nicht gerichtet. Eine schöne Pointe dann doch am Ende eines durchschnittlichen Reza-Stückes, dessen Erfolg unaufhaltsam sein wird zwischen Kiel und Konstanz und anderswo: dass man schlicht sein muss, um heiter sein zu können, und dass nur die Heiteren den Blick zu heben verstehen hoch bis ans Firmament, für einen Moment.
Fotos: Arno Declair/Schaubühne

 

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