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(© corazon int./ Pandora Film) Fraktus – die Band ohne Gefühle

Studio Braun als Fraktus - „Bei uns ist Hass Alltag“

Sie sind wieder da – die Fake-Band Fraktus! Cicero Online traf auf streitwütige Musiker einer politischen Band, die bis zum Schluss für den Erhalt der Atomkraft kämpft. Ein Interview mit einer Band, die es nie gegeben hat

1978 gründen Bernd Wand und Dirk Eberhard (kurz „Dickie“) Schubert in ihrem Heimatort Brunsbüttel (den meisten bekannt durch ein Atomkraftwerk) die Band Freakazzé, aus der kurze Zeit später die heute wohl einflussreichste Band der Musikgeschichte "Fraktus" hervor geht. Die selbsternannte "Band ohne Gefühle" revolutioniert das Genre und gilt bis heute als Vorreiter elektronischer Musik. Ende 1983 kommt es schließlich zum Bruch. Ihre bis dato letzte Platte „Automate“ gilt eingefleischten Fraktus-Anhängern als Anbiederung an den Mainstream. Von dem Vorwurf, Fraktus hätten sich an die Industrie verkauft, wird sich die Band nie wieder erholen. Ihren letzten Auftritt haben Fraktus dann im November 1983 in der „Turbine“ in Hamburg. Während des Konzerts kommt es zu einem Kurzschluss, Feuer bricht aus und die Halle brennt bis auf die Grundmauern nieder. Daraufhin löst sich die Band auf. Es wird ganze 25 Jahre dauern, bis Fraktus schließlich wieder zu einander finden.

Die Band

Dickie Schubert: Mit bürgerlichem Namen Rocko Schamoni. "Sänger" von Fraktus. Böse Zungen behaupten, er sei schuld an der Trennung. Nach Auflösung der Band eröffnet er ein Internetcafé mit Backecke und speichert auf seinem PC ca. 8000 Bassdrums – die wohl größte Sammlung dieser Art in Deutschland. (Foto:© Lukas Majka)
 

 

Bernd Wand: Heißt eigentlich Jacques Palminger. Gilt Experten als kreativer Kopf der Band. Baut die Instrumente, die für den fraktustypischen Sound sorgen, in stundenlanger Heimarbeit. Zwischenzeitlich gründet er mit seinen Eltern, einer Optikerdynastie aus Brunsbüttel, die Band Fraktus 2, die hauptsächlich im heimischen Wohnzimmer auftritt. Ihr Motto: freie Musik, freie Malerei, freie Liebe. (Foto:© Lukas Majka)

 

Torsten Bage: Mit bürgerlichem Namen Heinz Strunk, stieß als letzter zur Band. Anfang der 80er trifft er per Zufall auf Schubert und Wand in der Szenediskothek „Bubble“ in Brunsbüttel. Bage, der das Arschgeweih salonfähig machte, zieht es später nach Ibiza. Dort versucht der umtriebige Künstler und alleinerziehende Vater seinem Kind das Spanisch abzugewöhnen. (Foto:© Lukas Majka)

 


Prolog
Berlin. Wir treffen Fraktus im Kreuzberger Club „Monarch“. Abends ist hier die Luft rauchgeschwängert. Kalte Bässe und elektronische Gitarren treiben tanzwütige Szenegänger an. Es ist Nachmittag. Bernd Wand, Dickie Schubert und Torsten Bage wirken müde, gehetzt. Seit Tagen werden die scheuen Genies von einem unbarmherzigen Management von Interview zu Interview getrieben. Die Jahrhundertband ist gefragter denn je. Nach 25 Jahren haben sie erstmals wieder eine CD veröffentlich. Fraktus is back!

Befragt man Musikgrößen wie Jan Delay, Trio oder Blixa Bargeld nach ihren musikalischen Vorbildern, dann fällt immer ein Name: Fraktus. Wer aber hat Fraktus beeinflusst?
Bernd Wand: Das schöne an den 80er Jahren war, dass es keine Vorbilder gab. Deswegen konnte überhaupt nur diese neue Musik entstehen. Wir sind aus einem Experiment entstanden…

Dickie Schubert: … und sind es auch geblieben.

Bernd Wand: Fraktus ist ein einziger Versuchsaufbau, in ewiger Bewegung, ein Perpetuum Musicale sozusagen.

Dickie Schubert: Ja, das ist genau der Begriff: Perpetuum Musicale.

Torsten Bage: Find ich auch gut.

Bernd Wand sichtlich in Stimmung: Ein aus sich selbst heraus generierendes musikalisches Experiment. [gallery:Fraktus – die Band ohne Gefühle]

Es heißt, Sie seien immer schon Ihrer Zeit voraus gewesen. Um wie viele Jahre genau?
Dickie Schubert: Sieben.

Torsten Bage: Sieben bis acht.

Bernd Wand: Stimmt.

Sie haben die Musik nicht nur revolutioniert, sondern neu erfunden.
Bernd Wand: Wir haben das musikalische Wohnzimmer neu eingerichtet.

Torsten Bage: Das sagen die Leute. Wir haben das nie behauptet. Es würde unserer bescheidenen Grundhaltung widersprechen.

Und dennoch ist Fraktus sozusagen die fleischgewordene Avantgarde…
Torsten Bage: … Die Fleischgewordene Metavision im Reich des Endlichen. So kann man das formulieren.

Aber wie bringe ich das jetzt mit dem beschaulich konservativen Brunsbüttel in Dithmarschen zusammen. Dort, wo musikalisch alles begann?
Dickie Schubert: Brunsbüttel ist die City ohne Herz. Und wir sind die Band ohne Gefühle.

Mal eben so zwischen Kohl, Deich, Schaf und Atomkraftwerk die Musikwelt auf den Kopf gestellt?
Torsten Bage: Ja, das ist ein Wunder. Es ist wie ein Wunder gewesen.

Ich kann mir vorstellen, dass es für Genies auf dem Land sicher nicht immer ganz einfach war.
Dickie Schubert: Es gab richtig viel Ärger. Für die Mächtigen dort waren wir noch strahlender als der Meiler.

Seite 2: Fraktus verstehen sich als durch und durch politische Band

Heute hingegen wird Fraktus in Brunsbüttel gefeiert und verehrt. Heute sind Fraktus die berühmtesten Zöglinge der Stadt. Ganze Straßen, Kinder, Kühe und Schafe werden dort nach Ihnen benannt.
Bernd Wand ringt um Fassung: Ich bin auch total gerührt, dass die Leute in Brunsbüttel ihre Kinder immer noch Bernd nennen.

Welchen Einfluss hatte die Öko-/Anti-AKW-Bewegung in dieser Zeit auf die musikalische Sozialisation von Fraktus?
Dickie Schubert: Wir waren dagegen. Gegen die Öko-Bewegung. Wir haben uns sehr stark für Atomkraft eingesetzt. Wir waren ja die erste Band, die nicht unplugged spielen konnte.  Deswegen haben wir immer für den Meiler gespielt. Die Ökobewegung war traditionell gegen uns. Bis heute. Für Claudia von den Grünen sind wir nach wie vor ein rotes Tuch.

Die Texte von Fraktus sind durchzogen von subtiler bis progressiver Gesellschaftskritik. Es sind von Grund auf politische Stücke.  Man denke nur an „Find den Fuchs“ oder „Affe sucht Liebe“…
Dickie Schubert: …Wir verstehen uns auch heute noch als rein politische Band. Ich habe diese ganzen Texte geschrieben, die Akkorde, die Musik…

Torsten Bage: …Quatsch, musikalisch hast du überhaupt keinen Beitrag geleistet. Unter die zwei dödeligen Texte da kannst du gerne dein Hans-Ulrich drunter wiedeln, aber sonst…

Dickie Schubert: …Fakt ist, ich habe quasi den Inhalt generiert und du hast höchstens den Teewagen geliefert, um den Inhalt in den Salon zu fahren. Um das mal so zu formulieren. Und Bernd hat, wenn man so will, das ganze musikalisch …

Torsten Bage: …eingeäschert

Dickie Schubert:… mit Instrumenten versehen, die dem Ganzen wenigstens noch ein Gesicht geben.

Torsten Bage: Von wegen Teewagen. Teewagen ohne Gebäck. Da war nichts drauf auf deinem Teewagen. Da musste ich erst mal eine Samttorte backen.

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Sogar die Instrumente sind Marke Eigenbau. Bernd Wand erfand Rodelius, den elektrischen Dudelsack oder die berühmte Lichtmangel, eine umfunktionierte Wäschemangel.
Bernd Wand: Auch da bin ich ein Kind der 80er. Mein Motto: Experiment ohne Ende. Teilweise sind Sachen entstanden, die könnt ich heute gar nicht mehr erklären.

Handgemachte Instrumente für handgemachte Musik. Ein Statement gegen die Synthetisierung der Musik?
Bernd Wand: Wenn überhaupt dann gegen die Homogenität, die sich in allen Bereichen breitmacht, die Gleichschaltung der musikalischen Ausdrucksweisen. Dagegen sind wir.

Dickie Schubert: Aber natürlich haben wir mit der elektronischen Musik auch versucht, gegen die Synthetik der Musik anzugehen. Gegen diese ganzen neuen kalten Untergangsinstrumente.

Vor 25 Jahren ist Fraktus dann plötzlich von der Bildfläche verschwunden. Was war passiert? Es heißt auch, Dickie Schubert sei der Erfolg zu Kopf gestiegen.
Dickie Schubert: Dass ich Schuld gewesen sein soll, wurde von einigen Leuten bewusst lanciert.

Torsten Bage: Naja, über deine musikalischen Nachfolgeprojekte ist gemeinhin bekannt, was daraus geworden ist: Das Faxkaffee „Pustekuchen“ wurde absorbiert vom Surf und Schlurf Internetcafé.

Dickie Schubert: Ha! Wenn ich in meinem Internetkaffee einen Song von mir online stelle, können sich das potentiell ungefähr 7000 Millionen Menschen ansehen.

Torsten Bage: Und wie viele nehmen das Angebot wahr? Fragezeichen.

Bernd Wand: Naja, bei Facebook zum Beispiel, da gibt es doch dieses Daumenhochzeichen. Tierisch viele Leute  haben das gemacht.

Torsten Bage: Wie viele? Dreißig? Vierzig?

Dickie Schubert schweigt, schaut betroffen zu Boden.

Seite 3: Fraktus beschimpft das Publikum

Sie haben aber dann den Schritt zurück ins „normale“ Leben erstaunlich gut gemeistert und ganz klassische bürgerliche Karrierewege eingeschlagen: Bernd arbeitet im Optikergeschäft der Eltern, Dickie betreibt ein Internetcafé mit Backstube und Torsten besitzt ein Tonstudio auf Ibiza. Und dennoch das Comeback? Warum?
Dickie Schubert systemkritisch: Wir wollten zeigen, dass die Leute, die diesen unsäglichen Film über uns gemacht haben, nicht Recht haben. Gegen dieses Machwerk wollen wir angehen.

Draußen fährt ein Krankenwagen vorbei. Sirenen sind  zu hören. Dickie Schubert hört gespannt hin, ist plötzlich wie gefangen.

Dickie Schubert: Das ist ein Sound mit dem könnt‘ ich arbeiten. Wenn ich heute Musik machen würde, dann wäre das mein Sound!

Bernd Wand: Nicht mehr lange, dann kommt genauso ein Wagen, um dich abzuholen.

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Der erste Auftritt nach 25 Jahren Bühnenabstinenz vor großem Publikum ging dann gründlich daneben. Auf dem Meltfestival flogen Gegenstände auf die Bühne, der Auftritt endete mit wüster Publikumsbeschimpfung.
Bernd Wand: Die waren nicht gegen uns. Die sind aufgewiegelt worden von einer einzigen Person. Ein schlechtgelaunter Typ, der vermutlich mit dem falschen Bein aufgestanden ist. Der hat die Massen dann quasi von hinten agitiert.

Torsten Bage aufgebracht: Die Dokumentationsfilmer haben die Reaktion der Zuschauer auf das sehr sehr schlechte Deichkind-Konzert mit unserer Bühnenperformance  verschnitten, so dass ein völlig falscher Eindruck entstand.

Dickie Schubert: In Wahrheit haben uns die Leute vor Begeisterung ganz viele kleine Geschenke und Getränke zugeworfen. Aber nicht aus Hass. Außerdem: Die wenigsten wissen, dass an diesem Abend Barzinol versprüht wurde. Ein Gas, das total aggressiv macht.

Bernd Wand: Ja.

Aber ich nehme an, dass Publikumsbeschimpfung selbst in den 80ern nicht gut ankam.
Bernd Wand: Die Leute können uns ruhig hassen. Hass gegen Hass, das ist auch 80er.

Dickie Schubert: Und kein Gefühl dabei, bei dem ganzen Hass, kein Quäntchen Gefühl.

Sie sind also nicht, wie einige sagen, aus der Zeit Gefallene?
Bernd Wand: Nein. Heute ist alles so weichgespült. Da ist kaum jemand mehr, der es aushalten kann, einen Raum zu betreten, in dem es nur Hass gibt. Bei uns ist das Alltag.

Dickie Schubert: Früher war ja Hass das erste Werkzeug in der Familie. Wenn du nach Hause gekommen bist, dann saßen da erst mal drei Leute, die dich gehasst haben.

Hass als verbindendes Element?
Dickie Schubert: Klar. Es ist bei uns ja auch so, dass man einige Leute in der Band weniger mag als andere.

Bernd Wand: Dass man aber trotzdem zusammenhält, bis zum Schluss, ist klar. Das verstehen die meisten Leute nicht. Die denken, dass Hass und Abneigung negativ besetzt sind.

Auf Tour sind Sie jetzt aber ständig zusammen. Wie lässt es sich da vermeiden, dass aus Hass plötzlich Liebe wird?
Dickie Schubert: Getrennte Tourbusse.

Aha. Und vielleicht auch getrennte Konzerte?
Bernd Wand: Eigentlich wäre das die Konsequenz. Wir haben auch schon über getrennte Boxen nachgedacht.  Bernd und ich nur auf der einen Box und Thorsten mit seiner Schlumpfflöte auf der anderen.

Torsten Bage schüttelt den Kopf steht auf und geht. Er bricht das Interview ab.

Dickie Schubert: Das Problem erübrigt sich womöglich gerade von selbst. Wir brauchen in dieser Band eigentlich keine drei Leute. Die Halle hat ja eine viel bessere Aufteilung, wenn wir ein Konzert zu zweit spielen. Und die alberne Schlumpfflöte ist endlich draußen.

Und der Name bleibt?
Bernd Wand blitzschnell: Nee. Vielleicht sollten wir uns dann wieder  Freakazzé nennen.

Dickie Schubert: Klingt gut.

Bernd Wand: Ich mach‘ Fraktus 2 ja schon mit meinen Eltern.

Und wann geht es wahrhaftig zurück zu den Wurzeln. Wann gibt es das erste Konzert, dort, wo alles begann – in Brunsbüttel?
Bernd Wand: Überall dort, wo der Film in den Kinos läuft, gibt es ein Gegenkonzert. Und wenn er in Brunsbüttel gezeigt wird, dann werden wir da auch spielen.

Dickie Schubert: Wir wollen in Deutschland vor jedem Meiler spielen, um ein Zeichen für die letzten Kraftwerke zu setzen. Denn bald, meine liebe Freunde in Deutschland da draußen, wird es sie nicht mehr geben. Deswegen werden wir uns direkt an die Atomkraftwerke stöpseln und draußen vor den Meilern spielen. So können die Leute ihren Strom mal direkt umgewandelt als Musik hören.

Also, rettet die Kraftwerke?
Dickie Schubert: Ja, rettet Kraftwerk.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Timo Stein
 

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