„Bares für Rares“ im ZDF - Lieber den Drachen im Schrank als zu viel Bares auf der Bank

Das ZDF hat mit „Bares für Rares“ einen Dauerbrenner im Programm. Gestern Abend erinnerte die Sendung aber eher an eine Tombola, bei der alle Teilnehmer den Hauptgewinn gezogen hatten. Flüchten die Händler angesichts der Coronakrise in Sachwerte?

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Tempelgarnitur auf Schloss Drachenburg / Screenshot ZDF

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Frank Lübberding ist freier Journalist und Autor.

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Natürlich kann man sich die Überraschung der Tochter vorstellen, wenn Mutti plötzlich in ihrem Wohnzimmer eine chinesische Tempelgarnitur aus der Zeit der Qing-Dynastie stehen hat. Genaueres erfährt sie zu Lebzeiten nicht, aber dafür findet sie nach dem Tod der Mutter in deren Nachlass die Rechnung eines Antiquitätenhändlers: Mutti hatte 14.000 Euro für diese Garnitur aus der Zeit der letzten chinesischen Kaiserdynastie bezahlt.

Welche Reaktion diese Erkenntnis bei der Tochter ausgelöst hatte, ist leider nicht überliefert. Genauso wenig, ob diese nicht unerhebliche Summe das Vertrauen der Tochter in die Zunft der Antiquitätenhändler gestärkt haben könnte. Dafür kam die Tochter auf die Idee, die Tempelgarnitur bei „Bares für Rares“ anzubieten, wo sie uns Zuschauern über den Hintergrund dieser Erbschaft erzählte.

Wie ein orientalischer Basar

Die Show von Horst Lichter hat sich seit der Erstausstrahlung im Jahr 2013 zum ZDF-Dauerbrenner entwickelt. ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler hatte anlässlich der tausendsten Ausgabe am 15. Mai diesen Jahres die passenden Worte gefunden. Die Sendung stehe „für eine beispiellose Erfolgsgeschichte“ und zeige, „wie sich kontinuierliche Formatarbeit lohnt.“

Es handelt sich hier um einen Flohmarkt mit Unterhaltungselementen. Ein Experte begutachtet die Preziosen jeglicher Art, anschließend werden sie mehreren Händlern zum Kauf angeboten. Der Zuschauer fiebert mit, erinnert ihn das doch wahrscheinlich an einen orientalischen Basar. So lockt die tägliche Ausgabe durchschnittlich 2,74 Millionen Zuschauer vor dem Bildschirm. Viermal im Jahr wagt sich das ZDF mit einer 90-Minuten-Ausgabe in die Primetime um 20:15 Uhr.

Handel auf Schloss Drachenburg

In Corona-Zeiten mit Abstand und Einhaltung der bekannten Hygieneregeln, und natürlich ohne Publikum. Gestern Abend lieferte Schloss Drachenburg in Königswinter die nostalgische Kulisse für dieses anthropologische Phänomen des Handels. Der lebt bekanntlich von der Differenz zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis. Das machte ihn bei manchen Kapitalismuskritikern bisweilen verdächtig, aber das war auf Schloss Drachenburg nicht zu befürchten.

Die dort anwesenden Händler agierten wie Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) bei der aktuellen Haushaltsaufstellung: Geld spielte keine Rolle, es ist genug für alle da. Sie überschlugen sich vor Begeisterung etwa über die Tempelgarnitur: So etwa Schönes habe er „schon lange nicht gesehen“, ließ einer der sechs verlauten. Seine Konkurrentin wollte sie „jetzt haben“, was bei solchen Geschäften für einen Käufer eine doch eher ungewöhnliche Perspektive zu sein scheint.

Trübe Zeiten, große Pläne

So ging das gute Stück aus der Qing-Dynastie für 13.000 Euro an die Frau. Der Experte hatte den Wert vorher allerdings zwischen 9.000 und 12.000 Euro taxiert. Die Verkäuferin strahlte mit ihrem Ehemann angesichts dieser wohl nicht erwarteten Großzügigkeit um die Wette. So ging es bei fast allen sechs Auktionen. Ein in den 1950er Jahren zum Ring umgearbeitetes Trauer-Medaillon aus dem viktorianischen England brachte es statt der von der Expertin geschätzten 3.500 Euro auf den stolzen Preis von 5.700 Euro.

Die Verkäuferin konnte „gar nicht fassen, was da gerade abgelaufen“ war. Sie wolle den Erlös nutzen, um mit ihrer Tochter Disneyworld in Orlanda zu besuchen. Angesichts der derzeitigen Umstände ein ambitioniertes Vorhaben: Florida gehört aktuell zu den von der Pandemie am meisten betroffenen Bundesstaaten in den Vereinigten Staaten. Aber in diesen trüben Zeiten sind solche Pläne fast schon als Hoffnung auf eine Rückkehr zur Normalität zu werten.

Erwartungen weit übertroffen

So hatten die Händler ihre Spendierhosen an, die eine Zuschauerin aus Rostock nach dem Verkauf ihres Gemäldes so kommentierte: „Das war phantastisch. Toll! Die haben sich hochgeschaukelt.“ Entsprechend ging die Brosche zweier Brüder an einen gut aufgelegten Händler. Selbst eine banale Kuriosität aus dem Zimmermannsgewerbe fand ihren Abnehmer, der die Erwartungen der Verkäufer weit übertraf.

Diese machten anschließend deutlich, was sie mit dem unerwarteten Geldsagen anzustellen gedachten: Es „auf den Kopf zu hauen.“ Ein Moped der Marke „Zweirad Union“ aus dem Jahr 1961 fand dagegen zumeist höfliches Desinteresse, einer erbarmte sich aber doch: Er kaufte es zu einem Liebhaberpreis, wobei der Händler ein geschäftliches Interesse an dieser Transaktion noch nicht einmal vorzutäuschen versuchte.

Nicht wie im wirklichen Leben

Wie ein enthusiastischer Fan altertümlicher Mokicks mit dem schönen Namen „Blechbanane“ wirkte der Käufer allerdings auch nicht. Schließlich fand noch ein schönes Zuckerdöschen aus Meißen seinen Interessenten. Das konnte zwar nicht ganz den vom Experten taxierten Preis erzielen. Dafür übertraf es die Erwartungen der Verkäuferin: Statt die von ihr gewünschten 200 Euro nahm sie schließlich 1850 Euro mit nach Hause.

Allerdings kam bei dieser Zuckerdose vorher niemand auf die Idee, die Marke zu recherchieren. Insofern konnte die Verkäuferin froh sein, bei „Bares für Rares“ gelandet zu sein: Im wirklichen Leben sind wohl nicht alle Zeitgenossen so großzügig, wie die Antiquitätenhändler bei Horst Lichter.

Tombola auf einem Wohltätigkeitsball

So durfte in dieser Ausgabe im Schloss Drachenburg natürlich der obligatorische Stargast nicht fehlen. Es traf den früheren Skistar Felix Neureuther. Beim Stöbern fand er offenbar eine Marmorskulptur des im Jahr 2017 verstorbenen Bildhauers Christian Peschke. Diese wurde anlässlich der Ski-Weltmeisterschaften in Garmisch-Partenkirchen angefertigt.

Neureuther hing zwar an dieser Skulptur, wie er sagte, durfte sich aber trotzdem über mehr als 2.000 Euro für einen guten Zweck freuen. Das erinnerte an eine Tombola auf einem Wohltätigkeitsball. Dort spendet bekanntlich die Großzügigkeit jenen immateriellen Nutzen, der sich später bei der Pflege geschäftlicher Beziehungen als nützlich erweisen kann.

Unterhaltung und Bildung

Dafür waren alle anderen Auktionen von einem tiefen Idealismus erfüllt, der die Seele jedes Kapitalismuskritikers erwärmen musste. Marxistisch gesprochen war kein Interesse am Tauschwert zu beobachten, allein der Gebrauchswert bestimmte die Perspektive. Der ist bei einer chinesischen Tempelgarnitur im ästhetischen Wert zu finden, wenn man denn einen durch Raucherstäbchen dampfenden Drachen keinen profanen Nutzen zubilligen möchte.

Allein die Käufer ließen bei Horst Lichter ihren pekuniären Interessen Wünschen freien Lauf, so dass sie wie die Gewinner des Hauptgewinns in einer Tombola wirkten. Für die Zuschauer hatte das einen gewissen Unterhaltungswert, gebildet wurde er noch dazu. Wo erfährt er sonst etwas über die Freundschaft des Malers Johann Sperl mit dem berühmten Max Liebermann? Letzterer war jener, der angesichts der marschierenden SA am 30. Januar 1933 gar nicht so viel fressen konnte, wie er kotzen wollte.

Flucht in die Sachwerte

Oder ist die famose Großzügigkeit der an der profanen Gewinnerzielung nicht interessierten Händler als Flucht in die Sachwerte zu interpretieren, die manche Leute in dieser Krise schon längst ausgerufen haben? Lieber einen dampfenden Drachen im Schrank als zu viel Bares auf der Bank, wäre das heimliche Motto. Das wäre immerhin ein Kommentar zur Krise, so könnte man meinen.

Insofern harren wir Zuschauer auf die Fortsetzung dieses Events auf Schloss Drachenburg. Am 19. August möchte „Schlagerstar Vanessa Mai zusammen mit ihrer Schwiegermutter Christa Vogel ein Familienerbstück veräußern“, wie uns das ZDF in seiner Pressemitteilung erläutert. Um uns Zuschauer anschließend auf die Folter zu spannen: „Was werden die Experten zu ihrem Schätzchen sagen?“

Frau Mai wird bestimmt nicht auf die Idee gekommen sein, diese Frage schon vorher zu beantworten. Das wäre schließlich langweilig. Zudem könnte allein schon diese Vorstellung die von ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler erwähnte „kontinuierliche Formatarbeit“ gefährden. Und das will wirklich niemand riskieren, auf Schloss Drachenburg in Königswinter.
 

gabriele bondzio | Do, 23. Juli 2020 - 10:13

als zu viel Bares auf der Bank, wäre das heimliche Motto."...und kein zu Verachtendes. Lieblingssendung meiner 86jährigen Mutter. Die sich auch immer wundert, was mancher Krempel noch so an Geld einbringt. Ein bisschen Bedauern dürfte auch dabei sein, was im Laufe der Jahre so weggeworfen wurde, ohne zu ahnen das es mal diese Wertigkeit einnimmt.
Die Frage, ob im wirklichen Leben andere Zeitgenossen auch so großzügig, wie die Antiquitätenhändler bei Horst Lichter sind, hat sie sich dabei sicher noch nicht gestellt.
Aber wenn sie Spaß daran hat...

Hallo Frau Bondzio!

Ihre Mutter ist 86?
Meine ebenfalls, seit letzter Woche.
Geistig topfit, körperlich etwas angegriffen.
Rheinländer tragen das mit Humor!

Nein, ich habe diesen Artikel nicht gelesen, schaue mir auch nicht diese Sendung an.
Beim ZDF schaltet mein TV selbstständig ab, falls ich nicht den "Zulassen"-Button klicke.
Jedoch lese ich gerne Ihre meist sehr guten Beiträge, weiter so!

Ich habe bei ebay vor etlichen Jahren meine Ritter-Cowboy-Figuren-Sammlung aus der Kindheit angeboten, verkauft.
Ich war von den Socken!

Timpo-Toys, diese kleinen Plastikfiguren (etwa 5cm)
"Ist der Helm des Ritters wirklich blau?" - JA!
853 € für diesen kleinen Ritter! (Käufer aus Frankreich)

Dies und das nach überall.

Die Krönung:
Hausser-Elastolin, das Original!
Eine römische Quadriga sowie eine vierspännige Westernkutsche; TOP-Zustand!

Sie stehen seither in einer Kneipe in Melbourne!
Ein vier-stelliger Betrag!
Unglaublich!

86?
Das werde ich sicherlich nicht erreichen.
2047?
OHA!

Lassen wir es auf uns zukommen, wie alt wir werden. Darüber denke ich kaum nach.
Dank für ihr nettes Kompliment bezüglich meiner Kommentare, ich gebe es gern zurück! Habe schon in der Schule mit Leidenschaft Aufsätze geschrieben. War schon damals eine große Leseratte, was bis heute vorhält. Und es ist doch ganz gut eingerichtet, dass man persönlich seinen Senf, zu geschriebenen Artikeln (mit Zustimmung bzw. Ablehnung), abgeben kann.
Stimuliert die Hirnmasse, der Ärger verfliegt meist und Zustimmung dürfte auch den Autor erfreuen.
Freundliche Grüße und bleiben auch Sie weiter am Ball!