Aussteiger - Urlaub für immer

„Einfachheit heißt, das zu tun, was getan werden muss“: Immer mehr Menschen verwirklichen ihren Traum und suchen den endgültigen Ausstieg aus ihrem beruflichen Alltag. Es geht ihnen um Sinnsuche und ein selbstbestimmtes Leben. Zwei Besuche bei solchen, die es gewagt haben – und nicht bereuen

Fotos: Oliwia Twardowska und David Richard für Cicero

Autoreninfo

Christian Schüle ist Philosoph, freier Autor und Publizist. Seine Essays, Feuilletons und Reportagen erscheinen u.a. in CiceroZeit, mare und im Deutschlandfunk. Foto: Thomas Duffé

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Thomas Duffé

Manchmal braucht der Mensch ein Haarwaschmittel, also stand Cynthia Wells eines Tages vor gefühlt 100 Pflegeprodukten im Regal eines texanischen Supermarkts und wurde von einer plötzlichen Paralyse ereilt. Gelähmt angesichts der Fülle, überwältigt von der Vielfalt der Produkte, wütend vor eigener Hilflosigkeit. Sie nahm die Flaschen einzeln aus dem Regal und las die aufgedruckten Inhaltsstoffe. Minuten vergingen, Stunden, vielleicht verging der ganze Nachmittag. Es war jener Tag im Jahr 2008, da Cynthia endgültig beschloss, ein Leben zurückzulassen, in dem Freiheit immer mehr bedeutete, sich permanent zwischen zahllosen Optionen entscheiden zu müssen und über ein immer aufgeregteres, lärmendes, wichtigtuerisches Leben in die Depression zu geraten. Um es gleich zu sagen: Sie besorgte sich eine Landkarte von Griechenland, schloss die Augen, setzte irgendwo die Zeigefingerspitze auf, packte drei Taschen mit Büchern, verließ ihr Land und machte sich auf den Weg auf die Insel Naxos, äußere Kykladen, Ägäisches Meer – nach der Mythologie das Exil der Ariadne. Und dann war da endlich Stille.

Wie gelingt das gute Leben?

Mit großer Dringlichkeit ist in den vergangenen Jahren der Verunsicherung, Beschleunigung und Entgrenzung die Sehnsucht nach Sinnstiftung ins zeitgenössische Leben zurückgekehrt. Was, fragen offensichtlich zunehmend mehr Menschen in westlichen Wohlstandsgesellschaften, stelle ich mit meinem Leben in den Labyrinthen seiner Fremdbestimmung an? Wie gelingt das gute Leben in Zeiten der Zeitknappheit? Die Suche nach den richtigen Umständen des subjektiven Wohlbefindens beschäftigt immer mehr jener bis zum Einzelkämpfertum individualisierten Globalisierungsbürger, die reihenweise in die Erschöpfung fallen. Deren Körper ausgebrannt, deren Psychen krank sind. Die nicht mehr arbeiten, um gut zu leben, sondern nur noch leben, um zu arbeiten. Aber wofür? Soll und kann man das noch Glück, darf man das noch Eudaimonía nennen, nach Aristoteles das höchste Gut im Leben? Oder leben im Gegenteil jene ein weit glücklicheres Leben, die aus- oder umsteigen und sich der Zeitverdichtung und Verwertungslogik des dauererregten Daseins entziehen?

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