- Würde lässt sich nicht automatisieren
Künstliche Intelligenz stellt immer mehr menschliche Fähigkeiten in den Schatten – und zwingt uns damit zu fragen, worauf der Wert des Menschen eigentlich beruht. Wer ihn nach Leistung, Nutzen und Ersetzbarkeit beurteilt, hat die entscheidende Frage bereits falsch gestellt.
Die Debatte über künstliche Intelligenz betont meist den Aspekt von Funktion und Leistung. In dieser Sprache ist jedes Element ersetzbar, das eine Aufgabe schlechter erfüllt als ein anderes. Für Werkzeuge und Arbeitsprozesse ist das ein plausibler Maßstab. Auf Menschen passt er nicht. Angewandt wird er trotzdem.
Noch vor zwei Jahren war künstliche Intelligenz vor allem ein Generator von Texten, die – formelhaft komponiert und häufig ohne gedankliche Klarheit – meist leicht als etwas Maschinelles zu erkennen waren. Heute nimmt sie Arbeit ab, für die man bisher Fachleute brauchte. Sie recherchiert, übersetzt, programmiert, verarbeitet Bilder, Sprache und Videos, erschließt Zusammenhänge, überarbeitet ihre Antworten und erledigt immer mehr Aufgaben selbständig. Sie ist eine Wandelgestalt: hochbegabte Assistentin, Gelehrte, Orakel. Je nach Blickwinkel eine Macht, die niemand mehr ganz durchschaut. Dieser Fortschritt schafft Tatsachen, die Anlass dazu gaben, Mensch und Maschine nebeneinanderzustellen und zu fragen, wer es besser macht.
Elon Musk hat den Vergleich im Juli 2026 in einem Interview mit dem Economist zugespitzt: Künstliche Intelligenz könne in etwa fünf Jahren die gesamte menschliche Intelligenz zusammengenommen übertreffen. Dann werde es wohl nichts mehr geben, was sie nicht besser könne als der Mensch – außer vielleicht, Mensch zu sein.
Was für eine Ausnahme ist das? Eine Altlast aus einer bereits vergangenen Zeit? Bloß eine Restkompetenz, in der wir vorläufig noch überlegen sind? Man muss nicht pedantisch sein, um zu bemerken, was der scheinbar beiläufig angehängte Nebensatz tut: Er reiht das Menschsein unter die Fähigkeiten ein und macht daraus die letzte Ausnahme in einem Leistungsvergleich.
Schon dieses „vielleicht“ zieht das Menschsein in den Bereich des Wettbewerbs. Das zeigt sich auch darin, wie Musk im selben Gespräch das Verhältnis von künstlicher und menschlicher Intelligenz beschreibt: Es gleiche jenem zwischen Mensch und Schimpanse. Dass die überlegene Spezies das Sagen hat, ist für ihn selbstverständlich. Damit ist der Maßstab gesetzt: Aus größerer Fähigkeit wird ein Anspruch auf Herrschaft.
Dazu passt sein Bild von der Zukunft der Arbeit. Menschen könnten weiterhin tätig sein, aber nur noch aus Freude, quasi wie Hobbygärtner, die eigene Tomaten ziehen, obwohl sie im Supermarkt billiger zu haben sind. Das ist die Fantasie des Silicon Valley, und sie soll vermutlich verlockend klingen: der von der Mühsal der Arbeit befreite Mensch als ein Wesen, das zwar noch etwas tun darf, dessen Tun aber keine Folgen mehr hat.
Vielleicht ist mit „Mensch zu sein“ ja auch etwas Größeres gemeint, jene Idee, die man in Techkreisen „extend consciousness“ und „making life multiplanetary“ nennt. Dahinter steht die Vorstellung, intelligentes Leben sei selten und wertvoll und solle sich deshalb über das Sonnensystem und schließlich über die Sterne ausbreiten. Offen bleibt dabei, wessen Intelligenz gemeint ist: die menschliche, die auf anderen Planeten weiterleben soll, oder eine, die keine Menschen mehr braucht.
Eine dritte Möglichkeit kommt in all dem gar nicht vor: dass Menschsein in keinem Wettbewerb steht, weil es überhaupt keine Fähigkeit ist.
Der Mensch als Vergleichsgröße
Nicht nur Elon Musk, auch andere Autoren beschreiben künstliche Intelligenz als ein System, das die Fähigkeiten des Menschen bei den meisten wirtschaftlich wichtigen Aufgaben übertrifft. Der Mensch wird dabei vor allem als Vergleichsgröße herangezogen, also gemessen an seiner wirtschaftlichen Leistung, seinem Marktwert.
Demis Hassabis von Google Deepmind spricht von „radical abundance“. Radikale Fülle als Ertrag der KI – das klingt beinahe theologisch. Zunächst müsse geklärt werden, wie dieser Überfluss verteilt werde; dann komme die Frage nach Sinn und Zweck. Dafür, sagt Hassabis, brauche es große neue Philosophen, die schon heute mit der Arbeit beginnen müssten.
Der Satz ist ehrlicher als viele andere Zukunftsversprechen der Branche. Doch er trennt Fragen, die zusammengehören. Wie Wohlstand, Arbeit und Entscheidungsmacht verteilt werden, entscheidet auch darüber, welche Rolle Menschen zukünftig spielen und worin sie Sinn finden können. Sinn entsteht nicht erst, nachdem die Verteilung geregelt ist. Er hängt davon ab, ob Menschen an der gemeinsamen Welt noch mitwirken und über ihre Bedingungen mitbestimmen können. Für die technische Entwicklung gibt es Prognosen und Zeitpläne. Die Frage nach der politischen und gesellschaftlichen Ordnung, die dieser Entwicklung Ziel und Maß geben muss, bleibt dagegen offen.
Am ausführlichsten stellt sich Dario Amodei von Anthropic der Frage nach Arbeit und Sinn. In seinem Essay „Machines of Loving Grace“ schreibt er, Sinn habe sich nie allein aus Erwerbsarbeit ergeben. Er entstehe in Beziehungen, in Kreativität, in der Selbsterkundung und im Beitrag zu etwas Größerem.
All das setzt materielle Sicherheit voraus. Mit Erwerbsarbeit konnte man sie bisher in der Regel erlangen: Bezahlte Arbeit verschafft ein Einkommen, strukturiert den Alltag und gibt dem Einzelnen einen Ort unter anderen Menschen. Sie schafft zunächst die materielle Grundlage für ein Leben, in dem auch für anderes Raum bleibt. Fällt die Stelle der Automatisierung zum Opfer, fällt die soziale Teilhabe weg und mit ihr der Zugang zu dem, worauf Amodei verweist: zu Beziehungen, Muße und Selbsterkundung.
Wie und wann die erwarteten Produktivitätsgewinne den Arbeitsmarkt erreichen, lässt Amodeis Essay offen. Sein Hinweis auf Beziehungen und Kreativität verschiebt aber vor allem die Zuständigkeit. Was die Technik leisten soll, beschreibt der Essay konkret mit Prognosen und Jahreszahlen. Wie Einkommen, Anerkennung und gesellschaftliche Teilhabe gesichert werden sollen, wenn menschliche Arbeit an Bedeutung verliert, bleibt dagegen unbestimmt. Die Übergangszeit kann noch Jahre dauern, aber wer sie durchlebt, erfährt sie nicht als verheißungsvoll, sondern als drohenden Bruch in seinem Berufsleben. Die Suche nach Sinn gerät so zur Privatsache, obwohl sie eine der dringlichsten politischen Aufgaben ist.
Selbst die klügsten Köpfe der Branche haben offenbar keine überzeugende Antwort auf die Frage, welche Rolle Menschen in einer Gesellschaftsordnung spielen sollen, in der menschliche Fähigkeiten technisch substituiert, gemessen, verglichen, skaliert und optimiert werden.
Woran es bisher scheiterte
Dabei ist das Versprechen dieser Industrie ein konkretes: mit leistungsfähiger künstlicher Intelligenz Krankheiten schneller zu heilen, Wohlstand zu vermehren, Knappheit zu überwinden und Gesellschaften sicherer und stabiler zu machen. Diese Ziele sind nicht neu. Ihre Umsetzung ist bisher selten allein am Können gescheitert. In der Medizin fehlt tatsächlich Wissen. Dort hilft jede zusätzliche Rechenleistung. Aber dass Emissionen die Atmosphäre aufheizen und dass extreme Ungleichheit Gesellschaften zerreißt, wissen wir seit Langem. Es fehlte nicht an Informationen, sondern an Einigkeit und politischem Willen.
KI kann berechnen, wie sich Emissionen senken lassen. Ob dafür Wohlstand umverteilt, Konsum eingeschränkt oder eine Industrie zurückgebaut wird, ist nicht nur Rechenaufgabe. Es ist eine politische Entscheidung darüber, wer welche Lasten trägt und welche Interessen Vorrang haben.
Die öffentliche Debatte richtet sich dennoch weniger auf diese Entscheidungen als auf die Fähigkeiten der Maschine. Wenn künstliche Intelligenz bald fast alles besser kann als wir, so lautet die Sorge: Wofür werden wir noch bezahlt? Und wozu werden wir überhaupt noch gebraucht?
Die erste Frage gilt dem Arbeitsmarkt und ist ernst genug. Die zweite geht tiefer. Sie unterstellt, der Mensch müsse seine Existenz durch Leistung rechtfertigen.
Natürlich rechtfertigen wir uns ständig durch Leistung, von der ersten Schulnote an. Michael Sandel hat in „The Tyranny of Merit“ beschrieben, wie die Meritokratie nicht nur Positionen verteilt, sondern auch Selbstwert. Wer Erfolg hat, darf sich für dessen Urheber halten. Wer scheitert, hat nicht einfach Pech gehabt, sondern gilt als verantwortlich für das eigene Unglück.
Das ist die gesellschaftliche Realität, nicht das politische Ideal. Denn die Rechtfertigung durch Leistung ist sozial. Sie regelt den Zugang zu Gymnasium, Stelle, Einkommen und Ansehen. Sie sollte nicht darüber entscheiden, ob jemand Rechte besitzt oder in Würde leben kann.
Was als Leistung gilt, verschiebt sich
Leistung wird deshalb nicht wertlos. Aber ihr Inhalt verändert sich. Kopfrechnen, das Lesen von Landkarten oder das systematische Recherchieren in Archiven galten einmal als wichtige Qualifikationen. Sie gehören heute nicht mehr zu den Qualifikationen, die über Beschäftigung oder Entlohnung entscheiden. Künstliche Intelligenz entwertet aber nicht nur. Sie wertet anderes auf. Wird die Ausführung billig, werden Urteil, Verantwortung und Präsenz wertvoll. Wenn eine Maschine Diagnosen vorschlägt, wird nicht nur medizinisches Wissen gebraucht, sondern jemand, der entscheidet, erklärt und Verantwortung übernimmt.
Nur ist keineswegs garantiert, dass diese neuen Kategorien allen offenstehen. Wer darüber entscheidet, wofür ein KI-System eingesetzt wird und welche Ziele es verfolgt, gewinnt an Einfluss. Wer hingegen nur noch die Vorgaben des Systems ausführt, verliert nicht nur Handlungsspielraum, sondern unter Umständen auch Aufgaben, Funktionen und damit seinen Lebensunterhalt. KI könnte damit eine kleine Gruppe von Eigentümern, Entwicklern und Führungskräften weiter aufwerten, während die Arbeit vieler anderer an Bedeutung verliert, schlechter bezahlt und geringer anerkannt wird. Wer im Lager, an der Supermarktkasse oder in der Gebäudereinigung arbeitet, kann seine Tätigkeit nicht als Beitrag zu etwas Größerem erleben.
Die realistische Gefahr besteht darin, dass immer weniger Menschen bestimmen können, welche Arbeit sie leisten und unter welchen Bedingungen sie dies tun. Das führt nicht nur zu Unterbeschäftigung, sinkendem Einkommen und sozialer Entkopplung, sondern kann auch politische Instabilität erzeugen, weil Teilhabe an Arbeit eine wesentliche Integrationsleistung erfüllt. Denn wer seine Arbeit, sein Einkommen und die Bedingungen seiner Teilhabe verliert, verliert nicht nur soziale Sicherheit, sondern auch einen Teil der Selbstachtung, die moderne Gesellschaften mit dem Begriff der Würde schützen wollen. Ob eine Gesellschaft die Würde des Einzelnen achtet, zeigt sich auch daran, ob sie ihm eine Aufgabe ermöglicht, deren Erfüllung notwendig gebraucht wird und von der er leben kann. Wenn sich die Bedingungen dafür drastisch verändern, wird ihre Sicherung zu einer politischen Aufgabe.
Eine der zuverlässigsten Verletzungen des Selbstwertgefühls ist der Verlust von Arbeit ohne Aussicht auf eine neue. Wer aus dem Erwerbsleben fällt, verliert nicht nur Einkommen, sondern Struktur, Zugehörigkeit und die Erfahrung, gebraucht zu werden. Natürlich ist auch Eigenverantwortung gefragt. Die setzt aber Wissen voraus. Die meisten Menschen wissen heute weder, welche Teile ihrer Arbeit in den nächsten Jahren automatisiert werden, noch, welche Fähigkeiten dann zählen, noch, wo sie diese erwerben könnten. Diese Auskunft zu organisieren, ist eine öffentliche Aufgabe – mindestens so wichtig wie die Frage, wer den Strom und das Wasser für die Rechenzentren liefert.
Zweierlei Buchhaltung
Es wird jedoch zu wenig darüber gesprochen, dass die Rahmenbedingungen menschlicher Arbeit ebenso vorausschauend gestaltet werden müssen wie die Infrastruktur für Rechenzentren und Chips.
Die KI-Industrie wächst in rasanter Geschwindigkeit. Die fünf größten amerikanischen Anbieter planen für 2026 Investitionen von rund 700 Milliarden Dollar in Rechenzentren und Infrastruktur – fast eine Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr. Das berichtet unter anderem die Tagesschau, die sich auf Unternehmensangaben und Branchenanalysen bezieht. Bloomberg NEF schätzt die weltweiten Ausgaben der Hyperscaler, also der großen Betreiber von Rechenzentren, auf etwa 750 Milliarden Dollar. Bemerkenswert ist, dass ausgerechnet jene Konzerne, die diese Summen binden, gleichzeitig zu den Unternehmen gehören, die derzeit am meisten Stellen abbauen.
Für die Investitionen in die Menschen, die von diesen Veränderungen betroffen sind, gibt es keine vergleichbare Zahl. Die verfügbaren Prognosen erfassen Betroffene, nicht Mittel. Das Weltwirtschaftsforum erwartet im „Future of Jobs Report“, dass sich bis 2030 vier von zehn Kernkompetenzen verändern werden und dass elf von hundert Erwerbstätigen eine Ausbildung bräuchten, die sie voraussichtlich nicht erhalten – weltweit rund 120 Millionen Menschen. Wie viel für ihre Weiterbildung tatsächlich aufgewendet wird, weiß niemand. Es wird schlicht nicht zusammengezählt.
An Analysen mangelt es dabei nicht. OECD, Internationale Arbeitsorganisation und Internationaler Währungsfonds haben 2026 innerhalb weniger Monate Indizes vorgelegt, die abschätzen, welche Berufe der Automatisierung ausgesetzt sind und wie gut einzelne Volkswirtschaften darauf vorbereitet sind. Woran es mangelt, ist ihre Übersetzung in Politik. Die Studien beschreiben Betroffenheit; sie beantworten nicht, wer die Weiterbildung bezahlt, wer sie organisiert und wie die Produktivitätsgewinne verteilt werden. Für die Investitionsseite gibt es Verantwortliche, Budgets und Quartalsberichte. Für die andere Seite gibt es Berichte.
Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete den hohen Krankenstand als Wettbewerbsnachteil und verwies auf durchschnittlich 14,5 Krankentage im Jahr. Eine Studie des Verbands forschender Arzneimittelhersteller beziffert den Wertschöpfungsausfall der Jahre 2022 bis 2025 auf 60 bis 160 Milliarden Euro, je nach Annahme also 15 bis 42 Milliarden jährlich.
Das ist viel Geld. Die Größenordnung verschiebt sich jedoch, sobald man sie mit den Erwartungen an künstliche Intelligenz vergleicht. IW Consult schätzt in einer von Google beauftragten Studie, die jährliche Bruttowertschöpfung in Deutschland könnte durch generative KI dauerhaft um bis zu 330 Milliarden Euro höher liegen, sofern mindestens die Hälfte der Unternehmen sie einsetzt; in der Fortschreibung vom Februar 2026 ist von insgesamt 440 Milliarden bis 2034 die Rede. Das entspricht dem Acht- bis Zweiundzwanzigfachen des geschätzten jährlichen Ausfalls durch den erhöhten Krankenstand.
Die Zahlen messen nicht dasselbe: hier ein bereits entstandener Verlust, dort ein Modellpotenzial. Beide stammen zudem von interessierter Seite – die eine von einem Verband, der für Prävention wirbt, die andere von einem Auftraggeber, der die Technologie verkauft. Umso auffälliger ist, wie unterschiedlich sie politisch wirken. Krankheitstage erscheinen als Ausfall, der den Beschäftigten zugerechnet und öffentlich problematisiert wird. Der ungleich größere Umbau der Arbeit durch KI erscheint dagegen vor allem als Wachstumsaussicht.
Wem fällt der Gewinn zu?
Damit stellt sich wieder die eigentliche Verteilungsfrage. Künstliche Intelligenz kann die Produktion steigern, während für dieselbe Leistung weniger menschliche Arbeit benötigt wird. Doch wem fällt die zusätzliche Wertschöpfung zu? Zunächst profitieren vor allem jene Unternehmen und Eigentümer, denen die Systeme, Daten und Infrastrukturen gehören. Die Allgemeinheit hat nur dann etwas davon, wenn sich die Produktivitätsgewinne in höheren Löhnen, niedrigeren Preisen, kürzeren Arbeitszeiten oder in Schulen, Spitälern und Verkehr niederschlagen, die davon finanziert werden.
Das geschieht nicht automatisch. Wenn Arbeitsplätze wegfallen oder Löhne sinken, gehen auch die Einnahmen aus Lohnsteuern und Sozialabgaben zurück. Der Staat müsste dann seine Steuerbasis neu ordnen, durch eine stärkere Besteuerung zusätzlicher Gewinne oder hoher Kapitalerträge. Eine Steuer auf „KI-Produktivität“ selbst wäre dagegen kaum praktikabel. Kein Unternehmen kann beziffern, welcher Teil seines Gewinns auf die Maschine zurückgeht und welcher auf Kapital, Organisation oder die Arbeit derer, die sie bedienen; eine solche Zurechnung existiert in keiner Buchhaltung. Vor allem aber würde eine solche Steuer bestrafen, was man fördern will. Nicht der Produktivitätsgewinn ist das Problem, sondern seine Verteilung.
Eine Neuordnung verlangt politische Mehrheiten und möglichst internationale Absprachen. Gerade in Steuerfragen kommen Einigungen erfahrungsgemäß nur langsam zustande. Die technische Produktivität könnte deshalb schneller wachsen als die politischen Institutionen, die ihre Erträge verteilen sollen. Die entscheidende Frage lautet dann nicht nur, wie viel Wohlstand KI erzeugt, sondern wie dieser Wohlstand die Gesellschaft erreicht.
Woher die Sonderstellung stammt
Woher stammt überhaupt der Anspruch, dass der Mensch unabhängig von seinen Fähigkeiten einen besonderen Status besitzt? Die Frage stellt sich neu, seit sich abzeichnet, dass Kreativität, Vernunft und Sprachvermögen technisch nachgebildet oder übertroffen werden können. Für viele ist das eine anthropologische Kränkung: Der Mensch verliert die Eigenschaften, mit denen er seine Sonderstellung begründet hat.
Eine Antwort hat religiöse Ursprünge. Im ersten Buch Mose heißt es, der Mensch sei als Ebenbild Gottes geschaffen. Religionsgeschichtlich war das eine Provokation. Im Alten Orient galt der König als Abbild der Gottheit. In der Genesis wird dieser Titel auf jeden Menschen ausgeweitet.
Daraus folgt kein Kompetenzvergleich. Der Mensch ist in dieser Denktradition nicht Ebenbild Gottes, weil er besonders schnell rechnet, schöne Gedichte schreibt oder komplexe Werkzeuge baut. Seine Besonderheit ist kein Befund über Fähigkeiten, sondern eine metaphysische Zuschreibung. Sie gilt, weil eine Gemeinschaft beschlossen hat, den Menschen auf diese Weise anzusehen.
Am schärfsten hat Kant den Unterschied gefasst. Was einen Preis hat, schreibt er, lässt sich durch etwas Gleichwertiges ersetzen; was über allen Preis erhaben ist, hat Würde. Ersetzbarkeit ist damit nicht das Gegenteil von Nützlichkeit, sondern ihr Kennzeichen. Wer sich fragt, ob eine Maschine einen Menschen ersetzen kann, hat ihn bereits mit einem Preis versehen.
Genau das halten auch die Verfassungen fest, die nach 1945 entstanden: dass die Würde des Menschen nicht erworben werden muss. Sie ist nicht der Lohn für Produktivität. Diese Verfassungen sagen es ausdrücklich, weil ein Regime kurz zuvor die gegenteilige Antwort gegeben hatte: dass unproduktives, krankes oder unerwünschtes Leben als „lebensunwert“ galt und vernichtet werden sollte. Würde bezeichnet demnach keine Fähigkeit, in der der Mensch anderen Wesen überlegen wäre. Sie bezeichnet den Anspruch, dass ein menschliches Leben nicht allein nach Leistung, Nutzen oder Ersetzbarkeit bewertet werden darf.
Eine zweite Antwort ist politisch. Für Aristoteles kommt die Gemeinschaft vor dem Einzelnen wie der Körper vor der Hand. Eine abgetrennte Hand heißt nur noch dem Namen nach Hand: Sie kann nicht mehr, was eine Hand ausmacht. So auch der Mensch außerhalb der Gemeinschaft. Wer ohne Polis leben könne, schreibt er, sei entweder ein Tier oder ein Gott.
Aristoteles war kein Vertreter der modernen Menschenwürde. Politische Bürgerschaft blieb freien Männern vorbehalten; Frauen, Sklaven und Fremde waren von ihr ausgeschlossen, und er hielt diese Ordnung für naturgemäß. Bestimmte Menschen, schreibt er, seien von Natur aus zur Unterordnung bestimmt; für sie sei es sogar vorteilhaft, beherrscht zu werden. Darin zeigt sich eine Denkfigur, die bis heute wiederkehrt: Aus einer behaupteten Ungleichheit der Fähigkeiten wird ein Recht auf Herrschaft abgeleitet.
Dennoch benennt er etwas, das in der Diskussion über künstliche Intelligenz leicht verloren geht – und was seiner eigenen Rangordnung widerspricht: Fähigkeiten wie Sprache, Urteilskraft und Verantwortung entfalten ihr Gewicht nicht im isolierten Einzelnen, sondern im Zusammenleben mit anderen.
Kein Besitz, sondern ein Umgang
Der Begriff der Würde ist nicht unumstritten. Die Medizinethikerin Ruth Macklin hat ihn für entbehrlich erklärt: Er füge nichts hinzu, was der Respekt vor der Selbstbestimmung nicht schon leiste, und sei so unbestimmt, dass sich beide Seiten einer Debatte auf ihn berufen könnten, wie in der Diskussion über Sterbehilfe: Die einen begründen damit das Recht auf ein selbstbestimmtes Ende, die anderen bestreiten es damit.
Würde ist kein Messwert und keine Eigenschaft, die sich an einem Menschen feststellen ließe wie Blutdruck oder Körpergröße. Der Begriff ist keine Beschreibung, sondern eine Verpflichtung. Er sagt nicht, wie Menschen sind, sondern wie sie einander zu behandeln haben.
Damit ist Würde auch kein Besitz, den man mit sich trägt. Sie wird im Umgang miteinander hergestellt oder zerstört: durch die Art, wie man mit jemandem spricht, wie man ihn behandelt, ob man ihn für ersetzbar hält. Ein Mensch verliert seine Würde nicht, wenn er arbeitslos wird. Aber eine Gesellschaft, die ihn danach behandelt, als wäre er nichts mehr wert, verletzt ein Grundrecht. Deshalb ist die Frage, wer was besser kann, nicht bloß ungenau. Sie ist gar keine Frage, sondern schon ein Urteil.
Ein Versprechen, das ein anderer für mich einlöst, ist kein eingelöstes Versprechen. Es gehört dazu, dass ich es war, der es gegeben hat. So ist es mit vielem. Wer nach einem schlechten Tag jemanden anruft, sucht nicht den besten Zuhörer, sondern eine bestimmte Person. Eine künstliche Intelligenz wird eines Tages aufmerksamer und zugewandter wirken als die meisten Menschen. Sie kann tun, was wie Fürsorge aussieht. Aber sie kann es nicht an unserer Stelle tun – so wenig, wie jemand für mich mein Wort halten kann.
Bleibt die unbequeme Möglichkeit, dass die Einzigartigkeit des Menschen eine ausgediente Formel ist und wir uns nur deshalb noch an Kreativität, Weisheit und Fürsorge halten, weil dies die letzten Titel sind, auf die wir unseren Vorrang gründen können. Die Vordenker der KI-Branche könnten also recht behalten: Vielleicht werden wir bald fast alles schlechter können.
Nur ist „ein Mensch sein“ keine Leistung, die sich vergleichen lässt. Es ist etwas, das Menschen füreinander verkörpern, im Guten wie im Schlechten. Und keine noch so intelligente Maschine kann das an Stelle eines Menschen tun.
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Die Würde des Menschen kommt aus seinem freien, authentischen Willen. Nur Menschen sind echt kreativ. Maschinen sind deterministisch. Sie simulieren freien Willen nur.
Die große Gefahr der Gegenwart ist, dass die Simulation dem echten freien Willen gefährlich nahe kommt. Es könnte nun zu einem fatalen Umkehrschluss kommen: Dass Menschen plötzlich anfangen zu sagen, dass wir Menschen auch nur Maschinen sind.
Das ist die große Gefahr der Zeit. Der Mensch ist keine Maschine. Daran ist festzuhalten, auch wenn der Unterschied manchmal schwer zu erkennen ist.
Übrigens: Eine Maschine, die es schaffen würde, vollmenschlich zu sein, also echten freien Willen zu haben, wäre keine Maschine mehr. Sie wäre ein Mensch. Künstlich geschaffen, aber ein Mensch. Soweit ist die Technik aber noch nicht. Einen Menschen biologisch zu zeugen ist hingegen leicht.
Was die Würde betrifft: Die Corona-Zeit hat gezeigt, was sie wert ist, sobald der Staat eine Schutzpflicht für sich beansprucht.
Der Rest gleicht der Geschichte: Den Webern im 19. Jahrhundert erging es ähnlich – sie wurden niedergeschlagen. Die Drucker und Setzer im 20. Jahrhundert? Vor die Tür gesetzt. Das Mantra der „Weiterbildung“ folgt verlässlich, als ob jeder Kernel-Entwickler oder Herzchirurg werden könnte. Zu Ende denkt das keiner; warum tun wir das nicht schon in der Schule?
Der Unterschied heute ist die schiere Zahl derer, die durch Maschinen entwertet werden können. Beamte und Politiker bleiben geschützt, behalten also „ihre“ Würde. Eigentümer behalten ihre Firmen. Es entscheidet schlicht, ob man zur Herrscherklasse oder den Beherrschten zählt.
Der nächste Hype wird KI-gesteuerte „Sicherheitsinfrastruktur“. Ein 1984, in dem die Proles aus Algorithmen bestehen, während totalüberwachte Smiths den Herrschern zujubeln. Als Claqueur hat man ja Beruf und Würde.
Dieser Mensch denkt. Und blickt auf die Gesellschaft und was gerade die KI im Begriff ist, mit ihr zu tun. Es bräuchte mehr solche klugen Köpfe, vor allem in der Politik kluge Entscheidungen treffen, damit Gesellschaften nicht zerstört und die Menschen darin die Freude des Lebens für sich bewahren können.
