Aufstieg der Ökonomen

Ökonomen sind in der Finanzkrise gefragt wie nie, auch wenn sich das Fach in Erklärungsnot befindet

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Das Schicksal ist ungerecht: Selten waren die Ökonomen so ratlos wie jetzt in der Finanzkrise, und ausgerechnet heute ist ihr Rat so gefragt wie nie zuvor. Mit Hans-Werner Sinn hat erstmals ein Ökonom den Sprung an die Spitze der wichtigsten Intellektuellen Deutschlands geschafft - vorausgesetzt, man würde ein Gesamtranking aller deutschen Intellektuellen, Wissenschaftler und Kulturschaffenden zusammentragen. Dort stünde er neben einflussreichen Philosophen wie Jürgen Habermas und Großintellektuellen wie Günter Grass unter den ersten zehn.

Den Gipfel der geistigen Landschaft Deutschlands beherrschten bislang vor allem Geisteswissenschaftler und Schriftsteller, Ökonomen waren vornehmlich in den Mittelgebirgen anzutreffen. Das ist nun anders. Und beim Aufstieg ist der Münchner Starökonom Sinn nicht allein. "Wirtschaftsweise" wie Peter Bofinger oder Beatrice Weder di Mauro und die Chefs der großen Forschungsinstitute wie Thomas Straubhaar, Michael Hüther oder Klaus Zimmermann haben ihren medialen Einfluss stark erhöht. Die Finanzkrise erzeugt ein ungeheures Bedürfnis nach Fachleuten, die den Kollaps erklären und uns sagen, wie es weitergeht.

Gemessen an der Glaubwürdigkeit befinden sich die Wirtschaftswissenschaftler allerdings in einem tiefen Tal. Keiner sagte den Crash der Finanzmärkte voraus oder den Absturz der Weltwirtschaft. Noch im Herbst 2008 wollten viele keine Rezession heraufziehen sehen. Dabei war alles bekannt: die schwelende amerikanische Immobilienblase, die riesigen Kredithebel im Derivategeschäft, die Geldmengenausweitung der US-Notenbank und die wachsenden Ungleichgewichte im Welthandel.

Von einigen Warnern wie Robert Shiller abgesehen, hat die Mehrzahl der Ökonomen schlicht versagt. SPD-Fraktionschef Struck wollte schon den „Sachverständigenrat“ auflösen. Das nagt natürlich am Anspruch der Volkswirtschaftler, wirtschaftliche Zusammenhänge zu erklären, Prognosen zu treffen und politische Empfehlungen zu geben. Besonders die amerikanischen Ökonomen trifft es hart. Ben Bernanke, Chef der US-Notenbank, meinte vor einigen Jahren, das makroökonomische Wissen sei so weit fortgeschritten, dass größere Wirtschaftskrisen unmöglich seien.

Auch die deutschen Volkswirte haben nichts Nennenswertes zur Prognostizierung oder gar Vermeidung der Krise beigetragen. Hans-Werner Sinn, dessen Institut wir den bekannten ifo-Geschäftsklimaindex verdanken und der mit "Kasinokapitalismus" das wohl fundierteste Buch zur Bankenkrise vorgelegt hat, empfiehlt dem Fach, sich stärker mit den Details des rechtlichen Ordnungsrahmens zu beschäftigen. Wer nicht wisse, was regressfreie Kredite und Basel II sei und welche Anreize dies auf die Akteure habe, solle sein mathematisches Analysebesteck zur Erklärung der Finanzkrise lieber beiseitelassen. Mit einem Wort: Sinn fordert mehr Praxisbezug.

Ohnehin hat die Finanzkrise die ideologischen Denkschulen durcheinandergewirbelt. Alle wurden auf dem falschen Fuß erwischt: Anti-Keynesianer mutierten zu glühenden Anhängern staatlicher Konjunkturprogramme. Umgekehrt haben die Neokeynesianer den Glauben an den allzeit wohlmeinenden Staat längst verloren. Die Gefahren von Staatsverschuldung und politischem Interventionismus muss ihnen keiner mehr erklären. So könnte am Ende dieser Sinnkrise der Ökonomen ein Abschied vom alten Lagerdenken stehen und mehr Realismus in das Fach Einzug halten.

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