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Hansi Flick wird als Bundestrainer auf aggressive Balleroberung setzen Foto: Christof Stache/dpa

Aufgaben des neuen Bundestrainers - Flick Dich, DFB-Elf

Die EM steht für Erschöpfung. Viele Eigentore, viele späte Tore, viel Törichtes aus den Pfeifen, an den Mikros und auf den Rängen. Grund genug, nach vorn zu schauen. Am besten bis 2024. Das dürfte auch das Ziel Hansi Flicks sein. Aussichten des zukünftigen Bundestrainers in Fragen und Antworten.

Autoreninfo

Holger Schmieder ist seit je Anhänger des rot-weiß gekleideten Sextuple-Gewinners aus dem süddeutschen Raum. Außerdem arbeitet er als Marketing-Manager für den Res Publica Verlag in Berlin.

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Was hätte die aktuelle DFB-Elf in einer Partie dem Europameister Italien entgegenzusetzen?

Da fallen mir vor allem Leon Goretzka, Joshua Kimmich und Manuel Neuer ein. 3:11 dürfte dann aber auch dem aktuellen Leistungsniveau entsprechen. Passspiel, taktische Flexibilität, Besessenheit, Torabschlüsse, Bissigkeit, vertikale Spielweise, Robustheit, Kommunikation, Tempo, Handlungsschnelligkeit – Italien spielt eine Liga höher.

Haben Niklas Süle, Mats Hummels und Leroy Sané eine Zukunft im DFB-Team?

Mangels Alternativen: ja. Voraussichtlich werden alle drei zur Fußball-WM 2022 fahren. Bei Hummels wird die Einsatzgarantie springender Punkt sein.

Wird Hansi Flick Dreier- oder Viererkette spielen lassen?

Höchstwahrscheinlich Viererkette. Ralf Rangnick rückblickend: „Ich war überrascht, dass vor der EM eine Dreierkette als Thema aufkam. Ich weiß nicht, ob es Sinn macht, ein 3-4-3 bei der Nationalelf zu praktizieren, wenn das die wenigsten Spieler aus ihrem Verein gewohnt sind.“

Gegen welche Mannschaften tritt die Flicksche Elf in den nächsten drei Monaten an?

Liechtenstein, Armenien, Island, Rumänien und Nordmazedonien. Allesamt im Rahmen der WM-Qualifikation. Zwölf Punkte sollten hier mindestens erreicht werden. Aktuell liegt die deutsche Auswahl in Gruppe J drei Punkte hinter Platz 1; nur die Gruppensieger qualifizieren sich sicher und direkt für die Weltmeisterschaft.

Was werden die prägenden Unterschiede zwischen Löw- und Flick-Fußball sein?

Flick wird brutal auf Pressing, aggressive Balleroberung und Vorwärtsverteidigung setzen. Er wird deutlich höher anlaufen lassen. Man wird mehr Torschüsse sehen. Er wird 4-2-3-1 spielen. Deutschland wird einen kontinuierlichen Spielzugriff haben, das heißt, die Spieler werden heiß darauf sein, den Gegner unterbrechungsfrei zu dominieren. Die haarsträubenden Zuordnungsfehler in der Verteidigung sollten nicht mehr auftreten. Die Außenbahnen werden massives Tempo bekommen. Und, Verzeihung, die Spieler werden wieder Spaß am Kicken haben – keine Mannschaft zeigte weniger Dribblings bei der EM als Deutschland.

Hätte Deutschland bei der EM besser abgeschnitten, wenn Joachim Löw nicht bei jedem Spiel ein neues System gespielt hätte?

Vermutlich nicht. Die Mannschaft hat größtenteils einfach schlecht gespielt, und es hat Qualität gefehlt. Über einen größeren Zeitraum gesehen, fiele die Antwort anders aus. Es heißt jetzt, auf die Arbeit von Hansi Flick zu warten. Kein System kann fehlende Qualität und Falschpositionierungen von Spielern (Müller, Kimmich) ausgleichen – hier sei an den schwachen Wechseloptionen Joachim Löws während der EM erinnert. Löws abwartende Risikovermeidungstaktik entpuppte sich als zu hohes Risiko.

Wer soll in Zukunft die Standards spielen?

Für Freistöße würde ich mir Leon Goretzka oder Kai Havertz wünschen, für Eckbälle Jonas Hofmann.

Viele sprechen über die U-20-Top-Talente aus England und Spanien. Wird der deutsche Fußball abgehängt?

Nein. Der Untergangssingsang ist Teil der deutschen Fußball-Folklore. Fußballprofis möchten sich mit den besten Spielern messen, sonst hätten sie den Beruf verfehlt. Insofern ziehen die Engländer und Spanier andere Nationen mit. Die deutsche U-21 hat drei Endspiele der U-21-Fußball-EM in Folge erreicht, und zwei davon gewonnen. Und vielleicht bilden Youssoufa Moukoko, Florian Wirtz und Jamal Musiala in einigen Jahren das stilprägende Offensivtrio. Jeder herausragende Fußballer bereichert den Sport. Und so dürfte der 18-jährige Pedri der von U-20ern am meisten bespähte Spieler der abgelaufenen EM sein, einerseits aus Neid, andererseits aus Anerkennung, beides soll ja das Gleiche sein.

Wurden Thomas Müller und Mats Hummels zu spät zurückgeholt?

Hätte Mats Hummels das Eigentor gegen Frankreich auch dann unterlaufen können, wenn er von März an wieder Schwarz-Rot-Gold getragen hätte? Hätte Thomas Müller seinen jämmerlichen Nichtabschluss in Minute 82 gegen England verwandelt, wenn er beim 1:0 gegen Rumänien an Bord gewesen wäre? Die Saison war lang, eigenartig und kräftezehrend. Bei den meisten Profis ist die Belastungssteuerung in den vergangenen 18 Monaten in den Fokus gerückt, und so wird jedes vermeidbare Spiel zu einem Gewinn. Und wer weiß, wie Hummels und Müller das 1:2 gegen Nordmazedonien teamintern kommentiert hätten.  

Uns fehlen Außenverteidiger und Mittelstürmer – was soll das werden bei der WM in 16 Monaten?

Der neue Europameister hat mit einem Mittelstürmer gespielt, der vom Achtelfinale an kaum noch zu sehen war. Hansi Flick war beim FC Bayern München mit Davies und Pavard bestens ausgestattet, was Außenverteidiger angeht. Er hat aber auch einen Lucas Hernández auf zwei Positionen – Links- und Innenverteidigung – warm gehalten. Und er hat Niklas Süle wiederholt auf Rechts gestellt. Ich sehe ausgezeichnete Chancen für Rechtsverteidiger Ridle Baku, einer der ersten Flick-Debütanten zu sein. Luca Netz: ein spannender Perspektivspieler auf Links. Er wird sich messen dürfen mit Robin Gosens, dessen Leistung nicht Schritt hält mit seinem Hype. Die WM aber wird für Flick & Co. letztlich nicht mehr als ein Vorbereitungsturnier zur Heim-EM 2024 sein; fußballerisch enteilt sind uns unter anderen Spanien, Italien, Brasilien und Frankreich.

Mittelstürmer trenden, und Hansi Flick hatte mit Robert Lewandowski den Weltbesten in München – wie passt das in sein System?

Von der individuellen Klasse her führt derzeit kein Weg an Timo Werner vorbei. Nur hat eben dieser in bislang neun Länderspielen 2021 nur ein Tor geschossen, beim unbedeutenden 7:1 gegen Lettland. Den Switch aufs spanische System, welches zeitweilig ohne Mittelstürmer auskommt, traue ich weder Flick noch den Anzugträgern vom DFB zu. Kevin Volland ist den Beweis internationaler Klasse schuldig. Der Nachwuchs ist im Hinblick auf die WM 2022 zu jung. Von Müller und Gnabry weiß er nur zu gut, dass diese für die Mitte eher nicht geeignet sind. Lukas Nmecha? Spielte zuletzt in Belgien. So gesehen ist die Neunerfrage die schwierigste im Flickschen System.

Dänemark, Italien, England – ist Teamwork der neue Zauberklebestoff für Erfolg?

Teamwork war meines Wissens nie out. Der viel beschworene und auffallend oft wiederholte „Spirit“ der deutschen Mannschaft wirkte zuletzt etwas aufgesetzt, erzwungen, zerbrechlich. Gewinnt die Mannschaft häufiger und wiederholt gegen Top-10-Teams, wird mit diesen positiven Erfolgen auch eine gute Stimmung und eine verbesserte Kommunikation zurückkommen – das ist so banal wie eine Halbzeit mit Béla Réthy. Bis 2024 wird Hansi Flick die nötigen Programmkomponenten installiert haben. Laut Philipp Lahm zählen dazu auch „gute Mentalität, individuelle Qualität und Identifikation mit der Aufgabe“.

Wie wird Toni Kroos ersetzt?

Gar nicht. Philipp Lahm wurde nicht ersetzt. Miroslav Klose wurde nicht ersetzt. Und auch Toni Kroos wird nicht ersetzt werden. Die Frage lautet eher: Forciert der Abgang von Toni Kroos die Doppelsechs Kimmich/Goretzka? Kimmetzka wird das Spiel der Deutschen für die nächsten fünf Jahre prägen, und Flick hat mit beiden durchaus erfolgreich zusammengearbeitet beim FC Bayern München.

Wiegen die – im Vergleich zur voraussichtlich einzigen paneuropäischen EM der näheren Zukunft – geringeren Reisestrapazen in Katar 2022 die hohen Temperaturen auf?

Ja, aber ginge die Gesundheit der Spieler tatsächlich vor, dann würde die Fußball-WM in diesem fußballfernen Land nicht stattfinden. Das Geld hat anders entschieden. Und der Fußball(er) folgt dem Geld.

Tomas Poth | Mi, 14. Juli 2021 - 17:41

Mit ein paar Flicken einsetzen wird man nicht all zu viel erreichen.
Der Rückzug von Kroos ist konsequent und richtig. Gleiches sollten Gündogan, Müller und Hummels auch für sich überdenken.
Sie haben ihre besten Tage einfach hinter sich.
Laufgeschwindigkeit und Ballführung unter Bedrängnis sind wichtige Eigenschaften, um zukünftig ganz oben mitzuspielen.