- Über die Atombombe und den Kampf um die Seele Amerikas
Der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki ist bis heute ein Zankapfel der Geschichtsschreibung. Zwischen Rechtfertigung und Revisionismus geht es nicht nur um Fakten – sondern auch um Moral und das Selbstbild einer Nation.
„Alle Historiker sind Gefangene ihrer eigenen Erfahrungen und Diener ihrer eigenen Vorurteile“ – Arthur Schlesinger Jr.
Am 6. August 1945 um 8:15 Uhr morgens warf der amerikanische B-29-Bomber Enola Gay eine Atombombe auf die japanische Großstadt Hiroshima ab. Die Bombe Little Boy detonierte in 600 Metern Höhe. Die Sprengkraft von 12.500 Tonnen TNT entsprach der Zerstörungskraft, für die es üblicherweise etwa 1.500 mit konventionellen Bomben bestückter Flugzeuge bedurft hätte. Die Temperatur am Explosionsort stieg augenblicklich auf mehrere Millionen Grad. Ein Feuerball breitete sich aus, gefolgt von einer immensen Druckwelle.
Fast alle Gebäude Hiroshimas wurden zerstört oder beschädigt. Von den etwa 350.000 Einwohnern starben 80.000 sofort; bis zum Ende des Jahres war die Zahl der Todesopfer durch Verbrennungen und Strahlung auf 140.000 angestiegen. Drei Tage später warf eine weitere B-29 eine zweite Atombombe ab, diesmal auf Nagasaki. Die Bombe Fat Man zerstörte 40 Prozent der Stadt und tötete mehr als 25.000 Menschen; mindestens weitere 20.000 starben bis zum Ende des Jahres an den Folgen. Am 14. August erklärte Japan seine Bereitschaft zu kapitulieren. Der bereits vorbereitete Abwurf einer dritten Bombe fand nicht mehr statt.
Der frühe Konsens: Notwendiger Einsatz zur Kriegsbeendigung
Die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki waren ein Schlüsselereignis des 20. Jahrhunderts, das bis heute nachwirkt. Vor allem in den Vereinigten Staaten wird die Entscheidung zum Einsatz der Atombomben noch immer kontrovers diskutiert. Denn bei dem historisch einmaligen Einsatz dieser Massenvernichtungswaffen geht es um sehr viel: um die Seele Amerikas, seine Ideale, sein politisches System – und um Moral im Krieg und in der Diplomatie.
Für viele Historiker geht es aber auch um ihre eigene Zunft. Denn bei der Interpretation der beiden Atombombenabwürfe vom August 1945 zeigt sich immer wieder, dass sich manche Historiker in ihrer Bewertung der damaligen Ereignisse nicht damit zufriedengeben wollen, sich an dem zu orientieren, was die politisch und militärisch Handelnden damals wissen konnten. Die in ihren Augen militärische und moralische Monstrosität der Atombombe verleitet manche Autoren dazu, Ereignisse, die 80 Jahre zurückliegen, mit dem Wissen und den Wertmaßstäben von heute zu be- und verurteilen.
Entsprechend dieser moralisch aufgeladenen Diskussion spielen neue Erkenntnisse – etwa durch freigegebene Dokumente – kaum noch eine Rolle. Es ist vielmehr der gesellschaftliche Wandel, der dafür sorgt, dass sich bestimmte Auffassungen über die Legitimität des Atombombeneinsatzes immer wieder verändern. Zugespitzt formuliert: Nicht die Quellenlage, sondern das politisch-kulturelle Umfeld entscheidet darüber, welche Interpretation des Bombenabwurfs die größte Zustimmung findet.
Noch bis weit in die 1950er-Jahre hinein war der überwiegende Teil der amerikanischen Bevölkerung der Ansicht, der Einsatz der Bombe sei gerechtfertigt gewesen, weil er ein schnelles Ende des Krieges im Pazifik erreicht habe. Diese Auffassung wurde nicht nur durch die Aussagen wichtiger politischer und militärischer Entscheidungsträger gestützt, sondern auch durch zahlreiche amerikanische Historiker. Auch sie rechtfertigten den Atombombeneinsatz vor allem mit dem Argument, die Bomben hätten eine rasche Kapitulation Japans bewirkt und Amerika damit eine Invasion Japans erspart, die – wie die Erstürmung von Okinawa und Iwo Jima gezeigt habe – voraussichtlich mehrere hunderttausend amerikanische (und japanische) Soldaten mit dem Leben hätten bezahlen müssen.
Zwar erkannten auch sie die ethischen Dilemmata, die sich aus dem Abwurf ergaben, doch nach mehreren Jahren Krieg in Europa und im Pazifik hielt man die Absicht der Truman-Administration, den Konflikt mit Japan rasch und ohne weitere größere eigene Verluste zu beenden, für nachvollziehbar. Im heraufziehenden Kalten Krieg mit der Sowjetunion spielten kritische Stimmen in der Debatte ohnehin keine Rolle mehr. Das optimistisch-selbstbewusste Amerika der 1950er-Jahre hatte keinen Platz für Nestbeschmutzer.
Die Wende der 1960er: Kritik am amerikanischen Selbstbild
Die Kritik am Einsatz der Atombomben fand erst Gehör, als das amerikanische Modell Mitte der 1960er-Jahre durch Rassenkonflikte und die Verstrickung in den Vietnamkrieg ins Wanken geriet. Viele amerikanische Intellektuelle begannen, die Politik ihres eigenen Landes zu hinterfragen – und machten dabei auch vor der amerikanischen Geschichte nicht halt. Vor allem der Krieg in Vietnam wurde nun für viele das Ergebnis einer jahrzehntelangen, auf globale Dominanz zielenden Politik, deren Triebfeder das kapitalistische System war. Folglich trugen die USA, so die Kritiker, auch die Hauptschuld am Kalten Krieg – hatte Washington doch versucht, sich in Osteuropa festzusetzen und damit die „legitimen Sicherheitsinteressen“ von Stalins Sowjetunion verletzt.
Vor diesem Hintergrund war es unausweichlich, dass auch der Abwurf der Atombomben eine neue Interpretation erfuhr. Als der amerikanische Historiker Gar Alperovitz 1965 sein Buch Atomic Diplomacy: Hiroshima and Potsdam veröffentlichte, traf er den Geist der Zeit und entfachte eine der größten Kontroversen in der Geschichte Amerikas. Alperovitz argumentierte, der Abwurf der Bomben sei überflüssig gewesen, da Japan ohnehin bald kapituliert hätte. Nicht die Bomben, sondern der Kriegseintritt der Sowjetunion sei für die japanische Kapitulation ausschlaggebend gewesen. Die Schätzungen über die amerikanischen Opfer, die eine Invasion der japanischen Hauptinseln gekostet hätte, seien viel niedriger gewesen als später behauptet. Mehr noch: Die USA hätten die Bombe nur eingesetzt, um Stalin durch eine Machtdemonstration zu beeindrucken und so aus einer Position der Stärke heraus die Nachkriegsverhandlungen führen zu können – „Atomdiplomatie“ eben.
Revisionistische Thesen und ihre methodischen Schwächen
Alperovitz wurde mit seinem Werk zum Urvater der Revisionisten. Zwar wiesen ihm andere Historiker zahlreiche handwerkliche Fehler und sogar kalkulierte Manipulationen nach, doch im politischen Klima der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre war die Grundthese, der Einsatz der Bombe sei militärisch überflüssig und einzig dem Machtkalkül Washingtons zu verdanken gewesen, für viele Amerikaner plausibel. Andere Autoren argumentierten ähnlich wie Alperovitz. Auch wenn sich kaum einer von ihnen dessen radikaler Interpretation anschließen wollte, machte die schiere Menge der Publikationen den Revisionismus für lange Zeit zum Mainstream.
Diese alternativen Deutungen der Ereignisse von 1945 litten allerdings unter den für revisionistische Ansätze typischen Schwächen der wissenschaftlichen Methodik: der Neigung, fehlende Beweise für bestimmte Thesen durch gewagte Spekulationen zu ersetzen, und vor allem der Tendenz, die damaligen Akteure mit dem Wissen und den Maßstäben von heute zu beurteilen. Es war daher nur eine Frage der Zeit, bis sich die traditionelle Sicht der Ereignisse wieder mehr Gehör verschaffen konnte.
Der Streit um die Enola Gay: Geschichte als Politikum
Als das renommierte National Air and Space Museum zum 50. Jahrestag des Atombombenabwurfs 1995 eine Ausstellung rund um den restaurierten Bomber Enola Gay vorbereitete, gab es zahlreiche Proteste gegen die Absicht der Museumsleitung, den Opfern der Atombombe viel Raum zu widmen. Gleiches galt für die Ausführungen über den „nuklearen Rüstungswettlauf“, den die Kuratoren der Ausstellung ebenfalls anprangern wollten. Die Absage der Ausstellung und die Entlassung ihres Leiters hinterließen bei vielen Kommentatoren zwar einen schalen Nachgeschmack, denn der monatelange Kampf um die Deutungshoheit über die Ereignisse vom August 1945 war zu einer politischen Schlammschlacht verkommen. Klar wurde allerdings, dass der revisionistische Ansatz, die 1945 handelnden Personen zu Schuldigen in einem monumentalen Drama zu erklären, nicht mehr so überzeugend schien wie während des Vietnamkrieges.
Die seit Mitte der 1990er-Jahre erschienenen Abhandlungen zum Thema haben der traditionellen Sichtweise wieder Auftrieb verschafft. Die Einbeziehung japanischer Quellen sowie akribische Analysen der militärischen Lage im Sommer 1945 haben den Spielraum für Spekulationen erheblich eingeschränkt, denn sie bringen die Diskussion wieder zu der entscheidenden Frage zurück, was die damals Handelnden tatsächlich wissen konnten – und was nicht. Zwar hat Alperovitz seine Auffassungen in mehreren späteren Publikationen verteidigt, sie erzielen aber längst nicht mehr die Wirkung von einst.
Viele der Thesen der Revisionisten gelten inzwischen als widerlegt. So ist die Behauptung, die damaligen Schätzungen über zu erwartende amerikanische Verluste bei einer Invasion Japans seien viel geringer gewesen als später verlautbart, nicht mehr haltbar. Ebenso wird die Aussage, Japan hätte auch ohne die Bomben schon bald kapituliert, heute differenzierter beurteilt – nicht zuletzt durch japanische Historiker. Kontrovers bleibt die Gewichtung zwischen der militärischen und der diplomatischen Wirkung der Bombe. Ein Großteil der jüngeren Arbeiten geht vom Vorrang militärischer Zielsetzungen (Verkürzung des Krieges) aus, schließt sich dem Revisionismus aber insoweit an, als Präsident Truman sich durch diese Machtdemonstration auch Vorteile in künftigen Verhandlungen mit Stalin versprach.
Daraus jedoch zu schließen, die Revisionisten seien in diesem Kulturkampf unterlegen, wäre verfehlt. Der Revisionismus lebt weiter, denn er ist inzwischen ein wichtiges Mittel für diejenigen geworden, die sich der Abschaffung aller Nuklearwaffen verschrieben haben. Wer die Welt nuklearwaffenfrei machen will, braucht ein Narrativ, mit dessen Hilfe man politische Veränderungen herbeiführen kann. Und welches Narrativ wäre stärker als der wissenschaftlich geführte Beweis, dass bereits der erste und einzige Einsatz dieser Waffen 1945 keinerlei militärischen Wert hatte? Mag der Revisionismus unter Historikern auch umstritten bleiben – bei denjenigen, die eine Welt ohne Atomwaffen herbeisehnen, hat er nichts von seiner Bedeutung eingebüßt. Er erschafft eine spezifische Version der Vergangenheit, mit der man hofft, die Zukunft verändern zu können.
Eine Welt in der Logik der Abschreckung gefangen
Erfolg wird diesem Ansatz einstweilen jedoch nicht beschieden sein. Russlands Überfall auf die Ukraine ist nur das jüngste Beispiel für eine Welt, in der das Militärische immer stärker zu dominieren scheint und Appelle zur nuklearen Abrüstung wirkungslos verhallen. Die Kernwaffenstaaten und ihre Verbündeten werden an der nuklearen Abschreckung festhalten – einer Strategie, die sich die schrecklichen Bilder von Hiroshima und Nagasaki zunutze macht, um einem Angreifer die fürchterlichen Konsequenzen seines Handelns vor Augen zu führen.
Die Tatsache, dass es seit 1945 trotz vieler Krisen und Konflikte keinen großen Krieg zwischen Kernwaffenstaaten gegeben hat, legt jedenfalls die Vermutung nahe, dass die Angst vor den unkalkulierbaren Risiken des Atoms die Politik zähmt. Dies ist die wichtigste Lehre aus den Ereignissen von 1945.
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doch davon, dass es unterschiedliche Interpretationen zu den selben Ereignissen gibt und es ist ja kaum vermeidbar, dass die gegenwärtigen Umstände, kulturelle Veränderungen, neue Erfahrungen und Erkenntnisse, etc., sprich, das politisch-kulturelle Umfeld da immer mit hinein spielen.
Wer bspw. heute über Israels Vorgehen in Gaza heult, kann gar nicht anders als den Hiroshima oder Nagasaki ebenso als Völkermord zu bezeichnen wie die Massenbombardements auf zivile Ziele in Deutschland (entsprechend auch von den Deutschen in England, etc.).
Wobei dieser Vergleich sehr hinkt, da Israel nur auf die sich feige hinter den Zivilisten verteckende Hamas aus ist, nicht auf den Tod von Zivilisten, den die Amerikaner in Japan u d Alliierten in D ja bewusst in Kauf nahmen, ja sogar wollten.
Dieser Artikel ist irgendwie überflüssig, aber er soll wohl nur an das erinnern, was vor 80 Jahren passierte, denn für die Feststellung, dass Atomwaffen abschreckend wirken, hätte es keinen gebraucht.
Ob der Einsatz gerechtfertigt war oder nicht, weiß ich nicht. Aber Eines ist mir klar: 80.000 Japaner in Sekunden stumm zu machen war schon weltmeisterlich.
Der Autor sagt zurecht, dass der Abwurf dazu beigetragen hat, dass die zwei großen Atommächte sich nicht an die Gurgel gingen.
Leider hat er dabei die Beziehung zu den Habenichtsen nicht bedacht.
Wir nennen die Hamas zu Recht Terroristen.
Aber was ist das im Vergleich zu den Weltterroristen? Es beginnt mit einem Knebelvertrag, der für die Habenichtse direkte Konsequenzen hat, für die Atommächte Unverbindliches. Dann folgen Schutzgelderpressungen. Das hindert die Atommafia aber keineswegs, den Schutz in Frage zu stellen. Was bleibt also den Unterworfenen anderes übrig als selbst Atommacht zu werden, um den Erpressungen zu entgehen?
In Anbetracht der üblichen Drohkulissen des US-Präsidenten ist es erstaunlich, dass der nordkoreanische Atomwaffenbestand seit Jahren weitgehend „unter dem Radar" läuft. Sich auf die Berechenbarkeit der dortigen Machthaber zu verlassen ist in etwa so realistisch wie die Annahme, die damals zu allen Opfern bereite japanische Bevölkerung hätte bei einer US-Invasion kapituliert. Die Bilder des Normandie-Landungs-Infernos sind in den USA auch nach über 80 Jahren noch sehr präsent.
wenn man selbst noch nicht gelebt hat, weder die Zeit noch die Emotionen aus dieser Zeit kennt, wenn man von allen Seiten mal so und mal so informiert wird und sicher keiner wirklich neutral bleiben kann? Ja, nach dem man weiß, was diese Bomben angerichtet haben, ist man schnell dabei, deren Einsatz zu verurteilen. Das es unmenschlich war, dass es hoffentlich ein Novum bleiben muss, dürfte jeder Mensch einsehen. Das diese beiden Atombomben letztlich Mahnung für die sein sollte, die heute deren Einsatz wieder erwägen und leichtfertig in Aussicht stellen, müsste alle Menschen darin vereinigen, so etwas zu verhindern. Ja, vielleicht waren diese beide Bomben eine Lehre für all diejenigen, die von deren neuerlichen Einsatz fabulieren. Okay, sie haben daran erinnert Herr Rühle. Und egal wie man konkret über die USA und die Bomben denkt, wir alle haben nicht das Recht, in diesem Fall die lebenden Amerikaner heute zu verurteilen. So wie ich mir keine Nazischuld aufladen lasse.
Nur zur Vollständigkeit, es war eine Uran die andere eine Plutonium Bombe. Danach wurde geforscht ……. die Nachfolgenden Nebelkerzen bezüglich Kriegsverlauf lenkte doch hervorragend von der Tatsache ab das die Militärs anhand der Opfer die Folgen der zwei Prinzipien Zeitgleich analysieren konnte.
… interessiert mich in dem Zusammenhang einen Scheiß, gelinde gesagt !! Japan hatte bereits vor dem Abwurf der Atombomben kapituliert, der Abwurf diente der Machtdemonstration vor allen gegenüber der Sowjetunion, genauso wie der späte Kriegseintritt der USA dazu diente, zu verhindern, dass die weit vorgerückte Sowjetarmee das gesamte Deutsche Reich einkassiert und nicht etwa um Deutschland von den Nazis zu befreien, denn die wollte man ja in die USA holen ! Der Abwurf der Atombomben war mit eines der größten Kriegsverbrechen der Geschichte und es wird endlich Zeit, dass die USA dafür in vollem Umfang zur Rechenschaft gezogen werden !!
